Madrids wunderbar chaotisches Schnee-Management

Winter gibt es auch in Spanien, dennoch hat sich das Land angesichts starken Schneefalls verhalten, als wäre ein Wunder geschehen. Streckenweise war das erfrischend und fröhlich.

© Nacho Carretero

Eine Woche ist vergangen, als es angefangen hat zu schneien in Madrid. Nicht das erste Mal in der Geschichte, aber zum ersten Mal hat es das Zentrum mit bis zu 60cm Niederschlag getroffen – ein wunderschönes Ereignis, allerdings mit fatalen Folgen. Einige, die trotz vielfacher Warnungen am Abend noch mit dem Auto über die Madrider Stadtautobahn M30 gefahren waren, schneiten ein und wussten sich nicht anders zu helfen, als die ganze Nacht in ihrem Fahrzeug sitzen zu bleiben. Rettung kam erst am nächsten Morgen.

Madrid kommt auch 2021 nicht zur Ruhe

Die ganze Nacht zum Samstag schneite es durch und noch bis zum Nachmittag des gleichen Tages, dann kam Vater Frost. Teilweise sanken die Temperaturen nachts unter 10 Grad Minus in der Stadt. Heizungen fielen aus, Wasservorräte froren zu. Die historische Kälte soll noch bis kommenden Dienstag anhalten. Trotz herrlichstem Sonnenschein hat sich deswegen die Winterlandschaft in Madrid kaum verändert. Noch immer fallen Äste unter der Last des Schnees herunter, Teile von Dächern, Autos springen nicht an und in vielen Häusern ist es feucht geworden.

Auch wenn der weiße Samstag mit einem einmaligen Pulverschnee ein Tag des Durchatmens war, wo die Madrilenen ohne die Polizei im Nacken Langlauf auf der Einfallstraβe „Paseo de la Castellana“ machten, mit dem Snowbord die Treppen runtersurften, in Parks Alpinski versuchten und lebensgroße Schneemänner mitten auf der Straβe bauen konnten, ist die Ernüchterung am Montag sehr groß, als die meisten wieder zur Arbeit müssen und mit dem Auto nicht rauskommen. Vor allem dramatisch bei all denen, welche in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen arbeiten.

Skifahren auf Einkaufsstraßen

Ein fataler Fehler war, nicht sofort am Freitag mit dem ersten Schnee Salz zu streuen und zu räumen. Weil die Stadtregierung jetzt nicht nachkommt, werden an bestimmten Stellen Gratis-Streusalz ausgeteilt und auch Schippen. Das Problem: Wie kommt man hin? Lange funktionierte nur vereinzelt die Madrider Metro. Busse und Züge fallen aus. Erst jetzt eine Woche später funktioniert die Stadtautobahn wieder. Aber es fehlt überall an Material. Schneeschaufeln hat in der Stadt, wo die Temperaturen im Sommer auf 45 Grad hochdrehen, kaum jemand. Sie behelfen sich vor dem Haus mit Kehrblechen. Nach diesem Winter könnte sich die Haushaltsausstattung jedoch ändern.

Nach dem Wintertraum hat sich eine schwere Katastrophe in weiß aufgetürmt, die Schuldächer hat einstürzen lassen und Hunderte von Bäumen, die unter sich Autos und teilweise auch Menschen begraben haben. Die Schule fing nach den Weihnachtsferien später als geplant wieder an. Es sollte erstmal online weitergehen, auch bei den Abiturklassen, viele kamen nicht zur Arbeit, Müllberge überragten schnell die Schneemassen. Auch die Post fällt aus. Selbst Amazon kommt nicht mehr durch zu den Madrilenen. Die wohl größte Fahrlässigkeit der Madrider Stadtregierung war, die Krankenhäuser am ersten Wochenende nicht konstant frei zu halten.

Am Wochenende hatten sich Bürger mit ihren Geländewagen spontan bereit erklärt, Notleidende aus der Nachbarschaft ins Krankenhaus zu fahren – eine enorme Verantwortung. Die Feuerwehr fiel wegen der nicht freien Straβen am Freitag und Samstag des vergangenen Wochenendes fast komplett aus. Das Militär tauchte erst am Montag in Madrid auf, geschickt von der Verteidigungsministerin. Sie schippten unter anderem Schnee vor dem Krankenhaus „Gregorio Marañon“. Schaulustige und Fernsehkameras sind schnell zur Stelle, um das einmalige Bild festzuhalten. An Winterreifen und Schneeketten fehlt es immer noch überall. Alle bleiben stecken, auch die Taxis.

