Der entwurzelte Bürger in der globalisierten Welt

Europa wird vielfältig sein. Die einzige Frage ist, wie wir mit der Vielfalt umgehen. Wenn uns nicht gelingt, dass Europa das Europa bleiben, das wir geschaffen haben, würde Europa für lange Zeit kein Ort des Friedens und der Freiheit mehr sein.

Die sogenannte Flüchtlingskrise hat uns bildlich vor Augen geführt, was  Globalisierung für uns bedeutet. Vor einem Jahr hat man uns Akademiker und Fachkräfte angekündigt, die einen Mangel beheben und für fehlende Renteneinzahlungen aufkommen würden. Das hat sich als glatte Lüge herausgestellt. Von „Integration“ ist ständig die Rede, aber wie sie umgesetzt wird oder werden soll, bleibt zunehmend im Nebel und scheint  den Anstrengungen und der Eigeninitiative von Ehrenamtlichen und Gemeinden überlassen zu werden. Nur ein Beispiel: Ein Freund, pensionierter Lehrer, stellte sich kürzlich für Deutschunterricht zur Verfügung. Ehrenamtlich. Er sei willkommen, erfuhr er, müsse aber zunächst eine Fortbildung zum Fremdsprachenlehrer (aus eigener Tasche!) finanzieren.

Die Aufkündigung der Debatte

Immer deutlicher wird, dass in der Politik und in den Mainstream-Medien wirkliche, in die Tiefe gehende Auseinandersetzungen nicht mehr geführt werden. Man lässt die Kritiker auflaufen, Gegenargumenten wird – zur Sache kein Wort – mit immer wieder denselben abwiegelnden oder auch abschätzigen Floskeln begegnet, was jeden auf derart verlorenem Posten stehenden Diskutanten letztendlich auf die Palme treiben muss. Eine Art Empörungserschöpfung ist die Folge.

Hier aber sollte der, der das Gespräch vergeblich sucht, inne halten, um nicht sinnlos gegen die Wand zu rennen und sich an anderen abzuarbeiten, die ihn doch immer nur wieder auflaufen lassen. Einfach  Ruhe bewahren und  das Treiben einmal von oben beobachten – sozusagen von der Palme herab – wäre ratsam. Den Blick schweifen lassen und ihn für die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte öffnen. Klarheit gewinnen. Sich  nicht mehr um die mantra-artigen Schuldzuweisungen – mit zunehmender Tendenz an die Mitte der Gesellschaft – kümmern. Anklage und Ausgrenzung statt Einlassung auf die Problematik ist die Taktik derer, die  den anderen mundtot machen wollen.

Mit Logik ist dem Ganzen nicht beizukommen. Denn es ist einfach nicht zu begreifen, dass Feministinnen sich für die Verschleierung und Unterwerfung von Frauen in einer männerdominierten Kultur aussprechen, Schmähungen und Todesdrohungen gegen Andersdenkende, Homosexuelle und Juden ignorieren und damit alles relativieren, für das sie einmal erbittert stritten. Es ist nicht zu verstehen, dass hier im Land plötzlich Unsummen (die für andere soziale Leistungen und Ifrakstruktur-Investitionen immer wieder verweigert wurden) für illegal Einreisende zur Verfügung stehen, während die UN Monate zuvor die Gelder für Lager in Syrien, im Libanon und in der Türkei drastisch gekürzt hatte. Geld ist ja da. Wofür es genau ausgegeben wird, lässt auch auf die Wichtigkeit eines Projekts schließen..

Der Wunsch, das alles verstehen zu wollen, lässt sich nicht verdrängen. Wohin kann ich mich wenden, um Informationen zu bekommen? In seinem Vortrag „Warum schweigen die Lämmer” legt der Kieler Psychologie-Professor Rainer Mausfeld (Schwerpunkte: Kognitionsforschung und Geschichte der Psychologie) dar, wie Leitmedien durch ihre Taktik der Fragmentierung Sinnzusammenhänge zerstören und Sachverhalte “unsichtbar” machen, indem sie andere hervorheben und akzentuieren. Die große Frage ist: Was soll uns verborgen werden? Was soll die öffentliche Wahrnehmung nicht erreichen? Versuchen wir, ein paar Puzzleteile einzufügen; versuchen wir, einiges sichtbar zu machen.

