Sozialsprengsatz-Attentäter Gabriel

Sigmar Gabriel möchte keine Konkurrenz zwischen Asylsuchenden und Hartz4-Empfängern. Der soziale Frieden müsse gewahrt bleiben. Aber muss er sich dann nicht konsequenterweise von Schröders „Fördern und fordern“ verabschieden? Hin zu Merkels „Wir schaffen das!“-Prinzip der Gleichbehandlung: Was wir von zwei Millionen Einwanderern plus X nicht fordern können, dürfen wir von anderen nicht mehr verlangen. Oder doch?

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Zu Gast bei Stefan. 47 Jahre alt, Buchhalter, Ehefrau ist Hausfrau, drei Kinder. Stefan wurde auf Teilzeit gesetzt und müsste eigentlich aufstocken, um seine Familie über die Runden zu bekommen. Einfach nur das Minimum zum Leben, bis er wieder in Vollzeit ist und weiter seine Steuern bezahlen kann, wie schon die Jahrzehnte zuvor. Aber lesen Sie selbst:

Stefan arbeitet leider bei einem mittelständischen Betrieb mit kaum einhundert Mitarbeitern. Gewerkschaftlich nicht organisiert, keine Betriebsräte, dafür fährt die Belegschaft einmal im Jahr nach Malle zum kollektiven Besäufnis. Das ist schön, aber Stefan ist jetzt nur noch halb bei der Sache.

Das Unternehmen hatte im letzten Jahr beschlossen, die Buchhaltung outzusourcen. „Wirtschaftliche Zwänge“, erklärte man dem Buchhalter. Stefan hat sich am Strohhalm festgeklammert und das hingeworfene Angebot einer Halbtagsstelle angenommen. Ein Brosamen-Angebot. Aber Stefan ist keine Kämpfernatur. Nun ist er Zuarbeiter für diese fremde Buchhaltung. In den ersten Monaten war er meistens noch ganztags da, so viel war zu erklären und vorzuarbeiten. Aber wo sollte er auch hin?

Zu Hause wäre ihm die Decke auf den Kopf gefallen und seine Mädchen hätten sich argwöhnisch gefragt, was er schon am frühen Mittag zu Hause mache. Wie peinlich vor den Nachbarn und Freundinnen, wenn Vati arbeitslos wäre. Mal einfach nebenbei irgendwo eine zweite Stelle annehmen, um dort in Teilzeit zu buchhalten, ging aber leider auch nicht. Es gab keine solchen Angebote oder Nachfragen. Dafür nahm ihn sein Boss kameradschaftlich zur Seite und gab ihm einen guten Tipp: aufstocken!

Auf dem Rasen eine Wäschespinne

Zu Besuch bei Stefan: Wir sitzen auf der Terrasse seiner angemieteten Doppelhaushälfte. Gepflegter gemauerter Grill, Wäschespinne auf dem Rasen. Ich nehme ein Bier, er nur Limo. „Im Moment muss ich einen klaren Kopf behalten“, meint er und fängt an zu erzählen. Dann dreht er irgendwann den Kopf weg aber ich sehe es trotzdem: Herrje, dem 47-jährigen Familienvater laufen Tränen übers Gesicht. Wie traurig. Drinnen lärmt die Familie, am Abendhimmel ziehen die Urlaubsflieger ihre Sehnsucht machenden Kondensstreifen und ich will am liebsten in seinen Rasen versinken – gleich dort neben dem mobilen Pool für die Mädchen.

Stefan kriegte sich nicht mehr ein. Mal sehen, ob ich noch zusammenbekomme, was er stockend erzählte: Stefan weiß nicht mehr, wie er seine Familie ernähren soll. Denn er bekommt nun doch keine Aufstockung mehr. Aufstockung ist ja Arbeitslosengeld II, das hieß früher ehrlicher einfach nur Sozialhilfe. Jedenfalls wurde die Zahlung eingestellt. Er muss also mit einem halben Gehalt über die Runden kommen, kommt er aber nicht. Anfangs hat er wohl noch an seiner Frau vorbei Wertsachen verkauft, hat sich von seinem geliebten Motorrad getrennt und dann halfen die engeren Verwanden noch verschämt aus, wo sie konnten. Die Rente der Großeltern wurde sogar einmal von ihm angezapft – als nichts mehr ging, aber nur zur Überbrückung – wie Stefan seinen bedröppelten Eltern glaubwürdig erklären konnte, aber nun selbst nicht mehr ganz glauben kann.

