„Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“, klagt ein völlig überforderter Merz. Dessen Zustimmung wöchentlich neue Tiefpunkte erreicht. Der ein ganzes Land noch tiefer in die Krise reitet. Dieser Merz findet vor allem sich selbst bemitleidenswert.
picture alliance/dpa | Andreas Arnold
Friedrich Merz hat ein neues Problem entdeckt. Nicht die Rezession, nicht die Abgabenlast, nicht die explodierenden Sozialkosten, nicht die zerfallende Glaubwürdigkeit seiner Partei, nicht die Millionen Bürger, die sich von dieser Regierung verhöhnt fühlen. Nein, Friedrich Merz leidet an Friedrich Merz. Genauer: an dem, was Menschen über Friedrich Merz im Internet schreiben.
Der Kanzler der zweiten Wahl sagt im Interview mit Spiegel, kein Bundeskanzler vor ihm habe „so etwas ertragen müssen“. Es ist alles ganz schlümm. Gemeint sind Angriffe und Herabwürdigungen in sozialen Medien. Zugleich fügt er hinzu, er beschwere sich nicht darüber. Nein, er beschwert sich nicht, der Gute. Er lässt anzeigen. Das ist die neue Kanzlerbescheidenheit: Erst die Opferpose aufbauen, dann den Staatsapparat auf Bürger loslassen, die ihm im Netz zu frech geworden sind und ihn ob seiner gefühlt Millionen gebrochenen Wahlversprechen „Pinocchio“ nennen. Kein Kanzler vor ihm hat so etwas ertragen müssen! Vielleicht hat auch einfach keiner so viel gelogen wie Friedrich, der Goldmedallien-Gewinner im Rückwärtsrudern.
Merz hat diesen Zug ins Selbstmitleid und zu größenwahnsinnigen Vergleichen schon früher gefahren. In einem Interview mit der FAS erklärte er sinngemäß, Adenauer habe es für grundlegende Entscheidungen leichter gehabt als er heute. Nach 1945 habe jede politische Entscheidung Hoffnung wecken können, vor ihm liege heute kein weißes Blatt Papier, sondern eine „blockierte Republik“. Man muss sich das merken: Der Kanzler der Rekordschulden, der gebrochenen Wahlversprechen und der schwarz-roten Verwaltung des Niedergangs stellt seine empfundenen Zumutungen rhetorisch neben Adenauers Aufbaujahre. Adenauer hatte Trümmer, Hunger, Besatzungsstatut, Westbindung und eine junge Republik. Merz hat schlechte Umfragen, wütende Bürger und ein Internet, das nicht artig klatscht.
Rund 300 Verfahren wegen Beleidigungen des Bundeskanzlers: das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hatte dem Kanzleramt aufgegeben, offenzulegen, welche Staatsanwaltschaften ermitteln und unter welchen Aktenzeichen diese Verfahren laufen. Merz präsentiert sich als Mann, der tapfer schwerste Kränkungen erduldet, während im Maschinenraum der Macht längst Aktenzeichen, Staatsanwaltschaften und § 188 StGB arbeiten. Das ist ein (schlechter) Kanzlerdarsteller mit weidwundem Ego, schlimmer als das von Lars Klingbeil, und mit vollem Zugriff auf den Behördenapparat.
Noch mal schärfer ist: Das Kanzleramt wollte diese Praxis nicht offenlegen. Es bestritt ein gesteigertes öffentliches Interesse, bestritt den Eilbedarf und wich über Zuständigkeitsfragen aus. Der Bürger soll für jedes falsche Wort greifbar sein, der Kanzler aber möchte die Spur seiner eigenen Empfindlichkeit hinter Amtswänden verstecken, um dann später beim Spiegel rumzuflennen. Erst Strafrecht gegen Spott, dann Geheimhaltung über die Strafrechtspraxis. Wer so handelt, leidet nicht unter „Anfeindungen“. Er leidet darunter, dass Bürger noch reden, spotten und kritisieren dürfen.
