Volker Kauder: „Jeder Flüchtling ist Ebenbild Gottes“

"...und jeder Flüchtling muss so behandelt werden, wenn er bei uns ist", sagt der frühere Unionsfraktionschef. Das ist nicht nur ein Framing, sondern eine Nötigung. Volker Kauder hat aus über fünf Jahren Massenzuwanderung nach Deutschland nichts gelernt.

imago images / Bernd Elmenthaler
Volker Kauder im Bundestag

Bevor es hier um Volker Kauder (CDU) gehen soll, der gerade geäußert hat, die illegalen Migranten auf den griechischen Inseln und der Balkanroute seien ein „Ebenbild Gottes“ kurz eine Meldung, die damit nur indirekt zu tun hat, aber dafür umso eindringlicher ist. Denn auch hier geht es um den Nächsten, um Menschenliebe, um Humanität, um Ebenbilder und um die in zivilisierten Gesellschaften notwendige Zuwendung gegenüber Mitbürgern – in diesem Fall sogar konkret um Liebe:

So einfach wie ergreifend und in den sozialen Netzwerken zehntausendfach gelikt und geteilt: Ein Mann rasiert seiner Frau den Kopf, weil diese erkrankt ist. Als er damit fertig ist, führt er den Elektorrasierer zur Überraschung der Frau an seinen eigenen Kopf und teilt damit als gesunder Mensch symbolisch und sichtbar das Leid seiner erkrankten Frau. Für so eine univerelle Geste des Mitgefühls braucht es keinen Gott. Sie ist im Menschen selbst angelegt, ob nun als Ebenbild Gottes theolgisch interpretiert, als Wunder der Natur oder beides.

Der langjährige ehemalige Fraktionsvorsitzende der Unionsparteien im Bundestag, Volker Kauder, hat sich jetzt zur Situation auf den Migrationsrouten im Balkan und auf den griechischen Inseln geäußert. Was sich dort in Lagern abspielen würde, sei „eine Schande für Europa“. Dass diese Lager immer wieder angezündet werden, dass sich die Menschen weigern, in feste, bessere Unterkünfte umzuziehen, dass sie einfach nur nach Deutschland wollen, interessiert Kauder nicht. Seine Beurteilung der Lage entspricht wohl jener standhaften Weigerung, einen Pullfaktor anzuerkennen, wo Migranten in marode Schlauchboote steigen, sich fahrlässig in Seenot bringen, um von Nichtregierungsorganisationen „gerettet“ zu werden. Aber die wenigsten aus der vor Libyen aus der selbstverschuldeten Seenot Geretteten sind Libyer. Sie flüchten also auch nicht aus ihrer Heimat vor Folter und Vergewaltigung in Libyen, sie sind meist aus dem afrikanischen Hinterland erst nach Libyen gekommen mit dem Ziel, nach Deutschland zu gelangen mit Hilfe der Schlepper und Schlepperhelfer vor der Küste in ihren Schiffen.

Für Kauder sind die Zustände in den Lagern in Bosnien und auf Lesbos „eine Schande für Europa“. Der evangelikale Deutsche mit einem Hang zur katholischen Liturgie, der Fotografien persönlicher Begegnungen mit dem Papst im Büro gerahmt und aufgehängt haben soll, sagte über Migranten in der aktuellen Zeit-Beilage Christ und Welt: „Jeder Flüchtling ist Ebenbild Gottes, und jeder Flüchtling muss so behandelt werden, wenn er bei uns ist.“

Muss behandelt werden wie Gott? Wir fragen einen Muslim, was er davon hält, wie ein Ebenbild des christlichen Gottes behandelt zu werden und was er glaubt, was seine Glaubensbrüder und -schwestern davon halten. Ihm gefällt die Idee. Ob der Gott der Christen identisch ist mit dem der Muslime, sei eine nicht enden wollende Diskussion, sagt er, eine Debatte, deren unterschiedliche Auffassungen von der Intensität des Glaubens bestimmt werden. Er glaubt, dass es nur den einen Gott gibt. Auch Jesus sei ja ein Prophet im Koran.

Und wir fragen einen deutschen Theologen. Der empfindet Kauders Vorstoß zunächst einmal als Framing, als Euphemismus. Die Botschaft Kauders würde sich an Kritiker der Zuwanderung richten, auch an Rechte, bzw. an Christen in diesen rechten Kreisen, die er bei ihrem Glauben für seine Sache packen will.

Allerdings könne der Gott der Christen gar nicht der gleiche sein wie jener der Muslime, sagt der Theologe. Wenn Jesus von Gott als seinem Vater spricht, würde diese Selbstoffenbarung fundamental dem islamischen Verständnis widersprechen. Hier könne es keinen Konsens geben, weil damit die wichtigste Säule des Christentums berührt ist. Die Fleischwerdung ist nicht kompatibel. Für den Theologen sind die beiden Konzepte von Gott völlig unvereinbar.

