In den letzten Jahren steigerte sich der ESC von einem Extrem zum nächsten. Immer greller, bunter, exzessiver, mehrmehrmehr. Bekenntnisse zu LGBTQ und gegen Israel waren Trumpf. Weniger Eigenes auch. Dieses Jahr kam es nun anders.
Viele von denen, die am Samstag das Finale des diesjährigen ESC in Wien eingeschaltet haben, haben wohl etwas anderes erwartet. So viel Einigkeit dürfte zumindest herrschen. Gleich danach fangen sie aber auch schon wieder an sich zu scheiden, die Geister.
Der ESC dürfte dabei noch nie ein Event gewesen sein, der es jedem recht machen kann. Zu viel hiervon, zu wenig davon. Zuviel Haut hier, zu wenig dort. Zu wenig schwul hier, zu sehr dort. Diese Liste ist beliebig fortzusetzen. Wenn der ESC nicht so Ihres ist, hören Sie hier besser auf zu lesen. Dann werden Sie an dem Rest auch keinen Spaß haben. Wenn Sie wissen möchten, was diesen denn jetzt wieder einmal mehr besonders gemacht hat, lesen Sie gerne weiter.
Der diesjährige ESC in Wien war anders als die speziell der vergangenen fünf Jahre. Man musste nicht lange suchen, um den Unterschied zu bemerken. Viele Beiträge kamen wieder näher an die Länder heran, aus denen sie stammten. Es war wieder für deutlich mehr Menschen etwas dabei: Pop, Pathos, Folklore, große Ballade, kleine Albernheit. Der Abend wirkte nicht wie ein Wettbewerb, der seine Existenz nur noch aus der nächsten Grenzüberschreitung bezieht, sondern das Verbindende von Europa suchte. Und stellenweise wiederfand.
Mehrere Beiträge hatten wieder eine deutlich erkennbare Herkunft. Sie klangen nicht nach demselben europäischen Produktionsbüro. Sie kamen mit eigener Identität, eigener Sprache, eigenem Verve, eigener Erinnerung. Das machte den Wettbewerb in diesem Jahr wieder deutlich lebendiger.
Dass genau das in Teilen der Presse schon als schwierig, altmodisch oder verdächtig traditionell erschien, sagt mehr über die bräsig-linke Kaste der Journalisten in den Redaktionsstuben aus als über den Beitrag selbst. Der österreichische Kurier fand den Song gefühlt einige Jahrzehnte zu spät dran. In anderen Besprechungen wurde daraus der kleine Kulturfall: ein heterosexueller Mann im Anzug singt beim ESC von ewiger Liebe. Man kann sich das auf der Zunge zergehen lassen. Früher ein Lied unter vielen, heute reicht es fast schon für einen Disclaimer.
Sal Da Vinci hat in Wien nun keine politische Schlacht geschlagen, Italien war nicht der große Konflikt des Wettbewerbs. Aber Italien zeigte etwas, das in diesem Europa selten geworden ist: Selbstverständlichkeit. Das Lied entschuldigte sich nicht für Gefühl, nicht für Bindung, nicht für Pathos. Es tat nicht so, als müsse jede Melodie vorher beweisen, dass sie gesellschaftstheoretisch auf dem neuesten Stand ist. Genau daraus kam seine Kraft.
„Per sempre sì“ ist ein Beitrag aus einem Land, das weiß, dass Kultur älter ist als die aktuelle Meinungssaison. Italien braucht beim ESC keine Verkleidung, wenn es Italien sein will. Es zeigt stolz und völlig selbstverständlich seine Fahne inmitten des Songs. Es bringt Stimme, Sehnsucht und dieses ganz bestimmte Timbre mit, das man in Europa sofort erkennt. Wem bei diesem Lied nicht das Verdeck seiner Seele hochgeht, lebt verkehrt. Platz fünf war mehr als ein ordentliches Ergebnis. Es war ein Zeichen dafür, dass ein großer Teil des Publikums Tradition sehr viel stärker schätzt, als jene, die Tradition beruflich seit Jahren problematisieren und dem EU-Bürger ausbimsen wollen.
