Der Hrubesch-Reinders-Effekt: Wir erinnern uns an Verinnerlichtes

Es gibt eine offenkundige Kontaktschwäche im Zusammenspiel von Erfassen und Erinnern. Ludger K. führt kritisch durch die Sinne.

Haben Sie’s gesehen? Letzte Woche? DAS Knallbonbon im Vorfeld des Länderspiels Deutschland gegen Tschechien? RTL-Experte und Ex-Torwart Jens Lehmann kramt aus seiner Erinnerungsschatulle eine rührende Szene hervor: Vor fast 30 Jahren sei nach einem – wegen seines Patzers – verlorenen Spiel der gegnerische Trainer Horst Hrubesch (beim Erzählen neben Lehmann stehend) zu ihm in die Kabine gekommen, um ihn, den damaligen Jungspund im Tor, zu trösten. Er (Lehmann) war seinerzeit bei Schalke, und er (Hrubesch) war laut Lehmann bei Braunschweig. Er (Lehmann) sei von der Aktion nachhaltig bewegt und wisse bis heute die Menschlichkeit des Trainers Horst Hrubesch zu schätzen. Dann holt Hrubesch zum Kopfball aus: „Kann alles nicht sein! In Braunschweig war ich niemals Trainer.“ – Lehmann: „Doch!“ – Hrubesch: „Nö!“ – Lehmann: „Hä? Wie? Doch, doch, du warst da Trainer!“ – „Hrubesch: „Ne, ne. War nicht so!“ – Lehmann: „Wohl!“ – Florian König (Reporter): „Wir prüfen das!“ Ende vom Lied: Die nacherzählte Szene hatte zwar so stattgefunden, doch der gelobte Trainer war in Wahrheit nicht Horst Hrubesch gewesen, sondern Uwe Reinders. Lehmann hatte sich verinnert! Wie üblich ließen Häme und Shitstorm nicht lang auf sich warten – dabei hat die Sache viel Lehrreiches zu bieten …

Erinnerungen genießen einen Unfehlbarkeitsstatus, den sie nicht verdienen. Drum hat Lehmann auch keine Häme verdient, die Szene sollte vielmehr als Paradebeispiel dafür dienen, welches Eigenleben Gedanken führen können. Es ist erstaunlich: Wir alle sind inzwischen medial stark sensibilisiert und wissen, was Photoshop & Co. anzurichten vermögen, wir setzen Dokumente jedweder Art quasi intuitiv in Zweifel, wittern Absonderlichkeiten, Patzer, Fehler und fühlen uns daher durch was auch immer nie restlos überzeugt. Sogar die im Internet veröffentlichte Geburtsurkunde von Präsident Obama ist manchem pdf-Nerd unverifizierbar – doch ich wage zu vermuten: Hätte eine hawaiianische Hebamme frühzeitig bei Ellen oder Fallon gesessen und berichtet, wie sie den Brummschädel des Barack ins Licht der USA gezogen hat, es wären erst gar keine Zweifel über die Staatsbürgerschaft von B.O. entstanden! Zeugenaussagen nämlich zweifeln wir weniger an, dabei sind sie von allen Beweisen am fehleranfälligsten, das weiß jeder Kriminalist! Unsere Talkmaster gestatten ihren Gästen allzu gern die großspurigste Ausschmückung von Erlebnisberichten; die bleiben dann stehen und werden meist unhinterfragt weitergetragen. Schnell ist der angerührte Erzählzement fest geworden, und jedes „Stimmt nicht“ bringt dem Zweifler blaue Flecken.

