Verteidigen Sie die Pressefreiheit

Eine abscheuliche und niederträchtige Mordnacht wird benutzt, um namentlich benannte Journalisten und freie Medien anzugreifen, zum Verstummen zu bringen. Das soll ihnen nicht gelingen.

Ein Geheimdienst hat seine Gedanken schon gelesen, da war er noch ein Baby. Er hörte „Stimmen“, die sich bei ihm „einklinken“. Das ist der Täter von Hanau. Er ist antisemitisch, rassistisch, antiamerikanisch. Die Hintergründe müssen restlos aufgeklärt, Verbindungen aufgedeckt werden. Ja, der Täter nimmt das Gift auf, das es in dieser Gesellschaft gibt und verstärkt seine Wirkung, denn das ist Teil der Dynamik dieser schweren psychischen Erkrankung. Seine Morde sind grausam, unvorstellbar, wahnsinnig. Das weckt Ängste, fördert Rachegefühle, verführt zu blindwütigem Schreiben. Dass der Täter sich selbst gerichtet hat, ist vermutlich der einzige Grund, dass nicht nach grausamster Rache gerufen wird. Aber der Mörder ist tot. Und nun? Es rast der Mob und fordert Opfer. Es ist schwer, solche Emotionen zu zügeln, und leicht, sie anzufachen.

Man darf an solchen Tagen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Aber es ist doch überraschend, was der Millionenerbe Jakob Augstein schreibt.

Ich gebe es wörtlich wieder.

„Namen und Adresse.” – Es ist ein Aufruf, meine Familie und mich, meine Kollegen und Mitarbeiter einzuschüchtern, zu belästigen, anzugreifen. Wir sollen zum Verstummen gebracht werden, indem man uns in eine Reihe mit einem wahnsinnigen Mörder stellt. Einfach so. Natürlich sagt Augstein das nicht wörtlich. Er ist ein Schlitzohr, verfügt über ein gewaltiges Vermögen, hat sich eine eigene Zeitung gekauft, tritt in Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf. Andere springen auf: Jan Böhmermann, hinter sich die gewaltige Maschinerie ZDF, das gerade in diesen Tagen eine Gebührenerhöhung  einfordert. Es ist die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, die mit der Wucht ihres Amtes frontal auf unabhängige Medienportale eindrischt, die eine andere Meinung vertreten als die einzig wahre, in deren Besitz sie sich glaubt, und schäumend andere Meinungen pauschal als „Geschäftsmodell von Hass und Hetze“ denunziert. Man sieht die historischen Bilder von Jagden auf Andersdenkende. Gerade Augstein, den damit Vertraute als den wohl wirkmächtigsten Antisemiten des Landes bezeichnen, steht in einer Tradition, in der dumpfe Stiefelträger die Medien derjenigen in den Boden gestampft haben, die ihnen an Klugheit und journalistischem Ethos überlegen sind. Dummheit gebiert Hass, Stumpfheit stachelt zur Hetze an. Abscheuliche Verbrechen werden von Augstein und Böhmermann instrumentalisiert, die Opfer von Hanau können sich nicht dagegen wehren, wie sie missbraucht werden. Was sie nicht wissen: Die Abscheulichkeit der von ihnen wie Klopapier benutzten Verbrechen fallen auf sie zurück. Sie haben ihre Hände in das Blut der Ermordeten getaucht und tippen, ach was: Die feinen Herren lassen andere für sie Twitter in ihrem Geiste schreiben, im Fall Böhmermann öffentlich-rechtlich mitfinanziert.

Sie wollen uns zum Schweigen bringen

Worauf wollen sie hinaus? Sie wollen uns zum Schweigen bringen. So einfach. Es stört sie, und da wissen sie sich einig mit vielen Regierenden, dass wir Kritik üben – berechtigte. Dass wir hinterfragen, was wir ohne Fragen schlucken sollen. Dass wir dieses Land, seine Grundrechte, seine Freiheit verteidigen vor immer neuen Zumutungen, vor denen, die mittlerweile offen über die gesetzlichen Schranken hinwegmarschieren. Sie fürchten die Wahrheit, die sie verzerren und deren Autoren sie denunzieren, um dann natürlich ihre weißen Händchen in Unschuld zu waschen; man kennt diese Charaktere. Sie fürchten jeden Widerspruch.

