Die linke Volksfront in Magdeburg steht

Nicht der Wähler soll überzeugt werden, sondern das System soll vor ihm gesichert werden. In Sachsen-Anhalt bastelt die CDU mit Linken, SPD und Grünen an einer Lex AfD, die Verfassung, Richterwahl und Machtbalance politisch zurechtbiegt.

picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Was ist nur mit der CDU in Sachsen-Anhalt los? Ganze 33 Jahre lang war die CDU mit der Landesverfassung, die am 18.07.1992 in Kraft trat, höchst zufrieden. Doch plötzlich seit einem Jahr nicht mehr. Was also ist in die CDU gefahren, dass auf einmal ein neues Gesetz her muss, gar ein Gesetz zur Parlamentsreform? Was macht die CDU plötzlich so unzufrieden mit dem Parlament? Vielleicht die künftige Zusammensetzung des Parlaments?

Laut der Umfrage von INSA am 27.01. 2026 würde die AfD stärkste Partei mit 39 %, weit dahinter die CDU mit 26 %, die Linke mit 11 % und die SPD mit 8 %. Und anstatt, wie es in einer Demokratie üblich ist, den Wähler zu überzeugen, tat sich die CDU mit den Grünen und der SPD zusammen und kumpelte heftig unter Blockflötenklängen mit der SED, die nun die Linke heißt. Irgendwie haben sie in Magdeburg vor einem Jahr einen Traditionsverein gegründet – und keiner hat es gemerkt.

Nicht den Wähler soll überzeugt werden, sondern die Spielregeln sollen durch ein neues Parlamentsgesetz geändert werden. Dazu fand gestern die erste von drei Lesungen im Landtag zu Magdeburg statt, denn drei Lesungen sind notwendig, damit die Verfassung, mit der die CDU dreiunddreißig Jahre hochzufrieden war, verändert werden kann.

Wenn Sperrminorität droht:
CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke: Die neue Volksfront gegen die AfD in Magdeburg
Okay, die CDU in Sachsen-Anhalt hat reichlich Erfahrung darin, schließlich hatte auch sie 1949 noch faire Wahlen versprochen, doch als es 1950 ans Wählen ging, sagte auch die CDU: „Pustekuchen, lieber Wähler“, sag einfach Ja zu unserer Demokratie, zu den Parteien des demokratischen Blocks, den Rest haben wir schon unter uns ausgemacht. Zwar hatten wir einmal einen Parteifreund namens Leo Herwegen, der einmal Minister für Arbeit und Sozialpolitik in der Landesregierung Sachsen-Anhalt war, doch als die Richterin Hilde Benjamin den Minister Herwegen in einem Schauprozess, passenderweise im Dessauer Theater, am 29. April 1950 angeblich wegen illegaler Wertpapiertransaktionen zu 15 Jahren Zuchthausstrafe verurteilte, distanzierten wir uns ganz schnell auf Wunsch unserer neuen Freunde von der SED von unserem Parteifreund Leo Herwegen, so wie wir jetzt mit unseren neuen, alten Freunden von den Linken die Verfassung ändern.

Das Gute Derwählerwilleinteressiertunsnicht-Gesetz, an dem CDU, Linke, SPD, Grüne und FDP schon seit einem Jahr arbeiten, kann Ende April nach der letzten Lesung in Kraft treten. Die Mitteldeutsche Zeitung in Halle, die in den Jargon der Vorwendezeit zurückfällt, titelte gar: „Sorge vor wachsendem AfD-Einfluss: So wollen die Parteien in Sachsen-Anhalt die Demokratie krisenfest machen“ und plaudert ungewollt aus, worum es eigentlich geht: „Was, wenn die rechtsextreme AfD bei der Landtagswahl so stark wird, dass sie demokratische Abläufe blockieren kann? Mit diesem Reformpaket wollen die Parteien von CDU bis Linke gemeinsam vorbauen.“ Demokratischer Block, was sonst?

Im Moment werden die Richter des Landesverfassungsgerichts noch mit Zweidrittelmehrheit vom Landtag gewählt. Doch mit dem Erreichen einer Sperrminorität könnte die AfD Einfluss auf die Wahl der Richter nehmen. Um das zu umgehen, verfällt man dem abenteuerlichen Gedanken, dass im Falle die Wahl eines Verfassungsrichters im Landtag scheitert, das Landesverfassungsgericht die Kandidaten selbst vorschlagen darf, die dann nur noch mit einfacher Mehrheit vom Parlament gewählt werden müssen: „Die Mitglieder und die stellvertretenden Mitglieder des Landesverfassungsgerichts werden vom Landtag ohne Aussprache mit einer Mehrheit von zwei Dritteln der anwesenden Mitglieder des Landtages, mindestens mit der Mehrheit der Mitglieder des Landtages gewählt. Kommt innerhalb von sechs Monaten nach dem Ende der Amtszeit oder nach dem vorzeitigen Ausscheiden eines Mitglieds des Landesverfassungsgerichts eine Wahl seines Nachfolgers nicht zustande, unterbreitet das Landesverfassungsgericht dem Landtag einen Vorschlag.

