Mehr als 200 Einsatzkräfte rückten zur Großrazzia in NRW und Hessen aus. Im Visier: Türkische, marokkanische, ägyptische und deutsche (mit Migrationshintergrund) Beschuldigte. Sie sollen Pflegekassen um rund elf Millionen Euro geschädigt haben. Die Ermittler fanden Luxusautos, Schmuck, eine Waffe – sowie ein schwer krankes Kind.
picture alliance / Maximilian Koch
Mehr als 200 Einsatzkräfte, Durchsuchungen in zwölf Städten Nordrhein-Westfalens und im hessischen Kelsterbach, ein vollstreckter Haftbefehl, ein weiterer beantragter Haftbefehl und Vermögensarreste in Millionenhöhe: Staatsanwaltschaft und Polizei sind am Donnerstag gegen ein Netzwerk vorgegangen, das Krankenkassen mit Abrechnungen für ambulante Intensivpflege um einen Millionenbetrag geschädigt haben soll. Die Staatsanwaltschaft Wuppertal spricht von einem derzeit ermittelten Gesamtschaden von rund elf Millionen Euro.
Die Schwerpunktabteilung der Staatsanwaltschaft Wuppertal für Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen und Korruptionsstrafsachen führt das Verfahren. Beteiligt waren die Polizei Düsseldorf, das Hauptzollamt Düsseldorf und das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität Nordrhein-Westfalen. Die gemeinsame Ermittlungsgruppe arbeitet bereits seit Dezember 2025 an dem Fall. Insgesamt werden 13 Personen beschuldigt.
Die Staatsangehörigkeiten benennt die Polizei in diesem Fall ausdrücklich: Bei den Beschuldigten handelt es sich um türkische, marokkanische, ägyptische und deutsche Staatsangehörige, teilweise besitzen sie eine doppelte Staatsangehörigkeit. Sie sind zwischen 20 und 54 Jahre alt. Später trafen die Ermittler zusätzlich auf eine 54 Jahre alte georgische Staatsangehörige, die sich nach Angaben der Polizei illegal in Deutschland aufhält und hier arbeitet. Sie wurde festgenommen.
Am Anfang des Verfahrens standen anonyme Anzeigen. Die anschließenden Ermittlungen führten zu dem Verdacht, dass die Beschuldigten gemeinschaftlich und gewerbsmäßig Leistungen für ambulante Intensivpflege gegenüber Krankenkassen abrechneten, die tatsächlich überhaupt nicht oder nur teilweise erbracht worden sein sollen. Weitere Leistungen sollen durch Personal ausgeführt worden sein, das nicht über die erforderliche Qualifikation verfügte. Damit wären auch diese Leistungen nicht abrechnungsfähig gewesen.
Die Vorwürfe reichen aber noch erheblich weiter. Ermittelt wird wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Abrechnungsbetrugs im Gesundheitswesen, wegen Geldwäschedelikten, Steuerdelikten sowie wegen des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt. Der bislang angenommene Schaden von rund elf Millionen Euro zeigt die Dimension, die das Verfahren inzwischen erreicht hat.
Die Durchsuchungen liefen gleichzeitig in Düsseldorf, Dortmund, Wuppertal, Hagen, Oberhausen, Gelsenkirchen, Bottrop, Lüdinghausen, Duisburg, Mettmann, Monheim und Hürth sowie im hessischen Kelsterbach. Mehr als 200 Mitarbeiter der beteiligten Behörden waren dafür im Einsatz.
Dabei noch einmal besonders bedrückend ist ein Fund in einer Düsseldorfer Wohnung. Dort trafen die Einsatzkräfte auf ein pflegebedürftiges Kind in einem nach Polizeiangaben sehr schlechten Gesundheitszustand an. Die Beamten riefen sofort den Rettungsdienst. Das Kind wurde stationär in ein Krankenhaus aufgenommen, Kinderschutzbund und Jugendamt wurden informiert. Aus der Pressemitteilung geht nicht hervor, in welchem konkreten Zusammenhang das Kind mit den untersuchten Pflegeleistungen steht.
