Bericht der Bundesbank: Auf jeden Sonnenschein folgt Regen

Man sollte nicht abwarten, bis Italien seine Finanzierungsprobleme nicht mehr eigenständig lösen kann und daher mit Griechenland beginnen. Anschließend wäre ein Neustart außerhalb des Euros, aber innerhalb der EU möglich.

© Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images
Italy's Finance Minister Pier Carlo Padoan (R) speaks to Greece's Finance Minister Euclid Tsakalotos during a Eurogroup finance ministers meeting on May 22, 2017 at the European Council in Brussels

Wer an die Zinswende glaubt, sollte den aktuellen Bericht der Bundesbank lesen. Mitte der 1990er Jahre lagen die staatlichen Zinsausgaben bei 3,5 Prozent zur Wirtschaftsleistung. Heute liegen sie gerade mal bei 1,5 Prozent. Im Schnitt bezahlt der deutsche Staat unter 2 Prozentpunkte Zinsen für seine Schulden. 1992 lag der Durchschnittszins der Schulden noch bei 8 Prozentpunkten. Allein im letzten Jahr lag die Zinsersparnis dadurch bei 47 Milliarden Euro – seit 2008 bei insgesamt 240 Mrd. Euro. Das entspricht allein 7,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Allein die Länder und Gemeinden haben seit 2007 rund 17 Milliarden Euro eingespart. Die Zinsausgaben haben sich in den letzten 9 Jahren bei den Bundesländern halbiert, obwohl der Schuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nahezu konstant war.

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Das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen hat dadurch in den 9 Jahren eine Zinsentlastung von 5,19 Milliarden Euro erfahren. Das entspricht einer Entlastung im Haushalt von 4,6 Prozent. Bei allen Bundesländern waren es im Durchschnitt rund 3,5 Prozent. Das billige Geld der EZB hilft den öffentlichen Haushalten enorm. Stiege das Zinsniveau für die deutschen Staatsschulden um 1 Prozentpunkt an, würden die Ausgaben im Jahr darauf um 5 Milliarden und im Folgejahr um nochmals 2 Milliarden Euro wachsen. Nach Refinanzierung des gesamten Schuldenstandes ergäben sich Mehrausgaben von 21,5 Milliarden Euro jährlich.

Die Zahlen zeigen alleine für Deutschland, dass eine Zinswende die öffentlichen Haushalte sehr schnell vor fast unlösbare Probleme stellen würde. Doch Deutschland ist hier auf der Sonnenseite. Ganz anders sieht es bei den Schuldenstaaten Italien, Portugal und Spanien aus. Italien profitiert derzeit am meisten von der Niedrigzinspolitik der EZB. Im letzten Jahr sparte Italien 2,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung an staatlichen Zinszahlungen. Seit Ausbruch der Krise 2008 sind es kumuliert 10,5 Prozent zum BIP. Der Internationale Währungsfonds streitet sich mit der Euro-Gruppe über einen Schuldenerlass für Griechenland.

Bekanntlich hat Griechenland mit 179 Prozent zur Wirtschaftsleistung die höchste Verschuldung im Euroraum. Doch ob die Schuldenlast tragfähig ist, hängt wesentlich von der laufenden Belastung für die Athener Regierung ab. Hier ist die Situation weitaus weniger dramatischer, als viele meinen. Griechenland hat eine geringere Zinsbelastung zum BIP als Italien oder Portugal. Das liegt an den subventionierten Hilfskrediten der Eurostaaten, des ESM und des IWF. Die Durchschnittsverzinsung der griechischen Schulden liegt dadurch unter 2 Prozentpunkte. So lag der Zins für die Kredite des Europäischen Stabilitätsmechnismus 2015 bei 0,7 Prozentpunkten.

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Läge die durchschnittliche Verzinsung auf dem Niveau von 2007, hätte Griechenland fast 5 Prozent des BIPs zusätzlich für den Schuldendienst aufwenden müssen. Seit 2008 wären dies insgesamt rund 37 Milliarden Euro (21,5% des BIP) zusätzlich gewesen. Das zeigt, Griechenland hat in erster Linie ein Strukturproblem. Eigentumsrechte werden nicht ausreichend geschützt, Bürokratie und Korruption lähmen das Land und staatliche Insolvenzverschleppung verhindert den Neuanfang.