Wir nehmen nicht in Anspruch, eine vierte Gewalt zu sein, wir sind nicht im Besitz der Wahrheit. Aber wir sind eine mahnende Stimme; diesen Anspruch nehmen wir ernst und lassen uns auch von Hass und Hetze davon nicht abbringen. Sie möchten, dass wir aufhören, den Finger in die Wunden zu legen, sie wollen die Spaltung in diesem Land vertiefen, um ihrer ganz persönliche Macht und Ideologie zum Durchbruch zu verhelfen. Daran ist nichts Anständiges, auch wenn sie sich so geben. Heute Nacht hat man mir und meiner Familie eine Fluchtwohnung angeboten. Dafür danke ich, das zeigt, welche großherzigen Menschen es gibt. Aber mehr noch bin ich entsetzt, wie weit dieses Land gekommen ist. Dass wir uns verstecken sollen vor den Folgen einer Aufwiegelung?

Wer schützt Journalisten?

Bitte sehen Sie mir nach, dass ich meinen sonst meist kühlen oder oft ungewollt ironischen Ton verlasse und ins Pathetische abgleite. Anders ist es nicht möglich, Stand zu halten für die Freiheit. Zukünftig sollen Politiker davor geschützt werden, dass sie im Netz beschimpft werden. Einverstanden. Aber wer schützt in Deutschland noch Journalisten vor dem Zwang, Einheitsbrei liefern zu müssen, der der Regierung gefällt? Wer schützt uns vor den Angriffen von Politikern in ihrer rasenden Einfalt, die Probleme nicht mehr lösen, sondern nur noch schwarze Schafe finden zu wollen, die sie für ihr vielfältiges Versagen verantwortlich machen können?

Ich kann Ihnen die Antwort geben. Sie besteht aus drei Buchstaben. SIE. Lassen Sie sich von den Böhmermanns und Augsteins nicht den Mund verbieten. Ich werbe um Sie, auch wenn Sie anderer Meinung sind. Meinungsstreit macht eine Demokratie aus. Die Debatte wurde erfunden, um uns alle klüger zu machen. Wer Debatte abwürgt und kritische Geister einschüchtern will, ist ein Anti-Demokrat. Ich lade Sie ein, mit mir zu streiten.

Aber in jedem Fall sollten auch Sie die Meinungsfreiheit in diesem Land und seine freien Medien verteidigen. Freiheit stirbt nicht nur durch den Druck, der auf sie ausgeübt wird. Freiheit stirbt durch Schweigen und Feigheit, durch Anpassung und Duckmäusertum. Das lassen wir nicht zu.

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Kommentare ( 782 )

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Wolfskind
7 Monate her

TE abonniert…

Peter Pascht
7 Monate her

Verteidigen sie die Pressefreiheit? Welche Pressefreiheit? Oder ist gemeint, erwecken sie die tote Pressefreiheit wider zum Leben? Die Pressefreiheit ist schon längst tot in diesem Lande, durch praktischen Usus, mit maßgeblicher Schuld gedankenloser Journalisten welche sich die Pressefreiheit haben nehmen lassen. Vor allem jene Journalisten die einen „Journalistenstolz“ oder „Journalistenethos“ nie praktizieren mussten, welche die Pressefreiheit nie benutzt haben, weil sie diese nicht brauchten, wie jene „Journalisten“ vom Staatsfunk die ihr Geld nicht mit dem Prädikativ „freie Presse“, „Journalistenethos“, verdienen müssen, sondern für jede noch so abwegige „journalistische Leistung“, von den Zwangsgebühren des GEZ entlohnt werden. Dazu muss man ehrlicherweise… Mehr

Audix
7 Monate her

Unser Problem: wie weckt man den deutschen Michel, bevor er merkt, dass es zu spät ist? Ich weiß es nicht. Die verfluchte linksgrüne Medienlandschaft ist die Ursache allen Übels. Ich trauere den Zeiten nach, als Medien noch die Regierung kritisierten, auch wenn mir die Kritik manchmal nicht passte. Meinungsfreiheit hieß das. Weg. In den Ostländern gibt es viele, die sich erinnern, dass sie so etwas schon einmal hatten. Im Westen war es und ist es gemütlich. Bis das Geld alle ist und es jeder merkt an seinem Geldbeutel. Ist wohl ein deutsches Gen. Alle par Jahrzehnte machen wir unser Land… Mehr

RosiRose
7 Monate her

Ich habe länger darüber nachgedacht, was man machen könnte, um andere Mitbürger besser zu informieren. Ich habe mich dazu entschlossen, die Zeitschrift von TE mehrfach zu kaufen und mit dem Aufdruck“Gratis Leseprobe für Sie“ bei meinen Nachbarn einzuwerfen. Macht jemand mit? Früher gab es Flugblätter. Warum nicht über Bildung arbeiten?