Es bietet sich an, die großen Entwicklungen zum Voranbringen globaler sozialer Veränderungsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte unter die Lupe zu nehmen. Stichwort: „Deutschland wird sich bis zur Unkenntlichkeit verändern“. Professor Jörg Baberowski, der dies in der NZZ vom 27.9.2015 äußerte, fand sich nach seinem kritischen Artikel denn auch prompt in der rechten Ecke wieder. Ein Indiz dafür, dass er richtig liegt? Betrachten wir einmal zwei der  „top down“ initiierten Bewegungen der letzten Jahrzehnte:

EU-Richtlinie Gender-Mainstreaming

Der Begriff wurde erstmals 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi diskutiert und seither ständig weiterentwickelt. Das unter dem Deckmantel einer Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter schleichend eingeführte Konzept stellt den Begriff „Gender“ (das soziale Geschlecht) dem Begriff „Sex“ (das biologische Geschlecht der Fortpflanzung) gegenüber. Es stützt sich auf die wissenschaftlich höchst fragwürdige Annahme, dass das Geschlecht nichts Naturgegebenes, sondern durch die sozialen Verhältnisse bedingtes sei. Dass die Frau nicht als Frau zur Welt komme, sondern dazu gemacht werde (Simone de Beauvoir). So sei die Einteilung in Mann und Frau anerzogen und veränderbar: ein soziales Konstrukt, das die Vorstellung von einer Vielfalt der Geschlechter ermöglicht. „Mainstreaming“ wird angehängt, um auszudrücken, dass die Idee global zum Gedankengut der Allgemeinheit werden soll.

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Gleichstellung der Frauen auf allen Ebenen klingt erst mal gut,  bedeutet aber auch – wir sehen es immer deutlicher – dass die Erziehung der Kinder durch die Eingliederung der Frauen in den Arbeitsprozess immer mehr den staatlichen Institutionen unter Ausschluss der Eltern überlassen werden soll. Durch die  schwierige und heute für viele finanziell oft kaum zu schaffende Bewältigung von Berufstätigkeit und Familie kommt es gleichzeitig zu einer kontinuierlichen Abnahme  der Geburtenzahlen, die wiederum ein Argument für die Förderung von Zuwanderung ist. Hier schließt sich ein Kreis.

Gender-Mainstreaming ist  inzwischen eine verbindliche EU-Richtlinie, die  nicht an die Zustimmung der Eltern gebunden ist. Vom ersten – natürlich „gegenderten“ – Bilderbuch im Kindergarten an bis zum Schulabschluss soll das traditionelle Familienbild fächerübergreifend auf allen Ebenen  abgewertet und „entnormalisiert“  werden. Kinder sollen schon in der Grundschule über „kindliches Sexualverhalten“ und „gleichgeschlechtliche Partnerschaften“ im Sinne der Gender-Ideologen „gebrieft“ werden.

Die Gesellschaft soll umerzogen werden. Ein Diskurs darüber war und ist nicht vorgesehen. In der Presse werden Protestbewegungen wie die „Demo für Alle“ gegen die Übernahme der Gender-Ideologie in den Lehrplan in Baden-Württemberg – und jetzt auch in Hessen – gern als rechts, rechtsradikal oder auf der letzten Demo sogar als „ultrarechtsradikal“ bezeichnet. Die Frankfurter Rundschau schreibt am 30.10.16:  „Die sogenannte „Demo für alle“ sei ein Angriff auf „unseren Lebensstil“, sagt Ulrich Wilken, Landtagsabgeordneter der Linken, vor dem Bahnhof: „Wir leben frei und queer“, man lasse sich von „Ewiggestrigen“ und „Klerikalfaschisten“ nichts anderes vorschreiben. Auch der Wiesbadener SPD-Stadtverordnete Dennis Volk-Borowski spricht sich für Akzeptanz aus: „Es ist scheißegal, wen du liebst.“

Schlüsselwort Lifestyle

Lebensstil oder heute Lifestyle ist ein Schlüsselwort: Die Affekte der Bürger sollen sich möglichst nicht auf die Zentren der Macht richten, sondern sanft abgelenkt und aufgesplittert werden. Das „Wir“ soll immer mehr auf das Individuelle reduziert werden: Darauf, welchen Interessensgruppierungen wir angehören, welche Produkte wir kaufen, welche Musik wir hören, welche Frisuren wir bevorzugen – Öko, Vegan, esoterisch, Multikulti. Es kommt täglich Neues auf den Markt, Deutschland ist bunt. Inspiration gibt es auf unzähligen Lifestyle-Blogs – Ersatzidentitäten, die uns schon tief in den Knochen stecken. Carolin Emckes Vortrag passt genau in diesen Kontext. Das Selbst muss zerlegt werden in ein Bündel von Identitäten, um die natürliche Verwurzelung in unser bisheriges soziales  Umfeld zu überwinden.

