Hubigs Kurs nach Faeser: Weniger Strafrecht für Delikte, mehr Härte gegen kritische Bürger

Nach den Plänen von Justizministerin Hubig (SPD) sollen Delikte wie Schwarzfahren entschärft werden. Das wäre praktisch, würden hierdurch doch Ermittlungsbehörden entlastet, die dann nochmal effizienter bei der Verfolgung von Meinungsäußerungen kritischer Bürger draufsatteln.

IMAGO

Gerade erst wieder wurde ein Busfahrer von einem 13-Jährigen so brutal attackiert, dass er ins Koma gefallen ist. Die Liste solcher immer brutaleren Fälle wächst seit Jahren, Angriffe auf Fahrer, Kontrolleure und Bahnpersonal nehmen kontinuierlich zu, trotz Messerverboten (man kann es kaum schreiben, ohne dabei nicht zu lachen) und immer neuer politischer Sicherheitsversprechen. Erst vor kurzem wurde ein Zugbegleiter bei einer Ticketkontrolle so schwer verletzt, dass er den Folgen der Verletzungen erlegen ist. Und was folgt daraus politisch?

Kein entschlossener Ruf nach harter, konsequenter Strafverfolgung, keine Stärkung der Durchsetzung von Regeln im öffentlichen Raum. Stattdessen erklärte ein bräsiger Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), man müsse eher die Ticketkontrollen entschärfen, Identitätsprüfungen zurückfahren und stärker auf Deeskalation setzen. Der Staat reagiert im Aufeinandertreffen mit seinen eingeladenen und alimentierten Neubürgern also nicht mit mehr Autorität, sondern ganz konkret mit immer mehr Rückzug.

Nicht der Täter soll den Preis zahlen, sondern die Kontrolle verschwindet aus der Situation. Genau hier setzt nun Hubigs Linie an. Während Gewalt im Alltag eskaliert und selbst einfachste Regeln kaum noch durchgesetzt werden, wird das Strafrecht dort gelockert, wo es den Apparat entlastet. Die Folge ist immer dieselbe: weniger Durchgriff gegenüber realen Übergriffen, mehr Energie für die Verfolgung dessen, was politisch als unerwünscht gilt.

Ein Nutzer auf X merkt zurecht an: „Schwarzfahren soll also „entkriminalisiert“ werden. Frau Hubig sagt, dass Menschen die sich eine Dienstleistung erschleichen nicht in den Knast sollten. Interessant! Wenn man nämlich KEINE GEZ-Gebühren zahlt, obwohl man sich KEINE Dienstleistung erschleicht, z.b weil man ÖRR nicht schaut, dann muss man trotzdem in den Knast! Warum wird das nicht entkriminalisiert!?“

Umlenkung staatlicher Energie

Stefanie Hubig verkauft ihren Vorstoß zur Entkriminalisierung des Schwarzfahrens als Vernunftpolitik. Tatsächlich zeigt er etwas ganz anderes. Dieser Staat wird nicht milder: Er räumt nur das Strafrecht dort frei, wo Verfahren lästig sind, damit an anderer Stelle mehr Kraft, mehr Personal und mehr politische Härte gegen den unbequemen Bürger mobilisiert werden kann. Hubig sagt offen, gute Gründe sprächen dafür, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren, weil Justiz und Gefängnisse entlastet werden müssten. Genau das ist der Punkt. Es geht nicht um Freiheit. Es geht um Umlenkung staatlicher Energie.

Ordnungswidrigkeit statt Straftat
Justizministerin Hubig will Schwarzfahren entkriminalisieren
Denn derselbe Apparat, der beim Schwarzfahren plötzlich die große Nachsicht entdeckt, zieht bei politischen Äußerungen immer schwerer die Daumenschrauben an. Politiker wie Joana Cotar und Fabio de Masi berichten auf X immer wieder davon, wie sie proaktiv von Ermittlungsbehörden auf Äußerungen von Nutzern im Netz angeschrieben werden mit der Frage, ob sie nicht Anzeige erstatten wollen. Hier wendet der Staat erkennbar immer größere Mittel auf.

