Wer bin ich – und wenn ja: wie viele? „Die“ Bundesrepublik gibt es nicht mehr. Die Nation ist geteilt, und das entlang gleich mehrerer Achsen. In tiefen Gräben ertrinkt die deutsche Illusion von Einigkeit und Recht und Freiheit.
picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer
„Zwei Leben in Deutschland“: So hat der große Hans Rosenthal einst seine Autobiografie genannt. Heute gilt für die meisten Menschen bei uns:
Ein Leben in zwei Deutschlands.
Es ist nicht die eine, große Bruchlinie, die unser Land spaltet. Es sind mehrere. Manche sind breiter, andere schmaler. Teilweise verlaufen sie parallel, teilweise überschneiden sie sich: jung gegen alt, arm gegen reich, Stadt gegen Land, Mann gegen Frau, Markt gegen Staat.
Relativ neu ist dabei nur der Konflikt zwischen autochthoner christlicher Bevölkerung und zugewanderten Muslimen. Die anderen diversen Gegensätze gibt es schon lange. Aber sie haben sich verändert. Und sie haben sich verschärft.
Steuerempfänger gegen Steuerzahler
Wahlentscheidungen richten sich immer nach dem kulturellen Milieu des Wählers. Die Ergebnisse der Wahlen jüngst in Baden-Württemberg und zuletzt im Bund unterstreichen den vermutlich wichtigsten Gesellschaftskonflikt im real existierenden Deutschland.
Da sind zuvorderst die Profiteure des aktuellen Systems. Sie sitzen im erweiterten Öffentlichen Dienst: als Beamte, als Mitarbeiter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in den staatsabhängigen NGOs, in den staatsabhängigen Meldestellen, in den staatsabhängigen Stiftungen, in den staatsabhängigen Instituten, in den Staatsparteien und in den riesigen Apparaten des Parlamentsbetriebs.
Sie leben von Steuergeld, direkt oder indirekt. Meistens eher direkt. Ihr Lebensgefühl ist von Unkündbarkeit definiert – also von einer ökonomischen Sicherheit, von der die ernsthaft arbeitende und netto steuerzahlende Bevölkerung nur träumen kann.
Eine Untergruppe bilden die Arbeitsunwilligen. Sie können den von anderen, arbeitenden Menschen alimentierten Steuertopf vor allem dank der SPD nahezu nach Belieben ausplündern. „Das nennt man Sozialstaat“, heißt es dann. Dass niemand ein Recht darauf hat, auf Kosten anderer zu leben, nannte man früher Gerechtigkeit.
Die Steuerempfänger und die Steuerzahler stehen an den gegenüberliegenden Ufern eines sehr breiten und sehr tiefen Flusses. Ihre Lebenswelten haben kaum noch Berührungspunkte. Es führt keine Brücke mehr von der einen Seite zur anderen.
Systemprofiteure wählen Systemparteien. Arbeiter (und immer mehr Angestellte und Selbständige) wählen AfD.
Fremdbestimmte gegen Selbstdenker
„Menschen, die an Long Tagesschau leiden.“
Mit diesem ausgesprochen gelungenen Bild hat jüngst ein TE-Leser die Kirchgänger der öffentlich-rechtlichen Medien umschrieben. Es ist ein weit überwiegend, aber keineswegs ausschließlich älteres Publikum.
Das lineare Fernsehen stirbt gerade zeitgleich mit seinen Stammzuschauern einen langsamen Tod. Bei ARD und ZDF sitzt man vor allem deshalb in der ersten Reihe, weil die Sehkraft nachlässt. Gerade deshalb drängt der ÖRR mit Macht ins Internet, vor allem in die Sozialen Medien. Dort ist er viel aktiver, als die breite Masse es wahrnimmt. Und dort findet er auch ein deutlich jüngeres Publikum.
Die Kanäle heißen „Funk“ oder „Quarks“ und haben die Formate wie „Die da oben“, „Mädelsabende“ oder „Wahrscheinlich peinlich“. Es ist, man kann das gar nicht anders sagen, die archetypische, links-woke, öffentlich-rechtliche Propaganda.
So kommt es, dass auch viele junge Menschen an Long Tagesschau leiden – obwohl sie die Original-Tagesschau im TV niemals sehen.