Insgesamt gilt aber, dass mit der Durchschnittsverzinsung aus dem Jahr 2007 die Zinsausgaben im Euroraum um fast 2 Prozent des BIPs höher liegen würden. Im Euroraum kämen so Einsparungen von beinahe 1 Billionen Euro (9% des BIP) zustande.

Was folgt daraus? Eine Zinswende wird nicht stattfinden können. Würde Mario Draghi diese jetzt einleiten, dann würde die Zinsbelastung nicht nur für die Kommunen im Ruhrgebiet schnell anwachsen und Nordrhein-Westfalen an die haushälterischen Grenzen führen, sondern insbesondere Italien, Portugal, Spanien und alle anderen auf einen Schlag vor Finanzierungsprobleme stellen. Auch die Chefin der amerikanischen Notenbank Fed, Janet Yellen, kann diese Situation nicht völlig ignorieren. Würden die Amerikaner ihren Leitzins auf altes Niveau heben und die EZB würde ihre Politik des billigen Geldes fortsetzen, dann hätte das tiefgreifende Verwerfungen der Finanzströme zur Folge.

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Heute beträgt die weltweite Verschuldung 200 Billionen Euro. Sie ist 40 Prozent höher als vor der Krise 2008. Ein leichtes Entkommen ist da nicht so einfach möglich. Die Bundesbank schlägt in ihrem aktuellen Bericht vor, die Nullgewichtung von Staatsanleihen aufzugeben. Schon das wird seit vielen Jahren diskutiert. Der Grund für die mangelnde Umsetzung ist die Angst vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems. Die Politik des billigen Geldes der EZB kann nur durch eine marktwirtschaftliche Bepreisung von Schulden beendet werden. Das setzt voraus, dass man die Insolvenz von Staaten und Banken akzeptiert. Seit es historisch Staaten und Banken gibt, sind diese immer wieder zahlungsunfähig geworden. Würde dies nicht permanent von den Euro-Staaten verhindert, wäre Mario Draghi gezwungen, seine Geldpolitik zu ändern.

Vielleicht sollte man nicht abwarten, bis Italien seine Finanzierungsprobleme nicht mehr eigenständig lösen kann und daher mit Griechenland beginnen. Anschließend wäre ein Neustart außerhalb des Euros, aber innerhalb der EU möglich. Die Marktteilnehmer haben sich darauf eingestellt, dass es auf Dauer in Hellas so nicht weitergehen kann. Sie glauben auch nur bedingt an die immer wiederkehrenden, positiven Wasserstandsmeldungen, weil sie als Sparer und Steuerzahler schon mehrmals den hellenischen Keller leergepumpt haben.

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nur waren die Städte damal kleiner, die Geschäfte ebenfalls und dafür viel mehr, und vor alle waren die Lieferwege kürzer …

Die nächste Molkerei war höchstens 5 km und keine 50 entfernt …

vergleichbar mit Griechenland? Dann rate ich dazu, einmal zu prüfen wie hoch dort die Sozialhilfe, oder das Arbeitslosengeld ist. Statt leererer Regale waren doch im Osten die Regale prall gefüllt! Ja, die Industrie war in null-komma-nix kaput, bzw. fast nicht mehr existent, aber alles andere war im Überfluss vorhanden. Dank des Solidarpaktes wurde „drüben“ gebaut wie „bekloppt“ – das Ergebniss sind heute die schlechten Strassen im Westen. Nein, wenn ich mir so einen Systemzusammenbruch vorstellen soll, dann lieber heute als morgen! H-4 wurde erst 2005 eingeführt, da waren schon etliche Firmen in den Osten gezogen, hatten dafür etliche Zulagen erhalten… Mehr
Ein Staat ist etwas mehr als ein Regal bei Edeka oder HO. NVA, Luftwaffe, Marine der DDR wurden aufgelöst, MIGs und Schiffe verkauft Polizei/Justiz wurde komplett umgebaut, sehr viele Entlassungen erfolgten, einige wenige wurden übernommen Kreis/Bezirksverwaltungen wurden komplett abgeschafft, einige bei den neuen Stadt, Kreis etc. Verwaltungen übernommen Staatsbank, staatl. Versicherung, Reichsbahn, Post etc. wurden abgeschafft oder mit Westpendants zusammengelegt, mit massiven Personalveränderungen u Abbau Die gesamte Industrie, Handel, Gewerbe durchlief massiven Personalabbau bis hin zu kompletten Schließung Hänger Zweige. Die Mark-DDR wurde abgeschafft, die D-Mark noch vor Wiedevereinigung eingeführt. usw. usf. Kurzum, die Einschnitte und Veränderungen der „Wende“ gingen… Mehr
Herr Börger ich sehe diese Zeichen ebenfalls, obwohl ich im Westen geboren und aufgewachsen bin. Aber ein kleines autoritäres „Regime“ habe ich halt als Kind daheim kennen gelernt, und das funktionierte eben auch so … Nur sehe ich dieselben Anzeichen „quer Beet“ überall. Mal etwas rechtslastiger, mal etwas linkslastiger. Die Menschen scheinen sich überall nach einer Leitfigur zu sehnen. Das ist bequemer – man kann die Verantwortung abgeben – muss nicht mehr selber entscheiden, nicht mehr selber denken. Bei manchen Gesprächen, mit Menschen in meinem Umfeld, habe ich den Eindruck, dass denen Denken körperliche Schmerzen bereitet. Das selbständige Denken scheint… Mehr

