Köln und die Kälte des Feminismus

Auf die sexuellen Übergriffe in Köln folgt jetzt die Verharmlosung durch manche Medien, viele Journalisten und PR-Leute und am schlimmsten: durch feministische Autorinnen.

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Köln und kein Ende – aber ein anderes. Es ist, als ob plötzlich alle Masken fallen. Eigentlich sollte Wolfgang Lünenbürger ein besonnener Mann sein, gibt er doch bei der Hamburger PR-Company Cohn Wolfe den Managing Director. Per Twitter hat er öffentlich dazu aufgerufen, mich „anzukakken“.

Anlass war die Geschichte auf dieser Site von Anabel Schunke über das Schweigen der Medien. Es stört viele in der medialen Filterblase, dass wir die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen in Köln, Hamburg, Stuttgart und vielen andern Städten kritisiert haben: Das lange Schweigen vieler Medien zu dieser Hatz auf Frauen. Es gibt auch Ausnahmen. Etwa den Kölner Express, der einen beteiligten Polizeibeamten zitiert:

„Der Beamte berichtet nun, es habe in der Nacht 15 vorläufige Festnahmen durch seine Gruppe gegeben.

Diese Personen seien „definitiv erst wenige Tage oder Wochen“ in Deutschland gewesen: „Von diesen Personen waren 14 aus Syrien und eine aus Afghanistan. Das ist die Wahrheit. Auch wenn sie schmerzt.“

Ein anderer Beamter hatte dies bereits dem EXPRESS bestätigt (wir berichteten).

„Ich habe junge Frauen weinend neben mir gehabt, die keinen Slip mehr trugen, nachdem die Meute sie ausgespuckt hatte. Das waren Bilder, die mich schockiert haben und die wir erstmal verarbeiten mussten.

Abgesehen davon, dass wir damit beschäftigt waren, uns selbst zu schützen, da wir massiv angegriffen wurden.“

Aber offensichtlich reichen diese Belege denen noch nicht, die wie Lünenbürger behaupten, dass „Köln und Co kein Frauenthema sind“.

Desinformation schürt Unsicherheit
Nach sexuellen Übergriffen in Köln: Medienversagen gefährdet den sozialen Frieden
Aber das Unangenehmste sind viele vermeintlich kühle, sachliche Berichte, die doch nur ein Ziel haben: Die Leiden der Frauen zu relativieren. So schreibt ZEIT-Online allen Ernstes: „Dabei ist bislang nichts über die Täter bekannt. Es gibt Hinweise, dass es sich um organisierten Taschendiebstahl handeln könnte.“ Aha. Taschendiebstahl also? Und weiter: „Es gibt aber auch Zeugenaussagen, die eine gezielte Erniedrigung von Frauen nahelegen. Die Polizei steht am Anfang der Ermittlungen.“

Taschendiebstahl, gelegentliche Zeugenaussagen – das ist in den Augen der ZEIT, was die „Süddeutsche“ in einer Reportage als „Hölle“ in Köln beschrieb, in der Frauen schrien, überforderte Polizisten angesichts der Gewalt einknickten, sich Frauen zu Türstehern flüchteten, wenn sie dem Spießrutenlaufen entgehen wollen. Lesen wir weiter ZEIT-Online: „Es gibt also einen sehr schwerwiegenden Verdacht, der aufgeklärt gehört – gesichert ist aber noch nichts.“

Gesichert ist noch nichts . außer der Verzweiflung von Frauen. Penibel wird – nicht nur von der ZEIT – nachgegangen, ob es sich um Vergewaltigung im Sinne des Strafgesetzbuches handelt, was eine Penetration voraussetzt. Davon gibt es bislang, wie die Zeit notiert, „nur“ 2 Fälle. Aber dass es sich um massenhafte sexuelle Erniedrigung handelt – das wird kleingeredet. Auch von vielen Journalisten insbesondere aus Köln, die mir Tweets geschickt haben. Immer scheint mitzuschwingen: Bisschen antatschen, anspucken, Kleider runterfetzen, in den Slip fassen und ähnliches, sei doch keine Vergewaltigung und gar nicht so schlimm. Auf die Erniedrigung von Köln und anderswo kommt noch der Versuch, die Not lächerlich zu machen und zu relativieren. Und weiter mit der schaurigen ZEIT: Darf man – wie die Polizei es formulierte – über das „nordafrikanische Aussehen“ der Täter schreiben oder muss man jeden genaueren Hinweis auf die Täter verschweigen?

