Beamte im Homeoffice: Überreizen aller Privilegien

Bürger warten mitunter monatelang auf Ausweise oder Ummeldung und erreichen im Amt oft niemanden mehr direkt. Gleichzeitig schildern Insider Beamte beim Angeln oder Skifahren während der Arbeitszeit. Eine Recherche zeigt, wie Homeoffice-Regeln dreist überreizt werden. Eine unfassbare Verhöhnung der Steuerzahler.

IMAGO

Man hat sich in den vergangenen Jahren über so manche Meldung ungläubig die Augen gerieben. Ein Beamter in Spanien kam sechs Jahre lang nicht zur Arbeit und fiel erst auf, als er für seine lange Dienstzeit geehrt werden sollte. Wie kann das gehen? In Nordrhein-Westfalen war eine Lehrerin 16 Jahre krankgeschrieben, bezog weiter volle Bezüge und wurde offenbar erst viel später zum Problem für die zuständige Verwaltung. 16 ganze Jahre. Wie ist sowas möglich? Kurz darauf wurden weitere Fälle bekannt: eine Studiendirektorin, die seit fünf Jahren fehlt und weiter nach A15 bezahlt wird; eine weitere Lehrerin, die seit zwei Jahren nicht mehr im Kollegium auftaucht. WTF? Many such cases.

Bei solchen Fällen stellt sich immer dieselbe Frage: Wie zum Teufel kann das niemand merken? Wie kann ein Apparat, der Bürgern Formulare, Fristen und Nachweise bis ins Kleinstkleinste vorschreibt, jahrelang über- oder wegsehen, dass Menschen im eigenen System gar nicht mehr auftauchen? Wie kann ein Dienstherr bei sich selbst so blind sein, während er von allen anderen penible Pflichterfüllung verlangt?

Die Antwort lautet offenbar: weil der Staat auf dem Weg zum Sumpf den Großteil der Strecke schon hinter sich hat. Der seinen eigenen Leuten Freiheiten gewährt, die er keinem Steuerzahler durchgehen lassen würde. Irgendjemanden muss man für das feine Leben doch abmelken und dafür, dass man als gescheiterter SPD-Grande seinen Fahrer mit dem fetten Dienstwagen über die Grenze zum Einkaufen der Entenpastete holen schicken kann.

Dass Bürger an diesem Staat restlos verzweifeln, ist längst kein gefühltes Problem mehr. Wer einen Personalausweis, Reisepass oder eine Ummeldung braucht, findet oft wochen-, manchmal monatelang keinen Termin, wird von Onlineportal zu Hotline und von der Hotline zurück ins Onlineportal geschickt. Eine Bürgerin schilderte, sie versuche seit „vielen Wochen (Monaten)“ einen Termin bei der Führerscheinstelle zu bekommen. Für Berufstätige sei es praktisch unmöglich, mehrmals täglich ein Terminportal zu kontrollieren, nur um vielleicht einen kurzfristig freigeschalteten Slot zu erwischen. In einer weiteren Stadt wurden Wartezeiten von regelmäßig drei Monaten dokumentiert, bei Reisepässen, Personalausweisen und Wohnungsmeldungen teils sogar vier Monate. Der Bürger wartet, klickt, ruft an und wird vertröstet. Drinnen fährt der Kollege offenbar mit Laptop zum Sonnen an den See.

Was früher wie groteske Einzelfälle klang, fügt sich nun in ein größeres Bild.

Die neue Recherche der BILD über Homeoffice in Bundesbehörden zeigt, wie verbreitet Arbeitsverweigerung im Staatsdienst offenbar werden kann, wenn jedwede Kontrolle fehlt und Führung komplett versagt bzw. vermutlich selbst ein gewichtiger Teil dieser komplett abhandenen Moral ist.

Was viele Bürger seit Corona aus eigener Erfahrung kennen: Man erreicht in Behörden kaum noch jemanden direkt. Durchwahlnummern sind verschwunden, Zuständigkeiten verlaufen über Sammelpostfächer, Rückrufe bleiben aus. Diese Beobachtung ist Alltagserfahrung vieler Menschen, die mit Behörden, Ämtern und Ministerien zu tun haben.

