Grüner Hype – vorwärts Richtung Mittelalter

Wir erleben eine Art eine Neuauflage der Buß-und Erweckungsbewegungen des Mittelalters. Visionäre und pseudo-religiöse Heilserwartungen, darunter apokalyptische Endzeitängste spielen beim Erfolg der Grünen eine wichtige Rolle. Als nächstes werden Bußen folgen: In Form von Steuern und Verboten.

Tobias Schwarz/AFP/Getty Images
Der raketenhafte Aufstieg des im Ausland bisher wenig bekannten ukrainischen Fernsehstars Wolodymyr Selenski und seine Wahl zum neuen ukrainischen Präsidenten mit annähernd Dreiviertelmehrheit hat nicht nur die Ukraine, sondern auch die internationale Öffentlichkeit verblüfft. Der Vorgang ist auch für uns interessant, denn er verstößt gegen die Gesetze der uns bekannten politischen Physik. Es geht um die Frage, warum die Leute Selenski gewählt haben, wenn sie so gut wie nichts von ihm wussten, wenn sie keine Ahnung hatten, wohin er das Land steuern will und wenn er seinen Wählern eigentlich nur als populärer Fernsehkomiker und pfiffig-lustiger Präsidentendarsteller bekannt war (tatsächlich ist Selenski allerdings Diplomjurist und erfolgreicher Unternehmer aus der Medienindustrie). Die Antwort liegt natürlich bei uns selbst.

Beginnen wir mit den deutschen Grünen. Es gibt Parallelen zwischen dem triumphalen Wahlsieg Selenskis in der Ukraine und dem ebenfalls eindrucksvollen Aufstieg der Grünen in Deutschland. Beide Male geht es um in der Politik noch weitgehend unerfahrene, jedenfalls unerprobte Kräfte, die ohne zu zögern das Blaue vom Himmel herunter versprechen, ob es das bedingungslosen Grundeinkommen für alle à la Habeck ist oder der schnelle Frieden in der Ostukraine, wie ihn Selenski plakatierte.

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An selbstbewusster Überzeugung ist auf beiden Seiten kein Mangel. Was fehlt, ist neben der praktischen Erfahrung im oft mühseligen politischen Alltag die Bewährung in der Krise. Dabei sind die Neuankömmlinge innovativ, auf eine sympathische Art neugierig, und sie haben keine Angst vor Fehlern. Die Neuen machen auch optisch mit ihrem jugendlichen Erscheinungsbild und ihrem frischen Auftreten eine gute Figur im Vergleich zu den abgehängt und verschlissen wirkenden alten Kräfte mit all ihren Intrigen und Flügelkämpfen.

Ähnlichkeiten gibt es auch beim politischen Werdegang. Beider Aufstieg erklärt sich nicht etwa damit, dass sie viele neue, noch seltener bessere Ideen anzubieten gehabt hätten. Wenn überhaupt, dann sind es bei unseren Grünen mehr oder weniger ausgefallene Vorhaben, ab und zu richtige Knallbonbons, oder aber es sind schöne, beglückende, leider aber auch realitätsfremde Träume. Das anzubieten fällt unseren Grünen leicht, da sie für ihre Einfälle so gut wie nie in Verantwortung genommen werden.

Außerdem können sie sich darauf verlassen, dass ihnen eine zutiefst gewogene, von ihnen geradezu faszinierte Presse ihre Realitätsdefizite durchgehen lässt. Wo es aber um reale Probleme geht, die sofort und unmittelbar auf den Alltag der Bevölkerung durchschlagen, so etwa in der Migrationspolitik, verriegeln sich die Grünen, so rasch es geht, in ihrem gesinnungsethischen Versteck.

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Beider Aufstieg beruht nicht auf einer ruhigen Abwägung der  Stimmbürger des Für und Wider zwischen den konkurrierenden politischen Angeboten. Er ist das Ergebnis einer entschiedenen, manchmal emotionalen Ablehnung der hergebrachten politischen Kräfte mitsamt ihren Rezepten durch das enttäuschte, sich nicht ernstgenommen und irregeleitet fühlende Wahlvolk. Die Leute wollen nicht ein mehr oder weniger von irgendwas, sondern sie wollen ein Anderes. So bei den Grünen, und so bei Selenski. Grün ist cool und unter Selenski wird alles anders.

