DER SPIEGEL Nr. 47 – „Willen braucht man. Und Zigaretten. Helmut Schmidt, Jahrhundertmann“

Der SPIEGEL ist in dieser Woche eine Empfehlung – wegen des grandiosen Nachrufs von Wolfgang Schäuble auf Helmut Schmidt.

Das ist das Schicksal von Wochenmagazinen und Tageszeitungen: Immer häufiger wirken sie alt. Große Ereignisse entwerten auch gut Geschriebenes. So geht es dem SPIEGEL mit dem Heft, das sich dem Nachruf auf Helmut Schmidt widmet. Die Trauer um den „Jahrhundertmann“, Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, ist einhellig. Warum? Leitartikel und Beiträge im aktuellen SPIEGEL über das Leben und das politische Wirken geben eine Ahnung davon, was die Größe dieses Mannes ausmacht. Die Hamburger liegen in der journalistischen Würdigung weit vor dem Kontrahenten FOCUS. Seltsam nur, dass Chefredakteur Klaus Brinkbäumer zu diesem so wichtigen Thema schweigt. Der grandiose Nachruf des langjährigen Schmidt-Kontrahenten Schäuble, der mit einer bei dem alten CDU-Grantler nicht für möglich gehaltenen Feinfühligkeit und Eindringlichkeit die Qualitäten des verstorbenen SPD-Politikers lobt, lohnt die Lektüre. Der Nachruf von Hans-Dietrich Genscher bleibt dagegen vergleichsweise blass und distanziert.

Spiegel-Redakteur Martin Doerry spürt in seinem Leitartikel „Blick in den Himmel“ der Frage nach, wie Schmidt zu einer Vaterfigur über die Generationen hinweg wurde, und erinnert wehmütig daran, dass das Deutschland in diesem Jahr 2015 eine ganze Generation prominenter Leitfiguren verloren hat.

Wo man beim Spiegel schon über Vergängliches und Bleibendes nachdenkt, nimmt René Pfister in seinem Essay „Die verspätete Kanzlerin“ die Ära von Angela Merkel unter die Lupe. Er begründet, dass Merkel im Prinzip das vollendet habe, was Willy Brandt begann, und Deutschland trotz und mit der CDU in eine weltoffene Gesellschaft führte. Wer hätte in den 1960ern, als noch die Generation Globke und Kiesinger am Ruder war, zu hoffen gewagt, dass dereinst eine Pfarrerstochter aus Mecklenburg diesen Kraftakt bewältigen könnte?

Eines der wichtigsten Stücke ist in dieser Woche für mich „Der Krieg im Klassenzimmer“. Der muslimische Antisemitismus ist weiter verbreitet, als die Mehrheitsgesellschaft und Islamverbände es wahrhaben wollen. Bruno Schrep beschreibt, wie junge Muslime in Schulen und im Sport jüdische Mitbürger, Lehrerinnen, Schüler, Sportler piesacken, verspotten und beleidigen. Bei Schulleitungen und der Polizei stoßen die Opfer auf taube Ohren. Aussitzen und Kleinreden ist gefährlich. Integration kann nur gelingen, wenn wir Werte wie gegenseitigen Respekt, Toleranz und Achtung vor der Religion der anderen einfordern.

Einfach herrlich ist der famose Beitrag „Wer hat die Längste“ von Nils Klawitter über die Schummeleien der Skigebiete beim Großrechnen ihrer Skigebiete. Und wer sind angeblich die einzigen, die die Wahrheit sagen: Die Griechen, die im nördlichen Bergland auch ein paar Skipisten haben.

Der SPIEGEL und der DFB: Im Beitrag „Gelogen wird viel“ klopfen die Hamburger sich nach dem Rücktritt von Niersbach noch einmal kräftig auf die Schulter. Das Drama geht in den vierten Akt. Oder doch noch nicht? Es erstaunt, wie sehr sich das Magazin auf den nun Ex-DFB-Präsidenten und Günter Netzer eingeschossen hat und wie gleichzeitig Franz Beckenbauer und Theo Zwanziger mit Samthandschuhen angefasst werden. Eine andere Sichtweise auf die handelnden Personen und Ideen dazu, wie der DFB sich jetzt erneuern muss, vermittelt das Interview „Das Motto lautete doch: Franz, tu, was zu tun ist“ im aktuellen FOCUS mit dem Sportjuristen Christoph Schickhardt. Was beide Magazine nicht weiter ausführen ist die zweifelhafte Rolle von Adidas. Hier sind andere Medien weiter.

Zum Schluss lässt die Information aus dem Ressort Wissenschaft + Technik aufmerken, wonach wagemutige Mediziner wie der italienische Chirurg Sergio Canavero und sein chinesischer Kollege Xiaoping Ren 2017 die erste Kopfverpflanzung bei einem Menschen vornehmen will. Im Interview räumt der Hamburger Chirurg Uwe Kehler dem waghalsigen Unterfangen keinerlei Chance ein, obgleich es in ersten Tests mit Mäusen und Ratten einige Erfolge gab, aber die Nager schließlich doch allesamt nach einigen Minuten verstarben. Vor der ersten Herztransplantation im Jahre 1967 in Kapstadt hielten viele das Vorhaben von Christiaan Barnard gleichfalls für Science Fiction.

Es sind dann auch solche Beiträge, die die Entwertung durch die Aktualität schadlos übersehen. Denn unser Leben geht weiter – auch nach Paris.

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