Immer weniger Selbständige im Land der Staatsbürokraten

Deutschland leistet sich eine Staatsbürokratie, die der Privatwirtschaft wie ein künstlicher Arbeitsmarkt vorgeschaltet ist. Die Flucht Hunderttausender in die Arme des Staates korrespondiert mit der schrumpfenden Zahl der Selbständigen im Land. Und die Politik fördert diesen Trend nach Kräften.

IMAGO / Andreas Gora

Beginnen wir mit einer guten Nachricht: Glaubt man einer Bertelsmann-Umfrage, können sich in Deutschland rund 40 Prozent der 15- bis 25-Jährigen eine Unternehmensgründung als persönlichen Lebensweg vorstellen. Das ist ein verblüffend hoher Wert in einem Land, in dem Jugendliche nicht selten als Karriereziele, halb spöttisch, halb im Ernst, Hartz IV oder den öffentlichen Dienst angeben.

Halten wir fest: Noch glimmt die Kohle des Unternehmertums in Deutschland, noch stehen wirtschaftliche Autonomie und Souveränität beim Nachwuchs hoch im Kurs. Es ist allerdings fraglich, ob dies genügt, um im Land der Klimatransformation, der tief verwurzelten Staatsgläubigkeit und des öffentlichen Dienstes eines Tages ein Gründungsfeuer zu entfachen, das eine Wende erzwingt und hilft, die seit langem akkumulierten Sünden der Klimasozialisten vergessen zu machen.

Doch wir schweifen ab. Romantische Jugendideale gelten wenig in den Führungszirkeln der Berliner Republik. Dort kollidiert das Ideal des freien Unternehmertums mit dem kulturpolitischen Ungeist des Etatismus – eine der zahlreichen politisch initiierten Konfliktlinien unserer Zeit. Unternehmerisches Handeln, die freie Entscheidung über die Verwendung von Kapital, birgt in einem Klima manisch erzwungener Ökotransformation zwangsläufig Konfliktpotenzial.

Mit dem Versuch, die bestehende Wirtschaftsordnung in ein System staatlicher Energieerzeugung und gesteuerter Industrieproduktion zu verwandeln, drängt die Politik eine wachsende Zahl mittelständischer Unternehmen wahlweise in die Insolvenz oder ohne Umwege ins Ausland. Über die wirtschaftliche Depression im Land sollte sich daher niemand wundern: Es hat seinen Preis, ideologischen Fanatikern die wirtschaftlichen Kronjuwelen des Landes wie die Kernkraft oder den Autobau auszuhändigen.

Dass sich der Furor des sozialistischen Brandmauer-Kartells gerade auch gegen die Unternehmer als eine der stillen Barrieren gegen die Barbarei des Sozialismus entlädt, ist nicht verwunderlich. In Deutschland fällt es Politikern zu leicht, mit Neiddebatten und Ressentiments sowie Instrumenten wie der Erbschafts- oder Vermögenssteuer vom eigenen Versagen abzulenken. Wenn Sie wissen wollen, wie dieses Drehbuch funktioniert, erinnern Sie sich bitte an die peinliche Unternehmer-Schelte der Arbeitsministerin und ihres Finanzministers vor wenigen Wochen. Dies ist kein unternehmerfreundliches Klima, weder fiskalisch noch gesellschaftspolitisch.

Man sollte sich daher nicht wundern: Der wirtschaftliche Abstieg ist zwingend und er zeigt sich in zunehmendem Maße in den gestauchten Realeinkommen der Bürger. Sie ringen mit einem gekippten Arbeitsmarkt, steigenden Inflationsraten und der anhaltenden Armutsmigration – ein teuflisches Gebräu für eine Gesellschaft, die sich zu großen Teilen apathisch und seltsam verstummt in den Degrowth-Modus begeben hat.

Wie gesagt: Wozu noch Unternehmer, wenn am Ende der Staat mit unbegrenztem Kredit und der eisernen Hand des Oberregulators das Wirtschaftsgeschehen steuert? Der Ökonom Lars Feld bezifferte die Summe der Subventionen im vergangenen Jahr auf 321 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Anteil von sieben Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes. Oder härter formuliert: ein Mount Everest an Korruptionsgeld, das windige Subventionsunternehmer regelrecht aufspüren und dabei am Aufbau des Umverteilungsmechanismus der grünen Transformation mitwirken. Ein Teufelswerk, das jeden, der sich am Steuergeld seiner Mitbürger bereichert, in ein äußerst ungünstiges ethisches Licht rückt.

Die Zahl der Selbständigen in Deutschland befindet sich, und das ist wenig überraschend, seit Beginn der grünen Transformationspolitik auf dem Rückzug. Waren es im Jahr 2000 noch 4,1 Millionen Selbständige, so verdienten im vergangenen Jahr nur noch 3,6 Millionen Freiberufler, Kaufleute, Händler und sonstige Selbständige ihr Geld auf eigenes Risiko am freien Markt.

