Der Essener Großbrand und die Rolle der Fassadendämmung

Das Feuer in dem Essener Wohnungskomplex breitete sich rasend schnell aus. Das könnte möglicherweise auch an den Materialien liegen, mit denen Fassaden von Wohnhäusern nach dem Willen der Politik immer öfter wärmegedämmt werden.

IMAGO / Reichwein
Ein Mehrfamilienhaus mit fast 50 Wohneinheiten an der Bargmannstraße in Essen steht im kompletten Vollbrand, 21.02.2022

Nachts um 2:15 Uhr wurde bei der Feuerwehr Essen Alarm ausgelöst. 150 Feuerwehrleute rasten in das Essener Univiertel, dort in die Bargmannstraße und versuchten zu retten, was zu retten wäre. Doch da war nichts mehr zu retten, das Gebäude stand in hellen Flammen. Die breiteten sich dermaßen schnell über die gesamte Fassade aus, dass sogar gestandene Feuerwehrleute sprachlos waren: »Wir konnten es uns nicht vorstellen, dass sich das Feuer so rasend schnell ausbreitete«, so der Sprecher der Feuerwehr Essen zu Bild. »Selbst wenn man es gesehen hat, konnte man es nicht glauben.«

Das Feuer brach ersten Erkenntnissen zufolge offenbar auf einem Balkon aus. Schnell stand das komplette Gebäude im Essener Westviertel mit über 40 Wohnungen in Flammen.

Erst gegen 9:00 Uhr gelang es der Feuerwehr, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Jetzt gilt der Wohnkomplex als einsturzgefährdet. Die Wärmestrahlung war so groß, dass sogar an Gebäuden, die 15 Meter entfernt stehen, Rollläden schmolzen und Scheiben zerbarsten.

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Glück im Unglück hatten die 128 Bewohner. Trotz des Flammeninfernos gab es nur drei Verletzte, die mit Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht wurden. Die Feuerwehr führt dies darauf zurück, dass in dem Gebäude Rauchmelder installiert waren. Die schlugen rechtzeitig Alarm, so dass die Bewohner noch flüchten konnten. Viele klingelten und klopften Polizei- und Feuerwehrleute aus ihren Betten. Die meisten mussten ihr Hab und Gut in den brennenden Wohnungen lassen und konnten nur ihr nacktes Leben retten. 

Die Essener Wohnbaufirma Vivawest Wohnen GmbH – einer der großen Wohnungsanbieter in Nordrhein-Westfalen mit der RAG-Stiftung als größtem und der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie als zweitgrößtem Anteilseigner – sagte den Mietern Hilfe zu und will sie auf Firmenkosten erstmal in Hotels unterbringen. Uwe Eichner, Vorsitzender der Geschäftsführung: »Wir sind tief betroffen und wünschen den verletzten Mietern baldige Genesung.«

Verblüfft waren die Feuerwehrleute über das Ausmaß des Brandes. Sie kennen Wohnungsbrände, bei denen mehrere ein oder mehrere neben oder übereinanderliegende Wohnungen brennen, aber selten, dass sich die Flammen über die gesamte Fassade eines 60 Meter langen, L-förmigen Wohnblocks lichterloh ausbreiten. Üblicherweise sind solche Gebäude in Brandabschnitte aufgeteilt, die ein Übergreifen der Flammen verhindern oder erschweren sollen. Sachverständige müssen jetzt untersuchen, warum dies in diesem erst sechs Jahre alten Gebäude nicht geschah.

Mit zu dem Inferno beigetragen haben jedenfalls sehr starke Windböen des jüngsten Orkans, die die Flammen zusätzlich anfeuerten. Auf Filmaufnahmen zu sehen ist, wie teilweise sogar die kräftigen Wasserstrahlen aus den Strahlrohren der Feuerwehr zur Seite geweht wurden.

Untersuchen müssen die Sachverständigen ebenfalls, wie weit die Fassadendämmungen dem Feuer erst die richtige Nahrung geliefert haben. Schon lange sehen Brandsachverständige jene Fassadendämmungen sehr kritisch, mit denen alle neuen Häuser neuerdings aus politischen Gründen gedämmt werden müssen. Vor allem Dämmplatten aus Styropor bilden eine außerordentlich hohe Brandlast und können, einmal in Brand geraten, kaum mehr gelöscht werden. Immerhin sind in einem Kubikmeter etwa zwei Liter Öl enthalten.

