Der NGO-Komplex fordert mehr Steuergeld

Das „Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement“ verlangt mehr Infrastrukturförderung, längerfristige Finanzierung und neue gesetzliche Absicherungen. Private Initiative echter Bürger soll verstaatlicht werden.

picture alliance / dpa | Matthias Balk, Screenprint BBE – TE-Collage
Zahlreiche Euro-Banknoten mit verschiedenen Werten liegen am 01.06.2026 auf einem Tisch.

Manchmal hilft es, wenn wir uns daran erinnern, was Wörter wirklich bedeuten. Ein Zivilist ist ein Mensch, der kein Soldat ist.

Im weiteren Sinne ist es ein Bürger, der privat und nicht im Auftrag des Staates auftritt. Deshalb sagt man von Beamten, die üblicherweise Uniform tragen – zum Beispiel von Polizisten – auf dem Weg in den Feierabend, sie tragen „Zivil“.

Dem Wortsinn nach bezeichnet „Zivilgesellschaft“ das, was der Staat gerade nicht ist: ein freiwilliger Zusammenschluss von Bürgern in Vereinen, Nachbarschaftshilfen, kirchlichen Gruppen, lokalen Initiativen und privaten Hilfswerken. Es geht um Eigenverantwortung, um Gemeinsinn und um den Willen von Menschen, sich aus eigenem Antrieb für etwas einzusetzen – und zwar gerade ohne behördlichen Auftrag, ohne politische Anleitung und auch ohne die Erwartung, dass ein Förderbescheid kommt.

Die Zivilgesellschaft ist der Raum zwischen Individuum und Staat: frei, vielfältig, mitunter chaotisch, immer unabhängig. Theoretisch jedenfalls. Praktisch ist die deutsche „Zivilgesellschaft“ von dieser Theorie so weit entfernt wie nur irgendwas.

Industrie mit Machtanspruch

Wohl nichts dokumentiert das Selbstverständnis dieses gesellschaftlichen Bereichs so eindrucksvoll wie das „Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement“ (BBE).

Das BBE definiert sich selbst als „Zusammenschluss von Akteuren aus Bürgergesellschaft, Staat und Wirtschaft (…) mit einem einzigartigen Überblick über Akteure und Konzepte des bürgerschaftlichen Engagements in allen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie der Wissenschaft“. Die obrigkeitsorientierte Grundidee zeigt allein schon ein Blick auf die BBE-Gründungsmitglieder: Ein Bundesministerium ist dabei, das ZDF, die beiden großen christlichen Kirchen, ein paar Stiftungen und ansonsten nur Verbände.

Was man in Deutschland halt so unter privatem Engagement versteht.

Es gab mal Zeiten, da wurden die Zahlen zur öffentlichen Förderung von gemeinnützigen Einrichtungen möglichst versteckt. Wer zahlt, bestellt auch, hieß es damals – völlig zurecht natürlich. Allzu intensive Förderung mit Steuergeld erweckte den Verdacht, dass die geförderte Institution eben letztlich im staatlichen Auftrag handelt. Diesen Verdacht zu großer Staatsnähe und mangelnder Unabhängigkeit wollte man vermeiden.

Heute gilt das Gegenteil.

Heute ist die mit Milliarden an Steuergeld eingekaufte „Zivilgesellschaft“ so groß, dass sie mit ihrer Größe Werbung macht. Gerade hat das BBE ein neues Positionspapier vorgestellt. „Zivilgesellschaft stärken – Jetzt!“ heißt das Machwerk, und es argumentiert unverhohlen damit, wie mächtig und einflussreich der NGO-Komplex inzwischen ist: rund 660.000 Organisationen, mehr als vier Millionen Mitarbeiter und eine Wirtschaftskraft in der Größenordnung von 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Laut BBE ist der Anteil des gemeinnützigen Sektors an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen seit 2013 von damals zehn auf heute 13 Prozent gestiegen.

Das BBE versucht also gar nicht mehr, „Zivilgesellschaft“ als staatsfernen Bürgerraum zu präsentieren – sondern als eigenen beschäftigungs- und förderpolitischen Großsektor der Volkswirtschaft.

Subventionsmentalität

Und wie die große Industrie, so ruft auch die „Zivilgesellschaft“ nun laut nach noch mehr Subventionen.