Mit dem Rückzug des Unternehmertums erlahmt auch die innovative Kraft des Landes. Umwälzende Ideen treffen nun andernorts auf Risikokapital. Gleichzeitig absorbiert der öffentliche Sektor einen nicht unerheblichen Teil der Menschen, die aus der Privatwirtschaft im Zuge des wirtschaftlichen Kollapses ausscheiden.

Seit der Jahrtausendwende stieg die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst von 4,5 auf 5,5 Millionen. Ein satter Aufwuchs von über 20 Prozent, und dies trotz der digitalen Revolution, die eigentlich die Möglichkeit eröffnen sollte, repetitive Tätigkeiten in der Administration zu automatisieren. Formulieren wir es in aller Deutlichkeit: Der Staat hat allein im vergangenen Jahr 205.000 neue Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen. Es soll keine pauschale Kritik sein, allerdings erzeugt Bürokratie keine ökonomischen Werte – nichts, das Regulatoren und Dokumentationshelfer von Vater Staat entsinnen, hätte jemals am Markt Bestand.

Bürokratische Hemmnisse, neue Abgaben, groteske Regulierungen, die ein überbürokratisierter Staatsapparat maschinenartig auswirft – die sich mehrfach überlagernde nationale und europäische Verwaltung saugt knappe Ressourcen aus dem produktiven Bereich unserer Gesellschaft ab und zerfasert so die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Ein Teufelskreis, den nur eine radikale Staatsreform mit einem Rückbau der Bürokratie um wenigstens die Hälfte ihres Katastrophenwerks durchbrechen könnte.

Wie zum Beweis, dass Deutschland, politisch und kulturell, entgleist zu sein scheint, wuchs die Zahl der Beschäftigten im NGO-Wesen seit der Jahrtausendwende von 2 auf nunmehr 3,5 Millionen. Eine besonders tragische Entwicklung, da die produktive Mittelschicht nicht selten über den fiskalischen Zwangsmechanismus ihre eigenen parasitären Antagonisten finanziert. Höhepunkt war sicherlich die anhaltende Orgie der Klimakleber wie auch die hysterische Bewegung von Fridays for Future, deren manisch-neurotische Konvulsionen die Bürger, mal belustigt, mal genervt, doch stets mit der Hoffnung auf eine Wiederkehr konservativer Vernunft, sprachlos zurückließen.

3,5 Millionen Menschen, von denen wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit in unproduktiven Extraktionstätigkeiten geparkt ist, fristen ihr ökonomisches Dasein damit, das hart verdiente Geld von Arbeitnehmern und Selbständigen in ihre eigenen nutzlosen Organisationen zu leiten. Es ist das Gegenteil, das maximale Gegenteil einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft, in deren Mittelpunkt der innovative Unternehmer als Motor des Fortschritts und der sozialen Stabilität mit einer thymotischen Ethik wirken sollte.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 35 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

35 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
amendewirdallesgut
12 Tage her

Viel dramatischer ist mittlerweile die konsumtive Auftragsvergabe , die aus dem Kommual.-Landes.- und Bundessäckel an pseudoprivatwirtschaftliche Generalunternehmen und Zombie Unternehmen gezahlt wird , nur wenige Handwerker bedienen noch realwirtschaftliche Auftraggeber , ähnlich verhält es sich mit den Konsumausgaben , ich unterstelle mal , weit über 60 % der Konsumenten haben dafür im Gegenzug nicht MEHRWERTSCHÖPFEND gearbeitet .Ich will auch gar nicht wissen wie hoch sich der Anteil des geparkten Dienstleistungsversprechens ohne Substanzdeckung in der Währungsmenge beläuft , und welche Dienstleistung wir noch für ein Barrel Öl , in einer neuen Geldordnung anbieten können ,die Substanzprodukte und deren Hersteller sind ja… Mehr

Mausi
12 Tage her

Und sich gleichzeitig als Quellenstaat für Start Ups loben. Diese Lob gebührt nur Staaten, in denen die Start Ups es ins nachhaltige – nicht im Klimasinn – Unternehmertum schaffen. Bin ja mal gespannt, wie erfolgreich D dabei sein wird, Palantir mit Stuttgarter und Berliner Start Ups zu ersetzen. In Bezug auf Microsoft scheint das in den Behörden bisher ja eher in die Hose gegangen zu sein. Und witzig auch UvdL: EU als KI Vorreiter. D zumindest hat nicht mal ansatzweise die Digitalisierung geschafft. Oder flächendeckendes schnelles Internet. So geht das bei allen Großprojekten: Bei Scheitern, wird es entweder auf die… Mehr

Ralph Martin
12 Tage her

99% der Menschen sind Optimierer und verhalten sich entsprechend den Systemeigenschaften.
Wir das System so gestaltet, dass Leistung und Wertschöpfung bestraft und das richtige Daherreden mit leistungslosen Wohlstand belohnt wird, verzichten die Menschen auf Leistung und fangen an den Politikern nachzuplappern und lassen sich beim Staat anstellen.
Das geht so lange gut, bis die von vorherigen Leistungsgesellschaften aufgebauten Reserven verbraucht sind.
Ich schätze noch 5 bis 10 Jahre.