Der Sonderparagraf 188 StGB zum verschärften Schutz von Politikern blieb bestehen; der Bundestag lehnte seine Abschaffung Ende Januar 2026 ab. Gleichzeitig liefen am 25. Februar 2026 bundesweite Maßnahmen gegen strafbare Inhalte im Netz in allen 16 Bundesländern. Das BKA spricht selbst von einem koordinierten Vorgehen; Länder meldeten Durchsuchungen, Vernehmungen und weitere Maßnahmen. Wer da noch von einem schwachen, überforderten Staat redet, schaut bewusst an der Wirklichkeit vorbei. Wenn es gegen Worte, Posts und digitale Zuspitzung geht, funktioniert der Apparat plötzlich sehr präzise.

Der Verweis auf pornografische Deepfakes dient dabei vor allem als Vorwand. Natürlich lässt sich an solchen Fällen moralisch leicht Empörung mobilisieren. Genau deshalb eignen sie sich politisch so gut als Rammbock. Verkauft wird das Ganze mit dem schlimmstmöglichen Beispiel, geschaffen wird am Ende aber ein deutlich breiteres Instrumentarium für Eingriffe in digitale Kommunikation. Es geht nicht nur um obszöne Fälschungen, sondern um den nächsten Hebel, mit dem der Staat Löschung, Verfolgung und Sanktionierung im Netz weiter ausdehnen kann. Der schockierende Sonderfall liefert die Kulisse, der eigentliche Zweck ist größer: mehr Zugriff, mehr Strafbarkeit, mehr Druck auf Plattformen und mehr Macht für jene Behörden, die ohnehin längst darauf trainiert sind, im digitalen Raum nicht Zurückhaltung, sondern Zugriff als neuen Normalzustand zu begreifen.

Bei Alltags- und Ordnungstatbeständen wird herunter-, bei Äußerungen und Kritik hochgestuft

Konzertierte Aktion?
Der kurze Weg von der gefühlten Gewalt zur echten Zensur
Gerade deshalb ist Hubigs Schwarzfahrer-Milde keinesfalls human, sondern kalkuliert. Was wurde bereits entschärft oder soll entschärft werden? Schwarzfahren soll nun vom Strafrecht weg in Richtung Ordnungswidrigkeit gedrückt werden. Seit Jahren läuft unter wechselnden politischen Etiketten die Modernisierung des Strafrechts mit dem erklärten Ziel, „überflüssige“ Vorschriften zu streichen; das Schwarzfahren war dabei immer wieder ausdrücklich im Fokus. Die Linie ist erkennbar: bei bestimmten Alltags- und Ordnungstatbeständen wird heruntergestuft, gestrichen, umetikettiert.

Und was wird gegen kritische Bürger in Stellung gebracht? Der Sonderstrafrechtsschutz für Politiker bleibt. Es gibt bundesweite Aktionstage gegen Hasspostings mit demonstrativen Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmung von elektronischen Geräten, die die Besitzer oft erst dann (bzw. wenn überhaupt) wiederbekommen, wenn es für deren Betriebssysteme keine Updates mehr gibt. Es gibt unter immer neuen Vorwänden neue Straftatbestände und immer neue Eingriffspläne rund um digitale Gewalt und Deepfakes. Es gibt den politischen Dauerdruck auf Plattformen, Inhalte schneller zu löschen und Risiken weiter nach unten zu delegieren. Es gibt damit nicht weniger Repression, sondern eine andere Verteilung von Repression: weniger Schärfe gegen Regelbruch im Alltag, mehr Schärfe gegen Störung im Meinungskampf.

Viele atmeten auf, als Nancy Faeser endlich aus dem Amt war, weil mit ihr ein Innenministerium ging, das sich in einer ganzen Serie von Zensur- und Übergriffsdebatten verheddert hatte. Die Liste ist beschämend lang. Faeser wollte das Compact-Magazin verbieten lassen; das Bundesverwaltungsgericht hob dieses Verbot am 24. Juni 2025 als rechtswidrig auf. Im Fall David Bendels hatte das Amtsgericht Bamberg wegen eines Faeser-Memes noch eine Freiheitsstrafe auf Bewährung verhängt; im Januar 2026 folgte der Freispruch in der Berufung. Und im Komplex Schönbohm untersagte das Landgericht München I dem ZDF mehrere Aussagen, weil sie als unwahre Tatsachenbehauptungen verstanden werden konnten. Das sind keine Randnotizen. Das sind schwere Korrekturen eines politischen Klimas, in dem der Staat und sein publizistisches Vorfeld zu oft glaubten, erst zuschlagen zu dürfen und den Rechtsstaat später nachreichen zu können.

