Die globale Ernährungskrise zeigt ihr Gesicht in Syrien

Der Ukraine-Krieg, der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System und russische Exportverbote heizen die Verknappung von Korn auf dem internationalen Markt an. Dem Westen drohen Preissteigerungen, Konfliktregionen wie Syrien Hungersnot und Destabilisierung.

IMAGO / Xinhua
Nahrungsmittelausgabe in Damaskus im Jahr 2019. Etwa 9 Millionen Syrer sind von Hunger bedroht.

Was passiert, wenn die Kornkammern schließen oder versiegen? Die Ukraine gehört zu den weltweit größten Exporteuren von Weizen. Letztes Jahr hat das Land eine Ernte von 33 Millionen Tonnen eingefahren, davon werden 24 Millionen exportiert. Das Korn findet seinen Weg in die Länder des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas: darunter Ägypten, Pakistan, Syrien oder die Türkei. Die Ukraine und Russland sind zusammen für ein Drittel der weltweiten Weizenexporte verantwortlich.

Die bereits jetzt steigenden Preise könnten sich auch in den Folgemonaten erhöhen, sollte der Krieg in der Ukraine anhalten. Russland hat überdies am Montag angekündigt, seine Lebensmittelausfuhren einzuschränken; diese beziehen sich vorerst nur auf Getreide, das in die Länder der Eurasischen Union geht. Mittelfristig könnte aber auch die europäische Landwirtschaft betroffen sein, sollte kein russischer Dünger die Bauern erreichen.

Sanktionen gegen Damaskus und gegen Moskau schaden der syrischen Zivilbevölkerung

Während Deutschland vor allem vor Preissteigerungen steht und Vorsorgebestrebungen zu ersten Engpässen führen – in einigen Supermärkten hat die Mehlhamsterei begonnen –, sind vor allem jene Länder betroffen, die schon zuvor als Krisenherde galten und Probleme bei der Stabilisierung der Ernährungslage hatten. Bis heute gilt, dass arme Länder zugleich Gefahr laufen, Hungerländer zu sein. Dass Hunger in der Welt nicht nur ein Grundübel ist, sondern auch politische Konsequenzen hat, scheint sich im Westen immer noch nicht herumgesprochen zu haben.

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Ein Paradebeispiel ist Syrien. Das Land, das einst zum „fruchtbaren Halbmond“ zählte, hat seit dem Bürgerkrieg seine Rolle als Brotkorb der Region eingebüßt. Damaskus muss deshalb sein Getreide aus dem Ausland importieren – vor allem aus Russland und der Ukraine. Dass Russland aus dem SWIFT-System ausgeschlossen wurde, ist für die weniger wohlhabenden Länder, die mit Russland handeln, ein großes Problem; das betrifft im Übrigen nicht nur Syrien, sondern auch die zentralasiatischen Länder, die historisch eng mit Russland verwoben sind.

Schon die vorhergehenden Sanktionen machten es Hilfsorganisationen in Syrien schwer, die schlimmsten Auswirkungen des Krieges zu lindern. Investitionen sind in Syrien kaum möglich, Transaktionen werden genauestens überprüft. Die Idee, mit harten Sanktionen Baschar al-Assad in die Knie zu zwingen, hat nicht zum Sturz der Regierung geführt. Die Bevölkerung leidet dafür umso mehr. Krieg und Sanktionen sind der Grund dafür, dass das Realeinkommen einer syrischen Familie auf 20 bis 30 Euro gesunken ist. Ob Kuba oder Irak: Der Westen hält an seiner bewährten Strategie fest, die sich nie bewährt hat.

