Bundeswehr per Marschbefehl nach Litauen

Die Bundeswehr verabschiedet sich von einem zentralen Versprechen beim Aufbau der sogenannten Litauen-Brigade. Das Prestigeprojekt sollte nur mit Freiwilligen betrieben werden. Der Ansatz ist gescheitert.

IMAGO / Anadolu Agency
Panzerbrigade 45 Litauen, Vilnius, 22.05.2025

Die dauerhafte Stationierung einer deutschen Panzerbrigade im Baltikum ist das Leuchtturmprojekt der sogenannten Zeitenwende. Verteidigungsminister Boris Pistorius von der SPD hat die „Brigade 45“ zu einem seiner wichtigsten Vorhaben gemacht.

Und die Botschaft hätte klarer nicht sein können: Wer nach Litauen geht, geht freiwillig.

Doch leider, leider passen die Wünsche unserer Berufspolitiker oft nicht zur Wirklichkeit. Die Personaldecke reicht nicht aus, um das Vorhaben allein mit Freiwilligen zu stemmen. Und so gibt Pistorius nun den Friedrich Merz: Er bricht sein Versprechen.

Denn die NATO macht Druck. Hinter den Kulissen wurde den Deutschen zuletzt immer unverblümter klargemacht, dass sie die Vorgaben des Militärbündnisses zu erfüllen haben – und zwar auch dann, wenn dafür Soldaten gegen ihren Willen an die Ostflanke geschickt werden müssen.

Heeresinspekteur und Pistorius-Spezi Christian Freuding macht inzwischen keinen Hehl mehr daraus, dass die Bundeswehr ihre bisherige Linie aufgibt. Zwar bleibe Freiwilligkeit weiterhin das „leitende Prinzip“, lässt er in der typischen Sprache aus der PR-Hölle wissen. Doch dort, wo das nicht ausreiche, werde man künftig auch zu „verpflichtenden Personalmaßnahmen“ greifen.

Einfacher: Marschbefehl nach Osten.

Auch das Verteidigungsministerium rückt von seinen früheren Versprechen ab. Ein Sprecher preist die „Attraktivitätsoffensive“ für den Standort Litauen an. Doch auch er stellt klar, dass die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte im Zweifel wichtiger ist als die Freiwilligkeit einzelner Soldaten.

Für die Bundeswehr ist das ein radikaler Kurswechsel. Noch vor wenigen Jahren wäre eine dauerhafte Verlegung von Soldaten ins Ausland gegen deren ausdrücklichen Willen politisch undenkbar gewesen. Heute wird sie quasi im Vorübergehen als selbstverständlicher und notwendiger Schritt zur Erfüllung internationaler Verpflichtungen dargestellt.

Weit hinter der Planung

Der Hintergrund ist offensichtlich: Die Brigade wächst langsamer als erhofft.

Derzeit sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums etwa 1.800 Bundeswehrangehörige in Litauen stationiert. Bis Ende 2027 soll daraus ein Großverband mit mehr als 4.800 Soldaten und etwa 200 zivilen Mitarbeitern werden. Die Truppe müsste also fast dreimal größer sein, als sie heute ist. Um das höchst ambitionierte Ziel zu erreichen, sollen künftig ganze Bataillone aus Deutschland ins Baltikum verlegt werden.

Wie viele Soldaten sich bislang tatsächlich freiwillig gemeldet haben, verrät das Ministerium allerdings nicht. Statt konkreter Zahlen gibt es lediglich die Versicherung, der Aufbau verlaufe planmäßig und die Zielgröße werde erreicht. Das klingt wie die Durchsagen der Deutschen Bahn. Dort hören die wartenden Passagiere auf dem Bahnsteig auch dauernd, dass alles nach Plan läuft – während der Zug schon längst ordentlich Verspätung hat.

Ministerium hat sich verrechnet

Zusätzlichen Unmut erzeugt ausgerechnet ein Thema, mit dem die Bundeswehr den Dienst in Litauen eigentlich schmackhaft machen wollte: das Geld. Denn, Überraschung: Bei den Auslandszulagen hat sich die Bürokratie massiv verkalkuliert.

Das Verteidigungsministerium räumt nun ein, dass die Zuschläge für mehrere Standorte in Litauen aufgrund eines Berechnungsfehlers zu hoch angesetzt wurden. Betroffene Soldaten haben also mit finanziellen Leistungen gerechnet, die nun gar nicht kommen – weil Beamte keinen Taschenrechner bedienen können.