Die Recherche liefert nun den Blick hinter die Kulissen. Dort sieht es offenbar noch sehr viel schlimmer aus, als viele ohnehin vermutet haben. Beamte und Behördenmitarbeiter berichten von Angeln im Ausland, Skiurlaub, Stand-up-Paddeln und langen Wochenenden während der Arbeitszeit. Das ist bezahlte Abwesenheit unter dem Schutz von Dienstrecht und missbrauchten Homeoffice-Regeln.

Die zuvor aufgedeckten großzügigen Homeoffice-Regeln in Bundesministerien und Behörden bilden den Rahmen. Beschäftigte dürfen demnach teils wochenlang aus dem Ausland arbeiten. Danach meldeten sich Beamte und Mitarbeiter von Bundesbehörden und aus einem Ministerium bei der BILD. Sie wollen anonym bleiben. Ihre Schilderungen zeigen einen Apparat, in dem manche ganz offenkundig jedes Maß verloren haben.

Ein langjähriger Mitarbeiter einer Bundesbehörde spricht von einer „Di-Mi-Do-Mentalität“. Kollegen verabschiedeten sich schon am Donnerstag ins lange Wochenende, blieben freitags und montags grundsätzlich weg. Er nennt das „quasi Teilzeit bei Vollzeit-Gehalt“. Manche ignorierten Anrufe und E-Mails völlig. Besonders bemerkenswert an seiner Schilderung: Die Chefs arbeiteten oft selbst so. Verrottet bis ins Mark.

Damit ist die Sache nicht mehr mit ein paar schwarzen Schafen erledigt, denn wenn Vorgesetzte denselben Schlendrian vorleben, ist der Missbrauch zur Hausordnung geworden. Der Steuerzahler bezahlt diesen hoch ineffizienten, dysfunktionalen Wasserkopf-Apparat, wovon sich Teile benehmen, als sei der Steuerzahler nur noch Zahlstelle für ein besonders bequemes Leben.

Besonders unverschämt ist der Fall eines Kollegen, der laut Insider auf dem Weg zum Angeln ins Ausland war. Auf einen Anruf habe er fast pikiert reagiert. Warum man ihn überhaupt anrufe? Er habe schließlich den Laptop dabei. Der Satz ist eine ganze Staatsdiagnose.

Der Laptop wird zum Persilschein. Er liegt irgendwo im Auto, im Hotelzimmer oder am Ferienort und soll beweisen, dass der Dienst irgendwie mitreist. So denkt nur jemand, der den Unterschied zwischen Arbeit und Arbeitsbehauptung völlig verloren hat. In normalen Betrieben wäre das ein Grund für eine Entlassung. Im Staatsdienst klingt es nach gelebter Praxis.

Ein anderer Fall führt direkt auf die Skipiste. Homeoffice soll mit Skiurlaub verbunden worden sein. Mittags zwei Stunden Mails beantworten, danach Snowboard und Après-Ski. Wer so handelt, zeigt dem steuerzahlenden Bürger den ausgestreckten Mittelfinger. Wer so handelt, lebt auf Kosten jener, die morgens tatsächlich zur Arbeit müssen und wenn sie fehlen, rausgeschmissen werden.

Ein hochrangiger Ministeriumsmitarbeiter schildert, wie er Homeoffice-Tage nutzt. Er stehe auch mal auf dem Stand-up-Paddle-Board. Das solle man nicht ständig machen, aber es gehe. Er habe vorgearbeitet, sei erreichbar und könne abends noch einmal an den Laptop gehen. Wie das rüberkommt, hält der Mann das offenbar für eine harmlose Anekdote. In Wahrheit beschreibt er eine Haltung: Die Arbeitszeit gehört nicht mehr dem Dienst, sondern der eigenen Tagesgestaltung.

Noch bezeichnender ist sein Hinweis, man müsse morgens in Schaltkonferenzen engagiert wirken. Wirken. Nicht sein. Wichtiger Unterschied. Und da unterscheidet er sich nicht von Merz, Klingbeil und einem verfetteten und verkommenen Staatsapparat. Nicht Leistung zählt, sondern Darstellung. Wer morgens die passende Miene macht, ein paar Sätze sagt und später abtaucht, kommt problemlos durch. Warum auch nicht. Vermutlich ist das alles weiter verbreitet als alle wissen.

