Fürs Volk Koks und Kinder ohne Sex

Sollen sie ihre Sensationen haben in den Redaktionen, wenn sie wenigstens zusätzlich Zusammenhänge beleuchten, bewerten und weiter schauen als bis nächste Woche. Ohne Scheuklappen am besten.

Welches Geschäftspotential – noch dazu ganz und gar steuerfrei – in der Kokainbranche steckt, interessiert mich weniger als die Frage, welche die WamS auf ihrer Titelseite intoniert: „KOKAIN für alle“. Per Hinrichs und Tina Kaiser haben die Details zusammengetragen über einen Markt, in dem Mafiaclans, Rockergruppen und Dealer die Hauptrolle spielen:

„In Deutschland führt nicht etwa München oder Berlin das Koks-Ranking an, sondern ausgerechnet die Arbeiterstadt Dortmund.“ Und: „Der Dortmunder kokst häufiger unter der Woche als am Wochenende. Die Feierabend-Line zum Feierabend-Bier. Das Leben eines typischen Koksers ist längst nicht mehr so glamourös, wie man es sich vorgestellt hätte.“

Warum das Volk kokst, erfahren wir in der Titelstory nicht. Aber vielleicht legen die Autoren ja noch nach. So bleibt erstmal nur die Vermutung: Kokst das Volk die Woche über aus den gleichen Gründen, wie früher überall gesoffen wurde? Um den Alltag auszuhalten? Aber im Unterschied zum Alkohol nicht aufzufallen?

Die WamS stellt keinen Zusammenhang her, also versuche ich das mal. Beat Balzli himself, Marcel Leubecher und Jacques Schuster haben mit Katja Kipping gesprochen. Sie will die „NATO abschaffen, Hartz-Reformen rückgängig machen und die Deutsche Bank in eine Sparkasse verwandeln … in einer rot-rot-grünen Regierung“. In der Migrationsfrage sagt Kipping: „Anstatt also über Obergrenzen für Geflüchtete, sollten wir lieber über Obergrenzen für Manager-Boni debattieren.“ Das ist dann nicht mehr nötig, Frau Kipping, wenn Ihre Wunschkoalition Ihr Programm einer DDR 1.1 verwirklicht: Dort gibt es weder Manager-Boni noch Einwanderer.

„Schluss mit Sex“ nennt die FAS ihre Titelgeschichte: „Um Nachwuchs zu erzeugen, braucht man Ei- und Samenzellen. Die lassen sich jetzt auch künstllich herstellen. Das könnte ungeahnte Konsequenzen haben.“ Die moralische Seite der Fortpflanzungsmedizin ist eines. Medizinisch weiß man seit der ersten In-vitro-Befruchtung 1978 nur, „dass größere Schäden bislang ausgeblieben sind.“ (Als Nächstes empfehle ich der FAS: ungeahnten Chancen von Kindern ohne Sex für die Gender-Welt.)

Ob die Redaktion in Frankfurt darüber lange nachgedacht hat, weiß ich nicht. Auf der Titelseite wird der Artikel auf Seite 2 angetextet: „Schlaf, Kindlein, schlaf“. Yvonne Staat berichtet, wie Mütter „ihr Baby mit Medikamenten ausschalten“ – gemeint ist: ruhigstellen. Künstlich „herstellen“, von Leihmutter austragen und von medizinisch Geschulten mit Medikamenten „zähmen“ lassen, Pillen für die Schulen und dann in die Arbeitswelt – Übergang zum Alltagskoks fließend?

FAS und WamS: Beide Redaktionen sollten dringend nacharbeiten. Wer solche Storys einfach in die Landschaft setzt, könnte auf den naheliegenden Gedanken kommen, dass es Leser gibt, die mehr als einen Artikel lesen und zur Verknüpfung fähig sind. Also sollten die Redaktionen Zusammenhänge selbst zum Thema machen – wie wäre es mit ein bisschen Aufklärung wenigstens neben der Sensation?

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