Das Lied hat für diese vergnatzten Kleingeister ein weiteres Problem: Es transportiert das, was die Menschen an Italien inniglich lieben – pure Lebensfreude. Während der Deutsche das Lied zum dritten Mal hört, merkt er, wie tief er den Koffer, worin sich die eigene vergraben befindet, bereits im Schrank verstaut hat. Und wie man ihn wieder hervorholt und langsam die Scharniere daran wieder öffnet.
Sowas trifft dann auf einen Geist wie den von grünen Degrowthern in den Medienredaktionen, die Fleisch und Reisen für alle Menschen außer sich selbst teurer machen wollen, damit sich niemand außer ihnen mehr freut – es sei denn, man klatscht ekstatisch wie Publlikum in Nordkorea. Sal Da Vinci – es ist alles ganz gefährlich 😉
Auch andere Länder wirkten in Wien wieder näher bei sich. Kroatien passte in diese Rückkehr der Eigenheit, aber mit sehr viel härterem historischen Untergrund. LELEK brachte mit „Andromeda“ keinen hübsch dekorierten Folklorebeitrag, sondern eine Erinnerung an den katholischen Widerstand gegen den Islam auf dem Balkan. Die fünf Sängerinnen trugen nachgestellte Sicanje-Tätowierungen im Gesicht und an den Armen, Zeichen einer alten kroatisch-katholischen Tradition aus Bosnien und Dalmatien. Diese Körperzeichen standen nicht für modische Exotik, sondern für Glauben, Schutz und Selbstbehauptung unter osmanischer Herrschaft.
Das bombastische Bühnenbild gleich christlichen Ikonographien passte zu einem Lied, das viel weiter ging als die übliche ESC-Herkunftskulisse. „Andromeda“ verband moderne Pop- und Folk-Elemente mit machtvollen mehrstimmigen Harmonien. Eine zentrale Zeile lautet: „Unsere Mütter haben keine Sklavinnen geboren.“ Genau dieser Satz erklärt, warum der Beitrag so stark wirkte. Kroatien brachte keine weichgespülte Folklore nach Wien, sondern eine Erinnerung an Zwang, Entführung, Zwangskonversion und den Widerstand von Frauen, die ihre Herkunft, ihren Glauben und ihre Würde nicht preisgaben.
Auch Albanien sang mit „Nân“ von Mutter, Abschied und Heimkehr. Der Beitrag lebte von einer einfachen, unmittelbaren Emotion. Malta setzte mit „Bella“ auf große Ballade mit swingigen Anleihen bei Klassikern vergangener Jahrzehnte. Ein kleiner, feiner Beitrag. Mutig, nicht auf Masse. Landete leider nicht weiter vorne. Irgendwo unter ferner liefen irrlichterte Deutschland durch die Gegend. Die Sängerin sympathisch. Aber alles in allem uninspiriert in den verschiedenen Erfolgsrezepten unterschiedlicher Länder vergangener Jahre herumrührend. Nichts passte zusammen. Das alles wirkte denn auch wie zehnmal wiedergekäut.
Nicht alles daran war neu, aber vieles wirkte ehrlich genug, um im diesjährigen Feld aufzufallen.
Griechenland lieferte einen der schrilleren Akzente des Abends. Akylas in orangenen Kunstfellboots trat mit „Ferto“ an und spielte sichtbar mit der eigenen ESC-Erinnerung. Seine kleine Hosenträger-Fidel-Reminiszenz auf Elena Paparizou hatte etwas Herziges. Paparizou gewann 2005 mit „My Number One“ für Griechenland, und dieser kleine Rückgriff passte zu einem Abend, der seine Vergangenheit mit einem Siegersong mit traditionelleren Elementen nicht wie einen peinlichen Verwandten behandelte. Dennoch feierte man auf Social Media an dem Abend eine griechische Wetteransagerin deutlich stärker als den griechischen ESC-Interpreten.