Aber was will dann der Christ Kauder? Er framt. Er heult mit den Wölfen und will dabei Lamm sein. Die Behauptung, die Migranten – die Kauder übrigens wider besseres Wissen weiter alle „Flüchtlinge“ nennt – seien ein Ebenbild Gottes ist deplatziert schon deshalb, weil das keine Kategorie weltlicher Politik sein kann und darf. Und weil es letztlich jeden Christen in Deutschland nötigen will.

Volker Kauder nötigt seine Glaubensbrüder und -schwestern, die sich Gedanken machen über den Umgang mit Menschen. Solche zum Beispiel, die sich auf Lesbos oder in Bosnien selbst in eine denkbar schlechte Situation gebracht haben, um illegal nach Deutschland zu kommen.

Volker Kauder hat aus über fünf Jahren Massenzuwanderung nach Deutschland nichts gelernt. Schlimmer: Seine Intervention zielt darauf ab, noch mehr Menschen nach Deutschland zu holen als „Ebenbild Gottes“, so wie nach dieser Lesart allerdings weit über sieben Milliarden Menschen nach christlicher Lesart Ebenbilder Gottes sind. Menschen, denen es, jedenfalls gemessen am Wohlstand, überwiegend weniger gut geht als Deutschen. Vielen sogar sehr viel weniger gut.

Der linke Journalist Jakob Augstein hat einmal sinngemäß gesagt, dass man es einem Afrikaner nicht verdenken könne, nach Deutschland kommen zu wollen, wenn der damit automatisch sein Leben um Jahrzehnte verlängern könnte. Ja, diese Welt ist nicht gerecht. Aber auch Deutschland arbeitet seit Gründung der Bundesrepublik daran, seinen wachsenden Wohlstand auch dafür einzusetzen, Entwicklungshilfe zu finanzieren und also die Welt gerechter zu machen.

Private christliche Organisationen sammeln seit Jahrzehnten Geld beispielsweise mit der Aktion „Brot für die Welt“. Man kann das für zu wenig halten. Aber man macht diese Welt keinen Deut besser, wenn man Menschen nach Deutschland lockt, weitere Pullfaktoren erzeugt, Christen nötigt, wie es Kauder getan hat, wo jeder Euro, den man in Deutschland aufwenden muss, diese Menschen zu versorgen, vor Ort ein vielfaches davon bewirken kann.

Warum haben sich 2015 so viele Menschen in Bewegung gesetzt? Auch weil der UNHCR aus bestimmten Gründen nicht mehr genügend Geld zur Verfügung hatte, es so zu einer Verknappung oder Halbierung der Zuwendungen gekommen ist. Das hat die Menschen faktisch auf den Weg in die EU und nach Deutschland getrieben.

All das weiß Volker Kauder. Hier jetzt von einem „Ebenbild Gottes“, gar von Schande zu sprechen, wie es im Übrigen EKD-Chef Bedford-Strohm schon vorgemacht hatte, ist Nötigung. Und es ist vor allem auch höchst unanständig denjenigen gegenüber, die sich oft schon seit Jahrzehnten darum bemühen, die Welt ein Stückweit besser zu machen ohne dafür Christen oder Muslime sein zu müssen. Viele beginnen damit in ihrer persönlichen Umgebung, es wird schon Früchte tragen. So wie das Video des jungen Mannes, der so ein eindrucksvolles Zeichen von Mitgefühl für seine Liebste abgelegt hat, anstatt anderen Vorwürfe zu machen für was auch immer. Echte Männlichkeit. Empathie und Mitgefühl. Die Anwürfe von Kauder gegen jedermann reichen dafür noch lange nicht.

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Kommentare ( 192 )

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Michael M.
1 Monat her

Möglicherweise dumm geboren und dann auch noch die Hälfte vergessen, mehr fällt mit zu solchen Einlassungen von Polit-Clowns im Rentenalter nicht ein.

friedrich - wilhelm
1 Monat her

auch die genesis besteht aus mehreren quellen, darunter e = elihist, der von gott als den elohim spricht und elohim ist im hebräischen plural!

Deutscher
1 Monat her

Nicht nur jeder Flüchtling, sondern sogar jeder Kommunist und jeder Nazi. Diese Kröte muß man Schlucken, wenn man Christ sein will, Herr Kauder! War nicht Jesus mit den Huren und Zöllnern? Hat nicht Jesus ALLE erlöst?

Gruenauerin
1 Monat her

Ja, ich ahnte es doch: Keine Fachleute sind bei uns eingetroffen, sondern Ebenbilder Gottes, also Allah persönlich. Die Wirklichkeit ist gar nicht so weit von diesem Bild entfernt. Ich sollte mich wohl jetzt, wenn ich an einen Gott glauben würde, in den Dreck werfen und Allahu Akbar rufen? Unser Gott, ist nicht deren Gott. Da liegen Welten dazwischen. Welten zwischen Liebe und Ermordung von Ungläubigen. Welchen Gott meint eigentlich Kauder?

