Journalist: „Ich muss das tun, ich kann nicht anders!“ Wirklich?

Warum der größte Blödsinn in den Medien den Betroffenen meist nicht schadet oder das Spiel mit Besserwissern. Die dümmsten Geschichten von Ryanair bis AfD.

© Christopher Furlong/Getty Images
Michael O'Leary Chief Executive of low fare airline Ryanair poses for the camera during the opening of a new maintenance facility, on May 10, 2004 at Prestwick, Scotland.

Ein Fundstück im Netz hat vor Jahren mein Denken verändert, und ich möchte Sie, liebe Einblicker, aus aktuellen Anlässen in dieses Fundstück einweihen – auf dass es (falls noch nicht bekannt) auch Ihr Denken vielleicht verändern wird.

Kennen Sie Michael O’Leary? Das ist der Boss von Ryanair. Durch Zufall las ich mal ein faszinierendes Interview mit ihm in der Welt am Sonntag; darin zog der irische Draufgänger so richtig vom Leder über die (so fasse ich’s mal höflich zusammen) einfach gestrickten Medien. Unverhohlen zeigte er, wie Veröffentlichungsmechanismen laufen und (ganz wichtig) dass ihm alles, wirklich ALLES Recht ist, was für mediale Aufmerksamkeit sorgt. O’Leary verriet, wie er bestimmte Reflexe für sich und sein Unternehmen ausnutzt und lieferte damit ein berauschendes Lehrstück über den Blätterwald.

Hier ein Auszug:

Welt am Sonntag:
Sie haben angekündigt, Ihre Stewardessen sollten aus Spritspargründen abnehmen. Geht der Chef mit gutem Beispiel voran und speckt selber ab?

O’Leary:
Ich? Ich bin doch eh schon so ein kleiner, dünner, alter Mann.

Welt am Sonntag:
Wie viel Kerosin sparen Sie denn durch jedes Kilo weniger an Bord?

O’Leary:
(Lacht) Gar nichts, das ist ja gerade das Lustige. Die Nummer war nur ein riesiger PR-Gag. Wenn ich so einen Blödsinn wie das mit dem Abnehmen erzähle, verbreitet sich das wie ein Lauffeuer im Internet und bringt mir jede Menge kostenlose Werbung ein.

Welt am Sonntag:
Gilt das auch für all die anderen Maßnahmen, die sie zwar angekündigt, aber nie umgesetzt haben? Etwa, dass Sie die Piloten abschaffen, Flugzeugtoiletten kostenpflichtig machen oder Stehplätze einführen?

O’Leary:
Klar, das ist alles Blödsinn, aber jede Schwachsinnsgeschichte, die über Ryanair verbreitet wird, erhöht unsere Buchungszahlen. Auch wenn andere über uns Quatsch erzählen, lassen wir das gern laufen. Zum Beispiel die Legende, dass ich durchs Büro laufe und Mitarbeiter beschimpfe, wenn sie ihre Handys mit meinem Strom aufladen. Als wir darauf angesprochen wurden, haben wir das natürlich gleich bestätigt. Super Schlagzeilen. Beim Kunden bleibt vielleicht hängen, dass ich eine Schraube locker habe. Aber auch, dass wir gnadenlos Kosten sparen um die günstigsten Tickets anzubieten. Nur das zählt.

Welt am Sonntag:
Haben Sie keine Angst, dass Ihnen irgendwann keiner mehr glaubt?

O’Leary:
Es ist eigentlich egal, ob mir jemand glaubt. Hauptsache, die Leute verbreiten den Schwachsinn im Internet und produzieren kostenlose PR für mich.

Welt am Sonntag:
Ein großer Aufreger war zuletzt, dass Sie bald Pornos auf Ryanair-Flügen zeigen wollen. Auch Käse?

O’Leary:
(Lacht) Ja, wobei, das war gar nicht geplant. Auf einer Pressekonferenz hatte ich angekündigt, dass wir unsere Flugzeuge mit WLAN-Internet ausstatten wollen. Bis die Technik reif ist, wird es noch drei bis fünf Jahre dauern. Aber dann kann jeder Passagier gegen eine Gebühr für rund einem Euro die Stunde mit seinem eigenen Laptop im Internet surfen. Seriöses Thema eigentlich. Ich wurde von einem Journalisten gefragt, was die Leute denn dann so machen im Internet und hab spontan geantwortet: „Videospiele, Zeitung lesen, Pornos.“ Daraufhin ist natürlich die Boulevardpresse ausgerastet. „Pornos an Bord? Und was ist mit den Kindern?“ Ich: „Ja, Gott, wenn die Kinder Pornos auf ihren iPads haben, können die wohl auch Pornos gucken.“ Einige Stunden später gingen unsere Buchungszahlen durch die Decke und normalisierten sich erst nach drei Tagen wieder. Ich muss also dringend mehr Gründe finden, die Worte Ryanair und Porno in einem Satz zu verwenden.

Welt am Sonntag:
Sie könnten beispielsweise ankündigen, dass Ihre Stewardessen aus Spritspargründen nur noch Unterwäsche tragen.

