Präsident der Herzen

Er ist ein Rockstar ohne Drogenproblem, ein Präsident der Herzen, der die Grenzen des Machbaren außer Kraft setzen kann, ein Wunderheiler der Wall Street mit unbegrenztem Kredit und einer, der die Machtblöcke der Welt entwaffnet wie einst Michail Gorbatschow. Selbst abgebrühte Berufszyniker wie Hauptstadtkorrespondenten fotografieren gerührt wenigstens seine Air Force One, wenn sie IHN schon nicht zu Gesicht bekommen – das Flugzeug gewandelt zu einer Ikone des Guten, als habe allein Obamas Sitzfleisch das fliegende Hauptquartier von George W. Bush im Krieg gegen die Achse des Bösen in eine Friedenstaube verwandelt. 

Bewegt sie sich wirklich, diese Welt, angetrieben durch visionäre Reden? Bislang sieht es nicht so aus. Ausgerechnet in die hoffnungsvolle Prager Rede von der atomwaffenfreien Welt hinein platzte die Langstreckenrakete aus Nordkorea – Erinnerung daran, dass das Böse, einmal in die Welt eingeführt, sich nicht so einfach austreiben lässt.
Der Iran reagierte auf Obamas Zugeständnisse zur Fortsetzung seines Atomprogramms nicht zutraulich, sondern mit der Verurteilung einer Journalistin und erneuter Hasspredigt gegen Israel – die Mullahs wirken charmeresistent. Kuba darf sich auf eine Lockerung der Sanktionen freuen – bislang ist aber nicht bekannt, dass die ebenso vergreisten wie grausamen Comandantes von Havanna nur einen der vielen politischen Häftlinge hätten laufen lassen.

Auch Europa gibt sich bockig: Nicht einen zusätzlichen Soldaten für Afghanistan und keinen Euro für neue Konjunkturprogramme ließen sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy herausleiern, die beide merklich kühl im Umgang mit Obama wirken.

Aber man darf nicht zu schnell urteilen – es sind ja auch erst 100 Tage. In der Wirtschaftspolitik lassen sich mit einigem guten Willen erste positive Anzeichen herauslesen: Der Absturz der US-Wirtschaft scheint gebremst, die Kettenreaktion der US-Bankenzusammenbrüche gestoppt.
Doch ein richtiger Aufschwung sieht anders aus, und die Kosten des Konjunkturprogramms werden verdrängt. Mit über 200 Milliarden Dollar für Sozial-Hilfen lassen sich schnell neue Freunde finden – dafür aber treibt Obama den Staatshaushalt der USA noch weit tiefer in den Morast dauerhafter Verschuldung.

Gerade aber an der Wirtschaftspolitik wird der Erfolg Obamas gemessen werden – schließlich hat er auf dem G20-Gipfel in London die Verantwortung für die derzeitige Weltwirtschaftskrise übernommen. Der Weg aus der Krise ist sein Erfolg – oder Misserfolg (siehe Seite 20). Jenseits der Zahlen mit den vielen Nullen wird sich zeigen, ob Wirtschaftspolitik, wie häufig so dahingesagt wird, wirklich zu 50 Prozent Psychologie ist: Meisterschaft in der kollektiven Autosuggestion hat er bewiesen, jetzt muss diese nur noch bilanzwirksam werden.

Wird also der wanderpredigende Gutmensch an den Realitäten der Machtpolitik scheitern, wie viele Kritiker der klassischen Politik erwarten? Sie sollten nicht vergessen, dass Obama zuallererst Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, der einzigen real existierenden Supermacht; und dass er bereit ist, dieses Arsenal der Macht auch einzusetzen. Er weiß aber, dass allein mit Bajonetten sich die Völker der Welt auch nicht regieren lassen. Die Empathie der Menschen jedoch wird ein umso mächtigerer Faktor der Weltpolitik, wie mit den modernen Medien schrittweise ein globales Bewusstsein entsteht. Nicht nur Interessen, auch die Hoffnungen und Träume der Menschen bewegen Staaten. Hier hat Obama die USA aus der Konfrontation herausgeführt – und zum Gesprächspartner verwandelt. Die Informationsgesellschaft könnte unverrückbare Fronten der Macht- und Interessenspolitik auflockern.

Yes, he can.

(Erschienen am 25.04.2009 auf Wiwo.de)

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