Was hat Trump vor?

Trump behandelt andere Staatschefs nach Kosten-Nutzen-Rechnung. Es wird keine politischen Geschenke aus ideologischen Gründen geben, mögen sie transatlantischer, neokonservativer oder globalistischer Natur sein.

© Drew Angerer/Getty Images
Trump Holds Summit With Technology Industry Leaders, Dec 14th 2016, New York.

Die Frage danach, was den neuen Präsidenten der USA umtreibt, stellte sich bereits vor der Wahl. Trump blieb vielen Politikern und Journalisten ein Enigma. Oft war während der Wahl zu hören, Trump hätte keinen Plan, er ändere seine Meinung je nach Tageslaune, lege sich nicht fest, wüsste auch nicht, wen er zum Minister bestellte oder hätte keine politische Idee. Obwohl diese Vorwürfe in den Wahlmonaten kursierten, kamen mir bereits damals Zweifel an dieser sehr einfach gestrickten (vulgo: „populistischen“) und teils auch falschen (vulgo: „postfaktischen“) Argumentationsführung. Wer derlei Behauptungen aufstellt, kann das nur gegenüber Menschen tun, die vielleicht keine einzige Rede Trumps verfolgt haben, und sich allein von kleinen Schnipseln – natürlich sorgfältig von den Quantitätsmedien ausgesucht – informiert fühlen.

Wer jedoch den US-Wahlkampf und die Übergangsphase von November bis Januar genau beobachtet hat, dem fällt auf, dass die Medien selbst völlig konträr berichten, wenn es um Trump geht. So behaupten sie einerseits, Trump hätte keine fassbaren Wahlpunkte; andererseits kritisierten die Medien immer wieder seine Hauptthemen, nämlich die Reform der Gesundheitsreform (Obamacare), seine protektionistischen Absichten (TTP/TTIP) und natürlich die Grenzbefestigungen zu Mexico („Wall“). Ähnlich klingt es bei der „Idee“, welche die Medien immer wieder als non-existent darstellen, obwohl „Make America Great Again“ (MAGA) ein Slogan ist, den mittlerweile selbst chinesische Schulkinder kennen. Wenig überraschend, dass, – entgegen weitläufiger Meinung, Trump hätte kein Schattenkabinett – eine Liste von nominierten Amtsträgern ebenso schnell gefunden war.

Das Paradox der linksliberalen Medien: anscheinend hyperventilieren die Redaktionsstuben über nichtexistente Dinge, nähme man die „Experten“ beim Wort. Warum also sollte man der Medienentourage und ihren Experten, die sich nahezu tagtäglich in Trump täuschen und ihn immer noch angreifen, weiterhin vertrauen, wenn es um die Analyse jetziger Entscheidungen, ihrer Auswirkungen, und die Trump’sche Zukunft selbst geht?

Dieselben sagen dann: Trump sei eben unberechenbar.

Man mag entgegnen: dann sollten die Journalisten auch besser schweigen, statt zu spekulieren. Das Problem der etablierten Weltversteher besteht darin, ideologisch verblendet zu sein. Das disqualifiziert sie in jeder Hinsicht für eine außenpolitische Berichterstattung, und tat es bereits bei der Einschätzung Moskaus und Ankaras. Wer die Welt versucht durch die universalistische Brille von Menschenrechten, Globalisierung und „One World“ zu verstehen, scheitert nicht erst an den Grenzen des eigenen Nationalstaats, sondern im Zweifelsfall bereits beim Nachbarn, der die Welt noch in Völkern, Religionen und Kulturen denkt. Die Linksliberalen, welche große Teile der Meinungsmaschinerie besetzen, schließen von ihrem Denken auf die ganze Welt, in beinahe wahnhafter, missionarischer Überzeugung, dass die Welt doch einsehen müsste, was gut für diese sei – natürlich ausgerichtet an den eigenen Idealen. Die Welt richtet sich jedoch nicht nach Wertegemeinschaften aus, insbesondere nicht nach jenen, die von Völkern und Nationen stammen, die auf diesem Globus politisch, wirtschaftlich und demographisch ins Hintertreffen geraten. Die Reste von Byzanz können dem aufstrebenden Osmanischen Reich kein Schicksal aufdrücken.

Projizierte Wunschvorstellungen

Ähnlich ist die Bewertung Trumps. Sie resultiert nicht etwa aus seinem Leben als Geschäftsmann, seinen Erfolgen und Misserfolgen, aus seinen Büchern, seinem Engagement in der Gesellschaft oder auch seinen tatsächlichen politischen Aussagen, sondern wird immer aus der Sicht der ressentimentgeladenen Wutschreiber neu erteilt. Jede Aussage wird aus einem bereits gefestigten „Trump“-Bild gedeutet. So ist Trump unberechenbar, erratisch, unbeherrscht, flatterhaft. Seine politischen Vorstellungen galten und gelten als nicht zu verwirklichen, sind also im wahrsten Sinne „irreal“, wenn es um die oben genannten Punkte geht. Dabei ist Trump vermutlich ein größerer Realist als viele seiner Kritiker.

