Beziehungen, Vertrauen – Du und die Kuh

Im Themen-Mix suggerieren ZEIT und FAS, die Krisen sind im Auslaufen, wir können uns wieder unserem Streben nach Wohlbefinden zuwenden, die WamS hat Platz für heiße Themen und nicht zu wenig für schöne. Für Sie gelesen von Roland Tichy und Fritz Goergen.

Weich kommt die WamS auf dem Titel daher: „Warum Perfektion die Beziehung ruiniert“, das klingt eher nach der Selbstfindungstour übersättigter, narzisstischer Autoren/innen, die sonst die FAS bedienen und doch nur für ihre paar Freunde/innen ähnlicher Geisteshaltung fabulieren. Aber Beat Balzli als neuer starker Mann hinter Neu-Chef Stefan Aust bringt die Story von Fanny Jiménez „BEDINGT Beziehungsfähig“ schnell auf den Punkt: „Die Tinderisierung der Gesellschaft wirkt wie ein Spaltpilz. Eine Shoppingmentaliät im Liebesleben macht die Beziehungen instabiler. Die Betroffenen sind gefangen im ständigen Suchmodus. Zufrieden ist man nur noch in Teilzeit“. Man muss dem nicht in allem folgen, und doch ist es eine Beschreibung eines breiten Phänomens, das mit der Erfindung der/des „Teilzeitlebensabschnittsgefährten/in“ begann.

Weich sind auch die harten Themen der FAS, „Die Hysterie um die Milch“, „Freispruch für das Ei“ und „Luft holen und loslaufen“. Es ist wie letzten Sonntag, ernsthaft um Politik geht es in der FAS erst im Wirtschaftsteil. Die Deutschen wollten die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank, schreibt Rainer Hank in „Wer kann Mario Draghi stoppen?“. Dafür dass die EZB nicht die Rolle der Bundesbank fortsetzte in der Sicherung der Währung und der Stabilität des Geldes, sondern Politik macht, hat sie ihre Unabhängigkeit nicht bekommen. Aber nun kauft sie Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, verlangt von Geschäftsbanken Strafzinsen auf Einlagen, überlegt, die Bürger mit Gratisgeld zu beglücken („Helikoptergeld“).

Grauen überkommt einen, wenn zum Titel der ZEIT „Woher kommt Vertrauen“ im Beitrag „Unsere Wunderdroge“ die Möglichkeit durchscheint, mit dem Hormon Oxytocin Vertrauen herzustellen: „Der Stoff wirkt demnach wie eine Brille, die Kontraste verstärkt, Zwischenmenschliches hervorhebt – und zugleich die Angst vor dem anderen mildert: er läßt uns Nähe suchen, aushalten und zuletzt genießen. Er könnte so etwas sein wie ein Elixier des Miteinanders.“ Vertrauen auf Rezept aus der Apotheke? Oder als Zwangsimpfung?

Kunst im Journalismus ist plakative Kürze, nicht ausufernde Länge. Die WamS ist auf dem Weg zurück zum kritischen Journalismus, den Cicero-Mann Alexander Kissler per twitter wie folgt ironisierte: „Kritischer Journalismus früher kritisierte eins vornehmlich die Regierung, nicht die Regierungskritiker“. So analysiert die WamS, „Schrumpfen der KAMPFZONE“, wie die schlechten Wahlergebnisse von CDU und SPD dazu führen, dass beide Parteien an Präsenz und Wahrnehmbarkeit über weite Strecken des Landes verlieren: Kaum mehr Mitglieder, über weite Flächen kaum mehr Abgeordnete, weniger Geld. Allerdings kommt dabei zu kurz: Das ist eben das Versagen der jeweiligen Parteivorsitzenden, die insbesondere bei der CDU schon lange im Amt ist: Die Partei bin ich – dieser fiktive Wahlspruch von Angela Merkel zeigt sich jetzt im Verfall einer früher flächendeckend machtvollen Organisation. Anders die FAS: Sie kritisiert ausufernd das „Wörterbuch der neuesten Rechten“, aber ohne Erkenntnisgewinn. Wäre ja noch schöner, wenn jemand wagt, die Bundesregierung zu kritisieren, das ist ganz Regierungspostille FAS.