Wie sie an meinem Text unschwer erkennen können war das eine Frage!

Und Ja, ich habe das teilweise schon gemacht nicht in Geld sondern Sachwerte, bei mir ist die Konstellation hier aber eine ganz andere.

Ich muss ihnen aber sagen das ich in all den Jahren vorher immer versucht habe durch mein Konsumverhalten die deutsche Wirtschaft zu unterstützen, das ist komplett in’s Gegenteil gewandert.
Erst wenn diese unerträgliche politische Besatzung ausgetauscht wurde, gegen Menschen in meinem Sinne ändere ich mein Verhalten.

Die göttliche Geldschöpfung aus dem nichts. Wie entsteht ein Kredit Geldvermehrung Schulden Vermehrung Zinsen vom Nichts. Die Schulden der einen sind das Haben der anderen. Wer nicht mehr zahlen kann dem werden die
Reale Werte genommen. Das Haus Autos und…Siehe auch Griechenland !
Es werden Reformen verlangt das heißt Löhne und Renten kürzen
Steuern erhöhen. Der Schuldner soll Zinsen zahlen für Geld was
weder aus Arbeit noch aus realen Werten besteht wie Gold. Warum
werden die reichen immer reicher ? Die Wertschöpfung aus dem nichts
ein Paar Mausklicks und dafür Zinsen bekommen. Von Geld was nie
durch Arbeit verdient wurde.