Kaltverformer
1 Monat her

Ein Kauder wäre in der SPD oder bei den Grünen besser aufgehoben.
Ich persönlich kann mir diesen Herrn auf gut im Zentralkomitee vorstellen……

daldner
1 Monat her

Genau wie Nobbi Blüm: im Alter entdeckt man seine Menschenliebe. Apropos: auch ein Nettosteuerzahler im besten aller Deutschländer ist ein Ebenbild Gottes – wenn auch vielleicht nicht ganz so aus dem Gesicht geschnitten wie der Flüchtiland aus Muselland.

usalloch
1 Monat her

“Jeder Flüchtling ist Ebenbild Gottes“. Kann sein Herr Kauder. Genauso muss aber nicht jeder Deutsche Ebenbild Gottes sein. Um es auf den Solidaritätspunkt zubringen.” Lasset uns gutes tun an Jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.”Galater 6.10. Deutschland ist nicht die Abladestation für alle Mühseligen und Beladenen der Welt.

Dieter Kief
1 Monat her

Könnte TE bitte Jakob Augstein ignorieren? – Vielen Dank. Ich spüre breits die Erleichterung! – Was für eine Denksemmel.

Volker Kauder gönne ich eine schöne Rente im schönen Tuttlingen; das liegt hinter Erwin Teufels Spaichingen – genial schöne Gegend! Hohenzollerische Lande.

Kris
1 Monat her

Kauder betreibt eine – auch theologisch – völlig unzulässige Einseitigkeit. Wenn er fordert, dass jeder „Flüchtling“ als Ebenbild Gottes zu behandeln sei (womit er theologisch Recht hat), dann gehört auf die andere Seite der Gleichung aber auch, dass jeder Gläubige sich in der Nachfolge Christi wie der barmherzige Samariter zu verhalten hat, indem er sich PERSÖNLICH des Ebenbildes Gottes annimmt, und zwar aus dem Glauben heraus, nicht um der guten Werke Willen. Die Nächstenliebe kann man nur persönlich leben, man kann sie nicht an die Politik und den Steuerzahler delegieren. Das wäre nämlich wie Ablasshandel. Nur die persönliche Nächstenliebe kann… Mehr

Dieter Kief
1 Monat her
Antworten an  Kris

Ja, das ist Theologie für Doofe, stimme zu Kris. Die Nächstenliebe in der Bibel hat ihren Sitz in einem Nahverhältnis. Es gibt keinen Nächstenliebe zu allen. Diese Idee ist durch und durch unsinnig. Oder anders gesagt: ein Widerspruch in sich. Ode nochmal anders gesagt: Es ist eine Idee, die eines Erwachsenen Menschen unwürdig ist. Nochmal anders: Kauders Idee ist unpraktikabel. Außerdem vermischt der gute Mann von der Baar die Begrifffe Flüchtling und Zuzüger. Oder nochmal anders: Die Begrifffe Flüchtling und Migrant. Nochmal anders gesagt: Volkerr Kauder wirft uralte und bewährte Unterscheidungen über den Haufen. Das aber ist nicht konservativ, das… Mehr

daldner
1 Monat her
Antworten an  Kris

Abgesehen davon kann man von jedem Flüchtling auch die gleich Nächstenliebe erwarten, die man ihm zuteil werden lässt: also jemandem, der nichts hat, nicht auf der Tasche zu liegen, seine Gesetze zu achten….etc.. Nächstenliebe ist keine Einbahnstrasse. Das hat uns bloß die gottgleichste aller Kreaturen unterjubeln wollen… und jetzt ihr Adlatus aus dem Off des geschassten Fraktionsvorsitzenden.

Kaltverformer
1 Monat her
Antworten an  Kris

Jesus stand für seine Familie, seine Freunde, sein Volk, aber ganz sicher nicht für die ganze Welt…… Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, bedeutet ganz sicher nicht die Selbstaufgabe und schon gar nicht die eines ganzen Volkes. So nebenbei war Christus Jude und die haben dazu seit einigen tausend Jahren einen ganz eindeutigen Zugang, den nicht einmal Sozialsten zerstören konnten. Ich habe diese Gutmenschen einfach nur mehr so satt, die große Sprüche auf anderer Kosten klopfen und sich dadurch über die Arbeitsamen erheben fühlen und damit gleichzeitig aktiv zum Untergang ihres eigenen Volkes beitragen. Ebenfalls so nebenbei: Hat den Herrn… Mehr

Imre
1 Monat her

Einige Kleinigkeiten hat der Herr Kauder allerdings, ich hoffe nicht absichtlich, unterschlagen. Wie wäre es denn, den afrikanischen Ländern z.B. für gelieferte Bodenschätze, einen gerechten Preis zu zahlen? Diesen auch nicht einfach nur der Oberschicht zu überreichen, sondern auf deren Einsatz für die Unterschicht zu bestehen! Die Staatsführer dort legen das Geld leider meist auf schweizer o.a. Konten ab, gür private Zwecke natürlich. China z.B. schafft dafür Infrastruktur dort! Und dann wundert sich der Westen, dass dann Revolten angezettelt werden, wie in Mali …..Auch gab es bereits sehr gut wirtschaftende Regierungen in den betreffenden Regionen mit immensen Wohltaten für die… Mehr