Man muss sich diese hochnotpeinliche Selbstinszenierung auf der Zunge zergehen lassen. Helmut Kohl wurde über Jahre als Birne verspottet. Er wurde mit Eiern beworfen, Merz nur aufgefordert, solche zu lecken. Gerhard Schröder wurde öffentlich zerlegt, Angela Merkel wurde in der Eurokrise, in der Migrationskrise und während Corona gehasst, beschimpft, karikiert, angebrüllt. Olaf Scholz wurde als Scholzomat verhöhnt und nach Cum-Ex und Warburg politisch filetiert. Aber Friedrich Merz steht nun da und erklärt: So schlimm wie bei mir war es noch nie.
Erst reitet er das Land noch sehr viel tiefer in die Krise und die Menschen in die Arbeitslosigkeit, drückt die Kosten seiner Haarschnitte den Steuerzahlern auf, fliegt in einem Jahr ein paar Mal um den Erdball, und lässt Menschen bei scharfer Kritik daran vor den Kadi zerren oder im Morgengrauen mit einem polizeilichen Hausbesuch beglücken.
Dann flennt er bei einem sozialistischen Magazin darüber rum, wie schwer er es doch hat. „„Wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Das ist Kanzler-Heulsusigkeit im schlotternden Regionalbanker-Look. Ein ins Amt gestolperter Regierungschef, der Bürgern erklärt, sie müssten sich auf Reformen, tiefe Einschnitte und Zumutungen einstellen, der bei sich selbst und bei seinesgleichen an nichts spart, sollte nicht beim ersten Blick in die Kommentarspalten den Eindruck erwecken, die Republik schulde ihm psychologische Schonung. Wer diese Macht will, bekommt Widerspruch. Wenn’s Scheiße läuft, umso deutlicher. Wer Kanzler wird, bekommt Spott. Wer Versprechen bricht, bekommt Zorn. Kein Bundeskanzler vor ihm habe sowas ertragen müssen. Ja, und das Land musste auch noch keinen solchen schlechten Bundeskanzlerdarsteller ertragen.
Und Merz bekommt diesen Zorn nicht, weil die Bürger „hypernervös“ sind, wie er es formuliert. Er bekommt ihn, weil große Teile des Landes nicht mehr glauben, dass diese Regierung noch weiß, wem sie eigentlich verpflichtet ist. Merz räumt selbst ein, dass seine Koalition auf einer Skala von null bis 100 „noch nicht bei 50“ liegt; seine Zustimmungswerte sind laut Forsa auf 15 Prozent gefallen, 83 Prozent sind unzufrieden. Hätte die ausgebombte Merkel-Partei noch irgendeinen Selbsterhaltungstrieb, würde sie Merz eher gestern in den nächsten Vulkan werfen, um die Umfragegötter zu besänftigen. Selbst dazu ist niemand in der Lage. Selbsterhaltungstrieb, ja. Denn um das Wohl des Landes geht es keinem mehr der Repräsentanten im Bundestag, die nachvollziehbar an jeder Weggabelung artig ihre Pfötchen gegen die Interessen der Bevölkerung gehoben haben.
In dieser Lage wäre für Friedrich Merz tiefste Demut angebracht und einfach mal Klappe halten. Demut gegenüber den Bürgern, die diesen Staat und ihm seine hunderten Flugreisen um die Welt bezahlen, damit sich dieser Vortäuschen in aller Welt gerieren und deutsche Steuermilliarden verteilen kann als seien es Kamelle.
Die Putzfrau, der Handwerker, der Rentner, der kleine Unternehmer, die Krankenschwester, sie alle sollen Reformen akzeptieren, höhere Beiträge schultern, längeres Arbeiten ertragen, steigende Preise wegdrücken, während sich für Beamte und eine immer weiter wachsende Zahl an Beziehern nicht das geringste ändert. Aber der Kanzler möchte erst einmal gewürdigt wissen, wie gemein das Internet zu ihm ist.
