Kernkraftwerke: Einmal erkaltet, ist das Hochfahren aufwändig

Robert Habeck bleibt dabei, dass die drei verbliebenen Kernkraftwerke Ende des Jahres abgeschaltet werden. Dass sie wieder angefahren werden müssen, ist sehr wahrscheinlich. Doch ist das nicht so einfach wie das Einschalten einer Lampe. Von Wolfgang Kempkens

IMAGO / Rupert Oberhäuser
Das Kernkraftwerk Emsland ist eines der Kraftwerke, die Ende 2022 abgeschaltet werden sollen, Archivaufnahme vom 26.09 2003

Robert Habeck ist Grüner, Literaturwissenschaftler und Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. Dass er von seiner Ausbildung her nicht wissen kann, wie man Kernkraftwerke – er spricht natürlich wie jeder Grüne und mittlerweile fast alle Deutschen von Atomkraftwerken, weil die Abkürzung AKW fieser klingt als KKW – an- und abschaltet, ist klar. Aber er hätte sich informieren können. Vielleicht wäre er sogar im eigenen Haus fündig geworden. Immerhin sind dort 2187 Menschen beschäftigt.

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Doch er bleibt dabei, dass die drei verbliebenen Kernkraftwerke Isar-2, Neckarwestheim-2 und Emsland wie geplant am 31. Dezember 2022 abgeschaltet werden, Emsland gar für immer. Das Gleiche könnte Isar-2 blühen, denn es muss für eine Reparatur eine Woche lang außer Gefecht gesetzt werden. Danach kann das Kraftwerk möglicherweise nur noch einmal hochgefahren werden. Bliebe nur noch Neckarwestheim. Doch das Wiederanfahren nach vollkommenem Herunterfahren ist bei weitem nicht so einfach wie das Einschalten einer Lampe.

Dass sie wieder angefahren werden müssen, ist sehr wahrscheinlich. Gas wird immer teurer, nicht zuletzt, weil große Mengen dieses mittlerweile kostbaren Stoffs weiterhin in Kraftwerken verfeuert wird, was die Teuerung noch beschleunigt und die Möglichkeiten, im Winter zusätzlichen Strom zu erzeugen, massiv einschränkt. Auch Heizlüfter werden dazu beitragen, das Netz zu belasten. Allein in diesem Jahr sind 650.000 dieser Geräte gekauft worden. Zum Bestand dürften viele Millionen gehören. Wenn nur die neuen Geräte gleichzeitig laufen, verbrauchen sie so viel Strom wie eins der drei letzten deutschen Kernkraftwerke erzeugt.

Gut, kann man sagen. Dann geht Neckarwestheim-2 einfach wieder ans Netz. Abgeschaltet wird es zu einer wahrhaft coolen Sache. Die Temperatur, die im Betrieb bei deutlich mehr als 300 Grad Celsius liegt, beträgt im „kalten“ Zustand 50 Grad. Die Dampfturbine erreicht Umgebungstemperatur, der Kühlturm friert sogar ein, wenn die Außentemperatur deutlich unter Null Grad liegt. „So kann ich mein Kraftwerk nicht anfahren“, sagt Uwe Stoll von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln. „Ich müsste mir irgendwas überlegen, wie ich erstmal den Kühlturm auftaue.“

Bis ein heruntergefahrenes KKW wieder laufe, dauere es ein paar Tage, so Stoll. „Vereinfacht gesagt: Zunächst muss der Reaktor wieder auf über 260 Grad erwärmt werden, dann werden die Borsäure im Kühlmittel reduziert und die Steuerstäbe aus dem Reaktorbecken gezogen.“ Borsäure und Steuerstäbe fangen Neutronen ein, sodass nicht mehr genügend zur Verfügung stehen, um eine Kettenreaktion bei der Uranspaltung aufrechtzuerhalten. Damit ist der Reaktor abgeschaltet. Ehe die Temperatur in seinem Inneren allerdings auf 50 Grad gesunken ist, vergehen wegen der sogenannten Nachzerfallswärme noch ein paar Tage. Zehn Tage zwischen der Entscheidung, einen Reaktor abzuschalten, und der ersten Stromlieferung nach dem Wiederanfahren sind also durchaus realistisch.