Außerdem spielen visionäre und pseudo-religiöse Heilserwartungen, darunter apokalyptische Endzeitängste, eine Rolle. Ein Beispiel ist der Klimawandel. Es ist denn auch keine Überraschung, dass die Grünen viele ihrer politischen Anhänger unter den leitenden Vertretern der beiden großen Konfessionen und bei den treuen Kirchenmitgliedern gefunden haben. In der Ukraine war es zur gleichen Zeit, allerdings noch unter Selenskis Vorgänger Poroschenko, die Gründung einer autokephalen, von Moskau unabhängigen orthodoxen Kirche – ein nationaler Befreiungsschlag im Übergangsbereich zwischen Politik und Religion.

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Gemeinsam ist beiden, dass die Politik den Bereich der rationalen Abwägung verlässt, sogar an den Rand der Transzendenz rückt und sich ihrer Triebkräfte, ihrer Bilder und ihrer Unbedingheit gerne bedient. Dazu gehören eine vermeintliche Lichtgestalt wie Greta Thunberg, deren Eintreffen den katholischen Kardinal von Berlin an den Einzug Jesu nach Jerusalem erinnerte, oder es sind die schwänzenden Schüler am Freitag, ein wenig von einem Kinderkreuzzug, mit dem an das Klimabewusstsein, mehr noch an Geduld und Nachsichtigkeit den Jüngsten gegenüber appelliert wird.

Kurzum: Wir haben es hier mit einem ganz anderen Politikmodell als zuvor zu tun, das sich erstmals schon bei Macron angedeutet hatte, dessen jugendfrisches Bild freilich die ersten Kratzer abbekommen hat. Es sind neue Leute wie Selenski in der Ukraine, und es sind die unverbrauchten, mit den großen neuen Themen auftretenden jungen Gesichter der deutschen Grünen. Es sei betont, dass es sich um die deutschen Grünen handelt, während in anderen europäischen Ländern die ökologischen Emanzipationsbewegungen, sei es im Guten wie im Misslichen, weniger Folgen gehabt haben.

Dabei geht es in letzter Konsequenz nicht um ein paar Prozent Wählerstimmen mehr oder weniger, sondern es geht um das Ganze, um einen grundsätzlichen Wandel, einen Farbwechsel von Rot und Schwarz nach Grün. Von der anderen Seite drückt unterdessen Blau. Das aber bedeutet die Schwächung, womöglich das Ende der Volksparteien mitsamt ihrer Erfahrung, ihrem Augenmaß und ihrer über die Jahre erworbenen politischen Vernunft. Betroffen ist zuerst die SPD und bald auch die CDU/CSU, sie mögen den Grünen hinterherlaufen, wie sie wollen.

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Wir treten damit wieder in eine charismatische Phase der politischen Entwicklung ein. In historischer Sichtweise erleben wir zur Zeit eine Art Neuauflage der Buß-und Erweckungsbewegungen des Mittelalters, in ihren extremen Ausläufern sogar der Wiedertäufer. Man wehrt sich zwar instinktiv gegen die Vorstellung, dass sich die Geschichte in Schüben wiederholt. Das trifft aber nur auf die Ergebnisse zu, nicht auf ihre Triebkräfte. Ersetzt man die radikal-reformatorische Gesinnung der Wiedertäufer durch eine radikal-ökologische Einstellung und schaut man auf die kompromisslose Unbedingtheit der allen Ernstes nach „Panik“ verlangenden Klimajünger und auf ihre von Politik und Öffentlichkeit allzu bereitwillig akzeptierten apokalyptischen Visionen, so ist es nicht mehr weit.

Der logische nächste Schritt wäre dann die Transformation von Panik und apokalyptischen Visionen in Bußfertigkeit. Dazu gehören dann auch wirkliche Bußen. Daran wird immerhin schon gearbeitet, mit neuen Steuern und Verteuerungen alter, mit Bevormundung und Meinungsdruck, mit Geboten und Vorschriften und vor allem mit einer Latte von nagelneuen Verboten.


Uwe Schramm ist ein deutscher Diplomat und war Botschafter in Ruanda, den Vereinten Arabischen Emiraten, Bangladesch und Georgien. Nach seiner Pensionierung war der studierte Rechts- und Staatswissenschaftler 2008/2009 Mitglied der EU-Berichtskommission zum Konflikt 2008 zwischen Georgien und Russland; 2014/2015 arbeitete er als politischer Berater der OZE-Sonderbeauftragten für den Ukraine-Konflikt in der Trilateralen Kontaktgruppe mit Russland und der Ukraine in Kiew. Er lebt in Berlin.

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Kommentare ( 108 )

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