Lars Klingbeil steht mit dem Rücken in der Wand

Die SPD liegt politisch im Hospiz. Lars Klingbeil verarbeitet sein Trauma damit, indem er über Frauen fabuliert, die das Ehegattensplitting wie ein unterdrückendes Mieder loswerden wollen und über Bürger, die zu Opfern bereit sind – während die Diäten im Bundestag vor der nächsten Erhöhung stehen. Ein Mann, so fertig wie seine Partei.

picture alliance / Jörg Carstensen

Die SPD ist abgestürzt, und zwar nicht in irgendeine vorübergehende Delle, sondern in ein offenes politisches Elend. Müßte man den Zustand der SPD in Metaphern beschreiben, dann läge die Partei nicht mehr in einem von ihrer Politik kaputtgesparten Krankenhaus auf einer Intensivstation, sondern schon mit anderthalb Beinen im Hospiz. In aktuellen Umfragen steht die inhaltsleere Partei bei 14 Prozent, teils sogar bei 13. In Baden-Württemberg kam sie nur noch auf 5,5 Prozent, in Rheinland-Pfalz verlor sie nach 35 Jahren die Macht.

Reuters beschreibt eine Partei in der Krise, die verzweifelt nach einem neuen Kurs sucht. Während viele Deutsche, aber auch in der Partei selbst, den beiden Vorsitzenden nicht mehr zutrauen, die SPD aus diesem tiefen Loch zu führen. Was beide, Bas und Klingbeil, aber nicht daran hindert, mit „Land“, „Unsicherheit“, „Krieg und so“ (überspitzt wiedergegeben) beharrlich an ihren Posten festzuhalten. Danach käme auch nur noch irgendein hochdotierter Versorgungsposten in irgendeinem neuen Amt, wo man wiederum neue Stellen um ihrer selbst willen schaffen kann. Das will die SPD in der Krise aller Krisen dann mit leeren Gesichtern im Willy Brandt Haus als ganz große Vision für die Zukunft verkaufen. Vielen Dank. Dieser Patient ist tot und wird nur noch durch den ungenierten Zugriff auf Steuerzahlergeld am Leben erhalten.

Zu diesem Desaster gehört mehr als nur der Blick auf die Prozentzahlen. Die SPD hat ihre Kraft nicht einfach verloren, sie hat sie verschleudert. Jahrelang wich sie den wirklichen Konflikten des Landes aus und setzte stattdessen auf Ersatzthemen, moralische Inszenierungen und die ewige Verwechslung von Haltung mit Regierungskunst. Das Verbot der AfD wurde wie ein politischer Generalschlüssel behandelt, als könne man die eigene Schwäche per Gerichtsbeschluss aus der Welt schaffen. Das schuldenfinanzierte Zukunftspathos sollte Infrastruktur erneuern und schaffen sowie Modernisierung bringen, wurde aber gierig anders verschleudert und zweckentfremdet als angekündigt. Und während die eigenen früheren Wähler mit Energiepreisen, Wohnkosten, Abgaben und Kontrollverlust im Alltag überzogen werden und zu ringen haben, verzettelte sich die Partei in Milieupflege und Ersatzerregung. So wird eine Partei leer. Erst inhaltlich. Dann sozial. Dann sprachlich.

Nun traf sich dieselbe SPD wieder zur angeblichen Erneuerung. Das Wort fällt in diesem Laden inzwischen mit der Verlässlichkeit eines kaputten Weckers. Erneuerung heißt dort fast immer, dass altes Denken neu verpackt wird. Mehr Staat, mehr Zugriff, mehr Umverteilung, mehr Belastung, dazu die übliche Behauptung, all das werde von den Leuten eigentlich sehnsüchtig erwartet. Die Partei ist leer, leer, leer. Leer an Einfällen. Leer an Glaubwürdigkeit. Leer an jeder überzeugenden Antwort darauf, warum ausgerechnet sie das Land aus einer Krise führen sollte, an der sie selbst jahrelang mitgeschrieben hat.

Und das ist die Lage, aus der ein noch blasserer als sonst Lars Klingbeil heraus derzeit in die Mikrofone dieses Landes sein Trauma stetig neuer Niederlagen verarbeitet. Als Vorsitzender eines Apparats, der sich selbst ausgehöhlt hat und nun so tut, als sei nur das Publikum noch nicht auf der Höhe seiner Einsichten.

Gerade weil das Ausmaß des Desasters so offensichtlich ist, wirken seine jüngsten Auftritte, in denen er noch häufiger mit den Augen klimpert als sonst, noch zweimal so grotesk. Das Momentum für seinen Absprung bzw. Rücktritt hat er verpasst. Je schwächer die Partei, desto größer die Behauptung. Je tiefer der Absturz, desto freier die Erfindung gesellschaftlicher Wünsche, die außerhalb der Berliner Sprechblasenlandschaft kaum jemand kennt.

Klingbeil redet inzwischen nicht mehr gegen politische Gegner an, sondern gegen die Wirklichkeit selbst. Und das tut er mit jenem leicht gequälten Ernst, der immer dann besonders bizarr wird, wenn einer ohne Beleg so spricht, als habe er das Land gerade auf frischer Tat belauscht.

