Agree to disagree: Eine ungewöhnlich ernste Annalena Baerbock und ein höflicher Lawrow

Die unerfahrene aber prinzipienfeste deutsche Außenministerin und der altgediente Chefdiplomat Russlands können wohl aufs erste mit dem Treffen zufrieden sein. Nur über die Geschichte des eigenen Landes offenbarte Baerbock öffentlich ihre Unkenntnis.

IMAGO / ITAR-TASS
Annalena Baerbock und Sergej Lawrow in Moskau, 18.01.2022

Über die Maßen selbstbewusst, immer einen Takt zu schnell sprechend, etwas überdreht wirkend, dabei immer ein bisschen frech und herausfordernd – so kennt man Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock aus Talkshows und anderen öffentlichen Auftritten. Nach ihrem Gespräch mit Putins Außenminister Sergej Lawrow war das anders. Baerbock wirkte wesentlich konzentrierter als sonst. Verglichen mit der Routine und der einstudierten Attitude des westlichen Parketts mit seinem Small-Talk, betrat sie in Moskau wirkliches Neuland. Mit Sergej Lawrow saß ihr ein mit allen Wassern gewaschener Profi der internationalen Diplomatie gegenüber. Seit fast 20 Jahren in Diensten seines Herren, zuerst als russischer UN-Botschafter und dann 19 Jahre als Außenminister, gehört Lawrow zwar nicht zu Putins engsten Kreis, aber immerhin zur politischen Elite des Kreml. 

Natürlich wusste er, dass das Gespräch mit der „jungen Frau“ nicht zu konkreten Ergebnissen führen würde. Die Position Deutschlands in der Welt und auch ihre Position gibt das einfach nicht her. Außerdem hatte die deutsche Außenministerin mit ihren Statements zu Russlands Verhalten gegenüber der Ukraine und ihrer Kritik an der Nord Stream 2 Pipeline schon demonstriert, was sie von der russischen Führung hält. 

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Lawrow dürfte eher der Mensch Annalena Baerbock interessiert haben. Vielleicht, so seine Absicht, trägt ja eine unerwartet freundlich Atmosphäre in Moskau nach ihrer Rückkehr etwas zur Mäßigung bei. Männer seines Kalibers kennen die Kraft der Psychologie und ihre Wirkung im politischen Geschäft. Baerbocks Prinzipientreue, die sie ohne jeden Zweifel gestern bewiesen hat, dürfte ihm sogar gefallen haben. Dass Lawrow auch ganz anders kann, führte er der Weltöffentlichkeit durch die entwürdigende Behandlung eines anderen Gastes, nämlich des Hohen Vertreters der Europäischen Kommission für Außenpolitik, Josep Borrell, vor einigen Monaten vor. Mit eisiger Kälte im Blick und schneidender Schärfe behandelte er den europäischen Spitzendiplomaten wie einen Diener bei Hofe – abschätzig und würdelos. Bei Baerbock ließ der Hardliner zu Beginn der Pressekonferenz sogar seinen männlichen Charme aufleuchten – es wurde gelächelt, ja sogar gescherzt. 

Die Haltung der russischen Obrigkeit gegenüber Frauen dürfte sich heute nicht viel von der unter Stalin oder an den Zarenhöfen unterscheiden. Während der frühen Putin-Jahre, in denen ich als Journalist in Moskau arbeitete, begrüßten sich höhere Funktionäre oder Spitzenkader des KGB häufig mit anzüglichen Witzen. Einer davon lautete so: „Was haben die Sicherheitsberaterin des US Präsidenten, Condelizza Rice, und die deutsche Kanzlerin, Angela Merkel, gemeinsam?“ Lösung: „Beide sind noch Jungfrauen“. Brüllendes Gelächter in der Runde. Die russische Gesellschaft ist eine durch und durch patriarchalische. So ist es russischen Männern sogar nach dem Gesetz erlaubt, ihre Frauen „bis zu einem gewissen Grad“ zu züchtigen. Putin selbst hatte diese Formulierung wieder ins Gesetzblatt gehoben, nachdem sie unter Gorbatschow bereits getilgt worden war. 