„Syrien bezog große Mengen Mehl aus der Ukraine und Russland, diese Lieferungen scheinen jetzt auszubleiben“

TE hat mit einem Krisenhelfer aus dem kirchlichen Bereich gesprochen, der sich vor Ort auskennt. Die Situation spitzt sich demnach zu. „Bisher hat der syrische Staat der Krise mit subventionierten Lebensmitteln, vor allem Brot, entgegengewirkt. Staatliche Bäckereien und Bäckereien karitativer Organisationen erhielten Mehl, Backhilfsmittel und Energie, wodurch sie die Brot-Versorgung aufrechterhalten konnten“, erklärt unser Informant. „Diese Mehllieferungen bleiben nun immer häufiger aus. Durch die fortschreitenden Auswirkungen der Sanktionen wird es für den Staat immer schwieriger, Mehl zu kaufen, da Einnahmen fehlen. Syrien bezog große Mengen Mehl aus der Ukraine und Russland, diese Lieferungen scheinen jetzt auszubleiben. Die massive Steigerung des Getreidepreises infolge des Ukrainekriegs tut ihr Übriges.“

Die Folgen des Syrischen Bürgerkriegs sind nicht verheilt, Armut und Hunger allgegenwärtig.

Syrien verfüge zwar über eigene Weizengebiete, die unter den drei Parteien – Regierung, Islamisten, Kurden – aufgeteilt seien, doch die Anbaugebiete der Regierung seien durch gezielte Brandstiftung im Jahr 2021 zerstört, die Erträge massiv reduziert worden. Nur durch staatliche Subventionen sei die Nahrungsversorgung gewährleistet. „Ein Kilo subventioniertes Brot erhalten Sie in Syrien für umgerechnet 5 Cent. Auf dem freien Markt zahlen Sie Preise wie in Europa, umgerechnet ab 1 Euro aufwärts.“ Reiche könnten immer noch alles kaufen, aber 90 Prozent der Bevölkerung lebten unter der Armutsgrenze. Überweisungen von Angehörigen aus dem Ausland würden durch die Sanktionen unmöglich gemacht.

Unser Kontaktmann berichtet über die Stimmung vor Ort: „Im Land habe ich bei der Bevölkerung vor allem Fatalismus gespürt. Zwar wird immer wieder kolportiert, die Sanktionen seien zum Schutz der Bevölkerung gedacht, humanitäre Lieferungen seien ja auch erlaubt, besonders zynische Sanktionsbefürworter argumentieren sogar damit, die Sanktionen seien gut für die syrische Bevölkerung, da sie ihnen am Schluss die ‚Demokratie‘ bringen werden. Mittlerweile ist jedoch klar: Die syrische Bevölkerung ist kriegsmüde. Auch wenn es einzelne Proteste gab, das Land scheint nicht einmal Energie für eine Hungerrevolte zu haben, welche die Sanktionen offensichtlich auslösen sollten.“

Beschuss von Hilfslieferungen durch türkische Truppen

Die Islamisten im Nordwesten Syriens erhalten internationale Hilfslieferungen über den Grenzübergang Bab al-Hawa, kommerzielle Lieferungen erfolgten über die angrenzende Türkei. Die Gebiete der Kurden werden über den Irak beliefert. Diese Lieferungen seien jedoch weiterhin „Attacken der von der Türkei unterstützten islamistischen Milizen und teils der Türkei selbst“ ausgesetzt. Lieferungen in Gebiete, die unter Kontrolle der syrischen Regierung stehen, seien in den letzten Wochen durch den israelischen Luftangriff auf den Handelshafen Latakia beeinträchtigt worden. Es habe „massive Schäden an der Infrastruktur“ gegeben.

Inflation
Chinas Hamsterei treibt die Preise für Lebensmittel
Neben der akuten Ukraine-Krise nannte unser Informant auch chinesische Käufe und „weitere Faktoren“ als Grund für die schlechtere Ernährungssituation. Eine „sofortige Aufhebung der meisten Sanktionen“, wie sie etwa der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn förderte, könnte jedoch das Leid erheblich lindern. „Allein die Öffnung des Geldverkehrs würde es Angehörigen im Ausland endlich erlauben, ihre Familien finanziell zu unterstützen, um den Einkauf von Nahrungsmitteln auf dem freien Markt zu ermöglichen“, sagte unser Informant. „Ein gezielter Wiederaufbauplan ist dringend notwendig und darf nicht mit unerfüllbaren politischen Forderungen verknüpft werden!“