KorneliaJuliaKoehler
7 Monate her
Antworten an  RosiRose

RosiRose: Genau das mache ich auch.
Ich verteile meine zusätzlichen Exemplare
gezielt an interessierte Bekannte, die dem bürgerlich konservativen „Lager“ angehören, um deren Wissen und Argumente zu stärken. Die Rot/Grünen mit ihren Scheuklappen lasse ich links liegen. Da ist alles Reden Zeitverschwendung. TE muss zum Kult werden, denn Wissen ist Macht! Anders wird es keine Besserung mehr geben!

Michael_M
7 Monate her
Antworten an  KorneliaJuliaKoehler

TE ist kult!

allein schon der autoren wegen, denen ich zustimme und mich trotzdem unheimlich drüber aufregen kann.

fehlt nur noch der wirtschaftsteil und TE ist die gute alte wirtschaftswoche, nur in viel besser.

😃

RenaC.
7 Monate her

Dreh‘ dich nicht um, die Verleumder geh’n um. Wer sich umdreht oder lacht, kriegt die Lichter ausgemacht. Darauf haben Merkel & Co. ihre medialen und „zivilgesellschaftlichen“ Bodyguards abgerichtet, denn der Weg von der Selbstbestimmung zur Global Governance ist mit kritischen Geistern übersät, die man zu gern im Keim ersticken würde. Aber keine Brandmauer und kein Dräuen wird sie aufhalten, und dräut Herr Augstein noch so sehr, mit Namen und Adresse … Ich sehe den Funken der Freiheit in den Redaktionsstuben bereits aufblitzen, langsam aber stetig … Das ist auch ihr Verdienst, Herr Tichy! Seien Sie stolz auf sich und ihre… Mehr

Hieronymus Bosch
7 Monate her

Die „Leitmedien“ rüsten verbal auf! Ihre Litanei erschöpft sich allein in der Wiederholung des Immergleichen, als ob es dadurch wahr würde! Am liebsten würden sie Schauprozesse führen, wie unter Stalin, in denen die Urteile schon vorher feststehen. Da Greta Thunberg sich offenbar verschlissen hat und zum öffentlichen Palaver nicht mehr taugt, müssen jetzt andere Geschütze aufgefahren werden. Das Volk braucht ja beständig neue Schuldige, um vom Versagen der Regierungsparteien abzulenken. Denn diese sind selbst das Problem, für das sie vergeblich nach Lösungen suchen!

Brettenbacher
7 Monate her

Vierstellig ? Ach wasss –
sechsstellig !

Brettenbacher
7 Monate her

AUFRUF
Alle die Tichys Aufruf gelesen haben und sich noch nicht bemerkbar geregt haben, sollten dies jetzt tun.
Es ist tief deprimierend. Die Zahl der „Kommentare“ müßte im hohen vierstelligen Bereich liegen!

country boy
8 Monate her

Komisch, wo sind denn diejenigen, die sich sonst immer als Musterdemokraten und andere als Feinde der Demokratie hinstellen wollen? Wenn es gegen Andersdenkende geht, sind offensichtlich auch Pogromaufrufe zulässig.
Leute wie Augstein dürfen weiter ihre Ideen bei ARD verbreiten. Damit deligitimieren sich die sauberen Journalisten dort selbst.

jopa
7 Monate her
Antworten an  country boy

Ist doch klar, gegen Rechte darf man nein muß man hetzen, gegen Linke ist das ein Sakrileg. Im Prinzip hat sich seit 2000 Jahren nichts geändert: Quod licet ad Jovie non licet ad bovi.

walter werner
8 Monate her

Eigentlich ist es überflüssig über einen“ Psycho „Augstein und dessen Reputation in Sachen Journalismus überhaupt nur ein Wort zu verlieren, denn diese ist mehr als unterschwellig. Mit Niveau und Intelligenz hat dieser nicht das geringste zu tun.Ohne sein ererbtes Vermögen wäre dieser ein „Niemand“ und wäre sicher von Hartz 4 abhängig um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Über den Böhmerman lohnt es sich noch nicht einmal ein Wort zu verlieren. Bitte Herr Tichy machen Sie weiter und ohne Polemik möchte ich anmerken, daß wir Sie und Ihr Bemühen um die Meinungsfreiheit für Deutschland brauchen und wir ,die Leser hinter Ihnen stehen… Mehr