Natürlich wird der Irrtum zu Ungunsten der Soldaten korrigiert. Mit der turnusmäßigen Anpassung zum 1. Juli fallen die betreffenden Zulagen geringer aus. Die Verantwortung für die Einstufung liegt offiziell beim Auswärtigen Amt. Das Verteidigungsministerium bemüht sich inzwischen um Schadensbegrenzung und prüft Möglichkeiten, die finanziellen Folgen für die Betroffenen abzufedern.

Für Soldaten ist das ein katastrophales Signal. Einerseits wird der Druck erhöht, Dienstposten in Litauen zu besetzen. Andererseits werden finanzielle Anreize nach unten korrigiert. Die politische Führung spricht von erhöhter Attraktivität. Praktisch kommen dann Versetzungsbefehle und gekürzte Zulagen.

Dabei geht es längst um mehr als nur um eine einzelne Brigade. Die Litauen-Mission ist zum Symbolprojekt der deutschen Sicherheitspolitik geworden. Berlin will demonstrieren, dass Deutschland bereit ist, dauerhaft Verantwortung an der NATO-Ostflanke zu übernehmen. Ein Scheitern oder auch nur erhebliche Verzögerungen wären deshalb politisch hochpeinlich.

Deshalb greift Pistorius nun auf klassische militärische Instrumente zurück. Am Ende gilt für Deutschlands Streitkräfte dieselbe Logik wie für jede andere Armee der Welt: Freiwilligkeit ist willkommen. Einsatzbereitschaft ist Pflicht.

Das Versprechen der Freiwilligkeit gilt künftig offenbar nur noch so lange, wie es genügend Freiwillige gibt. Sobald diese Rechnung nicht mehr aufgeht, kommt das, was das Militär seit jeher ausmacht: der Befehl.

Streit mit Litauen

Die deutsche Suche nach Soldaten für den Litauen-Einsatz verdeckt eine ganz andere diplomatische Peinlichkeit: Litauen lehnt den Wunsch der Bundesregierung ab, eine auf dem Gelände des Bundeswehrstandortes gelegene ehemalige Partisanenfestung aus dem Zweiten Weltkrieg zu erhalten.

Auf dem neuen Truppenübungsplatz der „Brigade 48“ der Bundeswehr im Wald von Rūdninkai, südlich der Hauptstadt Vilnius, befinden sich die Überreste einer Partisanenfestung. Dort hatten sich einst Juden versteckt, die aus dem Ghetto von Wilna fliehen konnten. Sie kämpften dann zusammen mit sowjetischen Partisanen gegen die deutschen Besatzungstruppen.

Berlin befürwortet „den Erhalt des ehemaligen Partisanenlagers im Wald von Rūdninkai als Lern- und Erinnerungsort nachdrücklich“ und bat Vilnius, „die Schutzwürdigkeit des betreffenden Bereichs zu prüfen und im Zuge der weiteren Planungen zu berücksichtigen“. Litauens Kulturministerium lehnt das ab und kann für das Partisanenlager keine Schutzwürdigkeit erkennen: Die Bauten seien zu Sowjetzeiten für Propagandazwecke „rekonstruiert“ und nicht authentisch. Als Propagandabau falle die Stätte unter das litauische Verbot der „Förderung totalitärer und autoritärer Regime und ihrer Ideologie“. Demnach könne es als öffentliches Objekt entfernt werden.

Aus Sicht des Kulturministeriums gelten jüdische Partisanen als Teil der sowjetischen Streitkräfte im Kampf gegen NS-Deutschland 1941 bis 1945. Ihre Aktivitäten werden als feindlich gegenüber der litauischen Staatlichkeit bewertet. Das kommentiert der geschätzte Kollege Fritz Goergen so:

„Höflich gesagt, sind die Ansichten über die gemeinsame Vergangenheit verschieden.“

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Kommentare ( 205 )

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Talleyrand
24 Tage her

Der geschichtsbewusste Mensch schmunzelt über deutsche Truppen, die den Russen in Litauen gegenüberliegen. Darin liegt ironischerweise auch eine sicher unbeabsichtigte Chance. Ein geschichtsträchtiger Ort, Tauroggen in Litauen, wo sich 1812/13 die beiden ohne Zustimmung des Preussischen Königs gegen Napoleons geschlagene Armee auf einen Waffenstillstand geeinigt, damit einen Bruch des Französich Preussischen Vertrags vollzogen haben und die preussische Armee vor der Vernichtung gerettet. Das hat Napoleon das Genick gebrochen. Der preussische Befehlshaber hieß Graf Yorck von Wartenberg, ein anderes Kaliber als Boris Pistoleus. Ein analoger Tauroggenvertrag, das wäre doch mal was bedenkenswertes. Aber nichts für unsere Kleingeister.

