Greenpeace-Aktionen: Aus Verzweiflung immer lächerlicher

Weil die Politik kein Tempolimit beschließt, spielt eine Organisation, die behauptet, sie würde sich für den Umweltschutz einsetzen, kurzerhand Gesetzgeber. Die Symbolaktion an Autobahngrenzen offenbart vor allem die Verzweiflung einer NGO auf Aufmerksamkeitssuche.

picture alliance/dpa | Benjamin Westhoff

Die etwas aus der Mode gekommene und deshalb verzweifelt um Aufmerksamkeit ringende Organisation Greenpeace hat an sämtlichen 26 Autobahn-Grenzübergängen Deutschlands die Beschilderung manipuliert, um ein generelles Tempolimit von 100 km/h zu propagieren. Auf der A4 bei Aachen überklebten Aktivisten die bislang empfohlene Richtgeschwindigkeit von 130 km/h mit einer großen „100“. Nach Angaben der Organisation geschah dies zeitgleich an allen Autobahn-Grenzübergängen.

Die Bundesregierung verweigere aus Sicht der Organisation eine „kostenlose supereffektive Maßnahme“ für Klimaschutz, Spritsparen und Verkehrssicherheit. So die etwas schlichte Mitteilung der Organisation. Deshalb hätten die Aktivisten „Tempo 100 eingeführt“, sagt ihre “Mobilitätsexpertin” Marissa Reiserer.

Begründet wird die Aktion außerdem mit dem Ziel, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Die Organisation kritisiert dabei staatliche Maßnahmen wie den Tankrabatt als „fossile Scheinlösungen“, die Probleme nur aufschöben.

 

Auf Autobahnen liegt die durchschnittliche Geschwindigkeit bei lediglich 113,5 km/h, bei flüssigem Verkehr bei rund 118 km/h. Knapp 83 Prozent der Pkw bleiben unter der Richtgeschwindigkeit von 130 km/h, nur etwa 1 Prozent fährt schneller als 160 km/h. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt sogar – vor allem wegen dichterem Verkehr, Baustellen und Sanierungsmaßnahmen.

Zugleich sind Autobahnen die sichersten Straßen Deutschlands. Statistisch kommen dort 1,4 Menschen pro Milliarde Fahrzeugkilometer ums Leben, auf außerörtlichen Bundesstraßen dagegen 5,0. Damit sind Autobahnen etwa dreieinhalbmal sicherer. Zudem ist die Zahl der tödlich Verunglückten auf Autobahnen zwischen 2000 und 2020 um fast zwei Drittel zurückgegangen; allein 2020 sank sie nochmals um rund 10 Prozent. Als wesentlicher Grund werden moderne Fahrerassistenzsysteme genannt.

Auch die Behauptung, unbegrenzte Autobahnabschnitte seien besonders gefährlich, findet in den genannten Zahlen keine Bestätigung. Rund 68 Prozent der Unfälle mit Personenschaden ereignen sich auf Abschnitten ohne Tempolimit. Diese machen allerdings auch rund 70 Prozent des Autobahnnetzes außerhalb von Baustellen aus. Eine überproportionale Unfallhäufung lässt sich daraus nicht ableiten.

Im internationalen Vergleich zeigt sich ebenfalls kein erkennbarer Zusammenhang zwischen Tempolimit und Verkehrssicherheit. Deutschland verzeichnete 2018 auf Autobahnen etwa 1,7 Verkehrstote pro Milliarde Fahrzeugkilometer, während Länder mit Tempolimit wie Frankreich, Belgien, Polen oder Italien Werte zwischen 2,2 und 3,9 aufwiesen.

Die Erwartungen an ein generelles Tempolimit beim Klimaschutz fallen laut den genannten Zahlen ebenfalls bescheiden aus. Tempo 120 würde die CO₂-Emissionen des Straßenverkehrs um etwa 2 Millionen Tonnen pro Jahr senken – rund 1,4 Prozent der Verkehrsemissionen beziehungsweise 0,27 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen. Bei Tempo 130 wäre der Effekt noch geringer.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft beziffert die Vermeidungskosten auf 716 Euro pro Tonne CO₂ bei Tempo 130 und 1.382 Euro bei Tempo 100. Aufgrund dieser hohen Wohlfahrtsverluste lehnt das Institut ein generelles Tempolimit als Klimaschutzinstrument ab und empfiehlt stattdessen CO₂-Bepreisung sowie situationsabhängige Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Auch bei Lärm und Staus werden die Erwartungen gedämpft. Auf über 95 Prozent der Autobahnabschnitte liegt der Schwerverkehrsanteil bei mindestens 10 Prozent, sodass Pkw-Geräusche laut den genannten Angaben kaum noch ins Gewicht fallen. Ein Großversuch auf der A45 mit Tempo 100 kam zu dem Ergebnis, dass ein Tempolimit keine wesentliche Änderung der Schallemissionen bewirkte.

Staus wiederum entstehen überwiegend durch Baustellen, unzureichende Kapazitäten und Unfälle – nicht durch hohe Geschwindigkeiten. Bei Überlastung liegen die tatsächlichen Fahrgeschwindigkeiten ohnehin meist deutlich unter 120 oder 130 km/h.

Dass Greenpeace derartige Aktionen durchführt, ist durchaus nachvollziehbar, schließlich buhlen viele Organisationen um Aufmerksamkeit. Allerdings ist zu vermuten, dass infantile Aktionen dieser Art nicht den gewünschten Effekt haben, sondern die gegenteilige Wirkung hervorrufen: Angesichts immer lächerlicherer Aktionen wird die Toleranz gegenüber NGOs, die mit Angst und Panik ihr Geschäft machen, weiter sinken.

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