Warum Rechte und Linke so viel gemeinsam haben

"Hoch die internationale Solidarität" - Anti-Israel-Demonstration in Frankfurt
Nun marschieren die Linke und Autonomen gegen Israel – und feixend in ihren Reihen Seit´an Seit´ die Rechtsradikalen. Es scheint Jahre her, dass der Aufstand der Anständigen mit zehnfacher Kopfzahl sich gegen Mini-Demonstration der NDP stellte. Nur mühsam werden Plakate verborgen gehalten, die offen die Vernichtung der jüdischen Rasse fordern – aber versteckt schwingt die Botschaft immer mit: „Jude, Jude, feige Sau“. Was haben Linke und Rechte gemeinsam? Woher kommt der gemeinsame Antisemitismus der vermeintlichen Gegner?


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Der Jude – Erfinder des Kapitalismus

Das Grausige dabei: Es sind nicht ein paar Wirr- und Hitzköpfe, die da die Judenvernichtung skandieren. Es ist der Kern der linken Bewegung, der sich da mit der rechten Szene verbindet. Die Brücke zwischen Links und Rechts ist der tiefsitzende Antikapitalismus der Linken wie der Rechten, der sich mit dem Antisemitismus auf beiden Seiten verbindet.  Es war der deutsche Sozialwissenschaftler Werner Sombart, der den Kapitalismus  als eine Erfindung der „Fremden“ herausarbeitete. Anfänglich war das nicht antisemitisch intendiert, sondern eher im Stil Sombarts begründet, der vielfach sehr anekdotisch und sprachlich bunt arbeitete: Flucht und erzwungene Wanderung habe die betroffenen Menschen dazu gebracht, die Welt und Natur sehr unromantisch zu betrachten. Während in vor-kapitalistischen Zeiten noch in jeder Quelle eine Nymphe und hinter jeder Eiche eine Gottheit vermutet und die Ständegesellschaft als gottgegeben verherrlicht wurde, waren die Fremden aus dieser stagnierenden Welt mit ihren begrenzenden Traditionen herausgerissen und konnten sich ihrer ohne selbstauferlegter Schranken bedienen, so Sombart in „Der moderne Kapitalismus“.  Und die meisten Fremden sind eben wegen Flucht und Vertreibung Juden – daher ist „ihrem Einwirken die beschleunigte Überführung frühkapitalistischer Wirtschaftsformen in hochkapitalistische zuzuschreiben“. (Band 1, S. 306, 2. Auflage 1016)

Der gefühllose Kapitalismus

Dieser Gedanke macht ja auch das „kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels so faszinierend: Nicht nur die Natur werde vom Kapitalismus wie eine Art Kühlschrank zum Plündern freigegeben. Dieser Kapitalismus lasse „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig …. als das nackte Interesse, als die gefühllose, bare Zahlung“. Selbst dem „Familienverhältnis werde sein rührend-sentimentaler Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt“.
Von da ist es nur ein kleiner Schritt zum nationalsozialistischen Wirtschaftspolitiker Gottfried Feder, auf den sich wiederum Adolf Hitler beruft: In „Mein Kampf“ unterscheidet Hitler „die beiden Kapitals-Arten“, des „reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit“ und einem „Kapital, dessen Existenz ausschließlich auf Spekulation“ beruht. Damit sind sie da, die schrägen Bilder, auf denen die Brücke ruht: Es sind die Juden, die an der Wallstreet die Ausbeutung der Menschheit betreiben, die raffenden Spekulanten, das globale Finanzkapital.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 mischen sich roter und brauner Judenhass; beide Gruppen sehen eine jüdisch-kapitalistische Ausbeutung. Die Juden werden wieder offen als die geheimen Treiber und Gewinner verhetzt und die ganze Mixtur schwurbelt mit einer antiamerikanischen, antisemitischen, meist globalisierungskritischen Rhetorik daher, die sich aus beiden Quellen speist: dem linken  und dem rechtsradikalen Antikapitalismus.
Es ist auf Seiten der Rechten ja auch eine  Flucht aus der Moderne; die Welt wird imaginiert als mögliche Idylle, in der der Bauer auf reinem Boden die Ähren schneidet und der Handwerker in der Stadt die Löffel schnitzt, mit dem der braune Brei gegessen wird – Blut und Boden-Romantik, die von jüdischen Kaufhäusern und Konzernen zerstört wird, natürlich global.

