Immer mehr Sitzenbleiber in der ersten Klasse

Immer öfter sind Kinder schon in den ersten beiden Grundschuljahren völlig überfordert und müssen die Klasse wiederholen. Das liegt vor allem an fehlenden Deutschkenntnissen. Doch die Politik redet um die Ursachen herum.

picture alliance / CHROMORANGE | Udo Herrmann

Im aktuellen Schuljahr müssen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen 23.924 Kinder in der sogenannten „Schuleingangsphase“ ein zusätzliches Jahr anhängen. Anders: In der ersten und zweiten Klasse bleiben 6,5 Prozent aller Schüler sitzen. Das ist etwa jedes 15. Kind.

Vor zehn Jahren waren es gerade einmal 2,8 Prozent.

Die Zahl hat sich also mehr als verdoppelt. Nicht etwa sprunghaft, sondern Jahr für Jahr. Wir haben es also nicht mit einem statistischen Ausreißer zu tun. Es ist ein strukturelles Problem.

System wird gesprengt

Die Schulen sind nicht darauf ausgelegt, dass immer mehr Kinder länger bleiben. Es fehlen Räume, es fehlen Lehrer, es fehlt Zeit.

In Städten wie Dortmund oder Gelsenkirchen liegt der Anteil der Kinder, die länger brauchen, schon bei rund zehn Prozent. An einzelnen Schulen ist die Lage noch drastischer. Eine Dortmunder Rektorin berichtet, dass fast jedes zweite (!) Kind fünf Jahre für die Grundschule benötigt. Das ist irre.

Die Folgen sind verheerend und zwangsläufig: Klassen werden voller, die Leistungsunterschiede größer, die Belastung für die Lehrer untragbar. In NRW gibt es zahllose zweite Klassen mit 30 Kindern. Darunter sind viele, die eigentlich eine besonders intensive Förderung bräuchten.

Wenn man etwas zurecht als „Teufelskreis“ bezeichnen kann, dann das: Je mehr Kinder Unterstützung brauchen, desto weniger Hilfe bekommt jedes einzelne Kind.

Der Elefant im Raum

Offiziell verweist das Schulministerium auf „familiäre und soziale Umstände“. Genannt werden außerdem mangelnde frühkindliche Förderung, motorische Defizite und nicht näher erläuterte „Sprachprobleme“.

Das ist Verdrängung erster Güte.

Hinter dem Begriff „Sprachdefizite“ verbirgt sich etwas, das gerade Politik und Verwaltung in NRW ums Verrecken nicht klar benennen wollen: der massiv gestiegene Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und fehlenden Deutschkenntnissen.

Die Zahlen dazu sind längst öffentlich bekannt. Man muss sie nur lesen wollen:

  • In NRW haben laut offizieller Schulstatistik inzwischen mehr als 40 Prozent der Grundschüler eine Zuwanderungsgeschichte
  • In vielen Großstädten – etwa im Ruhrgebiet – liegt der Anteil sogar noch deutlich höher, teils bei 60 bis 70 Prozent
  • Die Bildungsberichte zeigen, dass rund ein Drittel der Kinder bei der Einschulung erhebliche Sprachdefizite aufweisen
  • In vielen sogenannten Brennpunktschulen beginnt ein relevanter Teil der Kinder ihre Schullaufbahn ohne ausreichende Deutschkenntnisse

Das ist kein Randphänomen. Das ist längst die Realität im Klassenzimmer.

Rhetorik statt Realität

Mindestens so absurd wie die Entwicklung selbst ist der Umgang damit.

Die Zahlen steigen seit Jahren. Und seit Jahren ist die politische Reaktion: null. Weder Landesregierung noch Opposition wollen das eigentliche Migrationsproblem hinter dem vordergründigen Schulproblem anfassen. Man spricht von „Herausforderungen“, von „Vielfalt“, von „Chancen“.

Was man nicht sagt: Dass ein Schulsystem, in dem ein erheblicher Teil der Kinder die Unterrichtssprache nicht beherrscht, zwangsläufig scheitern muss.

Dann werden Grundschulen zu Kinderverwahranstalten. Die Behörden in Nordrhein-Westfalen bemühen sich nach Kräften, den Skandal im typischen Beamtenjargon kleinzureden. Da heißt es dann nicht, dass immer mehr Erst- und Zweitklässler sitzenbleiben. Da heißt es dann stattdessen, die Kinder würden „die Schuleingangsphase verlängern“.

Und statt der Massenzuwanderung aus bildungsfernen Kulturkreisen wird plötzlich der „Medienkonsum“ zur Hauptursache des Schulversagens in der Grundschule.

Man fragt sich schon, wie abgrundtief verkommen die Leute eigentlich sind, die Kinder in ein versagendes System stecken, nur um ihre eigene Ideologie nicht in Frage stellen zu müssen.

Nur Verlierer, keine Gewinner

Diese Realitätsverweigerung schadet nicht nur den Kindern, die ihre Schulkarriere mit einem Rückstand starten, den sie oft nie mehr aufholen. Sie bedeutet auch für die Lehrer mehr Arbeit, mehr Druck – und weniger Wirkung.

Die Landesregierung von CDU-Linksaußen, Merkel-Jünger und Ministerpräsident Hendrik Wüst setzt nun auf sogenannte „ABC-Klassen“. Das sind verpflichtende Förderkurse vor der Einschulung. Bei allem Respekt: Das ist weiße Salbe. Es kann das Problem nicht ansatzweise lösen. Wenn ein Kind erst kurz vor der Einschulung beginnt, Deutsch zu lernen, ist das viel zu spät. Dann ist der Drops längst gelutscht.

Zusätzlich soll die Möglichkeit geschaffen werden, schon bei der Einschulung ein zusätzliches Jahr einzuplanen. Das ist wieder der klassische Ansatz, Probleme administrativ zu verwalten statt sie zu lösen.

Die Frage der Fragen

Sprechen wir aus, was in NRW niemand auszusprechen wagt: Warum kommen so viele Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse in die Schule?

Darauf gibt es eine klare Antwort. Aber sie wird politisch absichtlich ausgeblendet. Denn sie berührt Grundsatzfragen: Zuwanderung, Integration, Bildungsprioritäten. Stattdessen bleibt man im Ungefähren. Man redet von „gesellschaftlichen Entwicklungen“ und wundert sich über deren Folgen.

Es ist, keine Frage, eine Krise mit Ansage. Im Strafrecht würde man von „bedingtem Vorsatz“ sprechen: So nennen es die Juristen, wenn ein Täter schwere Nachteile für seine Opfer „billigend in Kauf nimmt“.

Die Opfer der Politik in NRW sind: die Kinder, die Lehrer, die Eltern. Und die Gesellschaft.

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