Stefan hat zunächst brav alles erledigt, was diese nette junge Dame beim Amt so wollte. Er fand sie sogar anfangs sympathisch. Er hat alle Kontoauszüge der letzten drei Monate vorgelegt, Mietbescheinigungen eingeholt, Nebenkostenabrechnungen, Kündigungsschreiben, Arbeits- und Sparverträge, eben alles, was auf dieser langen Liste stand, die man ihm beim ersten Termin mitgegeben hatte. Der Ton wurde schärfer, als seine Frau vorgeladen und zur Arbeit aufgefordert wurde samt Drohung, dass es bei einer Verweigerung einen eskalierenden Kürzungskatalog geben würde. Erst so und so viel Prozent Abzüge dann noch weniger bis gar nichts mehr aufs Konto käme. Stefans Argument, dass seine Frau ja eine Arbeit als Hausfrau hätte, zählte nicht. Die Kinder seien ja älter als drei Jahre. Ob sie denn schon einmal daran gedacht hätte, als Reinigungskraft zu arbeiten, fragte die vormals nette Dame seine nun ebenfalls vormals nette Ehefrau. Nein, hätte sie nicht. Gut, dann müsse sie das aber jetzt mal überlegen.

„Nur noch 48 Stunden!“

„Gut“, erklärte Stefan, der sonst kein Mann großer Reden ist, seiner Frau noch auf dem Treppenabsatz des Amtes, sie solle sich bitte wieder beruhigen, das sei doch nur so pro Forma. Sie müsse sich keine Sorgen machen, alles liefe weiter wie bisher. Als dann aber wieder Erwarten kein Geld kam und Stefan aufgeregt bei dieser Service-Nummer auf dem kleinen roten Kärtchen anrief – direkt zu besagter Frau vom Amt kann man sich nicht durchstellen lassen – um nachzufragen, wo das Geld bliebe, erklärte ihm dieses Callcenter für Hartzer in dieser anhaltenden unverbindlichen Freundlichkeit, dass man seine Nachricht gerne weitergeben und dass sich innerhalb von 48 Stunden jemand melden würde. Passierte aber nicht.

Also fuhr Stefan hin, kam aber ohne offiziellen Terminbrief nicht am amtseigenen Türsteher vorbei. Also rief er wieder besagtes Callcenter an und dort erfuhr er dann, dass die Mitarbeiterin in die virtuelle Akte eingetragen hätte, dass noch Unterlagen fehlen würden, obwohl die Dame beim letzten Termin ja noch lächelnd gesagt hatte, nun sei ja alles zusammen. Jetzt fehlten plötzlich noch die Kontoauszüge der Mädchen, man hätte anhand der Bankauszüge von Stefan festgestellt, dass es diese Konten ja gäbe, er würde da doch regelmäßig Taschengeld überweisen. Und außerdem müsse man ihm nun auch noch offiziell mitteilen, dass seine Mädchen auch regelmäßig etwas beitragen müssten, also mindestens drei Stunden die Woche arbeiten. Jedenfalls die beiden Älteren. Sie könne ihm da gerne eine Liste von Adressen geben, wenn die Mädchen nicht selbst etwas finden.

Nein, Stefan schickte keine Kontoauszüge der Kinder und bat auch die Mädchen nicht darum, für die Familienversorgung Zeitungen auszutragen. Stefan war also unwillig. Aber er konnte es begründen: Er erinnerte sich nur zu gut an die Blicke der Mädchen, als sie mal vom Reitunterricht nach Hause kamen, wie sie sich mit hochgezogenen Augenbrauen anschauten, als hätten sie was echt Hässliches aus der Welt der Asozialen gesehen, als zum ersten Mal dieser dürre Junge aus ihrer Schule mit seiner Mutter diese Gratiszeitung in die Briefkästen warf. Beide mit hängenden Schultern und wie seine Töchter sofort erkannten: in absolut unmöglichen Klamotten.

Teilzeitbilliglohnarbeitsstellen für Minderjährige

Stefan liefen nun zwar nicht mehr die Tränen in die Limo, aber ich hatte sowieso das meiste verstanden. Und ich hatte Wut im Bauch, während ich darüber nachdachte, was man dem Kameraden nun antworten soll.