Je offensichtlicher das Scheitern des Staates, desto mehr Ressourcen entfallen auf seinen Schutz vor Kritik

Tichys Einblick 03-2026
Der Zensur-Bauplan von Berlin und Brüssel
Hubig markiert deshalb keinen Neuanfang nach Faeser. Sie führt dieselbe Grundlogik nur mit anderer Akzentsetzung fort. Der Bürger soll sehen, dass der Staat gnädig sein kann, wenn es um Delikte geht, die den Betrieb belasten. Er soll aber genauso sehen, dass dieser Staat keine Nachsicht kennt, sobald Kritik, Spott oder digitale Gegenwehr die politische Klasse selbst treffen. Schwarzfahren soll entschärft werden. Die Beleidigung der Macht bleibt ein Sonderfall. Genau darin liegt die Schlagseite. Genau darin liegt die Gefahr. Der Staat räumt nicht ab. Er räumt um. Und freigeräumt wird dort, wo er Platz braucht, um gegen seine Kritiker umso entschlossener vorzugehen.

Während Hubig also schon am nächsten Entschärfungsprojekt arbeitet, schlägt der Handel wegen einer ganz realen Verwilderung des Alltags längst Alarm. 2024 verursachte Ladendiebstahl im deutschen Einzelhandel nach EHI- und HDE-Angaben einen Rekordschaden von rund 2,95 Milliarden Euro, die gesamten Inventurdifferenzen stiegen auf 4,95 Milliarden Euro, und der Handelsverband sprach ausdrücklich von einem „traurigen Rekord“. Zugleich geht die Branche davon aus, dass 98 Prozent aller Diebstähle gar nicht entdeckt werden. Hochgerechnet bleiben jedes Jahr rund 24,5 Millionen Ladendiebstähle, im Durchschnitt im Wert von jeweils 120 Euro. Der HDE warnt offen, ein Drittel der Schäden gehe inzwischen auf organisierte Kriminalität zurück, und forderte von der Politik endlich deutliche Maßnahmen statt weiterer Beschwichtigung. Genau an dieser Stelle wird die ganze Absurdität des Kurses sichtbar.

Wenn der Staat wirklich wollte, fände er hier ein gigantisches Feld für konsequente Rechtsdurchsetzung. Stattdessen verfestigt sich der Eindruck, als werde schon der nächste Schritt vorbereitet: erst Cannabis, dann Schwarzfahren, und morgen vielleicht auch noch der Ladendiebstahl, weil man auf diese Weise nochmal weitere Kapazitäten „freischaufeln“ könnte. Was da alles an Zeit, Personal und Verfahren frei würde. Dann bliebe noch mehr Raum für das, was diesem Apparat offenkundig wichtiger ist als der Schutz seiner Bürger im Alltag: die Jagd auf falsche Worte, falsche Memes und falsche Meinungen im Netz. Und wer nach einem Messerangriff noch fragt, warum der Staat selbst bei elementarer öffentlicher Sicherheit so oftversagt, bekommt die zynische Antwort gleich mitgeliefert: Man bewegt sich im öffentlichen Raum offenbar längst auf eigenes Risiko, die Messerverbotszone betritt man eben auf eigenes Risiko.

Aber wehe, jemand schreibt das anschließend zu deutlich ins Internet.

Je offensichtlicher dieser Staat an allen Stellen scheitert, umso dringender müssen nun alle verfügbaren Ressourcen auf seinen Schutz vor Kritik zusammengezogen werden.

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Kommentare ( 12 )

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luxlimbus
2 Stunden her

Abgedroschen – und doch wahrer, als alles, was uns derzeit im ÖRR begegnet:
„Ein kommunistisches System erkennt man daran, dass es die Kriminellen verschont und den politischen Gegner kriminalisiert.“

Or
1 Stunde her

Warum sollte die Justiz sich auch um reale Gewalt und Verbrechen kümmern, wenn es doch so viel einfacher, ja bequemer ist, gegen virtuelle Gewalt und Verbrechen vorzugehen.

