Frankreich baut sechs neue Kernkraftwerke

Die französischen Parlamentarier haben mit großer Mehrheit für die schnellere Errichtung von sechs neuen Kernkraftwerken bis 2050 gestimmt. Laut der Energiewendeministerin geht es um das „Erreichen der CO2-Neutralität“, aber auch um „die Fähigkeit, Strom zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren“.

IMAGO/Dirk Sattler
Kernkraftwerk Saint Alban bei der französischen Gemeinde Saint Alban du Rhone - Frankreich will nun sechs neue Atomkraftwerke bauen

Während immer klarer wird, dass Deutschland nicht ohne Atomstrom aus Frankreich leben kann, hat die französische Regierung ein wichtiges Gesetz durch die Nationalversammlung gebracht, um „den Franzosen Geld“ einzubringen, so die zuständige Ministerin Agnès Pannier-Runacher.

Am 16. Mai beschloss die Nationalversammlung mit großer Mehrheit das neue Gesetz zur Beschleunigung der Bauvorhaben rund um die Kernenergie (loi sur l’accélération du nucléaire, Kernenergiebeschleunigungsgesetz). 399 Abgeordnete stimmten für das Gesetz, nur 100 dagegen. Zur präsidentiellen Minderheitsfraktion kamen die Stimmen des Rassemblement national (RN), der Républicains sowie der Kommunisten. Das „Aufsässige Frankreich“ (LFI) und die Grünen stimmten dagegen, die Sozialisten enthielten sich. Vorausgegangen waren acht Monate der Debatte um das – so Pressestimmen – „umstrittene“ Gesetz. Doch bei den französischen Volksvertretern war es trotz der notorischen Gespaltenheit des Parlaments am Ende weniger kontrovers als andere Vorhaben. Man denke nur an die Rente mit 64.

Gebaut werden sollen nun sechs Kernreaktoren des Typs EPR (European Pressurized Reactor) der „zweiten Generation“, davon zwei bis 2037. Die übrigen vier EPR2-Anlagen sollen bis 2050 fertiggestellt werden. Die neuen Kraftwerke sollen eine höhere Leistung erbringen als die schon bestehenden. Das neue Gesetz ist vor allem dazu bestimmt, die staatliche Genehmigung der Bauvorhaben zu beschleunigen, die normalerweise fünf bis sechs Jahre in Anspruch nimmt. Diese Genehmigungsphase darf sich nun mit dem Bau der Kraftwerke überlappen, wodurch man mehrere Jahre einsparen will.

Kosten gelten als gering und finanzierbar

Ursprünglich waren sogar 14 neue Kraftwerke angedacht worden. Im Februar sagte die Energiewendeministerin Agnès Pannier-Runacher: „Ich habe der Industrie die Frage gestellt: Können Sie bis 2050 über 14 Reaktoren hinausgehen?“ Das war offenbar sehr ambitioniert gedacht. Mit den Investitionen in die Kernenergie will die Ministerin das „Erreichen der CO2-Neutralität“ sicherstellen, das laut EU-Klimagesetz bis 2050 geplant ist. Im Parlament sagte die Ministerin am 16. Mai: „Ja, die Wiederbelebung unserer Kernenergiebranche bedeutet, die Umwelt zu schützen. Wie kann man sich als Umweltschützer bezeichnen, wenn man fossile Energien den kohlenstofffreien Energien vorzieht?“ Derzeit verfügt Frankreich über 56 Kernkraftwerke und ist nach den USA der zweitgrößte Atomstromproduzent weltweit. Ab 2027 könnten die ersten neuen Reaktoren gebaut werden.

Die Baukosten sollen zwischen 48 und 52 Milliarden Euro liegen, welche sich über 25 Jahre verteilen. Zwei Milliarden Euro im Jahr werden als eine finanzierbare Aufgabe angesehen, wie auch die französische Geo schreibt, zu der es keiner höheren Steuern bedarf, wie Pannier-Runacher bei France Info sagte. Es handle sich nicht um eine reine Ausgabe, sondern um eine Investition, die „den Franzosen Geld einbringen“ soll: „Was wir aufbauen, ist die Fähigkeit, Strom zu wettbewerbsfähigen Kosten zu produzieren.“

Die bestehenden französischen Kraftwerke müssen derweil überholt werden, angeblich zu ähnlich hohen Gesamtkosten, wie für den Neubau von Reaktoren geplant sind. Derzeit können nur 32 Reaktoren in Frankreich betrieben werden, während bei den anderen 24 Wartungsarbeiten anstehen oder durchgeführt werden. Seit 2014 ist die EDF mit dieser Operation „grand carénage“, großes Kielholen, große Überholung, beschäftigt.