Ein Kollege beschreibt die Formeln dazu. Im Team-Meeting heiße es morgens: „Ich habe die Unterlagen beschafft, mich schon eingelesen, ich bin dran.“ Die Recherche dokumentiert auch, wie Regeln ausgetrickst werden. Manche Kollegen planten ihre Bürotage so, dass am Ende nur noch wenige Anwesenheitstage übrigblieben. Genau an diesen Tagen meldeten sie sich krank. Dafür brauche es nicht einmal eine Krankschreibung. Nach Schilderung des Insiders zählen diese Krankheitstage als Anwesenheit. Danach beginnt der nächste Homeoffice-Zyklus.

Ein parasitäres Verhalten gegenüber einem Steuerzahler, der keine Wahl hat, ob er diesen in weiten Teilen verfaulten, in jedem Fall aber hoch dysfunktionalen Apparat weiter finanziert.

Der Schaden liegt in der Verachtung, die aus solchen Schilderungen spricht. Bürger müssen Fristen einhalten. Unternehmer müssen Unterlagen liefern. Selbstständige müssen selbst sehen, wie sie ihre Einnahmen sichern. Der Staat verlangt von allen anderen absolute Genauigkeit. In Teilen seines eigenen Apparats duldet er offenbar eine Arbeitsmoral, die in der freien Wirtschaft kaum zwei Wochen überleben würde.

Viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst arbeiten ordentlich. Auch gerade deshalb sind solche Fälle so unfassbar zerstörerisch. Sie beschädigen jene, die ihren Dienst ernst nehmen. Sie ziehen alle mit hinein, weil der Apparat Missbrauch nicht hart genug sanktioniert. Wer zuverlässig arbeitet, müsste am lautesten verlangen, dass solche Kollegen Konsequenzen spüren. Ein System, das diese besonders schäbige Art von Dreistigkeit duldet, bestraft am Ende die Fleißigen.

Der öffentliche Dienst steht ohnehin unter starkem Beschuss. In der größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik verfügen Beamte über Sicherheiten, die andere nicht haben. Sichere Beschäftigung, verlässliche Bezahlung, besondere Versorgung im Alter. Diese Privilegien werden politisch mit besonderer Verantwortung begründet. Dann muss diese Verantwortung auch sichtbar sein. Wer den Schutz des Staates genießt, kann und darf sich unter keinen Umständen aufführen wie ein Privatier.

Auch in der sogenannten jüngsten Reform (die darin besteht, dass der Kreis der Auszunehmenden erweitert wird, während der Staat abermals nicht an der eigenen verschwenderischen Ausgabepraxis kürzt) geht es wieder einmal darum, dass Beamte geschont werden, während Selbstständige stärker in die gesetzliche Rentenkasse einbezogen werden sollen. Der Staat schützt also ausgerechnet jene Gruppe weiter, deren Sonderstatus ohnehin enorm ist. Diejenigen, die kein staatliches Sicherheitsnetz haben, sollen stärker herangezogen werden.

Der Selbstständige trägt sein Risiko selbst. Er hat keinen Dienstherrn, keine garantierte Laufbahn und auch keine Pension. Er muss Aufträge beschaffen und seine Altersvorsorge organisieren. Nun soll er stärker in ein System gedrückt werden, während Beamte ihr eigenes Versorgungssystem behalten.

Damit wird die Homeoffice-Recherche noch einmal deutlich brisanter. Der Staat duldet in Teilen seines Apparats Arbeitsmodelle, die auf Kosten der Steuerzahler völlig ausgereizt werden. Danach verschont er denselben Apparat bei der Altersversorgung. Er greift dort zu, wo Menschen weniger geschützt sind. Er lässt dort Schonräume stehen, wo die eigene Klientel sitzt – und wie in den Fällen der Recherche gezeigt – und ihr verachtenswertes Schindluder treibt.

Der Gegensatz ist brutal. Die Ladenbetreiberin kann nicht nachmittags auf die Skipiste wechseln. Der kleine Unternehmer kann montags nicht verschwinden und donnerstags ins Wochenende gleiten und am Dienstag wieder einsteigen. Wer selbstständig ist, merkt jeden verlorenen Arbeitstag sofort. Wer selbständig arbeitet, kennt oft weder Wochenenden noch Feiertage. Umso größer ist die Verachtung für diese Strukturen. Und, das muss man einmal festhalten, diese Verachtung auf arbeitende Menschen in der freien Wirtschaft sitzt bei dieser Art von Beamten ohnehin besonders tief, wenn sie sich dermaßen verhalten.