Das brennt wie Zunder. Beispiele zeigen, wie schnell Fassaden selbst von Hochhäusern in Flammen stehen. So stand der Grenfell-Tower in London sehr schnell in Flammen, als der Dämmstoff an der Fassade wie Zunder brannte. 

Diese Dämmungen sollen nach ständig erneuerten Bauvorschriften immer dicker werden, obwohl dies auch aus Wärmedämmgründen sinnlos ist. Über eine gewisse Dicke hinaus nutzt sie nichts mehr. Genau betrachtet ist sie vermutlich sogar sinnlos, wie nicht nur der verstorbene Bauingenieur und Dämmkritiker, Konrad Fischer, immer wieder herausstellte: »Wärmedämmung macht keinen Sinn.« Sinn werde nur durch einen Rechenfehler hineingerechnet. Denn für die offizielle Berechnung der Effizienz einer Wärmedämmung gibt es eine Rechenanweisung, die verbindlich angewendet werden muss. Diese Formel für den Wärmeschutznachweis hat das Fraunhofer-Institut für Bauphysik im Auftrag der Bundesregierung erstellt und dabei den Einfluss der Sonneneinstrahlung »vergessen«.

Eine Folge des Dämmwahns: Allein in NRW habe es mehrere Brände ähnlicher Art gegeben, bei denen auch Tote zu beklagen waren, so Christoph Schöneborn, Landesgeschäftsführer des Feuerwehr-Verbands NRW. Er sagte der Funke-Mediengruppe: »Wir sorgen uns seit Jahren um das Brandgeschehen solcher Fassaden.« Auch NRW-Innenminister Herbert Reul vermutete auf die Frage, ob Dämmstoffe das Feuer begünstigt haben könnten, sagte: »Ich bin ja kein Fachmann, deswegen halte ich mich da zurück, aber ich denke so ähnlich wie Sie.«

Die Außenwände des Hauses in Essen seien überwiegend mit Mineralfaserplatten gedämmt worden, betonte ein Sprecher der Wohnungsbaufirma Vivawest Wohnen GmbH. Die gelten als schwerer entflammbar, doch unbrennbar sind auch sie nicht. Es kommt auf die Temperatur an. Wie weit auch zusätzlich Styropormaterialien verwendet wurden, müssen die Untersuchungen ergeben.

Die Essener Feuerwehr teilte jedenfalls am Mittag mit: »Das im Viertelkreis errichtete Gebäude (Fassadenlänge innen etwa 65 Meter) mit viereinhalb Geschossen ist mit einer Wärmedämmverbundfassade ausgestattet. Die Balkone haben eine vorgehängte Kunststoffbekleidung und ebensolche Abtrennungen untereinander. Das Feuer lief, durch den Wind beschleunigt, an der Fassade hoch und zur linken Seite weg, drang über geborstene Fensterscheiben in die Wohnungen ein, zerstörte dort alles und ließ auf der Außenfassade ebenfalls Scheiben bersten.« Es war so heftig, dass außen eine Stahltür geschmolzen ist, auch Treppenhäuser sind nicht mehr zu betreten.

Andere Anwohner des Essener Eltingviertels sind jetzt verunsichert. Dort hat es allein in jüngster Zeit dreimal gebrannt. Zuerst standen Müllcontainer in Flammen, dann eine Hausfassade. In der Nacht zum vergangenen Donnerstag brannte wieder ein Müllcontainer im Durchgang zu einem Hof, daraufhin schlugen Flammen an der Fassade hoch. Zeugen hätten laut Polizei einen Verdächtigen beobachtet, sie ermittelt wegen Brandstiftung.

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Kommentare ( 74 )

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74 Comments
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Lore Kokos
7 Monate her

Die Eigentümerin hat mittlerweile gemeldet, dass der Gebäudekomplex abgerissen wird.

