„Entkriminalisieren“ wollen nach einer neuen Umfrage 71 Prozent der Berliner das Schwarzfahren. Selbst unter AfD-Anhängern findet sich dafür eine Mehrheit. Das macht die Forderung populär. Vernünftig macht es sie nicht.
picture alliance / Caro Kadatz | Caro Kadatz
Ich will härtere Strafen für Schwarzfahrer. In Berlin wird man diesen Satz nicht gerne lesen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass er sinnvoll ist. Deshalb kommt er hier nochmal:
Ich will härtere Strafen für Schwarzfahrer.
Freie Fahrt für Zechpreller
Die „Open Knowledge Foundation“ (OKF) ist eine gesichert linke NGO. Sie wird selbstverständlich mit Staatsgeldern gefördert. In ihrem Vorstand sitzen eine grüne ehemalige Bürgermeisterin, ein ehemaliger EU-Abgeordneter der Piratenpartei und noch andere Menschen, die in anderen staatlich geförderten Einrichtungen arbeiten.
Weißte Bescheid.
Eine Woche vor den Wahlen zum Landesparlament in Berlin hat die OKF bei einer ebenfalls linksdrehenden Agentur eine Umfrage zum Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) in Auftrag gegeben. Demnach wollen 71 Prozent der Hauptstädter, dass sich Berlin für eine bundesweite Entkriminalisierung des Fahrens ohne gültigen Fahrschein einsetzt. Die Zustimmung ist über alle Parteigrenzen hinweg groß. Selbst bei den AfD-Anhängern ist eine Mehrheit dafür.
Ich glaub‘, es hackt.
Schwarzfahren ist die vorsätzliche Nutzung einer Leistung, für die andere bezahlen. Der Bus fährt nicht durch Handauflegen. Der Fahrer lebt nicht von Solidaritätsbekundungen. Bei S- und U-Bahn kosten Schienen, Fahrzeuge, Strom, Werkstätten und Personal reales Geld. Wer einsteigt, nimmt eine Dienstleistung in Anspruch. Wer dafür absichtlich nicht bezahlt, greift in die Taschen der zahlenden Fahrgäste und der Steuerzahler.
Das Strafgesetzbuch sieht für das Schwarzfahren eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe vor (§ 265a StGB). Um im Berliner Jargon zu bleiben: Und das ist auch gut so. Es ist keine soziale Grausamkeit, sondern die schlichte Mitteilung des Rechtsstaats: Wer kostenpflichtige Leistungen in Anspruch nimmt, muss sie halt auch bezahlen.
Freifahrt in den Unrechtsstaat
Der sogenannte „Freiheitsfonds“ sammelt seit 2021 Geld, um verurteilte Schwarzfahrer vor Ersatzfreiheitsstrafen zu bewahren. Gegründet wurde die Initiative vom Aktivisten Arne Semsrott. Der leitet auch „FragDenStaat“ – das ist ein Projekt der OKF, also jener Stiftung, die die ÖPNV-Entkriminalisierungsumfrage in Auftrag gegeben hat. Was für ein Zufall. So etwas nennt man wohl „linkes Netzwerk“.
Das ist staatlich geduldete Verhöhnung der Anständigen.
Denn natürlich kommt ja niemand ins Gefängnis, der mal die Monatskarte vergessen hat oder einmal ohne Ticket erwischt wird. Vor Gericht landet meist der harte Serientäter, der immer und immer wieder ohne Fahrschein fährt – und derjenige, der hartnäckig die fällige Geldstrafe verweigert. Dieser Typus ist nichts anderes als ein Schmarotzer.
Entkriminalisierung ist hier der typisch moderne Irrweg. Wir brauchen das Gegenteil: höheres Beförderungsentgelt bei Wiederholung, höhere einkommensabhängige Geldstrafen, schnellere Vollstreckung und gemeinnützige Arbeit für Zahlungsunfähige. Wer das System gewohnheitsmäßig ausnutzt, muss deutlich härter bestraft werden.
Entscheidend ist nicht die theoretische Höchststrafe. Entscheidend ist die Gewissheit, dass Rechtsbruch tatsächlich überhaupt bestraft wird.
Schreckgespenst Kalifornien
Wohin die Kapitulation vor sogenannter Kleinkriminalität führt, zeigt Kalifornien.