Michaelis
12 Tage her

Die Photos bei TE treffen oft ins Schwarze. Auch hier wieder – die dicke Bas hat die Hosen an, der massige Klingbeil dackelt hinterher, der Söder macht unfreiwillig mit, und der lange Merz ist genau der Typus, als den ich ihn schon öfter beschrieben habe: ein devoter Kriecher und Pantoffelheld nicht nur vor der Bas, sondern mit Sicherheit auch vor den Damen in seiner Familie! Sowas gehört nicht auf den Kanzlerstuhl sondern auf die Couch – eine Katastrophe für Deutschland, aber der Michel findet’s okay!!!

Last edited 12 Tage her by Michaelis
Markus Gerle
12 Tage her

Man hätte noch erwähnen sollen, dass der Staat maßgeblich auf Betreiben der SPD Selbständigkeit mit dem Generalvorwurf der „Scheinselbständigkeit“ bekämpft. Es wurde vorsätzlich Rechtsunsicherheit geschaffen. Selbständige und ihre Auftraggeber können nicht mehr sicher sein, dass irgendein Beamter einen Dienstleistungsvertrag als Angestelltenverhältnis interpretiert. Auch ich schaffe es seitdem kaum noch, ein direktes Vertragsverhältnis mit meinen Kunden (größere Unternehmen) einzugehen und muss daher über Agenturen gehen. Viele meine Kollegen im IT-Bereich sind daher schon ins Ausland abgewandert bzw. haben ihren Unternehmenssitz dorthin verlagert. Die Niederlande sind mit ihren Positivkriterien z. B. ein sicherer Ort. Man kann weiterhin Aufträge in Deutschland annehmen und… Mehr

OJ
12 Tage her

Beamte in nicht hoheitlichen Aufgabenbereichen sind das „…..geschwür“ unsere Gesellschaft ❗

TomK11
12 Tage her

Wer sich heute in Deutschland Selbständig macht, legt sich selber die fiskalische Kette um den Hals. Die auch mitnimmt, wenn er sich irgendwann entschließt dieses Land verlassen zu müssen. Nennt sich Wegzugsbesteuerung und Entstrickungsbesteuerung. Und nein, alles verkaufen und neu bei 0 Anfangen hilft nicht.

Karsten Paulsen
12 Tage her

Nach einer satten Strafzahlung (Steuernachzahlung) wegen meines wirtschaftlichen Erfolges habe ich vor 6 Jahren meine Selbstständigkeit beendet und bin in den vorzeitigen Ruhestand gewechselt.

Chrisamar
12 Tage her

Zahlen aus 2024 – 2025:
„Die Gesamtsumme der Beamtenversorgungen, aktiv und in Ruhe, belaufen sich auf € 160 Mrd pro Jahr!
Finanziert aus Steuermitteln.
Das sind 16% des gesamten Haushalts.
Die Gesamtverschuldung für die Pensionen für Bund und Länder, belaufen sich auf € 80 Mrd im Jahr!“
Und steigen jährlich höher.
https://youtu.be/SV2GGG9ZIdI?si=l8UfxmJ8WEMCOEaH
Und noch ein Video vom „Helmut-Schmidt-Sozi“ über die „organisierte Verantwortungslosigkeit“:
„Die Krankenkassen-Lüge: Wo Ihr Geld wirklich landet“https://youtu.be/EFZp-7gp4SE?si=4Gtbm-nX9yasuuAa

Nibelung
12 Tage her

Wenn ich das richtig gelesen haben, so freute sich doch die Bundesregierung über den stattlichen Zuwachs der Selbstständigkeit, wobei Masse noch lange kein Indikator für Klasse ist, wenn man die Einmann-Unternehmen in ihrer Mehrheit betrachtet, bei den Dönerbuden angefangen bis hin zum Warenverteiler auf Rechnung anderer und nur ein Bruchteil solche Synergien in sich trägt, worüber andere mit partizipieren können und das ist wieder so eine sozialistische Falschbewertung, was gleichzeitig für die wenigen nennenswerten Neugründungen eine Beleidigung darstellt, wenn man es in der Effizienz vergleicht. Das alles mag ja in sich funktionieren, solange man über tragende Säulen verfügt und die… Mehr