Dass BBE-Positionspapier beklagt in bemerkenswerter Offenheit, dass „kurzfristige Förderlogiken“, bürokratische Anforderungen und politische Unsicherheiten die Arbeitsfähigkeit von „Engagement-Infrastrukturen“ gefährden würden. Deshalb brauche es eine langfristige Infrastrukturförderung, ein „Engagementfördergesetz“ und ein Demokratiefördergesetz, um Demokratiearbeit, politische Bildung, Integration und gesellschaftliche Teilhabe „dauerhaft abzusichern“.

Man beachte die Wortwahl: Hier fordert nicht die klassische Bürgergesellschaft Raum vom Staat, um aus eigener Kraft handeln zu können. Hier fordert ein Sektor die dauerhafte staatliche Absicherung – finanziell und rechtlich.

Das Papier schlägt folgerichtig ein „übergeordnetes koordinierendes Gremium“ zwischen Bundesregierung, Bundestag und Experten aus gemeinnützigen Organisationen vor, in dem die „Zivilgesellschaft maßgeblich mitarbeitet“. Deutlicher geht es kaum: Man stellt sich selbst zwar gerne als unabhängig und gesellschaftlich legitimiert dar, will aber fest in staatliche Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse eingebunden werden.

In der Summe fordert das Papier also:

  • mehr dauerhafte öffentliche Absicherung
  • mehr institutionelle Zusammenarbeit mit Staat und Verwaltung
  • mehr strukturelle Förderung statt punktueller Unterstützung
  • mehr politischen Einfluss
  • mehr Anerkennung als Wirtschafts- und Standortfaktor
Die große Verstaatlichung

Wer an privates Engagement denkt, denkt meist an eine kleine, idealistische Welt mit Vereinsheim und Kuchenbasar. Die gibt es zwar auch noch. Beherrscht wird die Szene aber vom NGO-Komplex mit teilweisen Monopolstrukturen.

Es ist eine eigene Industrie. Sie bewirtschaftet einen gewichtigen eigenen Arbeitsmarkt. Sie ist Teil eines ausgedehnten, professionell organisierten und staatlich massiv mitfinanzierten Apparats. Aus Bürgerengagement sind vielerorts fördermittelabhängige Strukturen geworden, aus freiwilligen Initiativen hauptamtlich geführte Organisationen – und aus staatsfernen Reparaturbetrieben der Bürokratie deren verlängerter Arm.

Mittlerweile sehen vier von zehn „privaten Initiativen“ den Staat wie selbstverständlich in der Mitverantwortung für ihre Finanzierung. Im Jahr 2016 waren es nur 30 Prozent. Das zeigt den Wandel im Selbstverständnis. Wo man früher den Staat ergänzen oder kritisch begleiten wollte, erwartet man heute automatisch, dass der Staat Mitzahler ist – und also auch Mitentscheider.

Eine Organisation, die sich wesentlich aus Steuergeld finanziert, die politische Leitziele des Staates umsetzt und deren Geschäftsmodell von dauerhafter Förderung abhängt, ist aber keine staatsferne Bürgerinitiative. Sie mag formal privatrechtlich organisiert sein, aber das ist die Deutsche Bahn auch. Trotzdem ist die DB natürlich ein Staatsunternehmen. Genauso sind die meisten geförderten NGOs natürlich „quasi-staatlich“.

In den eigenen Worten des BBE klingt das so: Die Zivilgesellschaft sei ein „kritischer und konstruktiver Partner von Politik und Verwaltung“, trage grundlegende Transformationsprozesse mit und müsse mit der Politik „eng zusammenarbeiten“. Das hat mit der klassischen Welt des Ehrenamts nichts mehr zu tun. Hier artikuliert sich ein Sektor, der sich als institutionalisierter Co-Produzent politischer Projekte versteht.

Der Staat hat nicht nur die Wirtschaft verstaatlicht, sondern inzwischen auch das bürgerliche Engagement.

Das Ganze funktioniert zunehmend wie ein großer Kreislauf zur unbeschränkten Versorgung mit Steuermitteln: NGOs bekommen öffentliche Mittel, treten aber als „unabhängige“ Stimme der Gesellschaft auf. In dieser vorgetäuschten Rolle formulieren sie politische Forderungen, reklamieren demokratische Autorität und verlangen den Ausbau ihrer Finanzierung.