In Brüssel lauert ein neues Bürokratiemonster
Ein EU-Toleranzgesetz?
Dazu fällt mir ein Artikel ein, den ich bei Tichy’s Einblick im letzten Februar über den oben genannten Gesetzesentwurf geschrieben habe. In dem geht es darum, die Akzeptanz menschlicher Vielfalt und jeder Form von unterschiedlicher Lebensführung als Vorbedingung für ein erfolgreiches Zusammenleben von diversen religiös, ethnisch, kulturell, sexuell oder anderweitig definierten Gruppen innerhalb einer Nation zu fördern. Auf diese Weise soll Gleichstellung gesichert und Diskriminierung jeder Art ausgeschlossen werden. Nachdem in den ersten fünf Abschnitten die Grundlagen für die oben genannten Forderungen beschrieben sind, beschäftigt sich Abschnitt sechs mit der Verwirklichung der Vorstellungen des Papiers in der Realität. Entsprechende Dienststellen, Schulen und Massenmedien sollen beständig bemüht sein, sicher zu stellen, dass die Vorgaben eingehalten werden. Diffamierende Äußerungen gegenüber einer Gruppe  (Beispiel:“Zigeuner sind Diebe” oder “Moslems sind Terroristen”) werden sanktioniert. Bürger, die eines solchen Vergehens für schuldig befunden werden, müssen  mit Sanktionen rechnen und ggf. Rehabilitationsprogramme durchlaufen, in denen ihnen eine “Kultur der Toleranz” anerzogen werden soll.

So übt denn auch die in Brüssel ansässige gemeinnützige Nichtregierungs-Organisation “European Dignity Watch” heftige Kritik an der Gesetzesvorlage:

“Die erschreckende Folge davon wäre ein dramatisches Abnehmen (und das mögliche Verschwinden) des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung. Individuen und Gruppen würden sich selbst einer Zensur unterwerfen aus Angst, bestraft zu werden, wenn sie ihre persönlichen Wertevorstellungen äußern.”

Hier ist die EU-Gesetzgebung Wegbereiter für eine sogenannte bunte „offene Gesellschaft“, die dann widerspruchslos in einen globalen Kontext eingegliedert werden kann.

Das Aufgehen monokultureller Staaten in einer vermischten Superkultur

Der Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans findet dafür deutliche Worte:

„Vielfalt wird jetzt in einigen Teilen Europas als Bedrohung angesehen. Vielfalt bringt Probleme mit sich. Aber Vielfalt ist das Schicksal der Menschheit. Selbst in den entferntesten Orten dieses Planeten wird es keinen Staat geben, der künftig nicht mit Vielfalt konfrontiert sein wird. Vielfalt ist die Zukunft der Menschheit. Und jene Politiker, die versuchen, ihren Wählern eine Gesellschaft einzureden, die aus Menschen einer Kultur besteht, versuchen, eine Zukunft zu beschreiben, die auf einer Vergangenheit aufbaut, die es nie gegeben hat. Daher wird es diese Zukunft niemals geben. Europa wird vielfältig sein, wie alle anderen Teile der Welt vielfältig sein werden. Die einzige Frage ist, wie wir mit der Vielfalt umgehen. Und meine Antwort darauf ist, dass unsere Werte davon abhängen, wie wir das schaffen,  und dass wir unsere Werte  aufgeben, wenn wir Vielfalt ablehnen. Das würde uns als Gesellschaft auslöschen. Denn wenn uns das nicht gelingt, wird  Europa nicht das Europa bleiben, das wir geschaffen haben. Europa würde dann für lange Zeit kein Ort des Friedens und der Freiheit mehr sein.“ (Text des Videos von der Autorin aus dem Englischen übersetzt).

Das Bürgertum, Rückgrat der Gesellschaft und wichtige Bastion der Demokratie, scheint immer mehr zur Zielgruppe der Globalisten zu werden. Eine schwache Mittelschicht kann diktatorischer Kontrolle wenig Widerstand bieten, wie wir in den arabischen Ländern sehen können. Die (noch) wohlhabenden demokratischen Gesellschaften beruhen auf Vertrauen und gegenseitiger Rücksichtnahme. Die Erfolgreichen finanzieren die weniger Erfolgreichen mit Transferleistungen, wodurch über die Jahre ein Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität  entsteht. Mit zunehmender Vielfalt innerhalb eines Landes nimmt dieses Zusammenspiel jedoch ab.

Wir dürfen den oben beschriebenen Instrumenten der auf leisen Sohlen und so wohlklingend daher kommenden Techniken der Meinungsmanipulation durch die global wirkenden neoliberalen Eliten nicht  in die Falle gehen. Sondern wir sind angehalten, sie zu durchschauen und das Gefühl von Gemeinsamkeit und Solidarität zu hegen und zu pflegen. Besinnen wir uns selbstbewusst auf unsere Geschichte, auf die Werte der Aufklärung, um dem Druck, den Drohungen und der Verächtlichmachung der Bürger als „ewig Gestrige“ Widerstand zu bieten. Jeder kann sich entschließen, in welcher Form er sich einbringen will und kann. Denn wir stehen vor der Frage, wer die Zukunft Europas bestimmen wird: die Eliten oder die Bevölkerungen.

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