O’Leary:
Genial, danke. Also bitte verbreiten Sie das: „O’Leary lässt Kabinenpersonal in Dessous arbeiten.“ (…)

Zeitlos frech, oder? Nun könnte man annehmen, dass nach dieser Offenbarung sich zahlreiche Medienvertreter ertappt und gelinkt fühlten und fortan nicht mehr über jedes Stöckchen springen würden, nach neuem Motto: „Bloß nicht zu viel und zu laut über Ryanair berichten!“ Doch ganz weit gefehlt, ich habe es später selbst erlebt:
Zur Zeit der Erstveröffentlichung des WamS-Interviews war ich noch regelmäßig (statt wie heute eher sporadisch) für ein großes deutsches Medienhaus als freier Mitarbeiter aktiv, und ein Kollege und ich wurden eines trüben Morgens zu einer Ryanair-Pressekonferenz nach Weeze am Niederrhein gejagt. (Dieses Kaff darf flughafentechnisch tatsächlich als „Düsseldorf“ firmieren.) Michael O’Leary höchstselbst hatte geladen, um (gähn!) über neue Flugstrecken zu informieren. Auf der Autobahn zwischen dem echten und dem falschen Düsseldorf erzählte ich meinem Kollegen von den kecken Bekenntnissen aus der Ryanair-Chefetage – der war baff:

„Ach, ich dachte immer, wenn sowas berichtet wird, schrecken die Leute zurück und stornieren eher, als dass sie buchen. Meinst du, die Buchungszahlen steigen sogar jetzt nach den jüngsten Vorfällen?“

Er meinte damit eine aktuelle Ereignisserie: mehrere Ryanair-Maschinen hatten kurz vor der Landung kaum noch Sprit im Tank gehabt und daher eine vom Tower gewünschte Ehrenrunde verweigern müssen, was für reichlich Tohuwabohu sorgte – und natürlich jede Menge Schlagzeilen hervorrief.

„Ja, auch Berichte über Treibstoffmangel spielen dem Unternehmen wohl in die Karten“, sagte ich, „denn letztlich bleibt bloß die Schlussfolgerung, dass Ryanair bis an die Schmerzgrenze kalkuliert, und daher die Preise grad besonders günstig sein müssen. So lange kein Flieger abstürzt, ist alles gut für O’Leary, der spielt gern seine Spielchen mit Schreckensmeldungen – wir sollten das bedenken und keine Steilvorlagen liefern.“

Kollege: „Stimmt!“

In Weeze parierte O’Leary brav jede noch so reizlose Journalistenfrage; irgendwann hob mein Kollege die Hand: „Herr O’Leary, jetzt mal weg von den Flugplänen, was können Sie uns sagen zu den jüngsten Vorfällen mit den leeren Tanks von Ryanair-Maschinen? Ich meine, wie steht’s mit dem Thema ‚Treibstoff und Sicherheit‘?“ Da war ICH dann baff! Auf dem Rückweg suchte ich (zugegeben: etwas barsch) ein klärendes Gespräch:

„Sag mal, wir haben doch gerade ausführlich über die Sachlage gesprochen, warum hast du ihn denn trotzdem noch mal auf die leeren Tanks angehauen und ihm damit eine Spielwiese bereitet?“

Antwort: „Na, ich bin eben Journalist, ich muss kritisch nachfragen, das ist mein Job.“ Es wurde noch krasser: „Und wir selbst brauchen für uns schließlich auch was Knackiges!“

Wie Ryanair nützt auch der AfD JEDER Lärm um sie

Warum rücke ich gerade jetzt mit diesen Geschichten raus? Weil ich bei den (um im Bild zu bleiben) jüngsten Flugeinlagen der AfD und der aufgeregten, nicht enden wollenden „kritischen“ Berichterstattung darüber immer wieder an O’Leary und die PK in Weeze denken muss. Ich bin überzeugt: alle Schauer-Geschichten – von Grenzschüssen bis Boateng im Gauland – kommen der AfD zupass! (Trump lässt grüßen.) Die Frage, ob Petry und Co. ihr Zeugs gerissen lancieren oder bloß tollpatschig durch die Fettnäpfchen hüpfen, ist dabei völlig unerheblich.

Mein Weeze-Erlebnis ergänzt das ganze, denn ich bin zudem überzeugt: viele Journalisten wissen inzwischen sehr wohl, dass sie schnell auch zu PR-Leuten werden können, zu eifrigen und beliebten (da unentgeltlichen) Nachbarschaftshelfern, aber selbst wenn sie das wissen, so können sie eben trotzdem nicht anders und machen mit – im Bestfall aufgrund eines falsch verstandenen journalistischen Berufsethos, oft genug aber wohl schlicht aus dem reinen Eigennutz, den ein zünftiges Ramba-Zamba so mit sich bringt. Sie MÜSSEN einfach – wie der Skorpion auf dem Frosch!

Fazit? Etwa nix mehr berichten? Na klar soll berichtet werden, machen wir ja hier auch, doch gerade wenn’s um Parteien und die aktuelle Laufsau im Dorf geht, schaden Augenmaß und EIN LIMIT nie. Tipp für alle besonders Engagierten: Wer als Journalist die AfD wirklich lynchen möchte, muss wohl etwas finden, das einem Flugzeugabsturz gleich kommt. Das wird nicht leicht, denn auf O’Leary-Sprech dürfte die Losung der AfD bislang auch nach den blödesten Bullshit-Meldungen lauten: „Super Schlagzeilen! Beim Wähler bleibt vielleicht hängen, dass wir eine Schraube locker haben. Aber auch, dass wir gnadenlos eine alternative Politik verfolgen. Nur das zählt.“

Das WamS-Interview mit Michael O’Leary dem Jahre 2012.

Ein frischer Beleg meiner „Sie-müssen“-These von Mai 2016, ironischerweise wieder aus der Welt (was bleibt wohl hängen beim Kunden, wenn man O’Leary das Zahlen von Dumpinglöhnen vorhält?)

Zum Skorpion (für alle, die nicht wissen, worauf ich damit angespielt habe): einfach mal „Skorpion Frosch Geschichte“ googeln und dem am nettesten empfundenen Link folgen.

LudgerK_CD

Mehr zu Ludger unter www.ludger-k.de

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Kommentare ( 9 )

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