Das geht ewig so weiter, wenn nicht irgendwann jemand den Hahn abdreht.

Bürgergesellschaft

Je größer, teurer und verschachtelter die „Zivilgesellschaft“ wird, desto weniger kann man noch so tun, als handle es sich schlicht um spontanes bürgerliches Engagement. Ein Sektor mit Millionen Beschäftigten, Milliarden an Ausgaben und gesetzlich abgesicherter Infrastruktur ist nicht Ausdruck eines „lebendigen Ehrenamts“.

Er ist ein politisch-ökonomischer Komplex mit massiven Eigeninteressen.

Kein vernünftiger Mensch wird bürgerliches Engagement in der Wohlfahrt, im Katastrophenschutz, im Sport oder in der Kultur attackieren. Doch die Freiwillige Feuerwehr, der Schützenverein oder das ehrenamtliche Hospiz sind etwas ganz anderes als durchprofessionalisierte und merkantilisierte politische Vorfeldorganisationen mit Pressestellen, Kampagnenabteilungen und Fördermittelmanagement. Wer beides mit dem kuscheligen Wort „Zivilgesellschaft“ zusammenfasst, macht einen Täuschungsversuch.

Eine Zivilgesellschaft auf Staatskosten ist eben nicht zivil, sondern staatlich.

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Kommentare ( 27 )

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WGreuer
15 Tage her

„Der NGO-Komplex [besteht] inzwischen aus rund 660.000 Organisationen, mehr als vier Millionen Mitarbeiter und eine Wirtschaftskraft in der Größenordnung von 3,3 Prozent des BIP“ Nein, die Wirtschaftskraft dieser (mit Verlaub) Parasiten ist gleich NULL, denn die produzieren nichts (außer marxistischem Müll), die arbeiten nichts produktiv, die sind zu nichts nütze, sondern die kosten den Staat und die Gesellschaft nur Milliarden von Euro. Sinnlos verplempert für dummes, marxistisch-lenisistisches Geschwätz sowie unterdrückung und Zensur von allen, die nicht ihrer jämmerlichen Meinung sind. Google KI: „Nach Antonio Gramsci ist die „Zivilgesellschaft“ der entscheidende soziale und kulturelle Vermittlungsbereich zwischen der Wirtschaft (Basis) und dem… Mehr

BKF
16 Tage her

Das Papier schlägt folgerichtig ein „übergeordnetes koordinierendes Gremium“ zwischen Bundesregierung, Bundestag und Experten aus gemeinnützigen Organisationen vor, in dem die „Zivilgesellschaft maßgeblich mitarbeitet“.“ Man möchte also eine Räterepublik oder auf russisch ausgedrückt eine Sowjetrepublik.

Siggi
16 Tage her

Man sieht ja nun genau, wie die Steuergeld-Schmarotzer aus ihren Löchern gekrochen kommen und ein Verbot der AFD fordern. Denen geht das Brötchen, nicht wegen der AfD, sondern der Angst vor der Aufdeckung ihrer ungeheuerlichen und kaum nachzuvollziehenden Straftaten am eigenen Volk.

Die ganzen Machenschaften mit der Justiz und den Medien, dem Verfassungsschutz etc. werden rauskommen und denen das Genick brechen.

Waldschrat
16 Tage her

Das sind die neuen förderabhängigen Konzerne, die die Konzerne der Wirtschaft ablösen, im Gegensatz zu denen aber kein Geld erwirtschaften sondern lediglich konsumieren und erwarten, dass der Steuerzahler brav zahlt. Zieht man den Vergleich zur DDR, waren das hier der „Freie“ Deutsche Gewerkschaftsbund, die Deutsch Sowjetische Freundschaft, die Gesellschaft für Sport und Technik, der Kulturbund u.a. Wer sagt, das ist fast wie in der DDR, nein viel schlimmer.

BKF
16 Tage her
Antworten an  Waldschrat

Wer sagt, das ist fast wie in der DDR, nein viel schlimmer.“ Man könnte ja mal als Vergleich sinnvollerweise das Dritte Reich heranziehen, von dem die DDR ja nur sowas wie eine light-Version war.