DARA aus Bulgarien gewann mit „Bangaranga“. Der Song traf die Kurzvideo-Generation hart und direkt. Schnell, eingängig, sofort wiederholbar. Man musste keine langen Deutungen nachliefern, um zu verstehen, warum das funktionierte. DARA lieferte Wirkung. Der Sieg zeigte, dass junge Popenergie beim ESC noch immer gewinnen kann, wenn sie auf den Punkt kommt. Fanden viele nicht so prall. Aber wie gesagt: in der gesamten Runde aller Interpreten fiel es den meisten nicht so schwer wie sonst einem Interpreten den Sieg zu gönnen, mit dem man weniger teilt.
An Bulgarien hing aber noch ein anderes Bild. DARA zeigte sich im Vorfeld sichtbar an der Seite des israelischen Interpreten stehend. Das sollte eigentlich nicht in dieser Art und Weise so bemerkenswert sein, wie es 2026 leider geworden ist. Damit kommt man zum eigentlichen politisch aufgeladenen Kern des ESC der letzten Jahre, genau genommen seit dem Massaker der Hamas an Israelis am 7. Oktober 2023. Dass Israel sich gegen Massenmord und Geiselnahmen zu wehren erdreistet hat, können die meisten Islamgauchisten der westlichen Hemisphäre immer noch nicht verwinden.
Wegen Israels Teilnahme blieben mehrere Länder dem Wettbewerb dann gleich fern: Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien. Diese Absagen machten schon vor dem Finale klar, worum es ging. Der ESC sollte zum Austragungsort eines politischen Ausschlussversuchs werden. Israel sollte auf der Bühne nicht normal stattfinden dürfen. Am besten eigentlich: gar nicht.
Noam Bettan trat trotzdem an. Gegen konkrete Bedrohungen. Gegen Anfeindungen und laute Buhrufe aus dem Publikum. Sein Beitrag „Michelle“ war sehr stark, mit einer durchdringenden, kräftigen Stimme, die den Dachbalken der Festivalhalle stützen könnte. Allein das dürfte beim Spiegel-Autor (kommen wir gleich zu) sämtliche Nackenhaare aufgestellt haben wie bei einer Klobürste. Die wollen sich einfach nicht hinlegen und still sein, diese freche Juden, was?
Das Publikum reagierte dann abermals nicht so, wie es die linke islamophile Boykottlogik vorsah. Israel wurde abermals vom Publikum wieder ganz weit nach vorn gewählt und landete am Ende auf Platz zwei. Das war eine weitere sehr schwere Zumutung für viele Kommentatoren. Nicht nur der israelische Beitrag störte sie am meisten, sondern danaben auch die Tatsache, dass er beim Publikum verfing und dass Israel trotz aller politmedialen Verhetzung die Herzen der Menschen in Europa erreichen kann.
In diesem Moment zeigte sich abermals der Riss zwischen Zuschauern und Medienmilieu. Viele Redaktionen sahen ein gigantisches politisches Problem und suchten nach einer Erklärung. Sobald Israel Erfolg hat, wird aus einer Abstimmung plötzlich ein Krisensymptom. Da machen die Leute doch glatt etwas anderes, als die sogenannten Leitmedien in die Köpfe hämmern wollen. Hört halt doch keiner drauf. Sowas. Die gegeiferte Verzweiflung darüber kann man dann in gegossenen Zeilen bewundern.
Beim Spiegel klang genau diese Verstörung durch. Der Abend konnte offenbar nur so lange als halbwegs gelungene Show gelten, bis Israel vom Publikum nach vorn getragen wurde. Dann stand auf einmal die Zukunft des Wettbewerbs im Raum. Das ist die übliche Volte: Passt das Ergebnis nicht, liegt es nicht am Weltbild der Kommentatoren, sondern am angeblich problematischen Publikum. Der Autor kann dabei wie ein Exhibitionist im Park seinen Antisemitismus kaum mehr im Zaum halten. Mantel auf und zum Vorschein kommt der kleingeistigste Schnippi, über den Sie je gelacht haben – während Sal Da Vinci Ihnen „Per sempre sì“ ins Ohr flötet.
Der Tagesspiegel bewegte sich auf derselben Linie, nur im etwas gesetzteren Ton. Israels Teilnahme und Israels Erfolg wurden als Belastung des Wettbewerbs behandelt, die Proteste bekamen viel Gewicht, das Televoting blieb als schwer erklärbarer Rest stehen. So schreiben Medien, die Abstimmungen mögen, solange sie das gewünschte Ergebnis liefern. Wenn das Publikum anders entscheidet, beginnt die pädagogische Nachbearbeitung.