„Ungeklärt ist, woher die Kölner Polizei weiß, dass die Mehrheit der auf dem Platz Anwesenden 1.000 Menschen dieselbe Herkunft hat. Können Zeugen erkennen, ob jemand aus Marokko kommt und nicht aus Südeuropa? Kann man einem Menschen ansehen, ob er Deutscher ist, EU-Bürger oder Flüchtling?“

Was hier geschieht: Da werden journalistische Maßstäbe so weit hochgehängt, bis eine Berichterstattung nicht mehr möglich ist. Denn wer über Straftaten berichtet, muss das notgedrungen im Verdachtsstadium tun; Urteile folgen, wenn überhaupt, erst sehr viel später. Wenn man aber nicht mehr über den Mob berichten darf, bis er verurteilt ist, wird man nie berichten dürfen. Schon gar nicht, wenn es der Polizei wie in Köln nach einer Woche erst gelungen ist, gerade zwei mutmaßliche Täter zu identifizieren. Offenkundig folgt der Kontrollaufgabe an den Grenzen jetzt der Kontrollverlust im Inneren. Denn ähnliche Vorfälle wie in Köln werden aus vielen Städten gemeldet; die Berichte über Vergewaltigungen häufen sich in diesen Tagen.

Neben eine Gefühllosigkeit der ZEIT-Autorinnen, gegen die sich jeder mitteleuropäische Macho wie ein sensibler, empathischer Mensch ausnimmt, wird der Versuch deutlich: Was nicht sein darf, soll nicht beschrieben werden dürfen. Selbstverständlich haben Täter das Anrecht auf die Unschuldsvermutung, selbstverständlich soll differenziert und vorsichtig analysiert und gewertet werden, und genau so haben, eher sogar übervorsichtig, viele Kollegen gearbeitet. Aber wenn sich die Hinweise darauf häufen, dass es sich um eine „neue Dimension“ handelt, wie selbst die fragwürdige Kölner Polizei einräumen musste, warum soll nicht ausgesprochen werden, was ist: Es handelt sich um Migranten. Ob es jetzt Merkel-Migranten aus dem Sommer sind, oder solche, die schon länger hier sind – diese Differenzierung kann und soll später folgen.

Da werden nicht Vermutungen zu Tatsachen, wie ZEIT-Online schreibt, sondern der Wunsch, Fakten zu unterdrücken, zum Vater des Handelns. Offensichtlich bewegen sich längst viele Journalistinnen in einer Filterblase, in der die Wirklichkeit ausgeblendet und die Leser für dumm verkauft werden. Tanit Koch, die neue Chefredakteurin von BILD, schreibt zutreffend von einem „Generalverdacht“ nicht gegen Flüchtlinge, sondern gegen die Bevölkerung, der von Politik und Medien ganz offensichtlich Rassismus unterstellt wird. Deshalb wird nicht offen berichtet, sondern nur noch verklausuliert und wenn es gar nicht mehr anders geht. Und deswegen wird Köln damit relativiert, sowas gäbe es doch auch auf dem Oktoberfest, wie eine Kollegin von Tagesschau verbreitet und von der Frankfurter Rundschau reproduziert wird. Es ist so dümmlich, dass man nicht darauf eingehen sollte – wäre da nicht der Versuch sichtbar: Frauen sollen verspottet werden. Kein Argument ist Feministinnen zu dünn und zu dümmlich, um Vergewaltigung und sexuelle Belästigung, Bedrohung und Übergriffe durch Migranten zu relativieren. Und viele Medien versuchen diese perverse Form der Deutungshoheit zu verteidigen.

Dabei haben die großen Medien noch gar nicht begriffen, dass es im Zeitalter sozialer Medien eben doch anders geht. Aber es gibt auch bei den alten Medien Lichtblicke. Was Claus Strunz an glasklaren Worten im SAT.1 Frühstücksfernsehen sagt (natürlich nicht bei ARD und ZDF) macht Mut: Um „es zu schaffen“ dürfen wir unsere Kultur nicht aufgeben.

Kein Wunder, dass angesichts des Geschilderten schnell der Vorwurf entsteht, dass Politik, Verwaltung und Medien unter einer Decke stecken beim Versuch, Schäden am idealisierten Flüchtlings-Narrativ zu unterdrücken. Es bleibt ja die Frage, warum die Polizei in Köln von einer idyllischen Silvesternacht berichtet hat – so viel Desinformation hat sich nicht einmal die DDR nach den beginnenden Freiheitsdemonstrationen erlaubt. Und NRW-Innenminister Jäger, der als Polizeiminister die politische Verantwortung trägt, lenkt genau davon ab wenn er formuliert:

„“Was in den rechtsgerichteten Foren und Chats zur Zeit passiert ist M I N D E S T E N S [!] G E N A U S O [!] widerlich wie die Taten derer die da die Frauen angegangen haben.“

Man möchte Herrn Jäger nicht wünschen, einmal ohne sein Schutzkommando so einen Spießrutenlauf zu erleben – aber zwischen saudummen Sprüchen und Realität zu differenzieren sollte er schon können.

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