In fast jedem anderen Land hätte Baerbock die Rolle der Frau angesprochen. In Russland, China und Saudi Arabien dürfte dies der zuhause überzeugten Feministin wohl gar nicht erst in den Sinn kommen. 

Beide Seiten können nach dem Zusammentreffen zufrieden sein – nach dem Motto: „We agree to disagree“. An einer Stelle während der Pressekonferenz musste ich an ein Interview mit Russlands Präsidenten Putin wenige Monate nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 denken. Nach einem unerwartet langem Gespräch für die „Welt am Sonntag“ fragte mich mein Gegenüber am Ende plötzlich: „Warum gehen die Deutschen so schäbig mit einem Mann wie Helmut Kohl um, der doch für sein Volk so viel geleistet hat?“ Ich antwortete: „Herr Präsident, vielleicht weil die Deutschen vor dem Hintergrund ihrer jüngeren Geschichte jedes Gefühl für geschichtliche Größe verloren haben.“

Dies kam mir in den Sinn, als Deutschlands Außenministerin feststellte, dass Deutschland und Russland seit 75 Jahren in Frieden miteinander leben würden. Baerbock vergaß, dass dies nicht für alle Deutschen gelten kann. In der DDR waren es die Sieger, die eine erneute Diktatur etablierten, an deren Grenzen auf Menschen wie auf Hasen geschossen wurde. Vielleicht sollte man im Auswärtigen Amt ein Mal im Monat die Geschichte des eigenen Volkes unterrichten.

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Kommentare ( 94 )

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94 Comments
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Helene Walther
4 Monate her

Ich bin mir sicher. Lawrow hat Baerbock erkannt, was in ihr steckt. Er ist Profi und ich möchte nicht wissen, was er tatsächlich über sie denkt! Er ist halt ein Diplomat. Sie wird schon noch lernen müssen, dass man unliebsame Meinungen nicht dreist unterbricht, wie sie das als Grüne mit ihren politischen Gegnern in D. praktiziert.

reiner
4 Monate her
Antworten an  Helene Walther

Sehe ich genauso. Vor allen Dingen ist die russische Botschaft mitsamt der Presse über diese Figur bestens informiert. Die Wahlkampfauftritte die Skandale die mit Sicherheit nicht verborgen geblieben sind. Wenn ich Russe wäre käme ich aus dem Lachen gar nicht mehr heraus.

ChrK
4 Monate her

Dass Lawrow auch ganz anders kann, führte er der Weltöffentlichkeit durch die entwürdigende Behandlung eines anderen Gastes, nämlich des Hohen Vertreters der Europäischen Kommission für Außenpolitik, Josep Borrell, vor einigen Monaten vor. Mit eisiger Kälte im Blick und schneidender Schärfe behandelte er den europäischen Spitzendiplomaten wie einen Diener bei Hofe – abschätzig und würdelos.

Och, ich sehe das so, daß Lawrow diese EU-[unfreundliches Wort] genau so behandelt hat, wie sie es verdient. Aber Geschmäcker, wahlweise auch G’schmäckle, sind verschieden.

abel
4 Monate her

Kleiner Tipp an Annalena. Das Geld für weitere Beamtenposten und Flüchtlingswellen mal in ein funktionierendes Militär stecken, dann hat man auch wieder mehr Gewicht auf der Welt. Wirtschaftskraft ist ja schön und gut wenn nicht ein anderer einem alles weg nehmen kann.

abel
4 Monate her

Annalena dreht den Gashahn jetzt persönlich zu. Nach dem Motto: Dem habe ich es gezeigt.