Aber Deutschland perfektioniert ja das System von Staatsparteien. Wo rot und schwarz schwindet, ersetzen Grün und das Blau der AfD die Farbskala. Und das wird immer teurer: Um die Apparate von CDU und SPD am Laufen zu halten, werden die diversen Staatszuschüsse erhöht, damit  betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden. Immer höhere Geldmittel für immer weniger Stimmen – „Selbst weniger Stimmen wirken da wie mehr“. Wenigstens die Selbstbedienungskasse der Parteien stimmt weiter – und macht die Gewinner-Parteien umso fetter.

In dieses Schema der WamS passt „Der Reiz der RECHTEN“ – eine Reportage darüber, dass die rechtspopulistischen Parteien in Europa meist von Frauen geführt werden. Anke Van Dermeersch vom belgischen „Flams Belang“ zeigt entlang ihrer wohlgeformten Beine, wie im neuen islamisierten Normenwerk Europas die Rocklänge zu beurteilen ist: von „Sharia-Konform“ an der Sohle über „Hure“ in der Kniekehle bis zu „Steinigung“ ganz oben. Marina Meister und Silke Mühlheer geben sich verdutzt, dass Frauen Parteien führen, denen üblicherweise das Etikett „Frauenfeindlichkeit“ angeheftet wird. Dass Frauen sich in der Politik durchsetzen, zeigt, dass sie überall auf dem Vormarsch sind, dort, wo es um öffentliche Kommunikation, um Medienwirkung geht, noch mehr. Und es sagt noch mehr über den Rückzug der Männer (dazu demnächst hier eine Rezension von: „Das Schweigen der Männer“ von Dasa Szekely).

Eine besondere Marktchance liegt für die WamS in der Wirtschaft, seit die Wirtschaftswoche ihre Zukunft in der Frage sucht, wie Lebertran bei der Bartpflege dienlich sein könnte (so ihre Pressemitteilung diese Woche). Im Doppelinterview, „Ich muss entschieden WIDERSPRECHEN“ diskutieren Clemens Fuest (Sinn-Erbe beim Ifo-Institut) und sein Gegenspieler vom Gewerkschafts-nahen DIW Marcel Fratzscher die Frage, ob Wohlstand für Alle von Gestern ist. Und die geplante Subvention für das deutsche Elektro-Auto macht die Redaktion mit einer kurzen Story zunichte, in der sie die Warteschlangen für nur angekündigte neue Tesla-Modelle beschreibt: Erfolg kommt vom Kunden, nicht von Gabriel.

Die Rolle von Paul Achleitner, den nie-toten Aufsichtsratchef der Deutschen Bank wird durchleuchtet und das leicht verdiente Geld: „Die ZIELSCHEIBE“. Tantiemen von Dax-Vorständen steigen, auch wenn Gewinne und Dividenden sinken oder wie beim RWE sogar der jähe Tod näher zu kommen scheint. Der Grund liegt in zu wenig herausfordernden Grenzwerten, Hürden also, die auch der Lahme locker nimmt. Ein gutes Stück; da übersieht man gerne jene wichtige Frauensache, die darin bestehen soll, dass frau über Menstruationsbeschwerden spricht, wenn sie in männerdominierte Zonen aufsteigen will. Irgendwie sind die schlimmeren Feinde der Frauen oft Frauen.

Ein Clou wie das Dokument die „Erklärung einer Identitätsreform“ großer Alewiten-Clans gegen ihren Glaubensbruder Baschar al-Assad gelingt nicht jeden Tag: „Das Alawitentum sei ‚der transzendentale Islam‘, also die übersinnliche Dimension des Glaubens. Während der traditionelle schiitische und sunnitische Islam versuche, ‚die Botschaft Gottes zu verstehen‘, könne das Alawitentum ‚als Versuch betrachtet werden, das Wesen Gottes zu verstehen’“. Der Beitrag „Abkehr vom IRRSINN“ ist nicht nur Stoff für Islam-Experten. Das kann hochpolitisch werden.

In ihrem Mix der Themen und Geschichten suggerieren ZEIT und FAS, die Krisen sind im Auslaufen, wir können uns wieder unserem Streben nach Wohlbefinden zuwenden, diesen Fehler macht die WamS nicht, sie hat viel Platz für die heißen Themen und nicht zu wenig für die schönen. Ich glaube nicht, dass ZEIT und FAS das absichtlich tun, so wie auch die meisten deutschen Pazifisten den Pazifismus schon lange mit Eskapismus verwechseln.

Diese drei Wochentitel haben wir wohl im Vergleich lange genug betrachtet.

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