Katastrophales Krisenmanagement

Es stellt sich die Frage: Als am Samstag die Anarchie auf Madrids Straβen ausbrach, was wirklich erholsam war, wo war da die Regionalregierung? Schnallten sie sich auch die Ski an? Häme und Kritik hagelt es jetzt in jedem Fall en masse von allen Seiten und in allen Netzwerken.

Wieder einmal hat es sich nicht ausgezahlt, dass die konservative Regionalregierung am Personal für steuerfinanzierte Basis-Dienstleistungen spart. Das gilt nicht für die Steuer-Verwaltung und die gut bezahlten höheren Beamtenjobs, aber für das Lehr- und Gesundheitswesen, die Feuerwehr und die verschiedenen Räumungsdienste. So wird es noch Wochen dauern, bis die umgestürzten Bäume beseitigt und Madrids Parks wieder geöffnet sind.

Der Madrider Bürgermeister wird in diesen Tagen angesichts der Blamage seines Führungsteam noch kleiner als er eh schon ist. Aber statt Fehler einzugestehen, soll der Steuerzahler nun doppelt abgestraft werden. Den Schaden für das Stadtzentrum summiert er auf knapp 1,4 Mrd. Euro. Geht es nach José Luis Martínez-Almeida, der sich auch jetzt während der aktuellen Krise immer wieder gerne bei Events und PR-Auftritten ablichten läβt, soll der Katastrophenstand in Madrid ausgerufen wird. Damit müβte der Staat ihm unter die Arme greifen. Ob der sozialdemokratische Premier Pedro Sánchez dem Konservativen das Geschenk machen wird, bleibt zu bezweifeln.

Diese wie auch die Schneefahrzeuge hätten flexibel vorher angeheuert werden können, da schon gut eine Woche vorher bekannt war, was in Madrid passieren würde und der Schneefall auf die Stunde genau vorausgesagt wurde. Meteorologie verstehen die Spanier sehr gut. Die Präsidentin Isabel Ayuso hatte deswegen noch vor dem Glockenschlag ins neue Jahr stolz verkündet, wie gut sie vorbereitet seien auf die Wetterkapriolen in der autonomen Region, die in ihren Hochlagen an Schnee durchaus gewohnt ist und sogar über gute Skigebiete verfügt. Aber leider konzentriert sich alles im Zentrum und auf die Erfahrungen in den höheren Gebieten, wollte wohl keiner zurückgreifen. Deswegen stecken auch eine Woche später immer noch viele Menschen bzw. ihr Auto fest.

Die lokale Wirtschaft bricht unter dem Schnee zusammen

Aber weil die Logistikketten durch den Schneefall im ganzen Land nicht mehr richtig funktionierten und auch der Groβmarkt einige Tage ausfiel, sehen viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben in ihrem Supermarkt um die Ecke komplett leere Regale bei den Frischwaren: „Als hätte eine Bombe einschlagen“, bemerkt eine ältere Frau, die vorher noch 15 Minuten vor dem Supermarkt angestanden hatte. Das Hamstern geht wieder los, „aber heute gibt es wohl kein Brot“, stellt sie frustriert fest. Da waren andere schneller. Die Stadtwohnungen sind zu klein für Vorratskammern und da Essen am Sonntagmittag im Rahmen der Familie ist auch in Pandemiezeiten heilig.

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Kommentare ( 24 )

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WandererX
1 Monat her

Eine Hauptstadt sollte schon Notfälle organisieren können!
Madrid liegt sehr hoch und hat durchaus öfters große Kälte und alle paar Jahre auch mal ordentlich Schnee!

StefanB
1 Monat her

„Katastrophales Krisenmanagement“

Überall dasselbe – egal, was es betrifft.

Johann P.
1 Monat her

Dieses schöne Foto von den Restaurantbesuchern, die gemütlich, ganz ohne Masken und Kontaktbeschränkung an den Tischen im Schnee sitzen, will so gar nicht zu den Bildern passen, die uns in den TV-Nachrichten täglich von den Mittelmeerländern gezeigt werden mit überfüllten Intensivstationen der Krankenhäuser, sich stapelnden Särgen im Freien usw. Was ist da los, werden wir hier im Merkelland etwa hinter die Fichte geführt? (Satire aus).

tube
1 Monat her

im Gegensatz zur deutschen Hauptstadt ist Madrid eine gepflegte und sehr saubere Stadt. Fahrradfahrer und Migranten sieht man eher selten im Stadtbild.