Hitlers Spekulanten und Foodwatch

Nun sind auf der linken Seiten zunächst keine bewussten rassistischen Antisemiten dabei: Attac hat ja sogar engagiert versucht, ihre Globalsierungs- und Kapitalismuskritik von braunem Gedankengut zu trennen. Es ist nicht gelungen, es kann nicht gelingen. Der Spekulant und der Jude als rhetorische, eingebildete Figuren sind zu eng miteinander verwoben. Nur ein kleiner Hinweis: Um 1900 fand in Deutschland eine antisemitische und von den ostelbischen Junkern getriebene Debatte statt, an deren Ende das Verbot der Terminmarkt-Spekulation mit Getreide und das Ende der Berliner Getreidebörse stand – „mit Essen spielt man nicht“, oder? So lautet die Zeile, mit der Foodwatch ein breites Bündnis von Kirchen und anderen Gutmenschen-Organisationen gegen Warenterminbörsen einschwört.
Auch hier kann man der heute treibenden Organisation Foodwatch keinen Vorwurf des bewussten Antisemitismus machen. Aber die Foodwatch-Argumentation gegen Spekulation ist inhaltlich eben nicht von der Hetze der Nazis gegen jüdische Spekulanten zu trennen, die deutsche Bauern um ihren Boden bringen. Spekulation, Börse, Geld, Finanzwesen – sie werden von immer noch weniger Menschen verstanden, und wurden auch nicht verstanden. Dass der jüdische Plutokrat an der Wallstreet eines der Hauptinstrumente der Nazi-Propaganda war, zeigt nur eines: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Und wenn es nur unverdautes, unverstandenes Zeug ist, das linke Kapitalismuskritiker nachbeten ohne zu wissen, wer ihnen eigentlich die Argumente lieferte: Josef Goebbels, Hitlers Propaganda-Genie.

Goebbels Klischees sind jederzeit abrufbar

Und selbst ehrenwerte, unangreifbare Linke bedienen sich immer wieder anitjüdischer Klischees, wenn sie sich antikapitalistisch geben: Der Bankdirektor als weltumspannende Krake, amerikanische Hedgefonds, die als Heuschrecken von SPD-Chef Franz Müntefering tituliert werden und dann als Mücken mit gekrümmter Nase auf dem Mitgliedermagazin der IG Metall vom April 2005 erscheinen – man mag das als „Freiheit der Kunst“ interpretieren, aber sieht doch, wie tief das sitzt und immer wieder hervorkriecht aus Löchern, wo man es nicht vermutet hat.
Und heute kommt eine neue Dynamik des Antisemitismus dazu; sie treibt viele muslimisch geprägte Migranten. Sie schreien heraus, was ihnen seit Jahrzehnten die anti-jüdischen Haßprediger in den Moscheen auch in Duisburg und arabischen Medien eingeprügelt haben. Auch hier sind die Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion unübersehbar und was noch wichtiger ist: Sie werden von linken Gruppen bewusst instrumentalisiert. Gerecht ist nur die Arbeit mit der Stirn oder der Faust – dieser Satz war von den Nazis inflationär gebraucht, um sich von den Spekulanten und ihrer mühelosen Arbeit abzugrenzen, und zwar „vom Geist der Volksgemeinschaft durchpulst“.

Flucht aus der Moderne

Und es macht so hilflos. Es ist ja nicht so, dass man der Politik des Staates Israel unkritisch nachlaufen möchte. Aber hinter der Kritik am Vorgehen der israelischen Truppen in Gaza verbergen sich ältere, braune Wurzeln, und dabei sind der rote und der braune Antisemitismus verflochten. Der wiederum bedient sich des Unbehagens, das viele Menschen mit der derzeitigen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung verbinden. Es ist der Versuch, aus der Moderne zu entfliehen, immer wieder. Es ist die Kritik an der vermeintlichen Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, die die moderne Wirtschaft seit 150 Jahren begleitet und ganz modern wieder auftaucht, wenn der zu früh verstorbene Feuilletonist Frank Schirrmacher fürchtet, der „Primat des Ökonomischen“ beherrsche Deutschland. Seither ist ein gepflegter Antikapitalismus en vogue; gewarnt wird vor dem „Durchmarsch der Marktradikalen“ und ihrem „Versuch, wirklich alle Lebensbereiche ökonomisch zu verwerten“.
Es ist ein Leiden an der Moderne, die nur in ihren negativen Auswirkungen gesehen wird und zu einem Antikapitalismus führt, der dann wieder benutzt wird. Von Schreiern, mit denen man nicht in einer Reihe stehen will. Aber leider marschieren die Falschen zu oft mit.

 

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