Dabei war das Signal aus Wien eindeutig. Fünf Länder blieben weg. Israel trat an. Israel bekam Stimmen, und das nicht zu knapp. Der Versuch, das Land aus dem Wettbewerb herauszudrängen, scheiterte am Publikum. Die Zuschauer haben sich der linken, islamophilen politischen Gebrauchsanweisung abermals entzogen.
Israel und Italien bildeten dabei entscheidende Achsen. Israel zeigte, wie stark der politische Druck auf den Wettbewerb geworden ist und wie wenig zuverlässig sich das Publikum diesem Druck fügt. Italien zeigte, was Europa kulturell verlieren würde, wenn es nur noch aus moralischen Betriebsanleitungen bestünde. Der eine Beitrag wurde politisch umstellt. Der andere wurde kulturell belächelt. Beide kamen beim Publikum an.
Der Schluss führte das alles auf eine Weise zusammen, die keine Moderation hätte herstellen können. Der ESC wurde in Wien siebzig Jahre alt, und die Show erinnerte daran nicht mit einer trockenen Archivnummer, sondern mit einem Jubiläumsblock, der alte Sieger, frühere Kultfiguren und prägende Wettbewerbsstücke noch einmal auf die Bühne holte. Ruslana, Alexander Rybak, Lordi, Verka Serduchka und andere ESC-Gesichter führten durch ein Stück Wettbewerbsgeschichte. Als „Volare“ erklang, singt die ganze Halle aus vollem Hals mit. Domenico Modugnos „Nel blu dipinto di blu“ braucht keine Erklärung. Der Refrain setzt ein, und Europa weiß, was zu tun ist. Menschen liegen sich gegenseitig in den Armen, singen Zeilen auf Italienisch, von denen sie nur einzelne Worte kennen und deren Bedeutung sie oftmals nicht verstehen, aber deren Töne sie durchziehen wie eine tiefe historische Landkarte. Das ist längst Teil einer gemeinsamen Erinnerung geworden. Einer unausgesprochenen Verbindung, die einen Moment lang aus jedem einzelnen etwas mehr macht. Etwas, was die EU in Brüssel per Zwang so krampfhaft herstellen will, aber nur die Musik erreichen kann.
In diesem Moment wurde sichtbar, wie tief Italien in die europäische Seele eingeschrieben ist. Italien ist nicht bloß ein Land mit gutem Essen, schönen Städten und alten Fassaden. Italien ist das Vitamin D Europas, wichtig für die geistige sowie die Herzgesundheit. Oper und Schlagersehnsucht, katholisches Bildgedächtnis und Familienpathos, Leichtigkeit und Melancholie liegen dort so nahe beieinander, dass ein Refrain genügt, um den ganzen Kontinent zu erreichen.
Es sagt auch, wie immens wichtig die Eigenständigkeit für das große verbindende Ganze in Europa ist.
Während manche Redaktionen noch immer damit beschäftigt sind, Israels Publikumserfolg zu problematisieren und Sal Da Vincis Ehe-Lied als gestrig abzulegen, sang Europa gemeinsam „Volare“. Der von seiner Delegation alleingelassene britische Interpret, der zu allen Songs mittanzte, wurde von den Dänen nebenan eingeladen, sich zu ihnen zu gesellen.
Nach der Austragung des ESC vom Sieger Norwegen in 2010 ist es für jedes Land unglaublich schwer geworden, ein so starkes verbindendes Element zu finden und zu setzen. Oslo war es gelungen, es hatte hierbei die Latte dann aber auch unerreichbar hoch gehängt. Schauen Sie sich das noch einmal ganz genau an – auch, um zu verstehen, was uns genommen werden soll, wenn es nach ARDZDFSpiegel und Co geht.
Und auch, um zu begreifen, um was man die Länder und Menschen Europas betrügen will, was Politik und Medien Westeuropas in 16 Jahren davon schon zerstört haben.


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Zuviel Laser Show , zuviel Lichtgewitter , die Künstler verschwinden in zuviel Effekten !