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Bei einer endgültigen Abschaltung würde der Reaktor heruntergefahren und abgekühlt. Dann würde der Reaktordeckel abmontiert, alle Brennelemente in das Brennelemente-Lagerbecken überführt und dort weiter gekühlt. Der Reaktor hätte dann keinen Brennstoff mehr, könnte aber auch nicht wieder angefahren werden, jedenfalls nicht ohne neue Brennelemente. In Isar-2 und Neckarwestheim-2 geschieht das nicht, wohl aber in Emsland, wenn die Entscheidung nicht noch revidiert wird.

Denn dass dieses Kernkraftwerk in Lingen im Emsland überflüssig sein wird, sagt nicht einmal Minister Habeck. Er will den Strom, der in den ersten vier Monaten des Jahres 2023 dort erzeugt werden könnte, in schwimmenden Ölkraftwerken an der Nordseeküste produzieren lassen, wie sie bisher fast ausschließlich in Entwicklungsländern eingesetzt werden und vom türkischen Unternehmen Karadeniz verchartert wird. Dabei würden rund 3,3 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid frei, was gerade Grüne nicht goutieren dürften.

Der rot-grüne Hamburger Senat hat gerade eine weitere potenzielle Lösung für die erwartete Stromknappheit verhindert, wenn er es sich nicht noch anders überlegt. Das Steinkohle-Heizkraftwerk Moorburg im Hamburger Hafen, eins der modernsten und effizientesten der Welt, das gerade mal sechs Jahre lang Strom lieferte und noch völlig heil ist, soll „schnellstmöglich“ abgerissen werden. Es besteht aus zwei Blöcken mit jeweils 827 Megawatt Leistung, die 15 Prozent mehr Strom erzeugen könnten als Emsland, allerdings mit dem Makel der CO2-Emissionen. 2,8 Millionen Tonnen würde Moorburg innerhalb von vier Monaten emittieren.

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Kommentare ( 31 )

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Physis
7 Tage her

Hat zwar nicht unbedingt etwas mit den KKW’s zu tun, aber heute Nacht sah ich eine interessante Sendung, in der das sog. „Doggerland“ beschrieben wurde.
Das gab es vor ca. 10.000 Jahren noch, heute nennt man das Gebiet Nordsee, zumindest einen Teil davon.
Was war passiert?
Nun, nach einer „Eiszeit“ gab es wohl eine „Heisszeit“. Es schmolzen Gletscher und das Wasser nahm sich das Land.
War das etwa auch eine Klimakrise (ohne Industrie und CO2?)

Donostia
8 Tage her

Nach einem Blackout und den Folgen daraus möchte ich nicht in der Haut der Grünen stecken. Das Volk wird sie aus der Komfortzone holen und das wird nicht nur mit Worten geschehen.

Aboriginal
8 Tage her
Antworten an  Donostia

Das kann ich mir noch nicht vorstellen. Ich denke, dass in D Michelin-Männchen auf dem Wohnzimmersofa den abendlichen ÖRR-Erfolgsnachrichten, eingepackt in drei Pullover, einer langen Unter- und zwei Jogginghosen, drei Paar Socken, Handschuhen und Pudelmütze lauschen und klatschen.

Dr_Dolittle
8 Tage her
Antworten an  Donostia

Bei einem Blackout möchte ich als erstes nicht in der Haut derer stecken die polizeiliche Hilfe, Feuerwehr, Pflege, Krankenhaus oder ähnliches benötigen. Da ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Eine hessische Studie rechnet mit 400 Toten in den ersten 96 Stunden. Ich behaupte eine Woche Blackout führt zu mehr Toten als die gesamte zivile Nutzung der Kernkraft bisher.

Harvey
7 Tage her
Antworten an  Dr_Dolittle

Haben sie den Link dazu? 400 Tote nur in Hessen in den ersten 4 Tagen? Erscheint mir recht wenig, wenn man bedenkt, dass allein in den Krankenhäusern viele Intensivbetten gibt, die von Strom abhängen und solange hält der Diesel nicht für die Notstromaggregate.

