Blackbox KW 39 – Stürmische Zeiten

Die Shitstorms der Woche, das vielleicht letzte Bundesverdienstkreuz des Jahres, Wohnungsnot in Berlin. Und dann noch unsere Polizei ... . Halten Sie sich besser fest!

WARNHINWEIS! Der Autor sieht die Blackbox als satirischen Beitrag zum Wochengeschehen. Bitte berücksichtigen Sie das, bevor Sie sich entscheiden, weiterzulesen!

♦ Halb Deutschland saß in der letzten Woche auf dem Sofa und nahm übel. Und wie so oft nahmen die meisten Übelnehmer aus dem falschen Grund übel.
Dem Christian Lindner etwa wurde vorgeworfen, ein übler Sexist zu sein, weil er auf dem FDP-Parteitag zur Parteifreundin Linda Teuteberg sagte: „Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300 Mal, ich hab‘ mal so grob überschlagen, ungefähr 300 Mal den Tag zusammen begonnen haben.“ Pause, die Liberalen lachten, dann Lindner: „Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht was ihr jetzt denkt.“ 

Lindner, mieser Sexist? Guter Witz? Schlechter Witz? Keine Ahnung. Eine Gemeinheit besteht allein darin, dass Lindner Teuteberg zuvor als Generalsekretärin der FDP geschasst hatte – in diesem Zusammenhang wurde aus dem Scherz eine üble Nachrede (Achtung! Doppeldeutig!).

♦ Ins Getriebe der Empörungsmaschine geriet auch Friedrich Merz, der auf die Frage, ob er Vorbehalte hätte, wenn heute ein Schwuler Bundeskanzler werden würde, sofort „Nein“ gesagt hatte. Bei der ihn offenbar überrumpelnden Nachfrage, ob es für ihn „normal wäre“, wenn ein Schwuler Bundeskanzler würde, rief er jedoch nicht wie aus der Pistole geschossen „Ja“, sondern geriet ins Schwimmen und antwortete langatmig, aber juristisch korrekt: „Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“ 
Womöglich hat er den Sinn der Nachfrage nicht erfasst. Vielleicht schwang aber auch eine klammheimliche Angst beim potenziellen Kanzlerkandidaten der CDU mit, dass es in nicht allzu ferner Zukunft Pflicht sein könnte, dass ein Bundeskanzler frau oder schwul sein muss. (Achtung! Schon wieder Satire!)

♦ Natürlich warten Sie, verehrte Leser der Blackbox, darauf, dass wir nun auch den dritten Sexismus-Shitstorm thematisieren. Weil wir ein wenig voreingenommen in der Causa sind, wollen wir für den Sachverhalt Focus zitieren:
„In der aktuellen Ausgabe des Monatsmagazins „Tichys Einblick“ war der Autor Stephan Paetow über die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) hergezogen (….) , hieß es in einem „etwas anderen Monatsrückblick“ über die Politikerin, die den Sprung vom Berlin Senat in die Bundespolitik anpeilt.“

Und was sagt der Autor? Sagt er, wie Friedrich Merz, seine umstrittene Äußerung „ist offensichtlich missverstanden worden“?
Nein, er schließt sich vollumfänglich der Aussage einer Kollegin an, die ihm schrieb: Imke Wübbenhorst, erste Trainerin einer Oberligamannschaft der Männer, ist für ihren Spruch ‚Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf’ mit dem Deutschen Fußball-Kulturpreis ausgezeichnet worden. Ich sehe auch nix sexistisches am Kommentar zu Frau Chebli.“ (Noch Satire oder schon Realität?)

♦ Wie erkennt man Satire? Nehmen Sie mal diese Meldung: ‚NBA-Spieler haben Spitzenkragen angelegt zu Ehren der kürzlich verstorbenen US-Verfassungsrichtern Ruth Bader Ginsburg. Die Verfassungsrichterin war für das Tragen solcher Kragen bekannt.’ Kommen Sie! Die NBA-Hünen mit Spitzenkragen, weil eine Verfassungsrichterin gestorben ist? Was würden dann unsere Bundesligaspieler aus Solidarität anziehen, wenn … (Oooooh! Halt! Der Scherz geht gar nicht!)
Eine solche Spitzenkragen-Geschichte kann nur ernsthaft glauben, wer im rotgrünen Humorsumpf aufgewachsen ist wie der Berliner Grünen-Justiz-Senator Dirk Behrendt, der begeistert twitterte „Mein Bild des Monats. NBA Sportler ehren eine der größten Juristinnen.“ Wahrscheinlich gibt’s morgen im Senat Soli-Spitzenkragen zur Soli-Maske.

♦ Nun ist Berlin ein humoristischer Sonderfall. An einem Tag stehen laut BZ Berlin 5.000 Bewerber vor zu vermietenden Wohnungen, am nächsten rufen 5.000 Aktivisten „Wir haben Platz!“ Immer noch ‘ne Schrippe draufgelegt …

♦ Übrigens, auch bei der Europäischen Zentralbank EZB haben sie wie bei der Bundesregierung beizeiten keine Mängel bei Wirecard entdeckt. Sehr witzig.