Ein Kanzler, der in praktisch allem versagt hat, der gegen Spott juristisch hochrüstet, der Vorratsdatenspeicherung umsetzt und nach einem Scheitern der Chatkontrolle auf EU-Ebene diese nun für Deutschland in Gang bringen will, heult rum, dass er so viel Spott ertragen müsse. Erst wird die Empfindlichkeit staatlich administriert, dann wird sie öffentlich von ihm beweint. Der Mann, der den Bürgern jede Härte zumuten will, bei der eigenen Person dünnhäutig wie Pergament.
Merz will „erklären, erklären, erklären“. Das Problem ist nur: Die Bürger haben längst verstanden! Sie verstehen, dass der versprochene Politikwechsel ausblieb. Sie verstehen, dass Schwarz-Rot weiter durchwurstelt und das Land immer tiefer in die Schulden reitet. Sie verstehen, dass die Union unter Merz zwar anders klingt als unter Merkel, aber am Ende immer wieder dort landet, wo SPD und Staatsapparat sie haben wollen. Sie verstehen auch, dass ein Kanzler, der sich über fehlenden Respekt beklagt, Respekt nicht einklagen kann. Er hat ihn nach ihrem Dafürhalten nicht verdient. Durchgefallen. Er muss gehen.
Respekt entsteht nicht durch Opferpose. Er entsteht durch Führung. Durch klare Entscheidungen. Durch sichtbare Entlastung. Durch Mut gegenüber dem Koalitionspartner. Durch den Bruch mit einer Politik, die Leistung bestraft, Bürger bevormundet und jedes Scheitern mit neuen Zumutungen kaschiert. Wer das nicht liefert, sollte sich über Häme nicht wundern.
Merz fordert Dankbarkeit von Menschen, denen der Staat immer tiefer in die Tasche greift und immer weniger und immer schlechter dafür liefert. Die Bahn verkommt, Brücken bröseln, Schulen kippen, Behörden ersticken an sich selbst, die Industrie verliert Boden, die Krankenversicherung wird teurer, die Rente unsicherer, der Alltag enger, die innere Sicherheit erodiert. Wer das ausspricht, gilt dieser Regierung nicht als Warner, sondern als Störfall. Wer lacht, spottet oder schimpft, landet im Zweifel nicht im politischen Streit, sondern im Aktenlauf. Der Bürger soll zahlen, schweigen und dankbar sein. Und wenn er das nicht schafft, entdeckt der Kanzler seine verletzte Würde wie ein heulender Lars Klingbeil.
Genau daraus entsteht das Bild dieses Kanzlers: nach unten belehrend, nach oben selbstmitleidig, gegen Kritik hyperempfindlich, gegen Bürger hart im Durchgriff mit klar erkennbarem Wunsch in dem Bereich nach noch mehr Durchgriff. Merz will Dankbarkeit für ein Land, dessen Zustand seine Partei über Jahre mitverantwortet hat. Er will Respekt, ohne ihn sich politisch zu verdienen. Er will Nachsicht für seine eigene Dünnhäutigkeit, während er den Menschen Zumutungen predigt. Die hässliche Mischung aus Opferpose und Machtreflex: Der Kanzler jammert über Anfeindungen, lässt Bürger verfolgen und erklärt ihnen anschließend, sie sollten gefälligst dankbar sein.
Merz ist ebenso wie sein Amigo Weimer ein Hochstapler und in jeder Hinsicht überfordert. Das wäre er vermutlich schon mit der Leitung einer Bankfiliale in der äußersten Provinz. Leider reitet er nicht nur seine eigene Partei (hochverdient) in die Grütze – er ruiniert dabei das ganze Land gleich mit. Er muss eher gestern als morgen gehen. Dann hat er es auch nicht mehr ganz so schwer als die Fehlbesetzung, die er ist.