Ein vom Landesverfassungsgericht vorgeschlagenes Mitglied des Landesverfassungsgerichts wird ohne Aussprache mit der Mehrheit der Mitglieder des Landtages gewählt“, heißt es im Gesetz. „Ohne Aussprache“, wie es unsere Demokratie so liebt. Im Gesetz steht zwar: „Dies stärkt die Unabhängigkeit der Verfassungsgerichtsbarkeit sowie die souveräne Autonomie dieses Verfassungsorgans in der gewaltengeteilten Verfassungsordnung Sachsen-Anhalts“, heißt aber in Wahrheit, wer Verfassungsrichter in Sachsen-Anhalt wird, bestimmen wir, die CDU, die Linke und die SPD. Wobei wir wieder bei Hilde Benjamin wären, denn nach diesem Gesetz ist es mit der Unabhängigkeit des Landesverfassungsgericht vorbei.

Es steht zu befürchten, dass am Ende das Landesverfassungsgericht aus im Hinterzimmer ausgekungelten Aktivisten besteht. Wie sagte doch der Heilige Augustinus: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“ („Remota itaque iustitia quid sunt regna nisi magna latrocinia?“). Auch so kann man Verfassungsorgane ruinieren. Das könnte übrigens dazu führen, dass Beschlüsse und Urteile des Landesverfassungsgerichtes nicht mehr über allen Zweifel erhaben sind, weil der Wählerwille von über einem Drittel der Wähler im Prinzip hintergangen wurde. Rechtsdurchsetzung fände dann nicht mehr auf der Grundlage der Autorität, sondern der Macht statt.

"Parlamentsreform" in Sachsen-Anhalt:
Der Bau eines antidemokratischen Schutzwalls
In Sachsen-Anhalt haben Ministerpräsidenten das Recht, Staatsverträge zu kündigen. Diese Kündigung soll künftig nur mit Zustimmung des Parlaments möglich sein. Warum auf einmal? Warum nach 33 Jahren? Was man dabei im Auge hat, ist völlig klar, den Rundfunkstaatsvertrag. Die Sorge bei Grünen und Roten und bei der CDU scheint hoch zu sein, dass ihnen durch die Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages ein so wichtiges Propagandainstrument wie der öffentlich finanzierte, grüne Rundfunk verloren geht.

Der Entwurf eines Gesetzes zur Parlamentsreform 2026 ist nichts anderes als eine Lex AfD. Der Grünen Politiker Olaf Meister offenbarte den großen Graben, der zwischen den Grünen und der Demokratie klafft, als er sagte: „Dass die AfD die Parlamentsreform als Angriff auf sich versteht, sagt mehr über die AfD aus als über die, die an dem Gesetzentwurf gearbeitet haben.“ Kritik an einem Gesetzentwurf sagt mehr über die Kritiker als über die Demokratieschaffenden unserer Demokratie aus? Hat Meister noch eine inhaltliche Bemerkung?

Stefan Gebhardt von den Linken lobte dann auch eifrig den gefügigen Blockfreund von der CDU: „Markus Kurze war der Motor für diesen Gesetzentwurf, ich danke ihm ausdrücklich.“ Damit ist der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU Geschichte. Man kann der CDU nichts glauben.

Den Preis für Deutschlands größten Witzbold hatte sich redlich der CDU-Fraktionschef Guido Heuer verdient, als er wirklich dem SPIEGEL gegenüber behauptete, eine „inhaltliche Zusammenarbeit mit einer Linkspartei“ bleibe ausgeschlossen. Was bitte schön ist die Zusammenarbeit an einem Gesetz zur Änderung der Landesverfassung als eine „inhaltliche Zusammenarbeit“? Entweder weiß Heuer nicht, was Inhalte und was Gesetze sind, dann sollte man eine andere Aufgabe für ihn finden, als die in der Legislative, oder er verkauft seine Wähler für dumm.

Doch was immer Heuer und Kurze und Schulze sagen mögen, es wird vom Machtwort der Linken widerlegt. Dem SPIEGEL sagte nämlich Stefan Gebhardt, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion, dass diese Zusammenarbeit „konstruktiv“ gewesen und die Reform ein starkes Gesetz sei: „Und das ist ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft.“ Für eine Koalition aus CDU, Linke und ein bisschen SPD.