Last edited 24 Tage her by Talleyrand
GermanMichel
24 Tage her
Antworten an  Talleyrand

Das wäre der Ausweg.

Deutschland und Russland und China schließen einen Bündnisvertrag, am gleichen Tag an dem China alle US Staatsanleihen auf den Markt schmeißt und Deutschland die Deutsche Bank in die Zwangsinsolvenz treibt.

Irgendetwas in der Richtung, was dem jüdisch-angelsächsischen Imperium ähnlich wie Napoleon das Knick bricht.

Aber ich schätze dass der deutsche Schäferhund und das Reitpferd von Graf Yorck von Wartenberg deutlich mehr Qualität hatten als die ganze Bundesregierung zusammen.

Ornhorst
24 Tage her
Antworten an  Talleyrand

Der Vertrag von Tauroggen wurde mit einem zaristischen Russland geschlossen, nicht mit so einem Räuberbandenstaat, dessen Führung gern Zarismus und Großrussentum spielen möchte und doch kläglich scheitern wird.

Laurenz
22 Tage her
Antworten an  Ornhorst

Es kann ja sein, daß Rußland scheitern wird. Das Problem dabei ist, wir scheitern viel schneller.

mlw_reloaded
24 Tage her

Mal schauen wie lange es dauert, bis auch bei uns junge Männer vor ihren Haustüren in Transporter gezerrt werden, um irgendwo im nirgendwo Drohnen fangen zu spielen.

Juergen Schmidt
24 Tage her

Wer den Ukrainekrieg über internationale Nachrichtenquellen verfolgt sollte mitbekommen haben, dass »Panzer« eine Waffe von gestern sind. Sie werden im Ernstfall in kurzer Zeit Opfer russischer Drohnen werden, und die »deutschen Freiwilligen« werden in ihnen verbrennen. Gleichzeitig wird die russische Artillerie sie bearbeiten, seit 2022 haben die Russen das perfekt eingeübt. Insgesamt deuten alle Anzeichen darauf hin, dass die Deutschen wieder einmal ins Feuer gegen Russland geschickt werden sollen, die aktuelle Generation deutscher Männer an der Ostfront durch die Blutmühle gedreht werden soll (jetzt wo die Ukrainer bald »alle« sind). In Vorbereitung dessen (!) hat Blackrock-Merz ja in vollkommen unverantwortlicher… Mehr

Elmar
24 Tage her

Die Litauen-Brigade ist bei Licht nur unsinniges symbolisches Gedöns und nicht einmal das funktioniert im „besten Deutschland aller Zeiten“.

Kuno.2
24 Tage her

Fas einzige was mich da interessiert ist die Haltung Moskaus. Deren Warnungen werden bei uns immer als „Drohungen“ bezeichnet. Doch irgendwann ist die russische Geduld zu Ende.

Konservativer2
24 Tage her
Antworten an  Kuno.2

Was hat Moskau zu „warnen“, wenn NATO-Soldaten sich auf NATO-Territorium befinden?

Laurenz
22 Tage her
Antworten an  Konservativer2

Sind Sie so blöd oder trollen Sie nur?

Tom Engel
24 Tage her

Was zum Teufel nochmal haben Deutsche Soldaten in Lettland verloren ? Was wollen/sollen die da? Russland bedrohen ? Da läuft doch gewaltig etwas schief . Oder ?

Britsch
24 Tage her
Antworten an  Tom Engel

Großmannssucht derer die sich in Deutschland selbst qals politische „Elite“ sehen und sich gegenseiotig hich jubeln.
Die Bindeswehr ist ja eigentlich offiziell für die Veteidigung von Deutschland.
Das ist auch eine Provokation gegenüber Russland

Konservativer2
24 Tage her
Antworten an  Tom Engel

Bedrohen? Durch bloße Anwesenheit?