Dieses emotionalisierte „Bild“ ist im Übrigen der Grund, weshalb dieselben Menschen seit Jahren auf Angela Merkel hereinfallen. Sie projizieren ihre Wunschvorstellungen auf Merkel, ohne wirkliche Ansatzpunkte dafür zu haben. Reale Fehler werden als Stärken umgedeutet.

Stattdessen soll an dieser Stelle ein ähnlicher Versuch wie beim oben verlinkten Merkel’schen Psychogramm erfolgen. Gemäß der Methode Machiavellis sollte die Grundfrage sein, was Trump im Innersten antreibt, um uns zumindest an seine möglichen Pläne und Absichten anzunähern.

Damit meine ich weniger die Theorie, dass Trump womöglich das Präsidentenamt anstrebte, um Obama eine Beleidigung zurückzuzahlen. Letztere Anekdote verrät uns aber schon eines: nämlich erstens, dass Trump Revanchegedanken hegt, sowie zweitens – und das ist viel wichtiger – diese Revanche auch mit allen Mitteln umsetzt und bereit ist, alle Möglichkeiten auszuschöpfen und alle Wege zu gehen. Trump ist ein extremer Charakter, und damit genau das Gegenteil zur Bundeskanzlerin mit ihrer Harmoniesucht. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen, dass Trump deswegen auch nur extreme Entscheidungen und absolute kennen würde.

Trump ist Geschäftsmann. Absonderlich, dass man sich in den Medien auf jeden Frauenspruch oder vermeintlich rassistische Aussagen stürzt, aber anscheinend niemand der Medienmenschen mal eines seiner Bücher zur Hand nimmt. Ich habe „Art oft he Deal“ nicht komplett gelesen, kann mich aber noch sehr gut an einige Handreichungen und zentralen Sprüche erinnern. Natürlich, man streitet sich seit dem Wahlkampf über die Autorenschaft, manche behaupten, Trump hätte gar kein „involvement“ darin gehabt – aber er hat es immerhin abgesegnet und es auch im Wahlkampf herausgehoben.

Dazu ein paar Gedanken: Trump hat nicht nur dort, sondern auch in Interviews immer wieder unterstrichen, dass ein guter Abschluss dann erreicht wird, wenn beide (!) Seiten zufrieden sind. Geschäftsleute müssen miteinander auskommen. Leute, die sich über den Tisch gezogen fühlen, werden sich nicht wieder zu guten Geschäftsabschlüssen hinreißen lassen. Das heißt nicht, dass jeder Deal „gerecht“ sein muss, aber man sollte seinen Partner wenigstens spüren lassen, dass ein Vertrag für ihn Vorteile bietet, er also nicht komplett ausgebeutet wird.

Machiavellistische Kompetenz

Der Venezianer fügt hinzu: wenn ich zuerst mit einem großzügigen Gebot ankomme, droht die Gefahr, selbst ausgebeutet zu werden. Ein Löwe ginge zuerst mit Maximalforderungen ins Geschäft um relativ klar zu sagen, was man will. Feilschen galt in Kaufmannsrepubliken als Kunst, und es ist wohl kein Zufall, dass gerade Länder wie Venedig, Florenz und die Niederlande stets die besten Diplomaten bereithielten. Ein Kompromiss in der Mitte gibt beiden Händlern, die mit Extrempositionen begannen, das Gefühl, die eigenen Interessen durchgesetzt zu haben.

Trump bedient dieses venezianische Klischee ebenfalls. Zitat:

„My style of deal-making is quite simple and straightforward,“ he writes. „I aim very high, and then I just keep pushing and pushing to get what I’m after. Sometimes I settle for less than I sought, but in most cases I still end up with what I want.“

Und:

„Most people think small, because most people are afraid of success, afraid of making decisions, afraid of winning,“ he writes. „And that gives people like me a great advantage.“

(Hier findet sich eine kurze Analyse der wichtigsten Aussagen.)