Homer J. Simpson
8 Tage her

Über die grün-idiotische Ideologie könnte ich mich dermaßen aufregen! Und soviel Blödheit regiert uns!!! In der gesamten Geschichte, seit wir KKW betreiben, gab es genau drei Zwischenfälle. Einmal in den Siebzigern in den USA eine kleine Kernschmelze, wo noch rechtzeitig reagiert werden konnte, Tschernobyl, wo menschliches Versagen und fehlerhafte/minderwertige Technik der Grund war und natürlich Fukushima, wo eine Naturkatastrophe die Ursache war. Ansonsten liefen die KKW ohne Probleme und die „Störfälle“ sind alle eigentliche Kleinigkeiten unkritischer Natur, die politisch und medial dramatisiert werden. Wenn man jetzt überlegt, wieviel Flugzeuge abstürzen, Autounfälle es gibt, wieviel Radfahrer tödlich stürzen und wieviel Fußgänger… Mehr

Mermaid
8 Tage her

Hatte auch schon mal überlegt, in Rußland ein schwimmendes Kernkraftwerk zu chartern und in die Flensburger Innenförde, auf dänischer Seite natürlich, vor Anker zu legen und einfach abzuwarten.
Da die Dänen ja für ihren Pragmatismus geradezu berühmt sind, gibt es da sicher keine Schwierigkeiten. Und Flensburg und Umgebung braucht ja dann nur den Stecker rüberzureichen….

Gerhard Doering
8 Tage her

Das Kohlekraftwerk ist nur noch eine Attrappe und die Schiffe aus aller Welt im Hafen werden gezwungen Landstrom zu beziehen um den durch eigene Generatoren erzeugten Strom aus Umweltschutzgründen nicht zu verwenden.Da helfen dann schwimmende Ölkraftwerke? Ich glaub mich laust ein Habeck.

89-erlebt
8 Tage her

Seien sie unbesorgt. Moorburg ist bereits so weit abgerissen, dass ein Hochfahren nicht mehr möglich ist. Der wichtige Haupttrafo zum Netz ist schon verkauft ( Bauzeit für solch ein Teil ca 5 Jahre) … es kann kein Strom mehr eingespeist werden. Zudem ist eine der 800 MW Turbinen verkauft und ausgebaut. Die für 17 Mio extra verklickerten Kohlekreislager sind besenrein beräumt und die Bänder dorthin und in die Kohlebunker sind entsorgt (Verringerung der Brandlast 🤭). Also – das rot – grüne Komplott hat ganze Arbeit verrichtet und Vattenfall die 260 Mio AbrissHilfe vom Steuermichel gut angewendet. Aus ist halt Aus.

BefreierDerEnterbten
8 Tage her

Für Neckarwestheim 2 stehen die Hilfstruppen schon bereit. Eine lokale Bürgeriniative will nach einer Meldung des SWR auf dem Gerichtsweg ein Weiterlaufen über das Jahresende hinaus verhindern. Mit der Begründung bekannter Materialprobleme und wohl auch wegen dem Untergrund, der angeblich von Karsthohlräumen durchzogen ist.

Thorsten Lehr
8 Tage her

🤔 Wieder wird sachlich gegen Ideologie argumentiert! 😂 Es ist vollkommen belanglos, dass Kernkraftwerke nicht beliebig an- und heruntergefahren werden können und auch die Argumente wider dem Abriss des Kraftwerks Moorburg spielen keine Rolle. 😱 Die grüne Ideologie wird durchgezogen, egal wer daran zugrunde geht! 🥴 Ein Blick auf die Umfragewerte zur kommenden Landtagswahl in Niedersachsen zeigt deutlich, dass eine Mehrheit es so goutiert! 😎 Geliefert wie gewählt! 😂

Mermaid
8 Tage her

Beim Hamburger Senat auf Vernunft zu hoffen, ist wohl vergebliche Liebesmüh!
Auf der Achse des Guten war in einem Leserbrief zu lesen, daß Hamburg 150 Elektro-Stadtbusse beschafft hat. Nur leider sei Hamburg nicht in der Lage, die Busse mit Strom zu versorgen. Nun soll MAN, als Lieferant der Busse, Diesel-Generatoren geliefert haben, die jetzt die Busse aufladen….
Wenn das stimmen würde..
Es ist einfach unglaublich!

Peter R
8 Tage her

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich im Pförtnerhaus eines KKW ein Ein-/Aus Schalter befindet! Ein Anruf aus Berlin und der Pförtner legt den Schalter um auf „Ein“!
Und Habeck sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Habeck sah, dass das Licht gut war.
Ein kleiner Rollentausch – aber es ist ja schon einmal gelungen! Und um dabei zu bleiben: Glaube kann Berge versetzen.