Die oft verbreitete Geschichte, Ladendiebstähle im Wert von unter 100 Dollar seien dort legal oder würden grundsätzlich nicht verfolgt, ist zwar falsch. Das wirkliche Experiment war aber schlimm genug: Die sogenannte „Proposition 47“ hat im Jahr 2014 bestimmte Diebstähle bis zu einem Warenwert von 950 Dollar grundsätzlich vom Verbrechen zum Vergehen herabgestuft. In Los Angeles ordnete der damalige Bezirksstaatsanwalt zusätzlich an, ganze Gruppen leichter Delikte regelmäßig nicht anzuklagen oder in Verfahren mit sehr geringer Strafandrohung umzuleiten.
Am Ende revoltierten sogar die notorisch liberalen Kalifornier. Im Jahr 2024 verschärfte der größte US-Bundesstaat mit der „Proposition 36“ die Regeln wieder. Wiederholungstäter können nun auch bei Diebstählen unterhalb der 950-Dollar-Grenze härter verfolgt werden. Kalifornien wirbt inzwischen mit Zehntausenden Festnahmen und erheblich verschärfter Strafverfolgung.
Erst hat man den Rechtsstaat vertrieben, dann musste man ihn für viel Geld zurückholen.
Entscheidet euch
Schwarzfahren folgt exakt demselben Prinzip. Und an dieser Stelle hört man schon das Wehklagen: „Aber die die armen Armen …“
Geldmangel rechtfertigt nicht vorsätzlichen Rechtsbruch. Armut kann die Höhe einer Geldstrafe beeinflussen, aber sie macht aus Unrecht nicht plötzlich Recht. Das ist schlicht linker Unfug.
Ist der ÖPNV dagegen keine Kernaufgabe, sondern ein zusätzliches Angebot, dann kann er natürlich kostenpflichtig bleiben. Dann gilt aber auch das marktwirtschaftliche Grundprinzip: Wer eine Leistung nutzt, bezahlt sie. Wer das nicht will, kann sie nicht nutzen.
Für Berliner Gehirne ist das wohl ein revolutionäres Konzept: Leistung gegen Geld.
Wenn allerdings der ÖPNV keine staatliche Kernaufgabe ist, sondern ein Zusatzangebot – dann stellt sich sofort noch eine ganz andere Frage: Warum muss dieses Zusatzangebot staatlich sein?
Linkes Rechtsverständnis
Die Idee zur „Entkriminalisierung“ des Schwarzfahrens entspringt einer typisch linken Grundhaltung: Gesetzestreue gilt nur gegenüber Gesetzen, die einem gefallen.
Aber der Staat darf niemals auf die Rechtsdurchsetzung verzichten – nicht aus Bequemlichkeit und nicht aus Überforderung. Überlastete Gerichte sind ein Grund, die Justiz besser auszustatten. Sie sind kein Grund, einen Tatbestand abzuschaffen. Überfüllte Gefängnisse rechtfertigen eine Reform des Strafvollzugs, aber keinen Verzicht auf Strafvollzug – und auch keinen Rabatt auf vorsätzlichen Rechtsbruch.
Der Rechtsstaat stirbt nicht erst bei Mord und Totschlag. Er stirbt dort, wo Millionen Menschen erleben, dass sie sich an Regeln halten – und trotzdem die Zeche jener mitbezahlen sollen, die dieselben Regeln demonstrativ missachten.
Der Rechtsstaat stirbt dort, wo Schmarotzer durch Straffreiheit belohnt werden.





Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Politik sollte immer die Betrachtung der Wirklichkeit zugrundelegen und dann muss man halt konstatieren, dass Gefängnisstrafen auf Grund des Schwarzfahrens, also eine Ersatzfreiheitsstrafe, zumeist jene trifft, die schon ganz unten sind, nämlich Obdachlose und Suchtkranke. Für manche dieser traurigen Gestalten ist der Knast dann sogar der rettende Anker, für viele aber verschärft dieses nur ihren sozialen und auch habituellen Abstieg. Auch sind unsere Gefängnisse keine klinischen Rehabilitionseinrichtungen und kosten zuweilen mehr am Tag, als ein Jahresticket der Bahn.
@Herr Heiden Sie übersehen da was Wichtiges, denn Entkriminalisieren heißt nicht Straferlass! Die Höhe des Bußgeldes einer Ordnungswidrigkeit kann sogar höher ausfallen als die eines Vergehens. Es ist bereits Usus, dass ein Schwarzfahrer zuerst 3x innerhalb einer gewissen Zeit erwischt werden und Bußgeld zahlen muss, bevor es vor den überlasteten Richter geht, wo eine Strafe droht. Wie wir wissen, werden jedoch fleißige Schaffner immer häufiger Opfer von gewalttätigen Migranten, sodass mancherorts überhaupt keine Kontrollen mehr stattfinden. Das mit Abstand Wichtigste ist also die knallharte Verfolgung und möglichst Abschiebung all dieser Subjekte. Die Strafen selbst können so bleiben und sind hoch… Mehr
Warum soll Schwarz Fahren entkriminalisiert werden, Schwarz Arbeiten aber nicht?