Minusmann
1 Stunde her

Frau Hubig hat sich mit ihrer lügenhaften Deep-Fake-Sause nahtlos in den Kreis der Personen eingereiht, denen man absolut nichts glauben sollte, und denen man aber die miesesten Aktionen zutrauen muss. Frau Hubig, die gestern noch niemand so richtig kannte, ist auf dem Weg zur Faeser 2.0. Man darf gespannt sein, was da noch kommen wird…

heinrich hein
1 Stunde her

meines Erachtens verfügen Frauen außergewöhnlich oft über gute Examensnoten, ohne jedoch gute Juristen zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass Frau Faeser weder das eine hatte noch das andere war.

Berlindiesel
2 Stunden her

Den vom Autor gemachten Zusammenhang sehe ich nicht. Die Forderung ist alt, deutlich älter als Hubigs Amtszeit und wird alle 10 Jahre neu wiedergekäut. Das einzige, was an der Argumentationskette stimmt, ist, dass Forderungen gegen notorische Schwarzfahrer oft uneinbringlich sind und die selbst drei Wochen im Knast nicht schrecken, erst recht nicht im Winter. Ich lese das eher als einen erneuten Kotau vor den Muslim-Lobby, die die SPD stark unterwandert hat. Denn die meisten Schwarzfahrer heutzutage sind junge männliche Migranten. PS: Mir hat neulich ein Kontrolleur in der S-Bahn gesagt, dass die Zahl der (deutschen) Schwarzfahrer, vor allem der „professionellen“… Mehr

Budgie
2 Stunden her

Es war einmal, da wurde behauptet, die DDR wäre kein Rechtsstaat und keine Demokratie gewesen. Ok, sehe ich genauso, aber als was und wie betiteln wir das jetzige Gebilde namens BRD? Mit Freiheit hat es jedenfalls nichts mehr zu tun, die wird seit Corona jeden Tag weiter eingeschränkt. Von Demokratie zu reden wäre hier auch eine Zumutung, denn Wahlen werden auf Befehl im In- und auch im Ausland rückgängig gemacht und Kandidaten der Opposition gleich ganz von den Listen gestrichen. Ich denke, Totalitarismus wäre die treffende Bezeichnung für das heutige System. Die ideologischen Verblendungen sorgen wieder für den Untergang. Jetzt… Mehr

imapact
2 Stunden her

Nochmals der Verweis auf England. Dort wurde gerade der Mitarbeiter einer Ladenkette gefeuert, weil er bei einem Ladendiebstahl eingeschritten war. Im progressiven Kalifornien würde Ladendiebstahl im Wert von mehreren hundert Dollar nicht mehr geahndet. Ein Dreizehnjähriger, der einen Busfahrer ins Koma prügelt, gilt genauso als strafunmündig wie ein minderjähriger Serientäter. Wir erleben die völlige Umkehrung aller Werte. Oder besser: deren Vernichtung.

Or
1 Stunde her
Antworten an  imapact

In England wurden in manchen Gegenden Kameras aufgestellt, um Kriminalität besser/schneller aufklären zu können. Diese Kameras haben aufgezeigt, bzw. aufgezeichnet das Kriminalität größtenteils von farbigen, bzw. Menschen mit Migrationshintergrund verübt wurde.
Darauf hin wurden die Kameras sehr schnell wieder abgeschaltet, weil sie helfen würden, „rassistische Stereotype zu verbreiten“.

Man kann es sich nicht ausdenken.

Budgie
1 Stunde her
Antworten an  imapact

Stimmt, wir leben nicht im Jahr 2026 sondern seit einiger Zeit dauerhaft in Orwells „1984“ mit all seinen Gestalten wie O’Brian, den großen Bruder, Winston Smith, Julia u.a.m. welche heute natürlich auf Grund des Selbstbestimmungsgesetzes neue Namen tragen wie Merz oder Klingbeil.

Judith Panther
2 Stunden her

Faesers Werk und Hubigs Beitrag.
Wozu das geführt hat?
Dazu, daß das, was früher mal ein Witz war
https://www.youtube.com/shorts/CpCeC44fvNo
immer öfter zur Realität im, von woke-wahnsinnigen Egomanen beherrschten Universum geworden ist, über die schon lange niemand mehr lachen kann und wenn doch – Anzeige.

Ralph Martin
2 Stunden her

Mit Verlaub, für mich ist es Faschismus in die Köpfe der Menschen hinein regieren zu wollen.

M. Stoll
2 Stunden her

„Ein kommunistisches System erkennt man daran, daß es die Kriminellen verschont und den politischen Gegner kriminalisiert.“
(Alexander Solschenizyn)