Dabei sei der Import von landwirtschaftlichem Gerät und Ersatzteilen zwingend erforderlich, um einer kommenden, globalen Ernährungskrise entgegenzutreten. „Der Anteil der im Land produzierten Lebensmittel muss auf jeden Fall gesteigert, allerdings dabei auch sichergestellt werden, dass diese nicht für Devisen in den Export gehen, sondern rein der Ernährung der Bevölkerung zugutekommen.“

Eine christliche Bäckerei backt Brot für alle

Eine wichtige Rolle nehmen bei der christlichen Minderheit, die in den Regierungsgebieten unbehelligt leben kann, die Priester und Bischöfe ein. Sie zeigten ein hohes Maß an Verantwortung. „Das reicht von der Unterstützung besonders verarmter Familien, von Kriegswaisen- und -witwen über Speisungen in den Gemeindezentren in verschiedene Bereiche hinein.“ Die Kirchen seien dabei religionsübergreifend tätig. So habe der Priester Dr. Hanna Ghoneim mit seinem Hilfswerk „Korbgemeinschaft“ eine humanitäre Bäckerei in der Nähe von Damaskus errichtet. Ghoneim ist in Wien tätig, er gehört der melkitischen Teilkirche an, einer der vielen Ostkirchen der römisch-katholischen Kirche.

Orthodoxe und katholische Geistliche bei einem Treffen in Homs. Privat

Ghoneims Korbgemeinschaft gibt ihr Brot an alle Bedürftigen aus, ohne bei den Religionen Unterschiede zu machen. Unser Ansprechpartner erzählt: „In Damaskus selbst konnte ich eine sehr schöne Kooperation zwischen christlichen Pfandfindern und muslimischen Jugendorganisationen beobachten, so bereiten die Pfandfinder ein Festmahl für das Fastenbrechen der muslimischen Jugendorganisationen, diese revanchieren sich dafür mit einem Ostermahl für die Pfadfinder.“

Trotz dieser Zusammenarbeit sieht es düster für die Zukunft des Landes aus – und für viele andere Gebiete mit ähnlichen Problemen. Wenn China hortet und sich nur noch die reichen Ländern Kornimporte leisten können, dann hält das Zündstoff für neue Konflikte bereit. Syrien könnte der Vorbote einer beginnenden, globalen Ernährungskrise sein.

Schalten Sie auch heute Abend ein bei „Tichys Ausblick“: In der Diskussionsrunde sprechen Experten über die Auswirkungen von Inflation, Ernährungs- und Energiekrise.

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Kommentare ( 41 )

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bfwied
1 Monat her

Der Krieg mit entsprechenden gravierenden Störungen der Weltwirtschaft bzw. des Handels ist nur ein Grund für die kommende Notlage. Der Hauptgrund ist die immer noch für segensreich empfundene massenhafte Vermehrung der Menschheit. In Syrien stehen vom 1.1.22 bis 17.3.22 83.500 Geburten 19.500 Sterbefällen gegenüber. Die Bev. schrumpft durch Auswanderungen. Diese Bevölkerungsexplosion ist es, das den Weltkrieg erst entfacht. 100 Mio. plus pro Jahr auf der Erde. Jetzt sind die ersten Schwierigkeiten da, in Form von Pandemie, von Kriegen, die die Handelsströme einschränken, was wiederum ein vernetztes Folgensystem hervorruft. Die schiere Masse ist auch mit einem geölten Räderwerk der Produktion und… Mehr

Schwabenwilli
1 Monat her

Trotz Krieg, Tod, Hunger, Elend, „Auswanderung“ nach Deutschland etc. ist die syrische Bevölkerung gewachsen.
Das ist der Hauptgrund wenn die da unten nichts mehr zu beißen haben.