Wen wundert denn das? Bei uns hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Anspruchs- und Vollversorgungsmentalität breitgemacht, die meint „der Staat“ habe für jeden Einzelnen in allen Belangen zu sorgen.
Daß das irgend jemand bezahlen muß, wird schlicht verdrängt.
Komplementär dazu meint „der Staat“, er könne nach Belieben über die Bürger und ihr Vermögen verfügen und tut das auch.
Paßt doch alles nahtlos zusammen. Wir sind auf dem Weg, ein menschlicher Ameisenstaat zu werden.
Vorschlag aus Bayern:
Sofortiger Stopp des Länderfinanzausgleichs. Sozis kommen erst dann zur Besinnung (oder auch dann nicht?), wenn ihnen das Geld anderer Leute ausgeht. Im Fall, dass in Berlin die Summe der Ausgaben der Summe der Einnahmen entspricht (ich meine ohne Subventionen einiger anderer Bundesländer), könnte man die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos anbieten, damit hätte sich das Schwarzfahren erledigt. Die Frage „kriminell“ hätte sich erledigt. Die Justiz wäre entlastet und das Personal der öffentlichen Verkehrsmittel könnte in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Alles doch sehr einfach, oder?
Ich finds gar nicht schlecht. Rechtsstaat haben wir ja eh nicht mehr, also was solls. Und wir reden ja immerhin von Berlin. Soll es doch versiffen, dann streichen wir den Länderfinanzausgleich, und die Berliner sitzen in ihrem Siff. Sie wollen es ja so.
EInfach die „erhöhten Beförderungsentgelte“ vom Bürgergeld einbehalten und gut ists. Schwarzfahrer für Monate ins Gefängnis zu stecken, halte ich für völlig pervers, Ich kenne ein paar solcher Fälle, Alkoholiker, 2x beim Schwarzfahren erwischt und 1x besoffen mit dem Fahrrad und dann gehen die für 9 Monate in den Bau, verlieren ihre Wohnung, ihren Hund und ihre restliche Existenz.
Und das wo Körperverletzer und Diebe auch nach dem 42. Mal auf Bewährung aus dem Gerichtssaal spazieren?
Hier läuft was schief, Justizia!
Danke, Herr Heiden, für diese klaren Worte. Zu den USA: Aus verschiedenen Gegenden gibt es „herzzerreißende“ Videos, in welchen sich solche, die Ladendiebstahl bzw. „looting“ praktizieren (auch zwecks Weiterverkauf) und mit „Armut“ „rechtfertigen“, bitter darüber beklagen, dass die großen Märkte in ihren Gegenden nach und nach schließen und sie keine Geschäfte mehr haben, um ihren „Lebensbedarf zu decken“. Es ist nach ihren und ihrer politischen Vertreter (all of them „Democrats“) Worten „unmenschlich“, „menschenverachtend“, „rassistisch“ usw. Die linke/grüne Verlogenheit und geistig-moralische Verrottung übertrifft kein Parodist. Schön, wenn sie in Berlin sogar in der „Mitte“ angekommen ist.
Schwarzfahren ist de facto bereits entkriminalisiert wenn man den richtigen Teint hat.
Oder dem Stadtbild entspricht an das sie die Kontrollettis gar nicht erst rantrauen.
„Ohne das Recht ist alles ein Nichts!“
„Wer kostenpflichtige Leistungen in Anspruch nimmt, muss sie halt auch bezahlen.“ Ich bin da immer irgendwie zwiegespalten und froh, dass ich nicht mehr auf ÖPNV angewiesen bin. Ein Gedanke: Die Fahrtickets werden dafür bezahlt, dass man eine einwandfreie Leistung erhält. Dazu zähle ich a) Saubere Züge mit b) funktionierenden Toiletten c) Saubere Bahnhöfe, die frei von Drogenabhängigen und Obdachlosen sind d) pünktliche, zuverlässige Fahrten e) funktionierende Klima- und Heizanlagen f) eine Infrastruktur (Gleise, Stellwerke etc.), die funktioniert und nicht schon bei einem Schneeflöckchen ausfällt und halb Deutschland lahm legt g) funktionierende Ticketautomaten h) Durchgängig geöffnete Ticket-Verkaufsstellen i) funktionierende Ticket-Stempeluhren j)… Mehr