Euro zu Dollar: Richtungsentscheidung und Halbwahrheiten

Von nun an beginnt die EZB die Märkte so richtig mit Geld zu fluten. Anlass genug für eine differenzierte Betrachtung, die eine oder andere Überraschung inbegriffen.

Darf es etwas mehr sein? An diesen Spruch beim Einkauf im Metzgerladen – es ist lange her – fühle ich mich seit einigen Tagen erinnert, da die Deutsche Bank, Goldman Sachs, Morgan Stanley und weitere Investmentbanken sich mit ihren Euro-Prognosen überschlagen. Nur halt unter umgekehrten Vorzeichen: Darf es etwas weniger sein? Warum nicht schon vor einem Jahr, als der Euro gegen den Dollar, verglichen mit der jämmerlichen Entwicklung während der vergangenen Tage, geradezu vor Kraft strotzte? Der Philosoph Gerd Gigerenzer hat darauf schon vor Jahren eine einfache Antwort gefunden. Er ist mittels empirischer Studien zum Fazit gekommen: „Voraussagen der Euro-Dollar-Wechselkurse sind wertlos.“

Was nicht ausschließt, dass Banken weiter mit ihnen spielen werden. Voraussagen gehören ja zum Geschäft, das sich auf Algorithmen stützt, also auf schematische Rechenvorgänge – die zwar kaum ein Banker versteht, die aber Wissenschaft vorspiegeln. Damit lassen sich dann sogar grobe Schnitzer in der Anlagepolitik und in der Führung von Unternehmen rechtfertigen. Oder um Gustave Le Bon aus seinem bereits 1895 erschienenen Buch „Psychologie der Massen“ zu zitieren: „Die Entscheidungen von allgemeinem Interesse, die von einer Versammlung hervorragender, aber verschiedener Leute getroffen werden, sind jenen, welche eine Versammlung von Dummköpfen treffen würde, nicht merklich überlegen.“

Geldschleusen werden sperrangelweit geöffnet

Euro und Dollar sind sogenannte Papierwährungen, deren Kaufkraft im Lauf der Jahrzehnte immer mehr nachlässt. Das trifft derzeit zweifellos eher auf den Euro zu. Doch langfristig handle es sich in beiden Fällen um „Mistwährungen“, wie der Schweizer Börsenguru Marc Faber mal zu Recht meinte. Klar, denn Kaufkrafterhalt ist mit ihnen auf Dauer nicht zu schaffen, solange Euros und Dollars die Märkte überschwemmen.

Die jetzige Euro-Schwäche lässt sich leicht erklären. Wie aus einer aktuellen Studie der Researchfirma Feri hervorgeht, hat sich die Bilanzsumme der amerikanischen Zentralbank Fed – wie übrigens auch die der Schweizerischen Nationalbank – von 2007 bis 2014 verfünffacht, während die Bilanzsumme der EZB in derselben Zeit nicht einmal auf das Doppelte gestiegen ist. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, die EZB habe Nachholbedarf. Deshalb öffnet sie von nun an die Geldschleusen sperrangelweit. Dass der Euro dadurch im Vergleich zum Dollar an Wert verliert, liegt auf der Hand. Wie lange, ist indes schwer auszumachen, zumal die Euro-Schwäche schon seit Monaten anhält. Das sprich dafür, dass ein Großteil der Geldschwemme an den Märkten vorweggenommen wurde. Dass auf einmal führende Investmentbanken, wie eingangs erwähnt, kein gutes Haar am Euro lassen, ist jedenfalls nur marginal von Bedeutung.

Die amerikanische Börse gibt Aufschluss

Bislang kam das viele Geld den Anleihen, Aktien und Immobilien zugute. Anleihen sind mittlerweile total unattraktiv geworden, wohl auch, weil bei vielen von ihnen nicht nur real, sondern auch nominal mit negativen Zinsen gerechnet werden muss. Die Befürworter von Aktienanlagen verweisen gern auf Dividendenrenditen, im Extremfall sogar auf die vermeintliche Alternativlosigkeit von Aktien. Die bisherige Kursentwicklung gibt ihnen recht. Wie lange noch, steht allerdings in den Sternen.
Insofern haben die Aktienkurse vom vergangenen Freitag wenigstens etwas Aufschluss gegeben: Während die Börsianer in Europa den Dax und andere Indizes ins Plus und sich selbst ins Wochenende verabschiedeten, hauten sie in den USA noch einmal richtig auf die Pauke. Was war geschehen? Die Aktienkurse hatten ins Minus gedreht, weil einige Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt überraschend positiv ausgefallen waren. Daraufhin mutmaßten viele Anleger: positiver Arbeitsmarkt = gute Konjunktur = steigender Zins = fallende Aktienkurse. Nebenbei rissen sie noch den Goldpreis nach unten, der unbewiesenen Behauptungen zufolge unter steigenden Zinsen leidet. Daran hatten dann einige Investmentbanken ihren Spaß, die den Goldpreis am Terminmarkt Comex nach unten trieben.

Anleihen und der Goldpreis

Das alles ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Da Aktienkurse wie kommunizierende Röhren funktionieren, müssten die europäischen im Gefolge der amerikanischen auch fallen. Doch dagegen spricht die Geldschwemme, die gerade jetzt in Europa größer ist als in Amerika. Sie sorgt für die Euro-Schwäche, die angeblich dem europäischen Export guttut. Richtigerweise müsste es heißen: dem deutschen Export, denn die überwiegende Zahl der anderen Euroländer hat im Vergleich zu Deutschland nicht allzu viel zu exportieren.
Eine weitere Halbwahrheit wird gern auch zur amerikanischen Zinspolitik verbreitet. Ob sie mit den Zinsen restriktiv zu werden gedenkt, hat Fed-Chefin Janet Yellen immer wieder nur ganz zart angedeutet. Tatsächlich schiebt sie die Entscheidung weiter vor sich her. Ihr Dilemma: Höhere US-Zinsen und damit einhergehend ein zu starker Dollar bereiten den Dollar-Schuldnern, nicht zuletzt denen aus vielen Schwellenländern, riesige Probleme. Das kann zu einem von diesen Ländern ausgelösten Crash führen.

Derweil steigen die Renditen amerikanischer Staatsanleihen. Dass sie unmittelbar für die Anleihenkurse und mittelbar für die Aktienkurse kaum Gutes bedeuten, lässt sich nicht von der Hand weisen. Aber dass sie auch den Goldpreis negativ beeinflussen, entspricht einer weiteren Halbwahrheit: Zwar scheinen sich steigende Renditen negativ auf das zinslose Gold auszuwirken, aber mit dem Renditeanstieg fallen ja die Anleihenkurse und kompensieren den vermeintlichen Vorteil. Im Übrigen bedeuten steigende Renditen, dass Anleger mehr Inflation erwarten, was sich wiederum positiv auf den Goldpreis auswirkt. Dessen Rückgang vom Freitag dürfte also bald wieder aufgeholt werden.




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