Allianz gegen die „antinukleare“ Kommission und Deutschland

Daneben erlaubt das Gesetz auch die Konstruktion von Small Modular Reactors (SMR), also kleinen modularen Reaktoren, und Lagerstätten, die beide im Umfeld der bestehenden Kraftwerke errichtet werden können. Der Bau von SMR in der Nähe von Industriestandorten, wie vom Generaldirektor der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft vorgeschlagen, wurde nicht aufgenommen.

Die letzten Bedenken in Frankreich richten sich nun auf die EU, da man weiß, dass Deutschland und die Kommission „antinukleare“ Bastionen geworden sind. Die Anhänger der Kernenergie in Europa werden folglich von diesen beiden Spielern bekämpft, auch wo es darum geht, die Kernenergie als „grüne Energie“ anzuerkennen. Inzwischen hat sich aber auch eine Gruppe von 16 Ländern zusammengetan, die für die Verwendung der Kernenergie auf dem Kontinent eintreten. Die EU-Energiekommissarin, die Estin Kadri Simson (Estnische Zentrumspartei, Teil der macronistisch-liberalen Renew-Europe-Fraktion), war bei dem jüngsten Treffen der „Europäischen Allianz für die Kernkraft“ anwesend, das ebenfalls am 16. Mai stattfand. Unter den „Alliierten“ sind Italien, Polen, Rumänien, die Niederlande, Belgien, die Tschechische Republik, Schweden, Ungarn, Bulgarien und Finnland. Sogar das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland ist in diesem Kreis willkommen.

Derzeit wird mehr als ein Viertel des europäischen Strombedarfs durch Kernenergie gedeckt. Um diesen Anteil zu halten, will die Allianz der Kernkraft-Freunde die installierte Leistung bis 2050 veranderthalbfachen (von 100 auf 150 Gigawatt). Dadurch soll vor allem der Erhalt der Industrie sichergestellt werden, die auf eine grundlastfähige Energiequelle angewiesen ist. Übrigens will auch das Vereinigte Königreich seine Stromerzeugung durch Kernenergie bis 2050 um 24 Gigawatt erhöhen, wie die Energiewendeministerium in einer Pressemitteilung schreibt. In der EU steht demnach der Bau von 30 bis 45 großen Reaktoren und zahlreichen SMR bis 2050 an. Dass diese Neubauten einen wesentlichen Beitrag zur EU-Ökonomie haben werden, ist vollkommen klar. Die 92 Milliarden Euro, von denen Pannier-Runacher hier spricht, sind wohl eher eine zurückhaltende Schätzung. Daneben sollen durch die neuen Kraftwerke „direkt und indirekt“ mindestens 300.000 Arbeitsplätze gesichert werden, darunter 200.000 qualifizierte.

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Kommentare ( 74 )

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Manfred_Hbg
11 Monate her

Zitat(e): „Frankreich baut sechs neue Kernkraftwerke. (………………………….).
hat die französische Regierung ein
wichtiges Gesetz durch die Nationalversammlung gebracht, um „den Franzosen Geld“ einzubringen, so die zuständige Ministerin Agnès Pannier-Runacher.“

> ….und von diesen sechs neuen AKWs wird ein AKW nur auf Kosten Deutschlands gebaut indem die dooden Deutschen den französischen Atom-Strom teuer einkaufen werden (müssen).

Wobei die doofen Deutschen aber dann darüber hinaus auch noch für prima weitere finanzielle Gewinne durch den Kauf von franz. Atom-Strom sorgen werden.

Also, ich bin irgendwie davon überzeugt, dass die Franzosen uns doofen Deutschen einfach nur lieben müssen….. ???