♦ Vorsichtshalber bekommt Professor Christian Drosten von unserem Genossen Präsident Frank-Walter in der nächsten Woche das Bundesverdienstkreuz – schließlich „geht die Pandemie jetzt erst richtig los“, und wer weiß, ob wir im November überhaupt noch da sind. Deshalb also am 3. Oktober noch einmal in aller Frische „Vereint und füreinander da“ (Motto der Verleihung).

♦ Wenn das mal nicht zu spät ist! In Köln geht es schon los! Atemlos berichtet der Stadtanzeiger: „In Köln ist eine weitere Person, die positiv auf das Corona-Virus getestet wurde, gestorben. Der 97-jährige Mann litt laut der Stadt unter Vorerkrankungen.“ Herr, hilf! Oder wenigstens der Herr Kardinal Woelki.

♦ Wenigstens die jungen Leute beachten die „Hygiene-Regeln“. Selbst die Klimakinder hielten sich, trotz der Dringlichkeit ihres Anliegens, auf einer Demo in Berlin „weitestgehend“ (Dorfpresse) an die Schutzregeln. Weitestgehend? Da werden sich doch nicht ein paar Reichsbürger untergemischt haben?

Nein, die Jugend macht aus der Corona-Not eine Tugend! Sabine von Stackelberg, 68 Jahre alt, Gesundheitscoach und nach eigenen Angaben bislang bei jedem globalen Klimastreik dabei: „Obwohl wir mehr Abstand halten müssen, fühle ich mich den anderen näher.“ 

♦ Was ist nur mit unserer Polizei los? Pöhse Purschen, wohin man blickt! In München wird gekokst, in Mülheim Hitler-Bildchen getauscht, und in Berlin soll Clanchef Abou-Chaker die Steuerfahndung in aller Herrgottsfrühe freundlich empfangen haben, weil er wohl einen (Polizei?-)Tipp bekam und alle Unterlagen rechtzeitig aus dem Haus schaffen konnte. Herbert Reul, Soziologie-Lehrer im Ruhestand und Innenminister im Homeland NRW, hat wenigstens das größte der Probleme so gut wie gelöst: In allen 50 Polizeibehörden im Homeland werden Extremismus-Beauftragte eingesetzt.

♦  Merkels Horst ist traurig, weil Sebastian Kurz und viele andere Europäer seine Migrations-Mogelpackung durchschaut und ihm mit den Worten „Nein, danke“ zurückgeschickt haben.
Dabei hatte es der Horst so schön formuliert: Asylverfahren an den Außengrenzen, schnellere Abschiebungen und die Ernennung eines „Rückführungskoordinators“. Am meisten wurde sicherlich über den „Rückführungskoordinator“ in Wien gelacht, die „schnelleren Abschiebungen“ finden sie da inzwischen wohl nicht mehr lustig.

♦ Jetzt will es wieder keiner gewesen sein! In Gera wurde ein ehemaliger Arzt zum Vorsitzenden des Stadtrats gewählt, „was für mächtig Empörung sorgt“, zum Beispiel beim Spiegel. Weil der Arzt, wir müssen es leider deutlich aussprechen, in der AfD ist. Das Schlimmste: Der AfD-Mann bekam mindestens zwei Stimmen von CDU, Linken, SPD, Grünen oder FDP. Weil sich keiner freiwillig meldet, muss wohl der Verfassungsschutz ermitteln. Wobei, wir haben da einen Verdacht: Wir würden Frau Dr. Merkel raten, den Herrn Lindner erneut nach Thüringen zu schicken, um eine Wahl rückgängig zu machen.

♦ Man muss auch loben können! Beim Spiegel haben sie jetzt festgestellt „Tanken ist billiger als Laden“. Mal gespannt, wann sie merken, dass gar nicht genug Ökostrom für alle Ökoautos da wäre …

♦ Apropos Verkehr. Glück hat heute Verkehrsminister Scheuer Andi, dass wir keinen Platz mehr haben, um uns ausgiebig mit dem Saustall „Autobahngesellschaft“ beschäftigen zu können. Außerdem ist er dicke mit Digitalstaatsministerin Dorothee Bär und die schreit immer gleich so solidarisch.

Aber am Ende wollen wir uns auch noch entschuldigen. Bei unserem Heiko, dem wir nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen konnten, obwohl der doch „einsam und allein“ (Bild) in Corona-Quarantäne sitzt. Gute Besserung!

P.S.: Selbstanzeige: Manche Formulierungen entstammen einem Beitrag eines gewissen Ignaz Wrobel vom Berliner Tageblatt.


