Britische Universitäten verbannen „gefährliche“ Bücher

Zehn britische Universitäten haben mit einem Büchersturm begonnen, darunter drei „Exzellenz“-Universitäten, wie die Times berichtet. Studenten sollen vor Lektüre bewahrt werden, die ihre Gefühle verletzen könnte.

IMAGO / agefotostock
Bibliothek der Sussex University

Die 50er Jahre waren ein schreckliches Jahrzehnt. Spießig und intolerant. Über Sex wurde gar nicht geredet und wenn, dann nur verklemmt und freudlos. Doch die Gegenwart ist dabei, die McCarthy-Ära vergleichsweise wie eine Blütezeit des Liberalismus erscheinen zu lassen: So führt die Cancel Culture in Großbritannien nun dazu, dass zehn Universitäten Bücher entfernen lassen, die die Gefühle der Studenten belasten könnten, wie die britische Times berichtet hat. Darunter Pulitzer-Preisträger und Klassiker wie Strindberg oder Shakespeare. Selbst wer sparsam mit Nazi-Vergleichen umgeht, kommt dieses Mal nicht dran vorbei: Denn deren Studentenschaft entfernte im Sommer nach der „Machtübernahme“ Bücher aus den Universitäten und verbrannte sie öffentlich.

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Der Hintergrund der gegenwärtigen Aktion in Großbritannien: Die Studenten sollen vor Lektüre bewahrt werden, die „challenging“ ist. Also herausfordernd. Die Gesellschaft stellt also junge Leute von der Arbeit frei und finanziert ihre Ausbildung – bewahrt sie aber davor, dass diese Ausbildung herausfordernde Momente enthalten kann. Zu den zehn Universitäten gehören auch drei der „Russell-Group“, die 60 Prozent aller Promotionen im Königreich vergibt und führend im Bereich der Exzellenz-Universitäten ist. Ein Buch kann auf die schwarze Liste geraten, wenn es die Themen Sklaverei oder Selbstmord darstellt. Aber auch vor Sex bewahren die Professoren ihre Studenten – gründlicher als die Sittenwächter der 50er Jahre.

Die Universitäten entfernen die Bücher von den Leselisten oder versehen sie mit „Triggerwarnungen“. Die sagen den Kinderchen, dass da Pfui-Bäh-Stellen kommen und sie sich beim Lesen die Augen zuhalten sollen. Rotkäppchen würde sich dann so lesen: Ein Mädchen ging in den Wald – Triggerwarnung – Seiten überschlagen bis: Alles war gut. Solche Bücherstürme sind Teil der „woken“ Bewegung. Woke lässt sich mit sensibel übersetzen, aber auch mit schwach. Die Idee dahinter ist konstruktivistisch: Wenn Sklaverei, Selbstmord oder sexuelle Ausbeutung nicht dargestellt werden, gibt es sie auch nicht. Die Woken wollen entscheiden, welche Darstellung noch zulässig ist. In ihrer Eigenwahrnehmung opfern sie sich damit für die Gesellschaft – in der Fremdwahrnehmung wollen sie den öffentlichen Diskurs beherrschen.

Bert Brecht schrieb den Nazis ein Gedicht im Namen eines vergessenen Poeten: Sie hätten seine Bücher nicht entfernt und das sei eine Schande für ihn, die sie bitte nachträglich aus der Welt holen sollten. Auch die Liste, der an britischen Universitäten entfernten Bücher, liest sich wie eine Ehrenliste: Darauf steht der Roman „The Underground Railroad“, für den Colson Withehead 2017 den Pulitzer-Preis erhielt. Whitehead wurde „dauerhaft“ von der Kursliste der „Essex University“ entfernt, weil er Sklaverei darstellt.

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Ebenfalls auf der Ehrenliste steht „Miss Julie“ von August Strindberg. Die „Sussex University“ hat das Stück gecancelt, weil es das Thema Selbstmord aufgreift. Der Versuch solcher Bücherstürme ist nicht neu. Selbst an William Shakespeare haben sich die woken Aktivisten schon versucht. Unwissende sehen in „Romeo und Julia“ Weltliteratur, die schon Menschen im Dreißigjährigen Krieg etwas bedeutet hat, während des Absolutismus oder der Französischen Revolution. Für Woke ist es nur eine lose Folge von sexueller Ausbeutung und Selbstmord.