Besonders hübsch geriet ihm das beim Ehegattensplitting. Da erklärte Klingbeil im Fernsehen, er kenne viele Frauen, die ihm sagten, sie würden gern mehr arbeiten, aber dafür müsse das Ehegattensplitting abgeschafft werden. Sind diese Frauen gerade mit Ihnen in einem Raum, Herr Klingbeil? Gibt es für dieses angeblich so drängende Bedürfnis irgendeinen Nachweis außer Ihrem Mitteilungsbedürfnis? Denn fest steht nur: Er behauptet gerade viel. Das Muster ist unangenehm vertraut. Der Staat will an eine Regelung heran, also wird die Zumutung kurzerhand als Wunsch der Betroffenen ausgegeben. Der Eingriff erscheint dann nicht mehr als Angriff auf Familien, sondern als deren heimlicher Emanzipationsruf.

Wenn er jetzt schon Stimmen hören sollte wie Jeanne D’Arc, wird es hingegen höchste Zeit, um professionellere Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zuvor behauptete er in den Tagesthemen rund um seine Reformrhetorik, die Menschen seien bereit, mehr Opfer zu bringen. Nein, das sind sie nicht. Sie sind ausgepresst. Die Arbeitslosen- und Insolvenzzahlen klettern von Woche zu Woche auf neue Höchststände. Die Menschen erleben seit Jahren, dass Verzicht, Mehrarbeit und neue Lasten fast immer den normalen Bürgern zugemutet werden, während die politischen Prestigeprojekte der Klasse über ihnen erstaunlich opferfest bleiben. Wer den Leuten nach Inflation, Abgabenlast, Energiepreisschocks und Wohlstandsverlust noch einreden will, sie warteten innerlich bereits auf das nächste Opfer, redet blanken Stuss – und zwar aus purer Verzweiflung.

Im Kontrast zu den nächsten Erhöhungen der Diäten im Bundestag ab 1. Juli, die jedem Abgeordneten noch einmal 500 Euro mehr in ihre ohnehin schon fetten Brieftaschen flattern, nimmt sich dieser Satz, die Menschen seien bereit mehr Opfer zu bringen, noch einmal wesentlich unverfrorener aus. Schon klar, Herr Klingbeil. Damit ihr eure Fahrer noch öfter zum Pasteten holen über die Grenze schicken könnt, sind die Menschen bereit Opfer zu bringen.

Am schönsten aber war jener Klingbeil-Satz: „Die Migration der letzten Jahre stabilisiert die deutschen Sozialsysteme erheblich.“ Die Journalistin Fatina Keilani (Welt) wies auf X darauf hin, dass dieser Satz nicht im zuvor ausgegebenen Manuskript stand.

— Fatina Keilani (@KeilaniFatina) March 26, 2026

Hätte Klingbeil noch einen Kopf oder einen Kragen, um die er sich labern könnte, wäre es ja was. Aber der mit der Antifa sympathisierende Sozi steht mit dem Rücken in der Wand, weswegen er nun immer öfter irgendwelche Aussagen imaginärer Frauen und Menschen erfinden muss, je näher die Implosion des Lügenkartenhauses heranrückt. Dead man walking Zombie-Status.

Genau so sieht es aus. Ein politisch hochbrisantes Narrativ wird nicht belastbar unterfüttert, sondern einfach in die Welt gesetzt. Als Behauptung. Als Formel. Als Zauberspruch gegen jeden, der noch weiß, wie groß die Lasten auf Wohnungsmarkt, Kommunen, Kassen und gesellschaftlichem Zusammenhalt längst geworden sind. Öffentlich-Rechtliche oder der Spiegel werden bei sowas schon nicht nachhaken, also weiter im Text.

Das ist überhaupt der Kern von Klingbeils Auftreten. Er argumentiert nicht, er annonciert. Frauen wollen dies. Die Menschen sind bereit für Opfer. Migration stabilisiert alles. Die eigene Partei stürzt historisch ab, und der Vorsitzende spricht, als sei er zum Dolmetscher einer schweigenden Mehrheit berufen. Einer Mehrheit, die es realiter für ihn nicht mehr geben wird.

Tatsächlich ist er der Sprecher eines Apparats, der seine Bodenhaftung verloren hat und die daraus entstehende Leere mit immer neuen Sätzen erfundener Aussagen tapeziert. Wo Substanz fehlt, wird die Behauptung lauter. Wo Vertrauen fehlt, wird die Pose größer. Wo die Partei nichts mehr mitbringt als alte Rezepte, muss der Vorsitzende so tun, als würden draußen Millionen genau danach verlangen.

Lars Klingbeil ist inhaltlich bankrott. Diesen Befund belegen seine jüngsten Auftritte mit einer eindringlichen Deutlichkeit. Klingbeil ist ebenso am Ende wie seine Partei. Bitte nicht noch zum Weinen bringen, befürchtet man, dass Friedrich Merz gerade wieder seitlich aus den Büschen springend einwirft. Schließlich ist dieser abgeblätterte Blender noch ein wenig auf diesen ausgezehrten Klingbeil angewiesen. So stützen sich zwei Fehlbesetzungen im Endstadium. Leider versenken sie auf ihrem Weg nach unten ein ganzes Land gleich mit.

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