A rose is a rose...
7 Monate her

Immer erst mal überlegen, wie in einem modernen Wohnhaus bei normalem Wohnverhalten erst mal überhaupt so ein großes Feuer entstehen konnte. Ich hätte viel mehr Bedenken was die e-Autos in der Tiefgarage betrifft. Und da nützt alle Vorsicht nichts.

A rose is a rose...
7 Monate her

So leicht wie hier dargestellt brennen auch moderne Hausfassaden nicht. Und bei einem modernen Haus kommt defekte Elektrik wohl auch eher nicht als Brandursache in Frage. Wahrscheinlicher ist menschliche Dummheit, wie z B das Grillen auf einem Balkon unter Verwendung eines Brandbeschleunigers (wer will denn auch warten?).

TH-Kartoffel
7 Monate her
Antworten an  A rose is a rose...

Daß im Februar, in der Nacht um 2Uhr bei Sturm und Regen jemand grillt, halte ich doch eher für unwahrscheinlich. Mein heißer Favorit ist ja folgendes Szenario: Ein Lithium-Akku z.B. eines E-Bikes, der sich zum Laden auf dem Balkon befand hatte infolge eingedrungenen Regenwassers einen Kurzschluß und begann zu brennen.

mlw_reloaded
7 Monate her

»Wärmedämmung macht keinen Sinn.« … A priori?? Steile These. Wer in seinem Leben selbst schon einmal winters wie sommers in einem UNgedämmten und einem (auch nur leicht) gedämmten Gebäude wohnen&heizen durfte, gerne im DG, wird vehement widersprechen. Komplett ungedämmte Wände, alte zugige Fenster und nackte Dachböden sind physikalischer Irrsinn und werden nicht ohne Grund aus Eigeninteresse spätestens bei Eigentümerwechsel saniert.

A rose is a rose...
7 Monate her
Antworten an  mlw_reloaded

Dem kann ich nur zustimmen. Zudem sind wir sicher mit den Skandinaviern Marktführer in Sachen Gebäudedämmung, was ein Blick in andere erste Welt Länder deutlich zeigt. Aber wie üblich reicht das ja alles noch nicht aus, gell, Herr Dr Habeck?

TH-Kartoffel
7 Monate her
Antworten an  mlw_reloaded

Manchmal frage ich mich, wie Menschen jahrhundertelang in ihren ungedämmten Häusern überhaupt überleben konnten. Und das waren Zeiten, da gab es keine schneefreien Winter.
Das Dachgeschoß diente früher zum Wäschetrocknen und wenn es doch als Wohnraum genutzt wurde, dann wohnte dort das Dienstmädchen oder die Zugehfrau. Wegen dem schlechten Raumklima waren es eben auch der unbeliebteste und deswegen billigste Wohnraum.
Genau wie die Pharmaindustrie hat auch die Dämmstoffindustrie ihre Lobby und ihre Propagandamaschinerie. Wer macht denn eigentlich Bauen, Wohnen und Heizen teuer? Einfach mal die Kostenstrukturen analysieren!

Robert Tiel
7 Monate her
Antworten an  mlw_reloaded

Dachböden dienten einstmals als klimatische Puffer für die darunter liegende Wohnung und waren leer und nicht ausgebaut.
Im Zuge der Wohnraumschaffung ging man dazu über, daraus Wohnraum zu machen. Ganz Pfiffige verzichteten dabei auf die notwendigen Dämmmaßnahmen. Im Übrigen gelten zugige Fenster nicht als üblicher Standard.

egal1966
7 Monate her
Antworten an  mlw_reloaded

Nun, es ist wohl eher gemeint, so habe ich die Aussage verstanden, daß eine Wärmedämmung über einen gewissen Maß hinaus, nicht mehr wirklich sinnvoll ist.

Also „Dämmen bis der Arzt kommt“ und die Dicke der Dämmmaterialen immer höher zu setzen, denn „viel hilft viel“, ist nicht nur völlig sinnlos, sondern auch ökologisch und von wirtschaftlichen Aspekt gesehen völlig unsinnig.