Den bereits bestehenden Haftbefehl gegen eine 39 Jahre alte türkische Staatsangehörige vollstreckten die Ermittler gleich während des Einsatzes. Gegen ihren Ehemann, einen 44 Jahre alten Deutschen, habe sich der bestehende Tatverdacht weiter erhärtet. Die Staatsanwaltschaft beantragte deshalb auch gegen ihn einen Haftbefehl. Er sollte am Freitag einem Haftrichter vorgeführt werden. Bei den Durchsuchungen stellten die Ermittler umfangreiches analoges und digitales Beweismaterial sicher. Darunter befand sich ein Arztstempel, der nach Einschätzung der Ermittler vermutlich zur Fälschung von Verordnungen verwendet wurde. Damit erhält der Verdacht auf manipulierte Abrechnungsgrundlagen eine weitere konkrete Spur.
Auch bei den Vermögenswerten bewegte sich das Verfahren längst außerhalb der Größenordnung eines gewöhnlichen Abrechnungsfehlers. Insgesamt wurden Werte von 5,9 Millionen Euro arrestiert. Darunter befinden sich mehrere hochwertige Fahrzeuge der Marken Maybach, Mercedes-AMG und Lamborghini. Hinzu kamen rund 51.000 Euro Bargeld, Gold im Wert von ungefähr 10.000 Euro, Schmuck im Wert von etwa 265.000 Euro, hochpreisige Taschen im Wert von rund 16.000 Euro und teure Uhren mit einem Gesamtwert von etwa 140.000 Euro. Zusätzlich ließen die Behörden Sicherungshypotheken über 3,3 Millionen Euro in die Grundbücher von Immobilien der Beschuldigten eintragen. Die Ermittler greifen damit auf Häuser und Grundstücke zu, um mögliche spätere staatliche Einziehungsansprüche abzusichern.
Bei den Hauptbeschuldigten in Mettmann machten die Beamten weitere Funde. Sichergestellt wurden eine scharfe Schusswaffe samt Munition, Marihuana und Anabolika. Die Polizei macht in ihrer Mitteilung keine näheren Angaben zur Herkunft der Waffe oder zu den Mengen der aufgefundenen Betäubungsmittel und Anabolika.
Mit der Dimension dieses Verdachts öffnet sich eine weit größere Frage: Wie viele solcher Konstruktionen existieren noch? Wie viele Pflegedienste rechnen Leistungen ab, die nie erbracht wurden, beschäftigen dafür unqualifiziertes Personal oder bedienen sich gefälschter Verordnungen? Organisierter Leistungsmissbrauch ist beim Bürgergeld längst amtlich dokumentiert. Der Sozialstaat scheint an immer mehr Stellen zum Geschäftsmodell für diejenigen zu werden, die seine Kontrollen kennen und seine Schwächen hemmungslos ausnutzen.
Das bekommt zusätzliche Sprengkraft, weil die gesetzliche Krankenversicherung (ebenso wie die Pflegekassen) finanziell unter enormem Druck stehen. Allein im ersten Halbjahr 2026 stiegen ihre Ausgaben um 7,1 Prozent auf 186,3 Milliarden Euro. Die Beitragseinnahmen legten nur um 4,1 Prozent zu. Millionen Versicherte und ihre Arbeitgeber zahlen inzwischen höhere Zusatzbeiträge, die Politik sucht Milliardenentlastungen und diskutiert immer weitere Einschnitte, natürlich nur für die Beitragszahler. In dieser Lage wird jeder Fall von organisiertem Abrechnungsbetrug auch zu einer Frage an den Staat selbst: Wie viele Milliarden verschwinden aus einem System, dessen steigende Kosten anschließend wieder denen präsentiert werden, die jeden Monat ihre Beiträge zahlen?


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Auffällig , sehr auffällig , wie Pflegevermittlungsdienste wie Pilze aus dem Boden geschossen sind . Vergleichbar mit Goldankaufläden vor einiger Zeit .
„Bei den Beschuldigten handelt es sich um türkische, marokkanische, ägyptische und deutsche Staatsangehörige, teilweise besitzen sie eine doppelte Staatsangehörigkeit.“
Unterschiedliche Herkunft, aber eines haben sie alle gemeinsam, es sind Muslime !