Oder in der Wortwahl des parlamentarischen Geschäftsführers der AfD, Tobias Rausch: „Jede Stimme für die CDU ist eine Stimme für linke Politik.“

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Kommentare ( 64 )

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weihnachtsmann_frau_lein
7 Tage her

Ich denke, die union sieht nur deshalb über den unvereinbarkeitsbeschluss mit der mauermörder-partei hinweg, weil sie a) sie als nützliche idioten braucht, und b) die sed-nachfolgepartei relativ wenig prozente hat. Wäre die linke auch nur halb so stark wie die AfD, würde sie genauso demokratieverachtend (i.e. verfassungsfeindlich/-widrig) und erbärmlich bekämpft wie die AfD.

heinrich hein
7 Tage her

Spätere Historiker werden über diese Art von „Demokraten“ genauso schreiben wie über die Nationalsozialisten. Charakterlich sind sie m.E. komplett identisch was das Thema Hass auf die Demokratie angeht. Ich hoffe, dass sie ihre gerechte Strafe erhalten. Vielleicht auch wieder in Nürnberg, verurteilt durch richtige Demokraten wie seinerzeit nach dem Krieg.

Privat
7 Tage her

Linke Volksfronten gehören nach meiner Meinung verboten.
So wie das berüchtigte Mafia Kartell.

Florian Teubert
7 Tage her

Ich frage mich schon länger: Wann werden die 75% der deutschen Wähler merken, dass „unsere Demokratie“ keine Demokratie ist, vielmehr ihr Gegenteil? „Nie wieder“ ist jetzt, aber niemand bekommt es mit. Dieses Land ist dem Untergang geweiht. Am Ende wird es wieder niemand gewesen sein wollen. Man hat dem deutschen Michel, der fleißig alle noch so schweren Lasten trägt, die man ihm wie einem Esel aufdrückt, zu einem Pawlowschen Hund erzogen. Er reagiert brav und reflexhaft auf die immer gleichen Reize, springt über jedes hingehaltene Stöckchen, aber die Intelligenz reicht bei Weitem nicht aus, zu erkennen, wer in diesem Land… Mehr

Last edited 7 Tage her by Florian Teubert
Aegnor
7 Tage her

Über den ganzen Spaß braucht man kein Wort zu viel verlieren. Nicht mal logisch denken können unsere Freunde von den Blockflöten. Ein Ministerpräsident Ulrich Siegmund hat logischerweise auch eine Mehrheit im Parlament, sonst wäre er nicht Ministerpräsident. Man kann es nicht oft genug sagen. Die Rettung dieses Landes geht nur durch ein radikales Sparprogramm beim Staat. Anstatt den knapp 6 Millionen Staatsangestellten plus mind. eine weitere Million in DB, Post, weiteren Staatsbetrieben, ‚N’GOs, usw., muss der Staat radikal auf 500k Angestellte runtergefahren werden. Der Rest muss fristlos entlassen werden inkl. Verlust sämtlicher Pensions- etc-Ansprüche die über einen vergleichbaren Rentenanspruch hinausgehen.

Ernst K.
7 Tage her

Auch die schwäbische Hausfrau wird nach Schönheit wählen, d.h. Hagel oder Özdemir. Daß beide ihr „Länd“ weiter herunterwirtschaften, interessiert sie nicht.
Das grundlegende Problem sind somit weniger die Kandidaten, sondern die zahlreichen Wähler, die nicht bis drei zählen können.

RauerMan
7 Tage her

Das bedeutet für die Sachsen-Anhalt-Wahlen: Jetzt erst recht AfD wählen.
Die neue linke Volksfront macht die Demokratie kaputt.
Das verhindert nur noch eine über 50 % AfD

Privat
7 Tage her

Die dummen Deutschen werden ihre eigenen Vernichter wählen, solange, bis Deutschland völlig am Boden liegt.
Da kann jeder in BW miterleben – morgen nach der Wahl.
Die dummen Deutsche sind derart politisch hirngewaschen, da ist jeder Versuch der Richtigstellung hoffnungslos.
Mit solchen Hirntoten ist jedes Gespräch sinnlos.

Anja W.
7 Tage her

Die Kommentare in den großen Blättern sind verhalten zustimmend. In der WAZ wird dieses Modell dringend für den Bund emphohlen,denn die AfD ist durch den Beschluss des Kölner Gerichts ja nicht plötzlich demokratisch geworden – im Gegenteil. Wie radikal sie erst in einer Regierung sein wird, ist noch offen, aber wahrscheinlich sehr radikal, denn in ihren Reihen tummeln sich „Rechtsextremisten“ (WAZ-Kommentar). Mit „umfassenden Reformen“ wollen in Sachsen-Anhalt alle anderen Parteien dem Parlament eine „Booster-Impfung“ verpassen, um eben dieses Parlament zu stärken. Dieser „Schulterschluß“ aller demokratischen Parteien wird vom Kommentator als „Vorbild für Deutschland“ bezeichnet. Es schützt nach Meinung des Autors… Mehr

Entenhuegel
7 Tage her

CDU/CSU ist längst (seit Merkel) eine substanz- und würdelose Systemschranzenpartei – und kann als solches in den Mülleimer.