Ich dachte an Kanzler Schröder und sein „Fördern und fordern“. Viele hatten ihn mit ihrer Stimme gefördert, aber als es ans Fordern ging, hatte sich der Bundeskanzler verfrüht aufs Altenteil zurückgezogen und dieser Merkel das Feld überlassen. „Fördern und fordern“ heißt bei der heute „Wir schaffen das.“ Aber Stefan schafft es augenscheinlich im Moment überhaupt nicht mehr. Stefan ist 47 Jahre alt. Sollte man in diesem Alter nicht noch in der Lage sein, seine Pläne zu ändern? Warum nicht einfach kündigen und Arbeitslosengeld kassieren? Das bekommt er dann nämlich ohne diesen ganzen Hartz4-Aufstockungswahnsinn, ohne das Frau und Kinder auf der Straße arbeiten müssten. Ist Stefan einfach zu stolz? „Fördern und fordern“, das war Schröders Werbeslogan für Hartz4. „Wir schaffen das!“ ist der Hartz4-Slogan der Zukunft. Aber nicht Stefans Zukunft.

Sigmar Gabriel hatte Anfang des Jahres darauf bestanden, dass es keine Konkurrenz zwischen Asylsuchenden und Hartzern geben dürfe. Der soziale Frieden müsse gewahrt bleiben. „Der Eindruck, wir würden unsere eigenen Bürger vergessen, darf sich nicht festsetzen“, warnt der SPD-Chef. Zusätzlich zur Flüchtlingshilfe möchte er jetzt unbedingt noch mehr Geld für die Sozialpolitik ausgeben. Hat er gesagt.

Mein Nachbar Stefan war 19 Jahre in Vollzeit als Buchhalter beschäftigt. Nun hätte er Sigmar Gabriel gerne beim Wort genommen. Um sich wieder im Arbeitsleben zu Recht zu finden, aus dem er weg rationalisiert wurde, benötigt er eine Überbrückung. Aber da ist niemand, der zu ihm sagt: „Stefan, wir schaffen das!“

Nein, Stefan benötigt keine Teilzeitbilliglohnarbeitsstellen für seine minderjährigen Töchter. Nicht einmal für seine Frau, die zu Hause arbeitet, die er bisher mit seinem Lohn immer gut ernähren konnte. Und weiter ernähren will, damit diese traditionelle Arbeitsteilung Angestellter/Hausfrau weiter funktionieren kann. Nein, seine Frau trägt kein Kopftuch, sie badet im Badeanzug und seine Mädchen im Bikini. Und als er noch Vollzeit arbeitete, die Kinder noch kleiner waren, beneidete er seine Frau nicht um ihren anstrengenden Arbeitstag.

Nein, was Stefan jetzt braucht, sind ein paar Wochen, möglicherweise auch Monate, sich neu zu orientieren, seine Möglichkeiten auszuloten. Sich in der gebotenen Ernsthaftigkeit in Ruhe um einen Vollzeitarbeitsplatz zu bemühen. Sich wieder neu in den Vollzeitarbeitsmarkt zu integrieren. Er braucht Unternehmen, die auf seine großen Erfahrungen bauen. Die ihm eine Chance geben. Er braucht volles Vertrauen in sein Wollen und Können. Und er braucht Geld. Eine Aufstockung auf Zeit. Die Chancen stehen gut, dass das keine Jahre werden. Er hat eine gute Ausbildung, jede Menge Erfahrung, er ist Top-spezialisiert. Dass er hier kulturell verwurzelt ist, eine Wohnung hat, eine Familie und deutsch als Muttersprache perfekt spricht, muss nicht extra erwähnt werden.

Stefan würde nie ein schlechtes Wort über Ausländer, Migranten oder Asylsuchende fallen lassen. Stefan wählt seit Jahrzehnten CDU. Stefan sagt, er sei doch kein Faulpelz, kein Schnorrer, kein Asozialer. Nein, das finde ich auch nicht. Sie vielleicht?

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Kommentare ( 1 )

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Ich finde auch, diese Geschichte ist rührselig. Man könnte höchstens sachlich aus ihr herauslesen, daß offenbar Buchhalter keine Fachkraft ist, denn „Fachkräfte “ werden ja überall gesucht.