Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig: Weiterhin viele Fragen offen

Der Drohnenalarm am Leipziger Flughafen wirft viele Fragen auf. Nicht zuletzt, ob Deutschland ausreichend gewappnet ist, um mit Sicherheitsrisiken, die von hybrider Kriegsführung oder Terrorismus ausgehen, adäquat umzugehen.

picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Vier riesige Antonow-Frachtmaschinen standen am Flughafen Leipzig/Halle. In unmittelbarer Nähe: Eine mit hochexplosivem Sprengstoff beladene Drohne. Nur mit Mühe mag man sich die Kombination mit einer vollgetankten Antonow An-124 mit bis zu 260.000 Litern Kerosin vorstellen: Ein Inferno, dem der Flughafen wohl nur mit viel Glück entging.

Der Rechercheverbund NDR/WDR und Süddeutsche Zeitung hatte unter Berufung auf einen vertraulichen Bericht der Polizei berichtet, das Frachtflugzeug sei mit Munition beladen gewesen, die kurz zuvor aus Frankreich nach Leipzig transportiert worden sei. Das Bundesinnenministerium dementierte dies jedoch.

Ersten Untersuchungen zufolge soll die Sprengvorrichtung PETN enthalten haben. PETN ist ein hochexplosiver Sprengstoff und zugleich Bestandteil von Semtex-Mischungen. Ob es sich dabei um den plastischen Sprengstoff Semtex oder eine andere PETN-haltige Mischung handelte, ist bislang nicht bestätigt. Ebenso wurde die Mengenangabe von 800 Gramm bis jetzt nicht offiziell bestätigt. Offiziell spricht das LKA weiterhin von einer „unbekannten Sprengvorrichtung“.

Eine Zuordnung zu Russland oder einem anderen staatlichen Akteur gibt es weiterhin nicht. Die Zentralstelle Extremismus Sachsen (ZESA) bei der Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das Landeskriminalamt Sachsen, Polizeiliche Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrum (PTAZ), haben die Ermittlungen übernommen. Der Flughafen gehöre zum Bereich der kritischen Infrastruktur, stellen sie in ihrer Pressemitteilung erst einmal fest.

Mit dessen Schutz scheint es nicht so weit her zu sein.

In jedem Fall hat sich der Verdacht auf einen gezielten Anschlagsversuch deutlich erhärtet. Die Drohne befand sich nicht irgendwo auf dem großen Flughafengelände, sondern direkt neben einer beladenen Maschine. Medienberichten zufolge schwebte sie nahe der Antonow, ein Mitarbeiter, der in einem Bus unterwegs war, sah die Drohne, stieg aus, drückte sie zu Boden und meldete den Vorfall.

Ob dabei der Zünder abgerissen oder beschädigt wurde und es deshalb keine Explosion gab, ist nicht abschließend geklärt. Überwachungskameras zeichnen offenbar einen längeren Ablauf nach: Die Drohne soll bereits gegen 19.28 Uhr aus südlicher Richtung auf das Flughafengelände geflogen und dort gelandet sein. Erst um 23.42 Uhr wurde sie schwebend zwischen zwei Antonow-Maschinen bemerkt. Damit könnte sich die bewaffnete Drohne mehr als vier Stunden unentdeckt im Sicherheitsbereich befunden haben.

Währenddessen geht die Suche nach Teilen eines möglichen zweiten Flugobjekts weiter. Nach der Entdeckung der Drohne wurde in der Nacht der Flughafen gesperrt. Ein aus Marseille kommender DHL-Frachtjet musste deshalb durchstarten und kollidierte nahe des Flughafenzauns bei einer Geschwindigkeit von etwa 500 Kilometern pro Stunde mit einem Gegenstand. Die Maschine landete mit leichten Schäden in Hannover. Ein biologischer Abstrich blieb laut ARD-Recherche negativ; ein gewöhnlicher Vogelschlag gilt deshalb als weniger wahrscheinlich. Für die Suche wurde die Nordpiste des Leipziger Flughafens am Donnerstag erneut zeitweise gesperrt; der Flugverkehr lief über die Südpiste weiter.

Die Bundespolizei brachte inzwischen mobile Drohnenabwehrtechnik nach Leipzig. Widersprüchlich sind die Angaben zur bisherigen Ausstattung: Nach einer ARD-Recherche existierte Sensorik, erkannte die Drohne aber nicht. Laut LVZ soll eine umfassende permanente Erkennung mit Radar, Kameras und KI-Sensoren dagegen erst bis Jahresende aufgebaut werden.

Allerdings hätten diese Systeme die Drohne vermutlich nicht erkannt. Denn die wurde laut Bild von Profis extra für den Terroreinsatz maßgeschneidert konstruiert. Sie sollte lange fliegen können und vor allem für die Sicherheitssysteme unsichtbar sein.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach am Donnerstag von einem „hybriden Anschlagsszenario“ und professionellen Tätern; fremde Mächte seien nicht auszuschließen. Er vermied auffällig Andeutungen in Richtung Russland als Urheber.

Grüne und einzelne CDU-Politiker halten einen russischen Hintergrund für naheliegend. Beweise dafür wurden bislang nicht veröffentlicht.

Angesichts hybrider Kriegsführung ist der Vorfall beunruhigend. Es stellt sich die Frage, ob Deutschland auf derartige Gefahren ausreichend vorbereitet ist und ob die entsprechenden Strukturen und Systeme existieren, um in sicherheitsrelevanten Bereichen Gefahren wirksam zu identifizieren, ihnen vorzubeugen und sie zu bekämpfen.

Es ist fraglich, ob der Nationale Sicherheitsrat angesichts dieser neuen Herausforderungen seine Kräfte vorwiegend auf den Kampf gegen „Rechts“ konzentrieren sollte.

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