Die Illusion vom deutschen Wohlstand

Die Deutschen arbeiten viel, sparen viel – und besitzen trotzdem zu wenig. Ein neuer Bericht der Schweizer Bank UBS-Report zeigt, woran das liegt: an zu wenig Wohneigentum und zu viel Angst vor renditestarken Anlagen.

picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Der deutsche Staat ist reich. Der deutsche Bürger ist es nicht. Das ist die Kernbotschaft des neuen „Global Wealth Report“ der Schweizer Großbank UBS.

Auf den ersten Blick sieht alles noch ganz ordentlich aus: Beim durchschnittlichen Nettovermögen pro Erwachsenem kommt die Bundesrepublik auf 346.600 Dollar und landet damit im oberen Mittelfeld der wohlhabenden Länder.

Doch der Durchschnitt ist ein Meister der Täuschung. Stellen Sie, lieber Leser, sich nur einmal kurz ein Fußballstadion vor. Da sitzen 80.000 Menschen. Deren Durchschnittsgehalt wird ungefähr beim allgemeinen deutschen Durchschnittsgehalt liegen, das sind nach offiziellen Angaben derzeit etwa 52.000 Euro brutto pro Jahr.

Jetzt betritt Bill Gates die Loge über der Haupttribüne. Und schlagartig sind alle Stadionbesucher im rechnerischen Durchschnitt Multimillionäre.

Wir sehen: Der Durchschnitt bringt nix. Viel aussagekräftiger ist der Median: Das ist die Linie genau in der Mitte – die Hälfte der Menschen liegt darüber, die andere Hälfte liegt darunter. Und hier wird es unerquicklich: Am Median besitzt der Normalbürger in Deutschland gerade einmal 53.500 Dollar, das umgerechnet rund 47.000 Euro.

Für die immer noch viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist das ein erstaunlich magerer Befund. In Luxemburg liegt dieser Wert bei fast 394.000 Dollar, in Italien bei 131.000 Dollar, in Frankreich bei 121.900 Dollar, in Spanien bei 111.600 Dollar. Zwar darf man solche Vergleiche nicht mechanisch lesen, weil Vermögen von Land zu Land anders zusammengesetzt ist. Der Befund bleibt trotzdem gleich:

Die Vermögensbasis der deutschen Mittelschicht ist auffallend schmal.

Betongoldmangel

Die Ursachen sind gar nicht so geheimnisvoll. Im Kern liegt es an zwei deutschen Eigenheiten: erstens zu wenig Wohneigentum – und zweitens zu viel Misstrauen gegenüber renditestarken Kapitalmarktanlagen.

In Deutschland wohnen im internationalen Vergleich traditionell ungewöhnlich viele Menschen zur Miete. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) lag die Eigentumsquote 2022 bei knapp 42 Prozent der Haushalte. Das heißt im Umkehrschluss: Die klare Mehrheit lebt nicht im eigenen Haus und nicht in der eigenen Wohnung. In Großstädten ist der Abstand noch drastischer. In Hamburg liegt die Quote bei gut 20 Prozent; in Berlin sogar nur bei knapp 16 Prozent.

Ohne Wohneigentum verpasst man einen der mächtigsten Wohlstandsmotoren der vergangenen Jahrzehnte. In sehr vielen Ländern ist das Eigenheim weit mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Es ist das Sparschwein aus Stein, der Tresor der Mittelschicht, die still wachsende Vermögensreserve fürs Alter. Während Immobilienpreise in weiten Teilen Europas stark gestiegen sind, haben sich viele Millionen Deutsche dumm und dusselig gezahlt für ihre Miete.

Deshalb schneiden Länder mit hoher Eigentumsquote beim Medianvermögen oft viel besser ab. Der Median misst eben nicht das glamouröse Vermögen einiger weniger, sondern den Wohlstand der gesellschaftlichen Mitte. Wenn breite Schichten Wohneigentum besitzen, hebt das den Vermögenssockel ganzer Nationen an. Deutschland hingegen hat seine Mittelschicht über Jahrzehnte stärker im Mietmarkt gehalten als vergleichbare Länder. Das hat Vorteile bei Mobilität und – jedenfalls historisch – auch bei der Wohnraumversorgung gehabt.

Doch es hat einen Preis: Vielen Familien fehlt bis heute der wichtigste Vermögensbaustein überhaupt.

Die Angst des Deutschen vor der Aktie

Die zweite deutsche Schwäche liegt nicht im Keller, sondern im Kopf.

Es ist die fast schon kulturell verankerte Skepsis gegenüber Aktien, Fonds und anderen Kapitalmarktanlagen. Während in Ländern wie den USA oder Schweden große Teile des privaten Wohlstands in Wertpapieren stecken und auch die Altersvorsorge stark kapitalmarktbasiert organisiert ist, fürchten viele Deutsche die Börse noch immer mehr als ein Spielcasino.

Das Ergebnis ist teuer – nicht nur für einzelne Sparer, sondern für die Vermögensbildung des ganzen Landes.

Der UBS-Report zeigt, wie wichtig Finanzanlagen für den privaten Wohlstand sind. Wo Aktien, Fonds und andere Wertpapiere zur normalen Anlagekultur gehören, konnten breite Bevölkerungsschichten am Wachstum von Unternehmen, Produktivität und Weltwirtschaft teilhaben. Wo das nicht der Fall ist, bleibt das Ersparte auf dem Konto liegen – scheinbar sicher, tatsächlich aber schleichend und permanent zurückgeschnitten von der Inflation. Die Zahl auf dem Geldschein bleibt dieselbe, aber man kann halt immer weniger dafür kaufen.

