Die wirksame Kontrolle der Landesgrenzen wurde politisch lange als nicht durchsetzbar dargestellt. Im Landesinnern dagegen entstehen immer häufiger Kontrollzonen: In Düsseldorf sperrten 200 Polizisten nun die Zugänge zur Altstadt zeitweise ab und kontrollierten mehr als 10.000 Menschen auf Messer und andere Waffen.
picture alliance/dpa | Christoph Reichwein
Wer am Freitagabend in der Düsseldorfer Altstadt ein Bier trinken wollte, musste zunächst an der Polizei vorbei. Rund 200 Beamte riegelten die Zugänge zur „längsten Theke der Welt“ ab und kontrollierten bis in den frühen Morgen mehr als 10.000 Menschen. Besucher wurden angesprochen und abgetastet, ihre Taschen durchsucht. In Verdachtsfällen ging es zur genaueren Kontrolle in eigens aufgestellte Zelte. Am Zugang Heinrich-Heine-Straße bildeten sich lange Schlangen; über Megafon wurden die Wartenden angewiesen, nicht zu drängeln und den Anordnungen der Polizei zu folgen.
Bis 21 Uhr hatten die Einsatzkräfte bereits 4.000 Menschen überprüft. Insgesamt stellten sie sieben Messer sicher, außerdem zwei Schlagringe, einen Schlagstock und zwei Dosen Pfefferspray. Ein englischer Fußballfan wurde festgenommen, nachdem er Polizisten angreifen wollte. Daneben kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen einem 15-Jährigen und einer Frau.
NRW-Innenminister Herbert Reul begleitete die Razzia für PR-Stunt „Harter Typ, der durchgreift“ persönlich. Die Polizisten müssten „dranbleiben, sonst lernen die Menschen es nicht“, erklärte der CDU-Politiker. Die sieben gefundenen Messer hätten ebenso viele Verletzte oder Schlimmeres bedeuten können. Einsatzleiter Robin Schmidt zog eine ähnlich schlichte Bilanz: Jede Waffe, die nicht in die Altstadt gelange, mache das Feiern sicherer.
Die Düsseldorfer Polizei bezeichnet die Altstadt seit Jahren als „besonders einsatzbelasteten Problembereich“. Allein 2025 wurden auf der Feiermeile 1.114 Körperverletzungen registriert. Hinzu kamen 93 Raubüberfälle. Die Statistik weist außerdem 144 Sexualdelikte und 71 Straftaten aus, bei denen eine Waffe eingesetzt wurde. Seit Ende 2021 gilt in der Düsseldorfer Altstadt freitags und samstags ab 18 Uhr eine Waffenverbotszone. Französische Megastars wie Khaby Lamé haben bereits gezeigt, wie das Ausland darüber denkt (zum Video geht’s beim Klick auf das Bild).
Die Polizei darf dort dann verdachtsunabhängig kontrollieren. Regelmäßig treffen auf engem Raum stark alkoholisierte Feiernde, Fußballfans und Angehörige von Rockergruppen aufeinander. Schon ein kleiner Streit könne sich rasch zu einer größeren Auseinandersetzung entwickeln, so die Polizei. Die Polizei tut an diesem Abend, was inzwischen nötig geworden ist. Sie durchsucht zehntausend Menschen, um sieben Messer aus dem Verkehr zu ziehen. Sie sperrt Straßen und errichtet Kontrollzelte, damit Bürger einige Stunden lang mit einem besseren Gefühl in eine Kneipe gehen können. Der Umfang dieses Einsatzes ist zugleich die sichtbare Bilanz einer Politik, die den öffentlichen Raum immer weiter aus der Hand gegeben hat.
Über Jahre galt die wirksame Kontrolle der Landesgrenzen als moralisch verdächtig. Als unmöglich sogar. Zurückweisungen wurden bekämpft, Abschiebungen verschleppt und Forderungen nach Begrenzung als Zumutung behandelt. Nun findet die Grenzkontrolle eben immer öfter im Landesinnern statt, wo die Politik den Bürgern nach Anschlägen mittlerweile sagt: ist halt Pech, kann man nie ganz verhindern. Gehen Sie weiter.