Wenn sie also recht haben und jeder Eigentümer hat selber ein Interesse in einer warmen Bude zu sitzen und die Kosten gering zu halten, was bedarf es da wieder einen staatlichen Eingriff und Bevormundung…?

jopa
7 Monate her

Das Brennen muß per Gesetz dem Dämmstoff verboten werden und den Flammen das Übergreifen auf die Wohnungen! Was da an CO2 produziert wurde! Wie lange hätten die Mieter da ohne Dämmung heizen können bis die gleiche Menge CO2 entstanden wäre? Und wenn sich die Dämmung und die Flammen nicht daran halten, bestraft dieNatur, ihren Schöpfer oder dessen Vertreter auf Erden.Liebe Grüne, da ist ein weites Feld gesetzgeberisch zu beackern.

AZ
7 Monate her

Auch wenn es die meisten hier nicht hören, bzw. lesen wollen:
Beim Grenfell Tower war die Dämmung nicht schuld.
„Es muss daher an dieser Stelle betont werden, dass die Wärmedämmung aus Polyiso­cy­anu­rat gar nicht das ausschlaggebende Element war, sondern viel­mehr die ACP-Paneele.“ 
Quelle: https://www.brohlburg.de/newsmodul/pdf/1540366746-PMGrenfellTowerBerichtKommission.pdf
Noch zu erwähnen: Mineralfaserdämmstoffe haben die Brandschutzklasse A1 (nicht brennbar).

Robert Tiel
7 Monate her

GmbH. Nun weiß man, mit wieviel diese Firma selber haften müsste.
Die wird zur Not platt gemacht und entsteht als Vivaost neu.

Robert Tiel
7 Monate her

Die Vivawest errichtet gerade in einem anderen Bezirk einen Riesenkomplex mit bis zu 7 Stockwerken in mehreren, sich sehr nahe stehenden Blöcken mit ca 160 Wohneinheiten. Darunter kommt eine Tiefgarage mit Lademöglichkeiten für e.Autos.
Zum Glück liegt die Feuerwehr direkt daneben …

Guzzi_Cali_2
7 Monate her

Da bin ich froh, in einem von einem österreichischen Architekten konzipierten Haus zu wohnen, das aus einer Holzständerkonstruktion mit INNENliegender Dämmung besteht. Sollte es brennen wollen, so kann es innen durch Rigips-Verkleidung nicht an die Dämmung aus Steinwolle ran, außen ist abgelagertes Holz mit einer unbrennbaren Dampfsperre aufgebracht – das schwelt allenfalls.

Robert Tiel
7 Monate her
Antworten an  Guzzi_Cali_2

Wen interessierts?
Notre Dame bestand aus jahrhundertelang abgelagertem Holz. Dennoch wurde ein „Unfall bei Bauarbeiten“ angenommen und sie brannte lichterloh ab?

Ingolf
7 Monate her

Uns wurde vor einigen Jahren, Dank EnEV, eine Dämmung anstatt einer „normalen“ Fassadensanierung aufgenötigt. War schon mal eine deutliche Verteuerung der Sanierung. Aufgrund diverser Berichte, schon damals, hatten wir uns als Miteigentümer gegen eine Dämmung mit Styropor ausgesprochen (die anderen Miteigentümer sind Vermieter und nicht Selbstnutzer, denen war es ziemlich egal). Daher erfolgte die Dämmung mit Mineralfaserplatten, laut „Fachfirma“ absolut sicher (und noch mal ein zusätzlicher Kostenaufschlag). Wenn ich nun lese, dass beim hier beschriebenen Brand überwiegend Mineralfaserplatten zum Einsatz kamen, dann finde ich es toll, sich der Expertise von „Fachfirmen“ vertrauen zu können. Und über starke Winde, die hier… Mehr

alter weisser Mann
7 Monate her
Antworten an  Ingolf

Die Mineralfaserplatten haben auch nicht gebrannt, egal was Sie nun glauben.

Robert Tiel
7 Monate her
Antworten an  alter weisser Mann

Stimmt wohl. Gebrannt haben vor allem die Balkonverkleidung und die Balkonböden, vermutlich aus Kunststoff. Auch den Dämmputz mit drunterliegender Folie hat es wohl erwischt.
Und während die Häuser voreinander wohl abgeschottet waren, haben die langen Balkone sie wieder miteinander verbunden.
Dazu der sehr starke Wind.
Fehlt noch der Auslöser.