Deucide
4 Monate her

Ich kann es immer noch nicht fassen wie man diese VÖLLIG fach- und kenntnislose Person, deren einzige Referenz das „Klima“ und etwas mit „Natur“ ist -, eine aufgeflogene Lebenslauffälscherin, Plagiatorin, Hochstaplerin und vor allem ein YoungGlobalLeader-Mitglied eines Privatclubs, der über Parlamente hinweg Globalpolitik betreibt – in wessen Namen, zu welchem Zweck weiß niemand ! – , wie man solche Personen zum Außenminister eines europäischen Industriestaats machen kann – Und noch unfaßbarer : wie diese als Minister getarnten Globalvasallen durch deutsches Steuergeld mit unfaßbaren Summen alimentiert werden lebenslang …Ein Staat, der das alles ermöglicht ist nicht mal eine Bananenrepublik – die… Mehr

moorwald
4 Monate her

Annalena wurde wohl fast ausschließlich „als Frau“ wahrgenommen.
Der russische Kollege hatte mal eine nette Abwechslung in seinem zur Zeit so problemgeladenen Alltag.
Sie ist die unbedeutende Außerministerin eines weltpoltisch unbedeutenden Staates. Sie kann keinen Schaden anrichten – allerdings auch nichts Nützliches für ihr Land erreichen.

DELO
4 Monate her

Ihr Kommentar passt, Herr Gafron. Ich hatte mit dieser Dame schon das Schlimmste befürchtet, aber es blieb Gott sei Dank aus. Lawrow war auch äußerst mild gestimmt und hatte nicht vor, Baerbock vorzuführen. Kann verschiedene Gründe haben. Möglicherweise ist Russland über Baerbock Dreistigkeit, mit ihrem mangelhaften Wissen Aussenministerin spielen zu wollen, belustigt und schaut ihr mehr zu, als sie ihr zuhören. Möglicherweise war aber Bearbock auch ein Überbringer von Nachrichten aus den USA und Lawrow war innerlich damit beschäftigt. Ich habe mir die gesamte Pressekonferenz, die über 1 Stunde verlief, angeschaut und habe keinerlei Aggressivität oder gegenseitige Vorbehalte ausmachen können,… Mehr

GeWe
4 Monate her

Kalte Dusche für Baerbock
während der Pressekonferenz auf die Frage einer Journalistin, ob er sich eine erneute Konferenz im Normandie-Format vorstellen könne, antwortete Lawrow sinngemäß, dass er keinen Sinn darin sehe, dass Herr Selenskyj nachher erzählen könne, dass er mit Russland in einer Konferenz gesessen habe. Das war schroff und eine kalte Dusche für Baerbock zum Abschluss.

jsm
4 Monate her

Wer den Unsinn mit den frauenfeindlichen Russen mal prüfen möchte: Die bekommen es OHNE Quoten hin das dort die Führungskräfte in etwas 50% Männer und 50% Frauen sind. (Siehe dazu zB auf YT „Fragen zu Russland“ mit Thomas Röper) Und im Gegensatz zu uns haben die Frauen dort die Qualifikation und die Kompetenz um ihren Posten auch ordentlich auszuüben. Maria Sacharowa könnte dazu bestimmt auch so einiges erzählen. Ja, ich rege mich echt über diesen „Artikel“ hier auf. Man liest hier nur selten so viel völlig unbelegte Behauptungen und einseitige Darstellungen. Bleibt zu hoffen das es eine Ausnahme bleibt. Und… Mehr

Karstenholm7
4 Monate her
Antworten an  jsm

Super Kommentar , habe ich ähnlich empfunden.

Tibs50
4 Monate her

„Nur über die Geschichte des eigenen Landes offenbarte Baerbock öffentlich ihre Unkenntnis.“
„Nur“ nur deswegen, weil sie nur dieses eine Thema angeschnitten hat.
Wenn sie sich weit gefächert zu allen anderen Themen zu Wort meldet, zeigt sich eindeutig ihre grenzenlose Unkenntnis in allen Themenbereichen. Schade nur, dass Deutschland im Ausland von so einer „Persönlichkeit“ repräsentiert wird.
Viel interessanter und lustiger wäre zu erfahren, was in Lawrow´s Kopf vor sich ging, während er ihr zuhörte.