Doch nicht nur die Freiheit der Literatur scheinen die woken Aktivisten gering zu schätzen. Auch von Pressefreiheit halten sie nichts, wenn Medien nicht in ihrem Sinne berichten. So schildert die britische Times, dass ihre Recherche massiv behindert worden sei. Vertreter der Universitäten hätten versucht, Informationen über die schwarze Liste zu vertuschen. So hätten woke Aktivisiten in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, nicht mit der Zeitung über das Thema zu sprechen. Universitäten, die ihre Zensurwelle zugeben, sind die Ausnahme. So wie die Sussex-Universität, die bestätigt hat, dass sie ihre Studenten künftig vor „Miss Julie“ beschützt.

Die britischen Universitäten fürchten nun, dass ihr Ruf international beschädigt werde. Das Selbstbild der offenen Gesellschaft, die frei und wissenssuchend ist, verträgt sich nicht gut mit einer Realität, in der Bücher verbannt werden. Die Bücherverbrennungen im Dritten Reich blieben in den jeweiligen Universitäts-Städten meist einmalige Aktionen. Die Menschen verschreckte der Sturm auf den Geist eher, als dass er sie mobilisierte. Die Nazis mussten fortan subtiler vorgehen.

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Kommentare ( 70 )

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70 Comments
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kb
1 Monat her

Liste besorgen und genau die Bücher lesen, die da drauf stehen!

MeHere
1 Monat her

Nur noch Hohlköpfe überall – die Universitäten fest in der Hand der Linksbunten Wirrköpfe … das Niveau und der Bildungsauftrag sind offenbar „Nebensache“
Alle Rektoren müssen entfernt werden und es darf ein solches Amt nie wieder politisch indoktriniert werden …

Dieter
1 Monat her

Die Stadtbibliothek Wuppertal hat gerade 8000 Bücher aussortiert weil sie seit 5 Jahren nicht ausgeliehen wurden.
verschenkt werden dürfen sie nicht, weil sie mit öffendlichen Mitteln beschafft wurden (…)
Also werden Lexika, Bildbände und Bücher wohl vernichtet.
Gerade Lexika sind wichtige historische Zeitzeugen, die Begriffe im kulturgesellschaftlichen Kontext darstellen.
Nun, ab jetzt gibts nicht nur den Negerkönig in Pipi Langstrumpf nicht mehr, sonder wahrscheinlich im nächsten Lexika gar nicht erst den Begriff „negro“
Welche Tätigkeit hatte noch der Protagonist in „1984“? Geschichte umschreiben? Wuppertal macht es vor.

Jan des Bisschop
1 Monat her

Ich halte dies für eine ganz ausgeklügelte Werbung, schliesslich werden die Bücher nicht verbrannt, sondern nur verboten, damit gewinnen sie einen zusätzlichen Anreiz, dann alles was verboten ist, wollen wißbegierige Jugendliche anschauen, deshalb werden auch Kleinkinderin Kindergärten schon zum Geschlechterwechsel animiert, um den Reiz zu nehmen. Die Cancel culture möchte schliesslich auch nur die Diskussion anregen und unser Weltbild umdrehen, so daß wir sehen, dass Dumm Klug ist und Schmarotzer wertvoll sind und wer produktiv arbeitet, Steuern zahlt und sich nicht vom Staat aushalten lässt, der Inbegriff des Überflüssigen ist.

Dieter Rose
1 Monat her

1984, Fahrenheit 415 (?), Bücherverbrennungen – alles klar! Wer es jetzt noch nicht schnallt, in welche Richtung es geht . . .
kein Wort des Vorwurfs mehr an unsere Altvorderen!