Bernd Bueter
16 Tage her

Zivilgesellschaft ist ein Begriff aus dem Krankheitsbild des Sozialismus.

Über die Lockmittel Zuschüsse, Fördergelder usw. versuchen die kranken Linken, möglichst jeden Verein, jede Gruppe..in ihre Abhängigkeit/ unter ihre Kontrolle zu bringen.

Z.B. RepairCafe:
Niedersachsen gibt 2.000€ und erwartet dafür, Schilder anzubringen und halbjährliche Berichte zu schreiben, dabei der Klimalüge zu frönen und dem linken Deppendeutsch Folge zu leisten…
..wir haben es abgelehnt, und vereinnahmen zu lassen und bleiben frei und selbstbestimmt.

Thors Hammer
16 Tage her

Mir langt schon der letztendlich unheilvolle Einfluß der Deutschen Umwelthilfe (DHU).
Ein Verein den ich auch schon unterstützte, was ich heute aufrichtig bereue.
NGOs sind der Wolf im Schafspelz der Gesellschaft. Er zerstört Strukturen, ohne Angebot von gutem Ersatz.
Erst AKWs abschalten und dann Zeter und Mordio schreien, weil der Flatterstrom dann zu teuer wird und die Industrie schwindet.

Rechts_ist_angesagt
16 Tage her
Antworten an  Thors Hammer

Und es geht weiter. Durch die Bürokratiesierung werden Waren und Dienstleistungen in der Produktion und Vertrieb teurer. Die Medien und NGOs vermuten ,,Über“(??!)gewinn und sehen als Lösung noch mehr Bürokratie mit Übergewinnsteuern usw. Oder aber gleich Staatsbetriebe.

Antaam
16 Tage her

Ich denke, sie wollen Nichtregierungsorganisationen sein? Dann sollen sie sehen, wie sie sich über Wasser halten. Mein Steuergeld hat bei denen nichts zu suchen!

Nachdenkerin X
16 Tage her

Das ist alles sehr gut beschrieben in dem empfehlenswerten Buch von Björn Harms: „Der NGO-Komplex. Wie die Politik unser Steuergeld verprasst“.
Dem obigen aktuellen aktuellen Text nach ist dieser Komplex offenbar noch weiter gewuchert.
Das Wort „Zivilgesellschaft“ bedeutet inzwischen (Orwell läßt grüßen!) das Gegenteil von dem, was es angeblich bezeichnet; ein ähnlicher Fall wie „unsere Demokratie“.

Biskaborn
16 Tage her

Die „Zivilgesellschft“ hat jetzt panische Angst vor der AfD! Warum, weil diese Partei genau diesen zigtausend, unproduktiven, antidemokratischen Organisationen den Geldhahn abdrehen und den Geldfluss überprüfen will. Das ist für diesen Wirtschaftszweig und seinen Mitarbeitern der Supergau! Das sind dann auch jene zigtausende die den AfD Parteitag am Besten verhindern, wenigstens aber stören wollen und eifernd ein Verbot fordern.Die treten auf der Demokratie nach Belieben herum! Wer dort beschäftigt ist, würde in der freien Wirtschaft niemals eine Anstellung finden, es sind Menschen die genau genommen für nichts produktives, sinnvolles zu gebrauchen sind. Ach nein, stimmt nicht ganz, sie sind für… Mehr

humerd
16 Tage her

in Deutschland gibt es mehr wie 20.000 Studiengänge, darunter sind sehr viele, die in der freien Wirtschaft nicht gebraucht werden. Die Studienabgänger der sogenannten Orchideenfächer wollen gut dotiert unterkommen. Das erklärt meiner Meinung nach inzwischen den Wildwuchs der NGOs. Ich bin gespannt, wie sich die SPD auf die Forderungen nach viel mehr Steuergelder verhält. Schließlich erteilte Lars Klingbeil der CDU, der Gesundheitsministerin und der Expertenkommission Gesundheit eine Abfuhr zu deren Forderung, die Krankenkassenkosten der Bürgergeldempfänger aus Steuern zu bezahlen. Zitat Lars Klingbeil „der Haushalt habe jetzt schon Lücken, so Klingbeil. »Die werden nicht kleiner, wenn wir noch mehr Geld herausnehmen.«… Mehr