Gerade in Deutschland sparen Millionen Menschen zwar fleißig – aber eben in Formen, die Vermögen allenfalls konservieren, statt es zu vermehren. Das Sparbuch mag tot sein, doch die Mentalität dahinter lebt weiter: lieber Nullrendite mit dem Gefühl von Sicherheit als Risiko, trotz Aussicht auf realen Vermögenszuwachs. Das ist psychologisch verständlich und praktisch fatal. Wer sein Geld jahrzehntelang fast nur parkt, statt es produktiv arbeiten zu lassen, baut eben kein Vermögen auf – und keinen Wohlstand.

Immobilien und Aktien sind die beiden großen Rolltreppen der Vermögensbildung. Viel zu viele Deutsche benutzen beide nicht. Sie stehen daneben und wundern sich irgendwann, warum andere nach oben fahren.

Reiches Land mit wenig reichen Bürgern

Der Unterschied zwischen der Minderheit, die einen aktiven Vermögensaufbau betreibt, und der Mehrheit wird immer größer.

Wer ein Haus besitzt oder regelmäßig in Aktien und Fonds investiert hat (oder vielleicht sogar beides), der konnte sein Vermögen in den vergangenen Jahren zum Teil erheblich steigern. Wer weder das eine noch das andere hat, dem bleiben nur Lohn und Gehalt, die kümmerliche gesetzliche Rente und entwertete Bankguthaben.

So erklärt sich auch die eigentümliche deutsche Kombination aus recht vielen Millionären und einer vergleichsweise schwachen Mitte. Deutschland zählt laut UBS rund 2,648 Millionen Dollar-Millionäre und liegt damit international auf Platz vier. Aber der Normalbürger bleibt vergleichsweise vermögensarm.

Daraus kann man eine große Erzählung der kapitalistischen Ungerechtigkeit machen, und das tun fast alle politischen Parteien bei uns ja auch. Man kann es allerdings auch ganz anders sehen: Die Deutschen sind stark im Einkommenserwerb, aber schwach in der Vermögensbildung. Und der Staat hilft dabei kein bisschen. Weder unterstützt er die Menschen beim Erwerb von Wohneigentum, noch fördert er ernsthaft die private Kapitalanlage und Vermögensbildung.

Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie mal in die Schweiz oder in die USA.

Es ist schon richtig, dass sich bei der Altersvorsorge etwas bewegt. Wenn mit Kapitalrente und Altersvorsorgedepot mehr Menschen Zugang zu langfristigem Vermögensaufbau über den Kapitalmarkt bekommen, ist das mehr als eine technische Reform. Es ist der überfällige Versuch, ein deutsches Grundproblem anzugehen. Vermögen in der Breite entsteht nicht dadurch, dass man Reichtum oben abschöpft. Vermögen in der Breite entsteht, wenn breite Schichten an Sachwerten und Produktivkapital teilhaben.

Die kümmerlichen 47.000 Euro Medianvermögen zeigen, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu viele Menschen vom Eigentum fernhält – vom gemauerten ebenso wie vom börsennotierten.

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Kommentare ( 3 )

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Dirk Plotz
13 Minuten her

Ein typischer Dummschwätzartikel, der die Schuld der Armut der Sklaven auf deren falsche Investitionsentscheidungen zurückzuführen sucht. Nochmal für die bekloppten Wirtschaftsjournalist*innenden: Wenn ihnen jemand weit über 75% von ihren erwirtschafteten für Steuern und Abgaben klaut, bei jeder Transaktion ein Fünftel für sich beansprucht, selbst das Flaschensammeln aus Müllcontainern als zu versteuerndes Einkommen deklariert, Verbrauchsgüter, besonders Energie und Kraftstoffe massiv mit staatlichen Abgaben belastet dann ist da nichts mit Vermögensaufbau. Wenn sie jeden Monat nur einen Minimalbetrag haben, dann fragen Sie sich auch 3 Mal, ob Sie mit diesem in irgendwelche Aktien investieren oder eben das zweite Haus kaufen. Wenn ich… Mehr

Haba Orwell
17 Minuten her

> Für die immer noch viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist das ein erstaunlich magerer Befund.

Gemeint Russland? Die Rangliste nach Kaufkraft ist aktuell:
China
USA
Indien
Russland
Japan
Schland

Zählen goldene Klos in Kiew und Drohnen für Neonazis zum Vermögen, wenn sie den Michel glücklich machen? Andere Völker möchten lieber selbst etwas besitzen.

Koeki171
20 Minuten her

Sehe ich ganz anders. Im Bekanntenkreis gibt es zwei Bauheeren. In WI kostet das Haus ohne Grundstück ca. 800.000€, in Mittelhessen ca. 650.000€ mit Grundstück. Und die klagen über die ganzen oft völlig unsinnigen Vorschriften, die das Bauen ständig verteuern. Hauptkostentreiber sind Staat und Versorgungsunternehmen. Die haben das Monopol. Hinsichtlich Geldanlage ist Fakt, daß der Staat beim Verkauf von Wertpapieren mit 25+% der Erträge raubt. Ich habe gespart, kann aber nicht verkaufen, weil der Staat vierstellig beteiligt ist. Diese Abzocke ist auch bei der LV des AG für den AN erfolgt. Und Haus statt Miete, Miete war die richtige Entscheidung,… Mehr