H. Priess
11 Monate her

Die Franzosen bauen fleißig neue KKWs, die Polen bauen drei Neue mit je zwei Reaktoren. Ungarn hat sein erstes KKW bald fertig, Finnland sein großes KKW in Betrieb genommen und die Strompreise auf ein Drittel gesenkt. Nur Deutschland wird zu einem großen schwarzen Loch in der Energieversorgung Europas. Da können wir froh sein, daß unsere Nachbarn weitsichtiger sind und uns, wenn doch die äußerst unwahrscheinliche Situation eintritt wo es bei uns knapp werden könnte, aushelfen werden. Für teuer Geld selbstverständlich denn wenn wir schon die KKWs über die EU mitfinanzieren haben wir auch ein Anrecht auf hohe Preise, das ist… Mehr

MichaelR
11 Monate her

So sehr ich die Franzosen in dieser Sache auch beneide, beneide ich sie nicht darum, wenn eine Politikerin ernsthaft glaubt, mit den heute ermittelten Baukosten tatsächlich auszukommen. Denken wir nur mal an Finnland und ihren Druckwasserreaktor Olkiluoto 3, der mit 12 Jahren Verspätung ans Netz gegangen ist und sich die einst »ermittelten« Kosten sich mehr als verdoppelt hatten. Den besten Scherz hatten sich die Finnen dann erlaubt und den Strompreis um satte 75 % gesenkt. Am Ende wurde die Leistung des Reaktors deutlich heruntergefahren, weil man bemerkt hat – was sehr bemerkenswert ist – dass ein Reaktor wirtschaftlich betrieben werden… Mehr

bfwied
11 Monate her
Antworten an  MichaelR

Stellen Sie die Frage nach dem Warum bez. der Finnen mit ihrem Kernkraftwerk! Es ist erhellend und taugt nicht zur Argumentation gegen neue Kernkraftwerke!

bkkopp
11 Monate her
Antworten an  bfwied

Schade dass sie nicht wenigstens mit Stichworten anführen WARUM das finnische AKW so exorbitant teurer geworden ist. Es waren sicher nicht die Russen, sondern die Finnen selbst, und nur die Finnen hätten es besser machen können. Die Briten haben sich auch ein ähnliches Problem an den Hals gehängt. Wenn man es politisch-organisatorisch nicht gebacken bekommt wirtschaftlich zu bauen, und dann massiv dauersubventionieren muß, dann sind AKWs nicht besser. Kein Land kann Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand gegen jede wirtschaftliche Rationalität herbeisubventionieren. Das wäre dann nicht besser als Habeck.

bfwied
11 Monate her
Antworten an  bkkopp

Die haben zu bauen begonnen, als das Kraftwerk noch gar nicht fertig konstruiert war. In der Bauphase wurden etliche Änderungen verlangt, die Umkonstruktionen notwendig machten. Dazwischen gab es Pausen, weil nicht weitergebaut werden konnte. Es war ein Durcheinander, das alles sehr stark verteuerte. Es sollte auch zunächst ein modernes Kraftwerk werden, was aber durch Sonderwünsche so nicht verwirklicht werden konnte.
Alle Welt baut neue KKWs, sind die alle dumm? Oder ist es nicht so, dass diese Kraftwerke, insb. wenn sie den neuen Generationen angehören, nicht nur inhärent sicher sind, sondern auch billigen Strom produzieren können?

Juergen P. Schneider
11 Monate her

Frankreich clever und pragmatisch. Deutschland dumm und fanatisch. Mehr fällt mir dazu beim besten Willen nicht ein.

MichaelR
11 Monate her
Antworten an  Juergen P. Schneider

Hört sich im ersten Augenblick wirklich gut an, doch so einfach wie die gute Frau dort denkt, wird es ganz bestimmt nicht. Die Kosten werden sich im Laufe der Bauzeit wenigstens verdoppeln und, mit viel Pech – wie in Finnland geschehen – eine sehr viel längere Bauzeit erleben. Die Finnen haben ihren Druckwasserreaktor Olkiluoto 3 erst mit 12 Jahren Verspätung ans Netz bekommen
Nicht Deutschland ist fanatisch, sondern eine kleine Gruppe, die macht, was sie will und von niemandem (der Opposition) aufgehalten wird.

Reini
11 Monate her
Antworten an  Juergen P. Schneider

Grundsätzlich haben sie völlig recht, im Detail aber sollten Sie schon besser differenzieren. Deutschland ist nicht in Gänze dumm und fanatisch, diese Auszeichnung haben sich nur ausgesuchte Führungskräfte in der Parteienlandschaft verdient.

bfwied
11 Monate her
Antworten an  Reini

Natürlich, aber ich frage mich, warum die dann die Regierung stellen können! Und was ist mit der Merz-CDU, die mit den Grünen überwiegend einverstanden ist und offen erklärte, dass sie mit denen koalieren will? Wenn die Leute dem nicht zustimmen, weshalb wählen sie dann die CDU, die SPD etc.?