Oneiroi
1 Monat her
Antworten an  Dieter Rose

Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die laute Minderheit damals die „Rational Denkende“ war und sie die gefühlslastige Masse mit ihrer „Logik“ und „Freiheit“ genauso genervt hat, wie die Normal Denkenden von den Genderjüngern heute. Daher auch die Entwicklung. Nun hat man endlich wieder eine irrationale laute Minderheit, die dem Geschmack der irrationalen Mehrheit mehr entspricht.

Michael W.
1 Monat her

Wir sind auf dem Weg in die Maoistische Kulturrevolution rot-grüner Prägung. Und zwar mit Vollgas. Mit echtem, nicht mit DDR-Vollgas.

Wolfram_von_Wolkenkuckucksheim
1 Monat her

Die sind irre. Gestern stolperte ich über folgendes:

https://www.spiegel.de/kultur/schullektuere-in-bayern-mehr-friedriche-als-frauen-a-8f994964-720f-4e07-929c-1899e4f01373

„Der Freistaat schafft Goethes »Faust« als Pflichtlektüre ab. Das könnte eine Chance sein, den Kanon endlich diverser zu machen.“

Wir möchten schließlich auch nicht Autos fahren, die von drittklassigen Ingenieuren konstruiert worden sind. Warum also Literatur von drittklassigen Leuten lesen, nur weil sie divers sind? Dass in der Vergangenheit es vor allem Männer waren, die literarisch produktiv waren, lässt sich nicht mehr ändern.
Gerade die Beschäftigung mit klassischer Literatur, die auch ein gewissen Anspruch hat (und der Unterhaltungswert beim Faust kommt auch nicht zu kurz), macht doch den Reiz aus.

Westerburg
1 Monat her

Hinter diesen und vergleichbaren Aktionen steht der irrige Gedanke, dass man Vergangenes ungeschehen machen kann, indem man die Zeugnisse dieser Vergangenheit abbaut, niederreißt, verbannt oder verbrennt. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn also die Statuen ehemaliger Sklavenhändler niedergerissen werden, hat es keine Sklaverei gegeben. Warum verbrennen und vernichten wir dann nicht alles, was mit Hitler, der Nazizeit und dem 2. Weltkrieg zu tun hat? Nach der Logik der „Woken“ hat es diese Zeit ja dann nicht gegeben, was für Deutschland ja ungemein viele Vorteile hätte. Davon einmal abgesehen gibt es auch einiges, was meine Gefühle… Mehr

Konservativer2
1 Monat her

Solche Entwicklungen sind Symptom für etwas, das noch viel besorgniserregender ist: der gesteuerte Verlust des Bezuges zu Dingen, die sich auf dieser Welt abspielen, kombiniert mit dem Versuch, ursprünglich Menschliches zu canceln. Was ich damit meine? Vor wenigen Tagen ging eine Meldung durch die Medien, ein russischer Soldat habe einen ukrainischen Gefangenen mittels eines Teppichmessers entmannt. Ein, das kann niemand beschönigen, maximal unfreundlicher Akt. Aber: sich darüber zu echauffieren ist nur die halbe Miete. Es hat seinen Grund, weshalb unsere Großväter Angst vor russischer Gefangenschaft hatten. Zurück zum Russen: wurde dieser jemals vor pöhser Literatur geschützt? Hat er jemals etwas… Mehr

Last edited 1 Monat her by Konservativer2
Gerro Medicus
1 Monat her

Zitat: „Woke lässt sich mit sensibel übersetzen, aber auch mit schwach“ Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber „woke“ bedeutet für mich verrückt, geistesschwach, durchgeknallt. Denn wenn man diesen Wahnsinn ernst nähme, dann waren auch die Bücherverbrennungen der Nazis „woke“, denn schließlich haben diese Bücher ja den Allmachts- und Herrschaftsanspruch der Arier und damit ihre Gefühle beleidigt. Ich sage nur: Wehret den Anfängen! Frei nach Konfuzius: Selbst den mächtigsten Fluss lässt man mit einem Fußtritt an der Quelle versiegen. Ist er jedoch erst einmal zu einem gewaltigen Strom geworden, so halten ihn 10.000 Soldaten nicht mehr auf. Wer sich… Mehr