Wir fassen zusammen: Trump ist ein Freund des Risikos. Er hat darüber fast einmal sein ganzes Vermögen verloren. Er wirft alles in die Waagschale. Aber: vieles ist davon auch Taktik, um am Ende den „besten“ Deal abzuschließen. Wie jeder Geschäftsmann kann man sich dabei verzocken. Trump hat jedoch bei allen Dingen, die er tut, ein klares Ziel: er versucht so viel wie möglich herauszuschlagen. Der US-Präsident ist das genaue Gegenteil eines unberechenbaren Hitzkopfs. Dass es nach außen so aussieht, ist Schein; und genau hier zeigt sich, dass Trump herausragende machiavellistische Kompetenz besitzt. Das wird ihn für seine Feinde so ungemein gefährlich machen; nicht aufgrund der hysterischen Angst vor dem roten Knopf, sondern, weil er versuchen wird, aus jedem Land so viel möglich herauszupressen.

Die Trump Organization hat die USA übernommen. Sie wird andere Staatschefs als Geschäftspartner verstehen, die man nach Kosten-Nutzen-Rechnung behandelt. Das ist vermutlich die Grundidee von „America first“: Es wird keine politischen Geschenke mehr aus ideologischen Gründen geben, mögen sie transatlantischer, neokonservativer oder globalistischer Natur sein.

America First nach Kosten-Nutzen-Rechnung

Deshalb ist die NATO „obsolet“: wenn die Europäer sie behalten möchten, sollen sie dafür zahlen. Deshalb ist die Partnerschaft mit dem UK wichtiger als die mit Deutschland: weil ersteres ähnliche Interessen hat und letzteres lieber moralisches Leuchtbild spielt. Deshalb wird (auch) die Mauer gebaut: um Mexiko zu erpressen und an den Tisch zu zwingen.

Die verschiedenen „Executive Orders“ des Präsidenten werfen ein ähnliches Licht auf Trump und ergänzen das Bild. Im Gegensatz zu vielen seiner Gegner, die skandierten, er könne seine Pläne nie durchsetzen, beginnt Trump genau damit. Wir erinnern uns: Obama, der versprach, Guantanamo in Rekordzeit zu schließen, hat dieses Versprechen nie umgesetzt, wird aber von denselben Leuten geschont, die auch seine prinzipiell ausgebliebene „Change“-Politik bis heute nicht kritisieren. Trump hingegen scheint es wirklich ernst und ehrlich zu meinen, was in das Bild des „Art oft the Deal“ passt. Machte man sich einst darüber lustig, wie Trump es denn schaffen wolle, die Mexikaner zur Bezahlung der eigenen Mauer zu bringen, offenbart Trump nun das Mittel von Strafzöllen oder die Aufhebung von Handelsverträgen. Das klingt nicht so, als wäre es dem Baulöwen aus New York erst letzte Woche eingefallen.

Die Frage fiel bereits häufiger: warum diese provokative, extreme Politik am Anfang seiner Amtszeit? Gegenüber dem Ausland – Mexiko, Deutschland etc. – könnte das bereits vorgestellte Motiv des „Deals“ eine Rolle spielen. Trump stellt seine Maximalforderungen und setzt den Geschäftspartner unter Druck. Die Mauer oder die Auflösung von Handelsverträgen werden Mexiko mehr schaden als den USA. Trump hat den längeren Atem. Mexiko wird etwas bieten müssen. Den Preis legt Trump fest, nicht Nieto.

Nie gegen die Saudis?
Eine Frage, Mr. Trump
Interessant sind diese Executive Orders aber auch für die Innenpolitik. Trump testet nicht nur die Grenzen seiner außenpolitischen Gegner aus, sondern auch seiner innenpolitischen Gegenspieler und Feinde. Nach der Wahl sitzt er zu fest im Sattel, um ihn jetzt demontieren können; die Wellenschläge der Medien kennt er seit dem Wahlkampf, und branden jetzt nur noch schwach gegen den Trump’schen Fels. Es bleibt die Politik und das Volk; der Kongress und die Demonstrationen. Trump scheint zu versuchen, wie weit er gehen kann, er testet Extreme, er testet die Macht aus, kurz: die Bandbreite, in denen er Politik und Deal abwickeln kann. Ein unrealistisches Beispiel, dass es vielleicht klarer macht: würde Trump ankündigen, morgen alle Muslime in den USA internieren zu lassen, würden seine Verhandlungspartner es bereits als Erfolg feiern, wenn es sich am Ende nur um jene ohne US-Staatsbürgerschaft handle.

Think Big. Maximize.

Und: es ist womöglich eine machiavellistische Strategie. Die schlimmen, harten Schnitte am Anfang, die Wohltaten zum Schluss, damit man sich nur noch letzterer entsinnt.