Die privaten Medien, früher noch ernsthafte Konkurrenten und Gegengewichte zum ÖRR, sind inzwischen faktisch eingemeindet. Das gilt für TV und Print gleichermaßen. Es liegt einerseits an einem unseligen Personalaustausch, mit dem es dem ÖRR gelungen ist, Unterschiede zwischen den Medienbereichen einzuebnen. Die allermeisten Menschen sind käuflich, und Journalisten sind auch nur Menschen.
Andererseits drängt schon sehr lange ein ganz bestimmter Typus in die Branche. Wer – wie ich – mal ein paar Jahre als Lehrbeauftragter an einer großen Universität in der Journalistenausbildung gearbeitet hat, der weiß: Der Beruf ist schon ganz am Anfang komplett in der Hand von (meist übrigens weiblichen) aktivistischen Weltverbesserern. Die wollen als Journalisten keinesfalls nach der Wahrheit suchen – weil sie fest davon überzeugt sind, mit Anfang 20 die Wahrheit schon zu kennen.
Demgegenüber hat sich ein inzwischen sehr erfolgreiches alternatives Medien-Ökosystem gebildet – allen Einschüchterungsversuchen von Politik, Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten zum Trotz. TE, das kann an dieser Stelle nicht ohne Stolz erwähnt werden, ist hier seit zwölf Jahren der Vorreiter.
So fundamental gegensätzlich wie die Informationsanbieter sind auch die Konsumenten. Der Hauptunterschied liegt darin, dass das Publikum der selbsternannten Leitmedien sich daran gewöhnt hat (und auch damit zufriedengibt), vorgekaute Glaubenssätze zu übernehmen. Wer eine Kombination aus Markus Lanz und der jeweiligen Lokalzeitung aus dem Madsack-Verlag für eine umfassende politische Information hält, dem ist nicht mehr zu helfen.
„Folgt der Wissenschaft“ und „Denkt selbst“ sind zwei Welten, die sich nicht mehr berühren.
Gleichheitsschwätzer gegen Realisten
Wettbewerb ist das Fundament jeder erfolgreichen Gesellschaft. Jeder, der etwas anderes sagt, redet dummes Zeug.
Derzeit redet praktisch das gesamte politische Establishment der Bundesrepublik dummes Zeug, über alle Parteigrenzen hinweg. Korrektur: über fast alle Parteigrenzen hinweg. Die AfD ist da (noch) außen vor, in vielerlei Hinsicht.
Mit der Brandmauer will das polyamore Machtkartell unserer politischen Organisationen die Alternative für Deutschland draußen halten. Bisher gelingt das, doch der Preis ist hoch. Die Brandmauer sperrt zwar die AfD aus, aber sie sperrt eben gleichzeitig auch ausnahmslos alle anderen ein.
Das Ergebnis ist nicht Vielfalt in Eintracht, sondern Zwietracht in Einfalt.
Ganz gleich, ob in formalen Koalitionen wie der von CDU/CSU und SPD in der Bundesregierung, ob in temporären Zweckbündnissen bei Abstimmungen wie von Union und „Linke“ bei der Grundgesetzvergewaltigung zur Schleifung der Schuldenbremse oder ob in heimlichen Kungeleien: Da wuchert zusammen, was nicht zusammengehört.
Die Mitspieler bei dieser neuen Einheitspartei haben auf den ersten Blick kaum Gemeinsamkeiten, von ihrer verzweifelten Abneigung gegen die AfD und deren Anhänger einmal abgesehen. Niemand sollte sich darüber wundern, wenn die Bürger den Block „Unsere Demokratie“ als das wahrnehmen, was er ist: eine Querfront zur Verhinderung der AfD.
Es ist das Gegenteil von politischem Wettbewerb.
Inhalte, Wertvorstellungen oder gar Weltanschauungen konkurrieren nicht mehr ernsthaft miteinander. Sicher, man macht ein bisschen Wahlkampf. Doch das Ergebnis steht schon vorher fest: Irgendwie raufen sich am Ende alle außer der AfD zusammen, um eben jener AfD den Zugang zu den fetten Fleischtöpfen des Polit-Business so weit wie möglich zu blockieren.
Darin sind sich insgeheim alle einig: die Merz-Klone von der CDU, diese Jungs aus dem Windkanal; die nicht weniger glattgekieselten Empörungsdamen von den Grünen; die stocksteifen SPD-Bürokraten; und auch die so konventionell unangepassten Salon-Kommunisten von der „Linken“ mit ihren 100.000-Euro-Audis.
Mit einem Streit um die beste politische Lösung zum Wohle des Volkes hat das alles nichts zu tun.
Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Unsere politische Klasse lebt in keiner weltanschaulichen Konkurrenz mehr. Kein Wunder, dass sie mit dem Konzept von Wettbewerb insgesamt nichts anfangen kann.
So taumelt Deutschland, das einst im weltweiten Wettbewerb wohlhabend geworden ist, gleichheitsbesoffen, überempfindlich und im Wortsinn konkurrenzunfähig in den Niedergang. Und keiner wird es aufhalten.
Ehrentag am Sterbebett
In drei Jahren feiert die Bundesrepublik Deutschland ihren 80. Geburtstag. Im historischen Vergleich waren das sensationell gute acht Jahrzehnte.
Unser Land lag in Trümmern und hat sich in Rekordzeit zur viertgrößten Wirtschaftsmacht der Welt hochgearbeitet. Schon kurz nach einem selbst angezettelten und furios verlorenen Weltkrieg ging es den Menschen bei uns um Lichtjahre besser als den Menschen fast überall sonst auf dem Globus. Wir mussten uns nie als Verlierer der Nachkriegsgeschichte fühlen. Wieso auch? Wir wurden sogar viermal Fußballweltmeister.
Und wir lebten in fast friedlichen Zeiten. Es gab zwischendurch mal ein paar Bomben in Nordirland und bei den Basken. Für ein paar Monate wurde es etwas unruhig, als Jugoslawien zerbrach. Aber das war alles gefühlt doch sehr weit weg. Und wenn wir ehrlich sind, hat es uns nie so richtig betroffen. Gestorben sind immer andere, im Zweifel die Amerikaner.
Aber nichts währt ewig.
Wir neigen dazu, den Zustand, mit dem und in dem wir groß werden, als normal anzusehen. Das ist er nicht. Nicht wirtschaftlich, nicht politisch, noch nicht einmal existenziell.
Wohlstand ist nicht normal.
Keine Nation in der Geschichte ist immer nur reich. Wohlhabende Länder stürzen ab, unterentwickelte Länder blühen auf. Reichtum muss man erobern oder sich erarbeiten. Die bei uns heute weit verbreitete Vorstellung, unser Reichtum sei sozusagen naturgegeben, ist Ausdruck von lebensbedrohlicher Übersättigung und führt absehbar in die Verarmung.
Freiheit ist nicht normal.
Im Gegenteil: Herrschaft und Unterdrückung sind die Nullwerte der Geschichte. Dabei ist die eigene Selbstgefälligkeit immer der größte Feind der res publica. „Unsere Demokratie“ – wer in diesem Sinnzusammenhang ernsthaft ein Possessivpronomen, also ein besitzanzeigendes Fürwort benutzt: Der hat weder die Bürgergesellschaft verstanden noch das Konzept des souveränen Volkes. Diese Leute halten die Demokratie zu Unrecht für selbstverständlich und werden sie deshalb zu recht verspielen. Leider werden alle die Folgen tragen. Aber auch das ist der übliche Lauf der Dinge.
Frieden ist nicht normal.
Tatsächlich ist weltweit der Krieg der wahre Normalzustand. Dass wir in Europa, besonders in Deutschland, jetzt seit fast 80 Jahren keine bewaffneten Konflikte mehr erlebt haben, weder äußere noch innere, ist eine historische Anomalie. Wer sich wegen dieser Anomalie nicht mehr selbst verteidigen will, wird irgendwann mindestens erobert – oder untergehen. Nicht nur Länder, sondern sogar Weltreiche entstehen und verschwinden wieder. Wie Sparta oder Karthago. Die USA haben vor 250 Jahren überhaupt noch nicht existiert.
Dass wir überhaupt so lange durchhalten, ist nicht ausgemacht.
Die überholte Nation
Die Bundesrepublik Deutschland wirkt erschöpft von sich selbst. Im Innern verzetteln wir uns in kleinteilige Streitereien. Die können wir uns schon lange nicht mehr leisten, aber wir kommen nicht davon los.
- Einige sehen das nicht oder wollen es nicht sehen. Das sind die Naiven, denen es an geschichtlicher Bildung fehlt. Sie werden Opfer ihrer eigenen Blindheit und ihrer selbstgerechten Ignoranz.
- Einige sehen es und freuen sich mehr oder weniger offen darüber. Das sind die Bösartigen, die „Vaterlandsliebe“ schon immer zum Kotzen fanden und mit Patriotismus nichts anfangen können.
