Sparer sind schlau – aber erst zu 50 Prozent

Sparen lohnt sich. Aber unter ganz anderen Vorzeichen als üblich. Sparer fahren am besten, wenn sie spekulieren. Dabei spielen Aktien die entscheidende Rolle, auch unter anderen Vorzeichen.

Der kommende Freitag wird wieder als Weltspartag in die Annalen eingehen, dieses Mal sogar als Jubiläum. Denn nachdem der erste internationale Sparkassenkongress ihn 1924 aus der Taufe gehoben hatte, startete er offiziell am 1. Oktober 1925. Und zwar nicht bieder als Anlass zum Füllen des Sparschweins, damit dieses zur Bank oder Sparkasse getragen werde, dort Zinsen abwerfe und auf diesem Umweg der Finanzierung von Investitionen diene. Sondern schon modern als Vorstufe zum heutigen Anlegerschutz: Wer sparte, sollte allumfassend den Umgang mit Geld lernen. Was ist daraus nur geworden: Ersparnisse durch die Währungsreform von 1948 fast ganz futsch, der schäbige Rest durch die Jahrzehnte währende schleichende, zeitweise beschleunigte Inflation vernichtet, zuletzt null Zinsen. Und der Umgang mit Geld? Lerneffekt um keinen Deut besser als vor 90 Jahren, das Fach Wirtschaft an Schulen in die unterste Schublade verbannt, stattdessen als Anlageberater verkappte Finanzverkäufer. Obendrein der von penetranter Werbung begleitete Anreiz zu mehr Konsum bis hin zum Missbrauch echter und unechter Feiertage: Karneval, Valentinstag, Ostern, Muttertag, Pfingsten, Halloween, Weihnachten, Silvester – sie alle und einige mehr dienen dazu, Sparer in einen Konsumrausch zu versetzen, möglichst noch mithilfe eines teuren Ratenkredits. Wobei der anstehende Halloween-Tag mitsamt der Verschwendung von Kürbissen und dem Zurschautragen geschmackloser Kostüme am kommenden Samstag sinnigerweise unmittelbar dem Weltspartag folgt.

Es lebe die Freiheit!

Sparen bedeutet Konsumverzicht, und das aktuell zu Nullzinsen. Wie reimt sich das? Eine aktuelle Umfrage von TNS Infratest im Auftrag einer Tochter der Investmentbank Goldman Sachs unter deutschen Sparern bringt es an den Tag: Die Deutschen wollen auf Nummer sicher gehen und nehmen dafür Nullzinsen in Kauf; sie favorisieren Sparbücher und Tagesgeldkonten, danach folgen der Umfrage zufolge in großem Abstand Aktien und Aktienfonds. Mit dem Streben nach Sicherheit geht das Motiv der ständigen Verfügbarkeit einher. Daran soll sich in naher Zukunft nichts ändern. Sind deutsche Sparer dumm, wenn es sich um Geldanlagen handelt? Nein, im Gegenteil, eigentlich sind sie durch ihre aktuelle Vorliebe für liquide Anlagen schlau. Denn sie haben mit der Verfügbarkeit ihres Ersparten den ersten Schritt in Richtung finanzielle Freiheit vollzogen: frei von langfristiger Bindung, wie sie derzeit den Versicherungssparern zum Verhängnis wird, frei von vertriebsorientierten Finanzverkäufern der Banken oder Sparkassen und frei, um Aktien später zu kaufen, nachdem die Kurse gefallen sind und zum Einstieg einladen, was dann der zweite Schritt wäre.

Warum Sparer zu Spekulanten werden sollten

Dieses Fazit erscheint zunächst plausibel. Doch es hat einen Haken, weil es voraussetzt, dass ein und derselbe Sparer heute Nullzinsanlagen bevorzugt, um sie später bei passender Gelegenheit in Aktien zu tauschen, sobald deren Kurse auf ein akzeptables Kaufniveau gefallen sind. Das heißt, aus dem sicherheitsbewussten Sparer müsste dann über Nacht ein Spekulant werden. Oder konsequent zu Ende gedacht: Bereits Sparbücher und Tagesgeld wären in der spekulativen Absicht angelegt, sie eines Tages für den Kauf von Aktien zu verwenden. Sparer, die danach handeln, dürften allerdings ebenso wenig zu finden sein wie die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen. Aktien haben Tücken: Ihr Erfolg ist am deutlichsten sichtbar, wenn sie ihn schon hinter sich haben. Das gilt auch für Aktienfonds, deren vergangene Performance vermeintliche Anlageberater allzu oft als Verkaufsargument missbrauchen. Aktien schöpfen einen Großteil ihres Erfolgs aus Kurssteigerungen, nur wird an der Börse bekanntlich nicht zum Einstieg in Aktien geklingelt. Und wenn die Kurse im Boden zu versinken drohen, kommt ein emotionaler Faktor ins Spiel: Die Angst geht um; kaum jemand traut sich, antizyklisch zu handeln.

Hin und Her macht Taschen leer

Banken und Sparkassen haben längst erkannt, dass sie ihre Kunden kaum dazu bewegen können, Geld antizyklisch zu investieren. Aber auch prozyklisch läuft nicht viel, die angebliche Alternativlosigkeit der Aktien mit Hinweis auf die Dividendenrendite nimmt ihnen in Anbetracht der erratischen Kursschwankungen kein gescheiter Sparer mehr ab. Folglich locken sie Kunden mit verwirrenden Kombi-Angeboten, von allerlei Fonds bis zu Zertifikaten, Aktienanleihen und weiteren Derivaten. Dem setzten Broker noch eins drauf, indem sie ihre Kunden zum waghalsigen Trading mit Contracts for Difference verleiten – Hin und Her macht die Taschen der Sparer leer, dagegen die Kassen der Broker voll. Das alles wurde möglich, weil viel Spielgeld in Umlauf gekommen ist und EZB-Chef Mario Draghi, wie zuletzt am vergangenen Donnerstag, keine Gelegenheit auslässt, um zu signalisieren, dass er im Zweifel noch mehr Spielgeld zur Verfügung stellen wird. Und wieder reagierten die Aktienkurse darauf pervers. Sie stiegen, weil Börsianer kombinierten: Wenn Draghi eine expansive Geldpolitik zur Stützung der Konjunktur im Euroraum verfolgt, bedeute dies, dass es um die Konjunktur nicht eben gut bestellt sei, sodass weitere Geldspritzen folgen würden. Als Sparer an diesem Zirkus teilzunehmen, verbietet sich von selbst. Worin besteht die Alternative? Ganz einfach: Wer jetzt viel Geld auf dem Sparbuch hat – oder besser: auf einem in der Regel höher verzinslichen Tagesgeldkonto -, liegt schon mal zu 50 Prozent richtig. Das Warten auf niedrigere Aktienkurse, um auch mit den zweiten 50 Prozent richtig zu liegen, erfordert dann viel Geduld. Viel Geld und viel Geduld, diese Kombination dürfte in Bezug auf den Aktienanteil am Sparervermögen in nächster Zeit die beste Strategie sein.

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