Last edited 1 Monat her by tube
Tizian
1 Monat her

Oh, dürfen die Spanier wieder raus?

Gerhard Doering
1 Monat her

Kurz noch einmal zu einem der schönen Bilder. Das mit dem Müll welcher wahrscheinlich aufgrund der Glätte nicht entsorgt werden kann. So sieht es in meiner Wohngegend in Deutschland immer aus.Nein,noch viel schlimmer,es fehlen Fastfood und Sperrmüll.Ratten wurden gesichtet.Wie war das noch mit der Pest?

Mausi
1 Monat her

Irgendetwas ist bei FFF in die Hose gegangen. War ein Saboteur unter den jungen Hüpfern? Der Schnee hätte doch ganz D zudecken sollen für einen natürlichen Lockdown… Die Leidmedien hätten so wundervoll die menschengemachten Klimakapriolen zur Schlagzeile machen können. Nahtlosen Anschluss an Corona-Maasnahmen vorbereiten. So muss AM wieder ran. Wirklich tolle Frau. Immer noch kein Burnout in Sicht. So geht Führung!

Last edited 1 Monat her by Mausi
Simrim
1 Monat her
Antworten an  Mausi

Passt doch alles: Seitdem wir die Luft-, nein, CO2-Steuer haben sieht man auch kaum noch jemanden „die Welt retten“. Ob das Gretel noch in einem Beschäftigungsverhältnis mit der Aktiengesellschaft „We don’t have time“, die sie beiläufig „entdeckte“, hat, weiss ich nicht…

Gerhard Doering
1 Monat her

Halte mich an Spaniens Küste auf und außer ein paar Regentagen ist es Sonnig. Bezeichnender Weise bekam ich von bekannten aus Deutschland Bilder des“Schneechaos“ zugeschickt.Ob ich schadlos davongekommen wäre,es klangen Schadenfreude und Neid durch.Ich bedankte mich für die „Aufklärung“und konterte mit einem Bericht über spaniens neue Polizeigewerkschaft.Daraufhin kam zurück das sich die spanische Polizei ja auch nicht mit Ruhm bekleckert hat und ob ich immer noch für Trump sei.Meine Antwort entsetzte sie. Selavi ! so trennt sich dank der Madrider Schneemassen die Spreu vom Weizen.

Last edited 1 Monat her by Gerhard Doering
elly
1 Monat her

„Wieder einmal hat es sich nicht ausgezahlt, dass die konservative Regionalregierung am Personal für steuerfinanzierte Basis-Dienstleistungen spart. Das gilt nicht für die Steuer-Verwaltung und die gut bezahlten höheren Beamtenjobs, aber für das Lehr- und Gesundheitswesen, die Feuerwehr und die verschiedenen Räumungsdienste. „ das braucht die spanische Regierung aber auch, genau so wie die italienische und französische. Ohne Bilder wie diese, können die notleidenden Südländer nicht mehr der Austeritätpolitik, den deutschen Politikern und besonders dem deutschen Volk die Verantwortung zuschieben und ein schlechtes Gewissen bereiten. Ohne Bilder, wie die von überlasteten Krankenhäusern, wäre eine Transfer- und Schuldenunion nie möglich gewesen. Auf dem… Mehr

Peter Pascht
1 Monat her

Für das Winter ungewohnte Spanien ist dieser Klimawandel 😉 schon ein tatsächliches Problem, was in der sibirischen Taiga und im hohen Norden ganz normale Normalität ist. Der Klimawandel hat mal wieder voll zugeschlagen. 😉 Ganz unerwartet (Schnee im Winter) und von keinem Klimafanatiker gewünscht, hat es im Winter geschneit. Früher da hat man sich über den Winter noch freuen dürfen, jetzt jedoch sind die Entäuschungen groß, wie bei allem in dieser Zeit. Einerseits bereitet dies den Klimafanatikern und Greta-Anhängern Unbehagen, ihre Phantasien an der Wirklichkeit scheitern zu sehen. Andererseits sind die Skiliftbetreiber und der Wintertoutismus entäuscht, nun in diesem Winter… Mehr

Last edited 1 Monat her by Peter Pascht