Lesen Sie Stephan Paetow auch auf
https://www.spaet-nachrichten.de/

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Kommentare ( 163 )

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Nikedew
21 Tage her

Auf der Seite von Ignaz Wrobel (= Tucholsky) steht nicht nur sein treffender Text über Satire, sondern auch aus seinem Munde: „Wenn Leute in Seenot sind, fragt man nicht nach der Religion. Man hilft.“ Offenbar von der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft aus aktuellem Haltungs-Bedürfnis hinzugefügt. Ob Tucholsky gemahnt hätte, dass sein Satz eigentlich nicht für solche gilt, die durch gezielt herbeigeführte Seenot Hilfe erzwingen wollen?

Mike
23 Tage her

Es ist schon toll, dass es im Land der Altm…. und Steinm….s noch Männer MIT ** gibt und dass Roland Tichy lieber ** Ämter abgibt als auf seinem eigenen Territorium den Schwanz einzuziehen und sich von seinen Autoren zu distanzieren. Insofern hatte ich die Blackbox mit Spannung erwartet und …. wurde nicht enttäuscht. In einem Deutschland der Libanonisierung mit steigendem Einfluss islamischer Kreise und ihrer Sprechpuppen ist das eminent wichtig, Territorium zu behaupten, das diese clever agierenden Aktivisten der Umma mit ihrer Beschwerdeunkultur Stück für Stück aus dem Körper Deutschlands reißen. Wenn es zum Schwur kommt, merkt man immer wieder:… Mehr

Silverager
23 Tage her

Der Herr Paetow wollte seine Leser gewiß mal prüfen mit dem „gewissen Ignatz Wrobel vom Berliner Tageblatt“ (Ausgabe vom 27.01.1919 !).
Aber der in Satire geübte Leser weiß, dass der „gewisse Ignatz Wrobel“ natürlich Kurt Tucholsky himself ist, bei dem Herr Paetow lt. Selbstanzeige „manche Formulierungen“ entnommen, also plagiiert, hat.
Ich weiß allerdings aus zuverlässiger Quelle, dass die Selbstanzeige keine strafrechtlichen Konsequenzen für Herrn Paetow haben wird.

Jesper
23 Tage her

Lieber Herr Paetow,
aus gegebenem Anlass möchte ich Ihnen diesmal ganz besonders zu Ihrem satirischen Wochenrückblick gratulieren. Es war mir eine ganz besondere Freude ihn zu lesen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Freude bei der Arbeit.

Troja
23 Tage her

Ach Herr Paetow, Sie haben das Pech, von einer m.E. unglaubwürdigen Person mit lückenhaftem Verständnis für relativ einfachere Sachzusammenhänge, insbesondere wegen verachtungswürdiger Eigeninteressen (Kampf und Verächtlichmachung von „alten weis(sen) Männern u n d Frauen“, u.a. auch dem Resignierenden Bürgermeister M.Müller) zufällig wahrgenommen und, wie üblich, nicht verstanden worden zu sein. Aber einen vermeintlich sexuellen Hintergrund einer Äußerung vermag die m.E. als „wandelnder sexueller Schlüsselreiz“ bewusst und gewollt auftretende „Diskriminierungsexpertin“sofort (!) zu erkennen. Herr Ignatz Wrobel: Kaspar Hauser. Theobald Tiger u.a. lächelt im „Untergrund“ – er ist nicht vergessen und lebt weiter – Sie beweisen es. Danke! P.S. Die echte Satire… Mehr

Jan Frisch
24 Tage her

Mit Ihrem Warnhinweis haben Sie bei allen Mitdenkenden (m,w,x) heute extra g-punktet.

Ali
24 Tage her

Zitat: „Herbert Reul, Soziologie-Lehrer im Ruhestand und Innenminister im Homeland NRW, hat wenigstens das größte der Probleme so gut wie gelöst: In allen 50 Polizeibehörden im Homeland werden Extremismus-Beauftragte eingesetzt.“

Herr Reul hat sich -traditionsbewusst wie er nun einmal ist- jetzt auch ausdrücklich dafür ausgesprochen die besagten „Extremismus-Beauftragen“ zukünftig korrekt zu benenn: StaSi-Spitzel!

EinBuerger
24 Tage her

Ist doch witzig: Wie man mit einem einzigen relativ harmlosen Satz mit „G“ erreichen kann, dass Leute aus Vereinigungen austreten, Leute zurücktreten müssen und Leute (bis zur CSU und FDP) das schöne Gefühl der linken Haltungsgemeinschaft haben können.
Besonders witzig hätte ich es gefunden, wenn auch noch die AfD Frau Bär zu ihrem Schritt gratuliert hätte. Eigentlich hätte sich jemand in der AfD dafür finden lassen müssen. Wäre dann Frau Bär auch bei Twitter ausgetreten?

Boudicca
24 Tage her

Ich warte jeden Sonntag ungeduldig auf Ihre Kolumne – mit einer heißen Tasse Kaffee und einer Zigarette – und amüsiere mich köstlich. Alles was die politische Welt bewegt sind auf den satirischen Punkt gebracht nur Pöstchen und das G-eld in den eigenen Taschen.

Digenis Akritas
24 Tage her

Eine amoklaufende Sprachregelung geht immer mit gereizter Humorlosigkeit einher. „Moral“ ist der große Ersatz unserer Zeit.