Noch zynischer wird es, wenn derselbe Staat den Selbstständigen erklärt, er müsse sie zu ihrem eigenen Schutz in die gesetzliche Rente zwingen.

Der Steuerzahler finanziert diesen Apparat mehrfach. Er bezahlt die aktiven Beschäftigten. Er bezahlt die Pensionen. Er bezahlt die Folgen langsamer Verwaltung. Er bezahlt am Ende auch die politischen Rettungsversuche eines Rentensystems, das immer neue Beitragszahler braucht. Dafür bekommt er monatelange Wartezeiten, Sammelpostfächer und einen Staat, der bei sich selbst erstaunlich großzügig und tolerant ist.

Zur Groteske passt der nächste Digitalisierungsversuch aus dem Sozialstaat: Kindergeld soll nach dem Willen von Bärbel Bas und Lars Klingbeil künftig automatisch nach der Geburt fließen, ohne gesonderten Antrag. Was soll schon schiefgehen? Dem Missbrauch wird auch weiter das Tor sperrangelweit geöffnet. Wenn künftig noch stärker elektronisch beantragt oder abgewickelt werden soll, müsste man in den zuständigen Behörden also mal besonders genau hinschauen: Wie viele Mitarbeiter verwalten solche digitalen Verfahren eigentlich vom Seeufer, aus dem Skiort oder mit dem Laptop auf dem Weg ins lange Wochenende?

In diesen wilden Zeiten suppen jetzt in schöner Regelmäßigkeit Informationen über Missbrauch wie diese nach draußen. Vermutlich sehen wir bisher nur die Spitze des Eisbergs.

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Kommentare ( 6 )

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6 Comments
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Haba Orwell
27 Minuten her

Oft fallen Züge „wegen Personalmangel“ aus. Machen auch Zugführer Home Office?

Parsifal
30 Minuten her

Der Steuerzahler ist ja gleichzeitig auch Wähler. Vor dem Kauf einer neuen Kaffeemaschine wird gemacht und getan, verglichen und überlegt, aber beim Wählen macht man sein Kreuz treudoof bei den Altparteien, die sich den Staat zur fetten Beute gemacht haben. Mein Mitleid mit meinen Mitbürgern und Mitwählern hält sich da wirklich in verdammt engen Grenzen.
P.S.: Kleiner Reminder, wie waren nochmal die Wahlergebnisse in BaWü und RP?

Schwabenwilli
35 Minuten her

Zwei erfolgreiche Unternehmer, Elon Musk, Wolfgang Grupp haben schon länger vor dem Missbrauch des Homeoffice gewarnt.
Obwohl die Idee an sich sehr gut ist. Hier gilt halt wie überall „der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach“.

Autour
40 Minuten her

Ich kenne auch Beamte, die eine Halbtagsstelle hatten/haben die kommen WANN sie wollen die gehen wann sie wollen, ständig wegen irgendeinem Gehirnfurz krank sind aber dann WOCHENLANG Überstunden abfeiern!!! Weil sie angeblich Abends gearbeitet hatten wo KEINER anwesend war….
Wie gesagt das Beamtentum gehört RADIKAL abgeschafft!!! Es sollte maximal 3 Kategorien geben, Polizei, Finanzwesen und X.
Wozu muss der Clown in der Verwaltung eines KKHs Beamter sein?!

AlexR
43 Minuten her

Dazu zitiere ich mal den Herrn „Bundeskanzler“ oder das, was er meint zu sein: „Ja, ist das denn nötig?“.

Anscheinend ja. Denn die Arbeitnehmer werden ja von Herrn Merz gezwungen, ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzulegen. Der kranke Beamte wahrscheinlich nicht. Er bekommt ja auch im Krankheitsfall unvermindert weiter seine Bezüge.

Last edited 40 Minuten her by AlexR
hoho
48 Minuten her

Vlt macht Fritzi eine ArbeitsMoralVerbesserungsGesetz? Mindestens 100 Seiten lang wo auch solche wichtige Dinge geregelt werden, wie Abschaffung der Rente für die Malkontenten plus 10Mld für Ukraine.
Diesem Land ist es nicht zu helfen, echt.

PS: dass man alles digital machen kann, braucht man auch keine neue Gesetzte mit den komischen Namen – die Malkontenten auf die Sanktionsliste und der Rest an die Ostfront?