Die jüngste temporäre Grenze im Innern verläuft durch die Düsseldorfer Altstadt. Um Veranstaltungsplätze. Um Freibäder. An Einfahrten zu Fußgängerzonen in Innenstädten. Der Staat verzichtete darauf, rechtzeitig zu kontrollieren, wer ins Land kommt. Dafür kontrolliert er nun, was jeder Bürger in seiner Jackentasche trägt.
Messerverbotszonen breiten sich allüberall in den Bundesländern aus. In Nordrhein-Westfalen bestehen sie neben Düsseldorf unter anderem in Duisburg, Bielefeld und Bonn. Weitere wurden in Hamm und Münster eingerichtet. Die Schilder sollen Menschen vom Mitführen einer Waffe abhalten – als würden diejenigen, die bereit sind, bei einem Streit zuzustechen, zuvor gewissenhaft die örtliche Verbotsverordnung studieren. Wirksam wird das Verbot erst durch Polizeiketten und massenhafte Durchsuchungen.
Seit der Verschärfung des Waffenrechts gilt ein Messerverbot zudem grundsätzlich bei öffentlichen Veranstaltungen und im öffentlichen Personenverkehr. Erfasst werden damit Volksfeste, Sportveranstaltungen und Märkte. Der Gesetzgeber reagiert auf die Messergewalt, indem er immer größere Teile des Alltags zu Sonderzonen erklärt, in denen zusätzliche Verbote gelten und verdachtsunabhängige Kontrollen möglich werden. So richtig hilft das natürlich auch nicht, wie alleine die letzten vier Wochen eindringlich belegen. Man kann nicht von der Haustüre bis zum Arbeitsplatz Sicherheitssperren durchziehen.
Auch die Bahnhöfe werden zu regulierten Sicherheitsräumen. An den Hauptbahnhöfen von Düsseldorf, Köln und weiteren nordrhein-westfälischen Großstädten gilt bereits ein Alkoholkonsumverbot. Bis zum 15. Oktober 2026 will die Deutsche Bahn es schrittweise auf sämtliche 5.400 Bahnhöfe ausweiten. Wer außerhalb der Gastronomie Alkohol trinkt, muss mit einem Platzverweis rechnen. Wiederholungstätern droht ein Hausverbot. Kontrollieren sollen Sicherheitsdienste und Bundespolizei.
Besonders sichtbar wird das neue Deutschland auf den Weihnachtsmärkten und anderen Stadt- und Volksfesten. Betonblöcke und schwere Metallsperren sichern die Zufahrten. Dazu kommen Polizeistreifen, Videoüberwachung und Taschenkontrollen. Seit 2024 gilt dort bundesweit ein striktes Messerverbot. Kleinere Veranstalter geraten durch die Kosten der Sicherheitskonzepte inzwischen unter Druck. Manche Märkte wurden abgesagt, weil sich Städte oder Betreiber den Schutz ihrer Besucher nicht mehr leisten konnten.
Aus dem einstmals unbeschwerten öffentlichen Raum wird ein kontrollierter Veranstaltungsbereich, dessen Sicherheit für einige Stunden mit großem Personalaufwand hergestellt werden muss. Die unmittelbaren Folgen trägt der unbescholtene Bürger. Er wartet in der Schlange, muss sich durchleuchten lassen wie ein Schwerkrimineller und abtasten lassen. Er feiert wenn überhaupt noch hinter Betonbarrieren und wird am Bahnhof des Platzes verwiesen, sobald er die falsche Flasche öffnet. Die Politik nennt das Sicherheitsgewinn. Tatsächlich verwaltet sie damit die Folgen des Kontrollverlusts.
Herbert Reul sagt, die Menschen müssten lernen, kein Messer mit in die Altstadt zu nehmen. Ok, geistig notiert. Wird diejenigen, die zustechen allerdings weiterhin auch nur sehr wenig interessieren. Und warum auch? Welche Strafen folgen denn genau? Gibt es außer dem Aufnehmen der Personalien und 30 mal Dududu denn ernsthafte harte Konsequenzen und Durchgriff?
Die allermeisten der 10.000 Kontrollierten mussten diese Lektion auch nicht lernen. Sie hatten kein Messer dabei und wollten niemanden angreifen. Trotzdem wurden sie durchsucht, weil der Staat seine Grenzen nicht geschützt hat, nicht abschiebt oder viel zu selten einsperrt, von denen die Gefahr ausgeht.
— Das Hutzel 🇩🇪 (@das_hutzel) August 1, 2026



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