Als Horst Hrubesch (und er MUSS es ja wissen) sein „Ich war nie bei Braunschweig“ der lehmannschen Erzählung entgegen schoss, hätte die Reaktion des Sich-Zu-Erinnern-Glaubenden sein können: „Ui, echt nicht? Dann hab‘ ich mich wohl getäuscht.“ Aber nix da! Lehmann blieb lange kindlich-trotzig bei seiner Story, und sogar nach dem Spiel, als im Internet längst der Irrtum nachgewiesen und verbreitet war, wirkte Lehmann nicht restlos geläutert. Das ist nicht peinlich, das ist menschlich – und daher in höchstem Maße beachtenswert, denn auch die Weltgeschichte kennt den Hrubesch-Reinders-Effekt:

Ronald Reagen wollte im Vorfeld seiner historische Rede am Brandenburger Tor 1987 auf der anderen Seite der Mauer ostdeutsche Zuseher erspäht haben, die vom Staatsdienst der DDR rüde abgeführt worden seien. Es ist nicht schwer, nachzuweisen, dass das so nicht gewesen sein kann! Dem Präsidenten war es auf seiner Route schlicht unmöglich, derlei auch nur schemenhaft zu erahnen. Hat er also gelogen? Nicht unbedingt, er hat sich dann aber wohl „verinnert“. So wie es allen von uns in Bagatellfällen andauernd passiert – mal mit, mal ohne Aufklärung.

Ich erlebte neulich in einem Varieté-Theater den Zwist zweier Kollegen über eine knapp 10 Jahre zurück liegende dortige Show: Kollege A sagte, damals sei auf jeden Fall das Duo XY (Namen egal) Teil der Show gewesen, Kollege B hingegen schwor, die beiden Damen vom Duo XY zum damaligen Zeitpunkt AUF JEDEN FALL andernorts gesehen zu haben. Schnell war der entsprechende Prospekt gefunden, der das Duo XY als Teil besagter Varieté-Show aufführte und den Kollegen A damit bestätigte. Kollege B jedoch blieb seiner Version treu: „Nix da, da gab’s bestimmt einen Tausch, die waren woanders!“ Kollege A suchte und fand online Showfotos.

Kollege B (mit einer gewissen Berechtigung): „Da kann ja jeder eine falsche Info dranpappen.“ Er war nicht zu überzeugen! Kollege A funkte via whatsapp eine Hälfte des Duo XY an, um sich zu erkundigen. Antwort: „Lang her die Show, aber der Prospekt stimmt!“ Sogar das, also das Bestreiten seiner Ansicht von Seiten eines Beteiligten (!) reichte nicht aus, um die Verinnerung des Kollegen B zu vertreiben, diese kämpfte offenkundig mit allen Mitteln ums Überleben! Schließlich gesellte sich ein Vertreter des Hauses zu uns, der damals im Varieté-Publikum saß: „Das Duo XY? Ja, ja, die waren hier, ich hab‘ sie gesehen.“ Erst ab da wurde Kollege B kleinlaut.

Es gibt eine offenkundige Kontaktschwäche im Zusammenspiel von Erfassen und Erinnern – Folge:

a) Wir können durch geschickte Fangfragen nach Details Zeugenaussagen erschüttern. Probieren Sie es ruhig mal aus! Treiben Sie eine Freundin, die Ihnen von einem kürzlichen Kinobesuch erzählt, mit Nachhaken in die Enge, kreieren Sie Widersprüche. Mit ein bisschen Hinterfotzigkeit Ihrerseits wird die Erzählerin am Ende selbst glauben, in Wahrheit noch nie in dem Kino gewesen zu sein.

b) Wir können (was noch viel schlimmer ist) Verinnerungen erzeugen! Lassen Sie mich Ihnen ein harmloses Beispiel schildern, wieder geht’s um einen Kollegen:
Eine putzige Anekdote, die er mal mit mir erlebt hat, dient einem Kabarett-Kollegen seit Jahren als Erzählauftakt auf der Bühne. (Es geht darin um ein Gespräch mit einer Theaterleiterin, Details hier unerheblich.) Mehrfach wollten Leute wissen: „Ist das wirklich so passiert?“ Und wenn zufällig auch ich in der Nähe war, erwiderte der Gefragte: „Klar, kannste den Ludger fragen, er ist ja grad hier. Das haben wir damals doch erlebt, Ludger, oder?“ Ich (immer wieder): „Stimmt, ja, ich war dabei, ist passiert.“ Bis ich eines Tages eingehender darüber nachdachte:

Ja, ich war dabei gewesen damals, das Gespräch mit der Theaterleiterin hatte es gegeben, der Kollege beschreibt sie und die Szenerie gut – aber die Punchline der Geschichte, der Clou, die Pointe, der Abschlusssatz, die letztliche Legitimation der Erzählung … Es bleibt möglich, dass die zitierten Worte so gefallen sind, gewiss. Aber: Ich weiß es nicht, und in Wahrheit hatte ich es trotz aller Bekundungen auch nie wirklich gewusst, ich kann mich nicht und konnte mich nie an das Entscheidende in der Erzählung erinnern! Eine vermeintliche Gewissheit hatte sich geschickt in mein Gehirn reingefräst, und ein Kollege hatte das (vielleicht) bewusst so gewollt. Trotzdem werden natürlich alle zwischenzeitlichen Zuhörer weiterhin Ihre „Wahrheit“ behalten – und weitertragen …

Jeden Tag gibt’s irgendwo Betüttelung im kleinen Stil! Gibt’s die auch im großen Stil? Und wie lange schaffen sie ein Überleben? Was meinen Sie? Der geschlagene preußische König soll beim Tilsiter Frieden in einen russischen Leihmantel gehüllt gewesen sein, da er selbst keinen mehr besaß – was für eine sinnbildliche Demütigung! Augenzeugen haben das berichtetet. Aber welche? Allesamt Gefolgsleute von Napoleon! Das Bild wurde zur Karikatur in französischen Geschichtsbüchern und irgendwann auch bei uns. Ich als Preuße habe Zweifel und glaube: Auch mein geschlagener König dürfte noch immer einen eigenen Mantel besessen haben.

Was nun? Was ist die Lehre des Lehmann und mein heutiges Anliegen? Alles anzweifeln, was wir hören oder lesen? Nix mehr glauben? Nein! Wie sollte man so auch leben? Nur eines:

Zeugenaussagen sollten mindestens einem ebenso starken Vorbehalt unterliegen wie andere Beweismittel. Was Juristen und Polizisten Recht ist, muss allen anderen billig sein. Wir überhöhen die Verlässlichkeit unserer Sinne, so wir wir den Menschen als solchen im Zeitgeist überhöhen. Gerade bei emotionsgeladenen Schilderungen, die etwas bezwecken sollen, gilt: Vorsicht!

Zum Schluss noch mal zurück zu Hrubesch und Lehmann: Die Erzählung war positiv, eine beständige Unwahrheit hätte also niemandem weh getan. Doch stellen wir uns mal vor, Lehmann erzählt OHNE TV-KAMERAS privat in einer Kneipenrunde: „Ey, Horst Hrubesch? Voll der Arsch!“, und führt dafür fälschlicherweise ein Beleg-Erlebnis an. Das wird dann rumerzählt, garantiert. Irgendwann wird irgendwer vermelden: „Hrubesch GILT in der Szene als echter Stinkstiefel, immer wieder wird berichtet, dass …“ Ist ganz schnell passiert! Auch ohne böse Absicht. MIT böser Absicht in der Kette geht’s noch schneller und noch heftiger. Unrealistisch? Wenn Sie noch ein bisschen Zeit übrig haben, so empfehle ich Ihnen dringend die folgende, kleine Lektüre zum „Kinderhasser Peter Lustig“, die einen nicht unüblichen Lauf der Dinge zeigt: Verständigung – VerBamSung – Verinnerung. Schönen Sonntag!

LudgerK_CD

Mehr zu Ludger unter www.ludger-k.de

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