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Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Herr Merz nicht verschlagen, sondern bloß Opfer seines geistigen Defizites ist. Und um es schnell auf den Punkt zu bringen, die Gretchenfrage lautet, welche Institutionen haben da versagt, dass so jemand so weit kommen konnte?! In Hal Ashbys genialen Film „Willkommen Mr. Chance“, steigt ein grenzdebiler Gärtner (Peter Sellers) durch die Verbreitung von Gemeinplätzen, zum Berater in höchste politische Kreise auf. Während in dieser Fiktion der persönliche Karrieremotor das Wiedergegeben von Binsenweisheiten einer Gesamtgesellschaft ist, welche von „allen“ seinen Mitgliedern vorbehaltlos getragen werden, verhält es sich in der Realität derzeit genau anders herum. Hier, am… Mehr
Wirklich schön geschrieben. Vielleicht sollte TE den Artikel ins Kanzleramt schicken.
Merz macht genau die Politik weiter, die Fischer ankündigte und Merkel in die Wege leitete: Umverteilung über den Kopf dessen hinweg, der sein Lebtag ansparte und dem nun, ohne ihn zu fragen, permanent genommen wird. Und jetzt, wo die lange hinter die Fichte geführte Masse zu registrieren beginnt, dass sie als „Loser“ ausgesucht für all das haftet, was seit Jahrzehnten angerichtet ist, heult der, der uns als „faul“ tituliert und wie ein Galeerentreiber zu immer mehr Arbeit verdonnern will, auch noch los? Ich wollte gerade nicht in seiner Haut stecken – zumal nicht nur aus Übersee längst erkannt ist, was… Mehr
Das ist heute bereits der 4. Artikel über Merz auf TE, das sind 4 Artikel zu viel. Man darf ihn nicht kritisieren oder verspotten, seine Vorstellung von Diskussionskultur gibt es nur in Trappistenklöstern.
Bisher dachte ich, er hält uns für dumm.
Jetzt Frage ich mich: Ist er selbst so dumm?
Oder spielt er das am Ende wieder nur vor?
Ich habe noch nie eine schlimmere Fehlbesetzung als diesen Versager gesehen. Große Töne, Gebrochene Versprechen, gebrochene Ankündigung (man könnte das auch als bewusste Lügerei und Wähler/Bürgertäuschung einordnen), aber Friedrich Merz glaubt tatsächlich, dass er es schwer hat. Da würde ich doch mal diejenigen Fragen, die in muslimischen Vierteln, auch bekannt als No-Go-Areas, wohnen müssen. Oder diejenigen, die mit zwei Jobs nicht mehr über die Runden kommen. Fragt die Eltern, deren Kinder in der Schule nichts mehr lernen, weil die Sozialisten „alle mitnehmen wollen“ und das Niveau inzwischen unterirdisch ist und damit das zukünftige Leben unseres Nachwuchses verbaut wird. Wie es… Mehr
Zu Kohl in Halle 1991: Hätten ihn seine Personenschützer nicht zurückgehalten, hätte er einen der Eierwerfer sicher vermöbelt. Er hatte aber keinen seiner dortigen Gegner wie den örtlichen Juso-Chef vor den Kadi zerren lassen. Man kann zu ihm stehen, wie man will: Größe hatte er schon, nicht nur physisch.
Immerhin der erste Kanzler, der bei Amtsantritt bereits gescheitert ist. Einer, der NICHTS leistet und den sich Deutschland nicht leisten kann. Politische, gelebte Insolvenz mit passendem Gesicht und einem Spitznamen, der sich nur auf bayrisch lustig anhört.
Merz ist Berater und ja, er wäre vermutlich schon mit der Leitung einer Bankfiliale in der äußersten Provinz überfordert..
Mir kommen die Tränen bei Heulsuse MERZ…
Meine Antwort auf Fritzis Selbstmitleid:
„“kein Bürger in Deutschland hat jemals so einen schlechten Bundeskanzler
ertragen müssen,wie Friederich Merz“““…..