Tja, sehr gute Frage! Was passiert, wenn Sie gegenüber einem Freund auf die Rückzahlung von geliehenem Geld verzichten? Erstmal nichts, außer daß Sie es dann eben offiziell nicht mehr zurückbekommen. Eine Wertberichtigung, Ausbuchung oder Abschreibung ist erstmal nichts anderes als ein formalismus der Buchhaltung, welcher vom Ergebnis nichts anders heißt, als daß ein bestimmter Betrag, der mal als Forderung vorhanden war, kleiner oder weg ist. Ihre Bilanz ändert sich also auf der Habenseite. Der Unterschied bei Ihnen oder Fugger zur Zentralbank ist aber, daß die sich ihr Geld selbst „malen“ kann, während Sie oder Fugger es wirklich haben mußten, bevor… Mehr
Aufrichtigen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit für diese sehr ausführliche Antwort genommen haben. Sie bestätigen mich in meiner Annahme. Die Bilanzen der Banken erscheinen heute bereits grds in der Aussendarstellung „gesund“ und keine Socke erahnt, welche Wertberichtigungsrisiken dort schlummern bis dann mal doch etwas davon nach Außen dringt wie hier in der Region im letzten Jahr, wo 4 Wochen nach Veröffentlichung der Geschäftszahlen „plötzlich“ Wertberichtigungsbedarfe „auftauchten“ (wer’s glaubt). Was sagte mir ein Beteiligter diesbezüglich? Wenn die EZB will, dass eine Bank überlebt, dann wird das auch umgesetzt. Ich gehe also davon aus, dass auch die Zentralbank bereits heute… Mehr
Nur was heißt Zusammenbruch? Ich behaupte, wer einigermaßen schuldenfrei Produktionsmittel, landwirtschaftliche Fläche oder Mietraum besitzt, hat immer was zu bieten, mit dem man Geld vedienen kann, egal wie es gerade heißt. Wer diese Einkunftsquellen zu teuer eingekauft hat, muß halt mit weniger Rendite zufrieden sein. Eine Abschaffung des Euros oder der EU besagt für sich genommen erstmal nichts und solange Staatsschulden massiv bei Zentralbanken konzentriert sind, können Staaten eigentlich garnicht pleite gehen, weil Zentralbanken die Schulden beliebig strecken oder umgestalten können. Für den Normalsterblichen denke ich eher an platzende Blasen als Risikofaktor. Derzeit können sich insbesondere Häuser durch deutlich steigende… Mehr
Natürlich weiß ich nicht, was der Autor unter einem Zusammenbruch versteht, was ich darunter verstehe wohl umso besser: Beginnend ähnlich wie 2009 – der Inolvenz/Schließung von ein zwei Banken – daraufhin die Erklärung, dass dem betroffenen Land schlicht die Mittel zur Rettung fehlen. Was folgt ist ein Bankrun, evtl. der moderneren Art – das Geld wird umgesetzt in Vorsorge (Lebensmittel, Alkohol, Zigaretten etc.). Die Währung bricht gegenüber anderen ein. Die Preise steigen. Es folgen weitere Banken. Es werden keine Kredite mehr vergeben. Die Ersten Firmen können ihre Angestellten deshalb nicht entlohnen. Die Preise und Löhne steigen. Die Versorgung mit Gütern… Mehr
Ihr Szenario hat Ähnlichkeit mit Griechenland. Geschlossene Banken, abgeschaltete oder begrenzte Geldautomaten, bzw. Zypern und seine (wieder aufgehobenen) Geldverkehrskontrollen. Da Bargeld immer seltener wird, waren diese Länder der Freilandversuch, wie durch Abschalten der bargeldlosen Systeme der totale Run verhindert werden kann, unterm Strich erfolgreich. Wie ein ausgesetzter Börsenhandel einer Aktie in Schieflage oder der Schließung der bösen insgesamt nach größeren Anschägen etc. Insofern läuft es heute scheinbar nicht mehr wie 1929. Erstaunlich finde ich primär, daß gerade in den benannten Ländern scheinbar doch noch ein gewisses Restvertrauen in Banken und bargeldloses Zahlen zu bestehen scheint. Deutlicher könnte die Abhängigkeit von… Mehr
Die immer proportional steigenden Guthaben bringen aber „nichts“ oder der Realwirtschaft jedenfalls nicht viel, wenn diese nur bei den Zentralbanken per Geldmengenvermehrung stattfinden. Die Ankeihekaufprogramme der EZB und FED haben diese „Banken“ zu gigantischen Gläbigern ganzer Staaten gemacht, allerdings nicht wie beim alten Fugger durch echt vorhandenes Vermögen, sondern aus dem Nichts, per Beschluss, der dann am Rechner umgesetzt wird. Alle schuldensüchtigen Staaten profitieren natürlich ungemein vom billigen EZB Geld, nicht nur Griechenland, wir natürlich auch. Das es nicht schon lange zu einer gigantischer Geldentwertung also Inflation gekommen ist, bezeichne ich als mittelprächtiges Wunder, aber auch als Indiz, daß die… Mehr

„Der Grund für die mangelnde Umsetzung ist die Angst vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems.“ – Hr. F. Schäffler

Solange wir diese Angst haben, diskutieren wir nicht die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems.
Wie viele Staaten haben ihre Schulden unter welchen Bedingungen zurückgezahlt? Sind diese Bedingugen allgemeingültig?

Lieber mutig das Finanzsystem reformieren als feige an etwas funktionsuntüchtigem festhalten.

Also weiterhin Enteignung des Sparers. Eigentlich schon mal jemand auf die Idee gekommen sein Geld im Ausland anzulegen?

Die Gefahr für Deutschland liegt nicht im niedrigen Zinsaufwand sondern in den steigenden Kosten der politischen Energiewende/CO2-freien Gesellschaft und illegalen Einwanderung (in unser Sozial- und Steuersystem).
Ein Negativ Zins ist nur ein Ausdruck einer EURO Schrottwährung und hat zur Folge, dass sich jeder Hinz und Kunz bis über beide Ohren verschulden kann bis das ganze Schneeballsystem in sich zusammenfällt, weil hinter dieser EURO-Zins-Währungspolitik keine MEHRWERTSCHÖPFUNG steckt sondern einfach nur noch sinnloses und werloses Schuldenmachen.

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