Roland Mueller
1 Monat her

Der „böse Russe“ wird mit Weizenlieferungen nach Syrien das schlimmste verhindern. Das hat er nämlich schon mehrmals gemacht und wird es auch weiterhin tun. Das ist halt der Unterschied zu den echten Weltrettern in Deutschland. Die setzen lieber auf die Produktion von Güllemais für die Weltrettung, statt auf Nahrungsmittel.

T. Ruebsal
1 Monat her

1) Überall wo die USA mithilfe des Westens den Ländern Demokratie bringen wollten, haben sie Hunger, Elend, Tod und politisches Chaos hinterlassen.

2) Es ist schlimm genug, dass Menschen in diesem Land überhaupt ans Hamstern denken und sich mit Notvorräten eindecken. Das zeigt, das Vertrauen in diesen Staat ist bei Null angekommen.

Albert Pflueger
1 Monat her

Na super, und unsere Grünen wollen den Bauern vorschreiben, weniger Dünger zu verwenden, das wird die produzierten Mengen weiter verringern. Mal was Neues: Hungern und frieren fürs Klima, frieren allein reicht nicht.

Mausi
1 Monat her

2. Absatz: kein Lebensmittelexport führt zu Düngernot? Oder meinen Sie das als nächste mögliche Stufe russischer „Sanktionen“?

Einfach nur grauenvoll, welche Auswirkungen dieser Konflikt hat.

Indirekte Tote sind weniger sichtbar. Daher sind die Sanktionen als Solidarität gut zu verkaufen.

Der Westen tut sich leicht, seinen „bewährten“ Weg beizubehalten. Er versteckt sich hinter „Putin ist schuld“. Genauso kontraproduktiv wie Putins „der Westen ist schuld“.

Last edited 1 Monat her by Mausi
Boris G
1 Monat her

Die Ernährung einer ständig wachsenden Weltbevölkerung ist auf Kante genäht. In Syrien war die Landwirtschaft bereits vor dem Bürgerkrieg wegen jahrzehntelanger Dürre in die Knie gegangen. Da die zu Wohlstand kommenden Chinesen immer mehr tierisches Eiweiß (Fleisch und Molkereiprodukte) kaufen, wird das an die Tiere verfütterte Getreide knapp.

Ticinese
1 Monat her

Die 5 apokalyptischen Reiter der letzten 10.000 Jahre, die Ian Morris in „Wer regiert die Welt“ beschreibt: Hungersnöte, Massenmigration, Staatsversagen, Seuchen, Klimaveränderung.
Auf Dauer könnten sich die Auseinandersetzungen in der nördlichen Hemisphäre als banal herausstellen gegenüber dem Aufstand und der Migration von Milliarden Bewohner des Südens.
 
 
 
 

Kraichgau
1 Monat her

Kann sich noch jemand an „Joshka Fischer’s beste Freundin“,die damalige US-Aussenministerin Anbright erinnern,die absolut gar nichts dagegen hatte,das irakische Kinder aufgrund auch der medikanenten-Sanktionen zu tausenden starben?
Diesen „Sanktionskriegern“ im weissen Haus,die zum Tel für Ihr Tun noch Friedensnobelpreise einheimsten(Obama) betreiben diese menschenverachtende Politik seit Jahrzehnten..ich fühle mich denen absolut nicht verbunden!

Norbi
1 Monat her

2005 hatten wir eine privat organisierte Reise nach Aleppo unternommen. Auf dem Weg von der türkischen Grenze nach Aleppo kamen wir an Feldern vorbei auf denen unter riesigen Plastikplanen etwas gelagert war. Unser Reiseführer erklärte uns das es sich um Weizen handelt der für die italienische Nudelindustrie bestimmt ist. Zu dem Zeitpunkt war Syrien also offensichtlich in der Lage Weizen zu exportieren. Und was ist daraus geworden? Warum? Weiterhin haben wir damals gelernt das Tee und Zucker vergleichbar spottbillig war. Der Tee kam, den Aufdrucken auf den Säcken nach zu schliessen aus Sri Lanka, der Zucker aus Brasilien. Beide Produkte… Mehr