Kommen wir zu einem letzten Punkt. Man hat Trump vorgeworfen, er verkaufe den Leuten lieber die „gute, alte Zeit“ statt Visionen. Das ist insofern richtig, als dass Trump im Grunde verstanden hat, dass diese Welt eben nicht mehr jene der 1990er Jahre ist. Er sieht China als größten Konkurrenten. Eine mögliche Partnerschaft mit Russland, um dem Reich der Mitte einen zukünftigen Ressourcenhort zu nehmen, und im „Rücken“ einen neuen Gegner aufzubauen, erscheint strategisch sinnvoll. Andererseits gibt Trump Terrain auf: die Auflösung des transpazischen Freihandelsabkommens wird Chinas Kraft in Asien und im Pazifik stärken, vermutlich werden die roten Mandarine sogar die Ambition haben, ein ähnliches Abkommen unter chinesischer Schutzherrschaft aufzurichten und die umliegenden Staaten an sich zu binden.

Wie ist dies zu erklären? Seine Gegner werfen Trump Isolationismus vor. Der Urgrund könnte aber sein, dass Trump verstanden hat, dass die Amtszeiten von Clinton, Bush und Obama die Kräfte der USA überdehnt haben. Dies war schon spätestens in der zweiten Bush-Präsidentschaft offenbar geworden. Der Verfall zeigte sich der ganzen Welt in Zeiten der Arabellion, als der ägyptische Alliierte Mubarak fallen gelassen werden musste, und die USA unter Zuruf britischer und französischer Hilferufe in Libyen einschritten, aber anschließend das Land ebenso wie Syrien sich selbst überließen. Die Amerikaner, die unter Obama immer noch interventionswillig waren, konnten bereits nicht mehr mit derselben Wucht zuschlagen wie unter Bush. Der Appetit war groß, aber die Zähne schlecht. Von Deutschland wird stets gesagt, es sei zu groß für Europa, aber zu klein, um darüber die Hegemonie entfalten zu können; ähnliches kann man für die USA sagen, die zu groß für ihren (Doppel)Kontinent sind, aber eben nicht in der Lage, die Weltherrschaft auszuüben.

Neues Mächtekonzert?

Trump hat immer betont, er wäre weder in den Irak einmarschiert, noch hätte er die anderen Aktionen im Nahen Osten unterstützt. Er denkt dabei weder in moralischen, noch geopolitischen Theorien, sondern in derselben Kosten-Nutzen-Rechnung wie oben aufgeführt: was haben diese Interventionen eingebracht? Haben sie nicht zuletzt mehr Chaos gestiftet als vorher? Die Militärausgaben wären besser in amerikanischer Infrastruktur investiert gewesen. Die innenpolitischen Interessen wiegen schwerer als außenpolitische Machtproben. Vielleicht ist so auch der langsame Rückzug aus dem Pazifik zu verstehen. Ein Prozess wie bei der Abwicklung des Britischen Empires erscheint besser, als der völlige Zusammenbruch eines Weltreiches. Die Obama-Administration hat den globalen Anspruch nie aufgeben wollen; vielleicht ist dies ein Zeichen eines neuen Mächtekonzerts. Russland und China würden diesen Schritt begrüßen. Ob er für Amerika oder den „Westen“ die beste Option darstellt, dazu reicht der Platz dieser kurzen Abhandlung nicht.

Das bedeutet jedoch nicht das Ende der Rivalität mit China. Im Gegenteil. Die USA sehen das Reich der Mitte als Hauptgegner. Aber Trump wird dem Drachen nicht auf die Pelle rücken, wenn die Konsequenzen Amerikas Kraft überdehnen.

Grundsätzlich ist der neue Präsident daher ziemlich berechenbar; vorausgesetzt, man gibt sich Mühe und setzt sich ehrlich mit diesem Phänomen auseinander. Trump ist zielstrebig, rachsüchtig, risikofreudig, offen, ambitioniert – aber zugleich ein Realist. Das Psychogramm erinnert in Anlehnung an Machiavelli an zwei Renaissancemenschen: einmal an Karl den Kühnen, zum anderen an Maximilian, den letzten Ritter. Der eine bleibt dies heute im Weltgedächtnis, da er sein blühendes Reich verspielte, als er in seiner risikoreichen Politik zu viel in die Waagschale warf und den Tod auf dem Schlachtfeld fand. Der andere ist bis heute als einer der geachtetsten Herrscher seiner Zeit in Erinnerung geblieben.

Mit dem feinen Unterschied, dass Trump wohl besser mit Geld umgehen kann, als Maximilian es je konnte.

Marco Gallina studierte Geschichte und Politikwissenschaften, Schwerpunkt europäische Diplomatiegeschichte, und schloss mit einer Arbeit über Machiavelli das Masterstudium ab. Er nennt sich Italo-Deutscher Mischling, kulturell bilingual aufgewachsen und im Rheinland sozialisiert. Doktorand in spe.

Zuerst hier erschienen.

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