IJ
11 Monate her

Man kann die Franzosen zu so viel Vernunft nur beglückwünschen. Deutschland hingegen bleibt das weltweite Zentrum des menschenverachtenden ökosozialistischen Selbstzerstörungswahn. Man kann unseren europäischen Nachbarn nur raten, sich dieses mal nach 90 Jahren frühzeitiger und energischer gegen Deutschland zu verbünden, um der weltweiten Gefahr, die vom aufkeimenden deutschen Ökofaschismus ausgeht, frühzeitiger entgegen zu wirken.

Ohanse
11 Monate her

Die sollen sich mal nicht zu früh freuen. Sobald die EU eigenen Staatscharakter erlangt hat, gehören die Kraftwerke auch uns. Und was das bedeutet, können die Franzosen sich aktuell gerade sehr gut ansehen. Die Franzosen sollten sich große Sorgen machen über jeden Schritt, der zu einer weiteren Verfestigung der EU als eigener Staat führt. Einmal nicht aufgepasst, schon ist’s vorbei mit Käse, Wein und Kernkraft. Leute vom Schlage Özdemir und Habeck warten nur darauf…

bfwied
11 Monate her
Antworten an  Ohanse

Niemand, gleich gar nicht die Franzosen, lassen sich auf einen europäischen Gemeinschaftsstaat ein. Ausser den Deutschen hatte das niemals jemand tatsächlich im Sinn. Aber indem man sie das glauben liess, kam man an das Geld der Deutschen!

Kuno.2
11 Monate her

Vielleicht sollten unsere Windräder-Spezialisten den Franzosen einmal erzählen wie gefährlich diese Kraftwerke sind und wie schön doch riesige Windräder in die Landschaft passen.

Peterson82
11 Monate her

Naja, was passiert denn hier wirklich. Frankreich hat derzeit ca. 60 Kernreaktoren am Netz (laut Wiki). Die meisten davon stammen mit ihrer Bauzeit aus den Frühen 70er Jahren bis frühen 80er Jahren. Etwa ein Drittel bis die Hälfte davon ist für eine Stillegung im Jahr 2029 oder frühen 30er Jahren vorgesehen. Da reden wir nicht über 6 Reaktoren sondern viel mehr.
Das, was Frankreich hier macht ist lediglich eine Art Teilerneuerung. Selbst wenn die neuen Reaktoren mehr Leistung haben. Nüchtern betrachtet rüstet Frankreich in den nächsten Jahren den AKW Anteil deutlich ab.

Rosalinde
11 Monate her
Antworten an  Peterson82

Dem widerspricht aber was die aktuelle Regierung gesagt hat!
Diese setzt nämlich infolge Energiepreiskrise auf die Kernkraft.

Waldorf
11 Monate her

Es wird immer klarer, dass unsere „Energiewende“ ein Schildbürgerstreich ist, reine Wohlfühlpolitk unseres „Juste Milieu“, auf Kosten der Mittel- und Unterschicht und unserer industriellen Wettbewerbsfähigkeit. “Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ ist nicht gerade eine komplexe, moralisch hochstehende Logik – entspricht aber ziemlich genau dem Niveau unseres Juste Milieu und unsere Grünen sind dessen Archetypen. Unser „Abschaltwahn“ steht fühlt sich unheimlich gut an, man steigt aus allen aus, was grüne Seelen irgendwie in komische Gefühlswallungen bringt und lädt dann das lebenspraktische Problem der natürlich wichtigen Versorgungssicherheit bei anderen ab, zb Frankreich, Tschechien, Norwegen oder der Schweiz. Für… Mehr

PiSquare
11 Monate her

Ich sehe den Habeck schon den Kotau machen. Und zwar in Frankreich, wenn er Macron nach Atomstrom anbettelt, weil hier, im grünsten Deutschland aller Zeiten, keine zuverlässigen Energiequellen mehr zur Verfügung stehen. Aber keine Sorge, das Problem wird sich in absehbarer Zeit von selbst lösen. Denn wenn Deutschlands Industrie erstmal auf das von den Grünen beabsichtigte Maß heruntergefahren wurde, ist das mit dem Strom nicht mehr so tragisch. Das, was dann noch übrig ist, kann auch mit Wind- und Solarstrom betrieben werden. Und wenn mal weder Wind weht noch die Sonne scheint, dann werden die Restkapazitäten der Industrie eben temporär… Mehr