Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist kaum verstanden worden

Willenlosigkeit führt zur Unterwerfung: In einem neuen Essayband seziert der französische Schriftsteller Michel Houellebecq die Gegenwart und erklärt sein Werk.

imago images / agefotostock

In seinem neuen Buch „Ein bisschen schlechter“ veröffentlicht der französische Schriftsteller Michel Houellebecq Essays, Interviews und Vorworte. Die Themen kreisen um Religion, Politik, aber auch um das Verständnis seines eigenen Werks. Dabei schreibt er hauptsächlich über seinen Roman „Unterwerfung“ (2015), der kaum verstanden worden sei. Es sei dabei eigentlich nicht um den Islam gegangen, aber auch nicht um das Christentum. Vielmehr um den Übergang der Hauptperson in die Nichtexistenz, in der weder die Welt für ihn noch etwas tun kann, noch umgekehrt. Diese Willenlosigkeit der Nichtexistenz sei auch ein Grundzug der meisten Hauptpersonen in seinem Werk.

Zur Verfassung von Kirche und Politik

In einer ähnlichen Verfassung sieht Houellebecq auch die Kirche und die europäische Politik. Eine starke Kirche habe er nie erlebt, die Auflösung der Europäischen Union befürwortet er ausdrücklich mit dem Ziel der Selbstständigkeit der Staaten. In dem Zusammenhang der allgemeinen Willenslosigkeit ist 2019 seine Befürwortung von Donald Trump zu sehen.

Houellebecq betont zwar seinen starken Hang zur Religion, allerdings sei er für eine Konversion zu alt. Auch habe Gott ihn zurückgewiesen. Im Buch finden sich auch Sätze wie: „Es gibt eine absolute Moral, die von den Religionen unabhängig und ihnen überlegen ist.” Letztlich geht es ihm um einen starken Humanismus, der den einzelnen Schwachen schützt.


Dieser Beitrag erschien zuerst in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zur Übernahme.

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 7 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

7 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
luxlimbus
9 Monate her

Der Humanismus hat einen Menschen-Zoo erschaffen, der zu einem Wasserkopf gefährlichen Ausmasses führt(e). Dieser Humanismus hat den Massen-Krieg abgeschafft. Unangenehmes gilt in dieser, unseren, derzeitigen Kultur-Blase halt, lediglich als ein Mangel an Einsicht und Moral. (Das ist fromm und dumm zugleich).
Folge: es wird eng, Nihilismus macht sich breit. Hinter der Hand soll es nun ein Virus richten!

Anne W
9 Monate her

Meine Sicht über „Unterwerfung“. Das Buch zeigt auf, wie sich Menschen mit den neuen, vorher kritisch betrachteten und abgehnten Umständen, letztlich arrangieren. Und die Vorteile beginnen zu sehen, was vorher moralisch undenkbar gewesen wäre. Dass er den Islam dazu benutzt, ist kein Zufall. Houllebecq erscheint mir wie ein weiser „Seher“ und wurde deshalb auch so angegriffen. Wer die Wahrheit sagt, treibt einen Stachel in die Sicht der Ignoranten einerseits und die der politischen Lügner. Der bereits vor Jahren begriffen hat, was erst wahrscheinlich auf Frankreich und Deutschland und dann auf ganz Europa übergreifen wird: Das Verschwinden einer ganzen langen Kultur… Mehr

Deutscher
9 Monate her

Komisch, sonst wollen die Linksgrünbunten doch immer, dass alle Teile der Gesellschaft in Kunst, Kultur, Film und Literatur präsent sind, halt so richtig divers. Jetzt schrieb einer was mit Islam und es war wieder nicht genehm. Oder hat er vergessen, die ausgeprägt moderne, tolerante und weltoffene Haltung des Islam zu erwähnen?

Last edited 9 Monate her by Deutscher
bkkopp
9 Monate her

Mir scheint, dass der uns bekannte Ursprung der Humanismus-Idee in der Genesis zu finden ist, nachdem der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sei. Die Idee wurde dann von der Religion, Judentum – Christentum durch die Jahrtausende getragen, vergessen und immer auch wiedergefunden. Die Ausformung der Idee seit der Renaissance ist nicht einfach vom Baum gefallen. Sie wäre ohne die Religionsgemeinschaften, und ganz besonders ohne die christliche Kirche, nie im 14./15.16. Jhdt. angekommen. Houellebecq liegt schon richtig : Nichtexistenz ( totale Toleranz ) ist Unterwerfung.

Politkaetzchen
9 Monate her

>>Es sei dabei eigentlich nicht um den Islam gegangen, aber auch nicht um das Christentum. Vielmehr um den Übergang der Hauptperson in die Nichtexistenz, in der weder die Welt für ihn noch etwas tun kann, noch umgekehrt. << Wenn in einem Roman explizit aufgezeigt wie ein Land und die Menschen sich radikal durch islamische Beeinflussung ändern, dann geht es auch darum. Seine schwurbelige Erklärung ist so als würde JK Rowling erzählen, dass ihr Werk natürlich nicht im einen Mörder im Frauenkleid handelt sondern um den Sinn des Seins von Teletubbis handelt. Kann es also sein, dass der Autor einfach nur… Mehr

anita b.
9 Monate her
Antworten an  Politkaetzchen

Nein, das Buch ist ja ketzen Endes islamfreundlich, daher hat er recht, viele haben es nicht verstanden.
Der alte weisse Mann findet seinen Frieden im Islam, und due möglichkeit, sich eine zweite oder dritte junge frau zu nehmen ist auch nicht zu verachten.

Marinero
10 Monate her

Ein Humanist, zweifellos, aber auch eine Sphinx …
Im Interview mit Agathe Novak-Lechevalier (Seite 109) erklärt er: „So bin ich zu dem gelangt, was den Grundstoff von „Unterwerfung“ bildet, dass es nämlich, sofern keine neue Religion entsteht, sehr gut sein kann, dass eine alte erwacht.“
Welche meint er? Den Islam? Die Orthodoxie? Den Katholizismus?
Affaire à suivre. Houellebecq-Lektüre ist nie langweilig, auch nicht in dieser von Esprit funkelnden Text-Sammlung.