Grexit: Neue Tricks auf europäischer Ebene

Danke, Griechenland! Du hast uns die Augen dafür geöffnet, wie marode die Eurozone wirklich ist, und gehst selbst dabei drauf. Ein Stück aus dem Tollhaus, auch für Anleger beachtlich, die nicht wissen, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen.

Staats- und Bankenpleiten in Griechenland, neue griechische Währung, Abschreibung der Forderungen an Griechenland durch die EZB, durch verschiedene Euroländer und speziell Deutschland (allein hier nahezu 90 Milliarden Euro!) und nicht zuletzt erhebliche Unruhen an den Börsen. Das und einiges mehr ist die logische Konsequenz aus der griechischen Volksabstimmung vom Sonntag. Ob es in dem einen oder anderen Detail weniger dramatisch kommen könnte, falls die Politik eingreift, spielt da kaum noch eine Rolle.

Es mag so einfach klingen, und Hand aufs Herz: Haben Sie sich nicht schon längst daran gewöhnt, dass Griechenland pleite ist? Nur was bedeutet das? Das Land bewege sich „auf einer abschüssigen Ebene, die es mit jedem Tag der verlängerten Agonie weiter hinunterrutscht“, behauptet der Frankfurter Professor Jan Pieter Krahnen; die mittelfristigen Aussichten seien düster. „Denn das eigentliche Problem des Landes sind nicht in erster Linie die zu bedienenden Kredite. Die griechische Wirtschaft und insbesondere die rechtlichen und die verwaltungstechnischen Rahmenbedingungen befinden sich nicht in einem Zustand, der es dem Land ermöglichen würde, Einnahmen und Ausgaben langfristig in der Waage zu halten. Ein schneller Wandel ist nicht zu erwarten.“

Aber was dann? Ganz einfach: Dass die anderen Euroländer sobald wie möglich auf Griechenland zugehen: wirtschaftlich, finanziell und nicht zuletzt emotional. Jetzt sind auf beiden Seiten des Verhandlungstisches keine Sturköpfe mehr gefragt, sondern echte Reformer. Sie werden das Kunststück fertigbringen müssen, Reformen „made in Greece“ zu plakatieren, obwohl deren eigentlicher Ursprung – wie bisher auch – primär bei den anderen Euroländern zu suchen ist. Also die Fortsetzung griechischer Tricks auf europäischer Ebene, zum Erfolg verdammt, weil alternativlos – hier passt dieser Begriff einigermaßen.

Ein Politikum sondergleichen

Die Griechen benötigen ein Mal mehr wieder Zeit, auch wenn sie bereits allzu viel davon bekommen haben. Dazu müssten sie als Erstes ihre Schulden bereinigen, von denen zwar niemand weiß, wie hoch sie wirklich sind, aber irgendwo zwischen 300 und 350 Milliarden Euro, das dürfte eine realistische Schätzung sein. Das hat sich durch die Volksabstimmung so gut wie erledigt: Finanztechnisch ist eine Bereinigung kein Problem, sei es durch Schuldenstreckung oder -schnitt, sei es durch Aussetzen der Zinsen und Verpacken der Schulden in langlaufende Nullkuponanleihen. Zum Problem wird sie indes, wenn es gilt, die Entschuldung Griechenlands den Menschen in anderen Euroländern – speziell in der Wählerfunktion – als zusätzliche Verschuldung Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Spaniens usw. klar zu machen. Das droht zu einem Politikum sondergleichen zu werden.

Es wird nicht das einzige sein. Nehmen wir die europaweite Einlagensicherung bis 100.000 Euro je Person und Bank: Sie ist nicht in Stein gemeißelt für den Fall, dass eine griechische Bank pleite geht. Insofern haben die Sparer in Griechenland ein gutes Gespür bewiesen, als sie bis zuletzt ihre Geldautomaten geplündert haben. Oder nehmen wir das verkorkste Grundstücksrecht. Oder die überforderte Justiz. Oder die ineffizienten Finanzämter. Oder die Korruption im Allgemeinen und durch Fakelaki (mit Geld gefüllte Briefumschläge) im Besonderen.

Unruhige Börsen ahoi!

Die Eurozone ist ein unfertiges Gebilde. Wir haben den Griechen zu verdanken, dass sie uns dessen Problematik mit aller Raffinesse klar gemacht haben. Oder um eine zuletzt häufig benutzte Metapher zu verwanden: dass sie abwechselnd Juncker, Schulz, Draghi und Merkel am Nasenring durch die Manege gezogen haben. Mit der Manege ist jetzt Schluss, mit dem unfertigen Gebilde leider nicht. „Der Spiegel“ macht uns das in seiner aktuellen Ausgabe, aufgehängt an Merkel, besonders drastisch klar.

Bislang haben die europäischen Börsen auf den Euro-Kladderadatsch recht zurückhaltend reagiert, sieht man davon ab, dass die Kurse an einzelnen Tagen unruhig hin und her gesprungen sind. Doch obwohl es unter Börsianern heißt, dass politische Börsen kurze Beine haben, möchte ich darauf in diesem Fall nicht wetten. Denn über kurz oder lang wird es zu verschiedenen Umverteilungen kommen, in einzelnen Euroländern von oben nach unten wie auch von unten nach oben, zwischen den Euroländern von Reich zu Arm, aber auch von Arm zu Reich. Darin steckt jeweils kein Widerspruch, wenn man beachtet, dass Umverteilungen sich im Lauf der Zeit umkehren können.

Wenn also unruhige Börsen zu erwarten sind, wie verhält man sich dann, um nicht in deren Strudel gerissen zu werden und später sogar von ihnen zu profitieren? Zum ersten Teil der Frage: Liquide bleiben, also viel Tagesgeld bunkern. Und zum zweiten Teil: Sobald der VDax – das ist der Index, der die Börsenunruhe misst – nach oben geschossen ist (zum Beispiel von zuletzt 20 bis 30 auf 50 oder mehr Punkte) und dann nachgelassen hat, dürfte die beste Zeit zum Aktienkauf gekommen sein. Den VDax erhalten Sie mittels Klick in Rubriken wie Kurssuche oder ähnlich auf Internetseiten von Direktbanken wie comdirect.de. So einfach kann das finanzielle Überleben sein.

Übrigens,  übergreifend habe ich es in meinem elektronischen Buch beschrieben  https://www.epubli.de/shop/buch/45597




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