- Einige sehen das vielgestaltige Auseinanderfallen der Nation zwar und würden es auch ändern wollen. Aber ihnen fehlt die Masse, manchmal auch die Kraft. Viele, sehr viele aus dieser Gruppe verlassen resigniert das Land. Noch mehr wählen die innere Emigration.
Wer nicht zu Sentimentalitäten neigt und die Welt lieber nüchtern betrachtet, der kann sich kaum der Erkenntnis verschließen, dass Deutschland keinen echten Selbstbehauptungswillen und Selbsterhaltungstrieb mehr zeigt.
Es waren acht sehr gute Jahrzehnte. Ob noch sehr viel mehr dazukommen, ist eher fraglich.


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Ein Drittel des Landes durch Vertreibung etnisch gesäubert oder durch Kulturpolitik entdeutscht und vierzig Jahre Diktatur in Mitteldeutschland werden vom Autor unterschlagen – schade das er an so vielen anderen Stellen Recht hat.
Auf der einen Seite ist Deutschland starr und sklerotisch geworden, auf der anderen Seite ist es durch die wahnsinnige Einwanderungs“politik“ zu einem Pulverfass geworden das eines Tages zu explodieren droht.
„Deutschland zerfällt“
Genau das ist es doch was von den rotdunkelrotgrünen Apologeten so frenetisch belauscht wurde aber auch die (Merkel) schwarzen und gelben haben kräftig mitgewirkt und sei es nur des Zeitgeist wegen.
Dummerweise haben diese Komiker gedacht das sich alles um sie herum ändert nur sie selber und ihre Lebensumstände bleiben Standart.
Das rächt sich demnächst ganz gewaltig.
Fazit: glücklich ist, wer so viele Schäfchen ins Trockene gebracht hat, dass sie mit einiger Wahrscheinlichkeit bis zum Ende der biologischen Restlaufzeit für ein komfortables Leben reichen. Man lebt in seinem Mikrokosmos und die Deutschlandfahne ist einem dabei schon länger schnurzegal.
Deutschland in der gegenwärtigen Staatsform der BRD wird keine weiteren 80 Jahre schaffen.
Viele Foristen und Neurechte werden sich in der zweiten der von Alexander Heiden am Schluss aufgeführten Gruppe wiederfinden. Oft bestreiten sie das, schon weil sie sich selbst im weitesten Sinne für „rechts“ halten und rechts früher eben mit Nation und Vaterlandsliebe gleichgesetzt wurde. Und entsprechend in der postnationalen Bundesrepublik verfemt war und ist. Diese Gruppe ist der größte Feind der Nation. Zyniker, Kriegsgewinnler, Abzocker. Egal, ob links, woke, neurechts oder kosmopolitisch. TE war früher ordoliberal und hoffte auf eine konservative Rückbesinnung der CDU (und FDP), der viele seiner Autoren nahestanden. Das hat sich als Luftschloss erwiesen. Nun mäandert man zwischen… Mehr
Die Polarisierung und Spaltung Deutschlands ging mit Merkel erst richtig los und wird durch Merz konsequent forciert (Brandmauer).
Stillstand, Zerfall und Niedergang: CDU-Politik pur.
Ob aus Inkompetenz oder Ignoranz, ob aufgrund „strategischer Fehler“ oder politischer Selbst- und Brandmauertäuschung, realitätsentrückter Schönrednerei kombiniert mit nur noch schamloser Lügenrhetorik oder einer Kombination aus allem – ist dabei kaum mehr entscheidend.
Die Ü70-Long-Tagesschau-Fraktion wählt auch im Jahr 2026 weiterhin mit 40 – 50% besinnungslos, wie mit einem Brett vorm Kopf, die CDU-Partei. Starr vor Angst und Besitzstandwahrung klammert sich diese Ü70-Generation an den Masten des sichtlich sinkenden Schiffes.
Die, die „Einheit“ am lautesten proklamieren, sind die schärfsten Äxte: Der Herr Bundespräsident (aka „Walter der Spalter“), die Kirchen, die staatsfrommen „Qualitätsmedien“, die Vorwendeparteien. Denn zu einen heißt, alle Argumente zu berücksichtigen. Und nicht, wegzuwünschen, was nicht im eigenen Gebetbuch steht.
„Weinerlichkeit und Knecht und Feigheit“ – so kann man den aktuellen Zustand der Deutschen beschreiben.
wir hören es immer noch: „Deutschland ist ein reiches Land“. Um in Folge damit irgend ein weites Verprassen von Steuergeldern begründet zu bekommen.