Privat
24 Tage her
Antworten an  Tom Engel

Da ist er wieder- der dumme deutsche Größenwahn, der uns die totale Vernichtung bringen wird. Die Spinner legen sich ununterbrochen mit der russischen Atommacht an bis die ihre Geduld mit den Westgangstern verlieren.
Das ist verbrecherisch.
Die dämlichen Deutschen suchen sich seit über 20 Jahren nur noch gewissenlose Kriegstreiber und Betrüger in die Staatsspitze und der dämliche Bürger schaut dabei nur zu !

Konservativer2
24 Tage her
Antworten an  Privat

Bitte erläutern Sie, wer sich durch eine Truppenstationierung im NATO-Land Litauen mit der „russischen Atommacht“ anlegt.

Spyderco
23 Tage her
Antworten an  Konservativer2

Stellen Sie sich einfach vor,ab sofort patroulliert ein Ihnen nicht wohlgesonnener Mensch,an Ihrem Gartenzaun mit einer Schrotflinte….😉

Konservativer2
22 Tage her
Antworten an  Spyderco

Ist umgekehrt doch genauso. Und welches Risiko stellen ein paar deutsche Panzer (nach Ansicht Vieler doch sowieso obsolet und auf verlorenem Posten) für Russland dar?

Anders gesagt: der andere Nachbar hat sich zuerst mit der Pump Gun an den Zaun gestellt.

Laurenz
22 Tage her
Antworten an  Konservativer2

Die NATO existiert nur auf dem Papier & ist völlig nutzlos. Warum sollte überhaupt jemand für die Zwerg-Balten mit der dicken Fresse den Allerweitesten hinhalten. Das kann niemand ernsthaft glauben oder meinen. Einfach mal weniger Tagesschau glotzen, Grünlinker2.

Laurenz
22 Tage her
Antworten an  Tom Engel

Litauen…. so viel Zeit muß sein.

Soistes
24 Tage her

Na ja. Da kann man sich irren. Seit einschließlich dem Jugoslawienkrieg gab es etliche Kriege bei denen ich vor dem Ausbruch dachte, es handle sich um bloßes Säbelrasseln.

Juergen P. Schneider
24 Tage her

Unsere Soldaten sind ja bekanntlich Bürger in Uniform. Da die Bürger, die keine Uniform tragen, am laufenden Band von der Politik veräppelt werden, geht es den Bürgern in Uniform nun auch so. Pistorius ist schließlich Spezialdemokrat und bei denen ist Gerechtigkeit doch eines der großen politischen Ziele. Wenn schon Beschiss, dann aber für alle.

Privat
24 Tage her
Antworten an  Juergen P. Schneider

Man nennt die BW auch – Die bunte deutsche Wehr.

Autour
24 Tage her

Uiuiui … Deutsch Soldaten ins Memelland…. dass die Litauer das einfach so mitmachen???
Ironie aus…

Soistes
24 Tage her
Antworten an  Autour

Die Litauer haben laut zeitgenössischen Berichten die Deutschen 1941 mit Blumen empfangen bevor sie erkannten, dass sie aus deutscher Sicht auch nur Untermenschen waren.

Laurenz
22 Tage her
Antworten an  Soistes

Tja, vielleicht posten Sie uns mal Ihre Quellen, Herr Sowaresnie.

Udo Zimmermann
24 Tage her
Antworten an  Autour

Herr/Frau Autour,

Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass der Begriff Memelland noch ein Begriff in diesem Deutschland ist. Lassen Sie es noch 2% sein. die damit noch etas anfangen können. Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Sudetenland …, noch ncht einmal in den Erinnerungen leben diese deutsche Provinzen. Das hat man uns bewusst „ausgetrieben“.

BKF
23 Tage her
Antworten an  Udo Zimmermann

Das hat man uns bewusst „ausgetrieben“.“ Das würde ich stark einschränken auf die westlichen Besatzungszonen, in der DDR war der Stolz auf die deutsche Nation weiter wach und nur immer mal mit einem dünnen Propagandatuch überdeckt, aber spätestens in der NVA wußte man, daß man in einer Nationalen (!) Volksarmee ist und zwar einer deutschen.

Laurenz
22 Tage her
Antworten an  Udo Zimmermann

Man sollte nicht immer von sich auf anderen schließen. Das Memelland bleibt unser.

Moses
24 Tage her

Aus Sicht des Kulturministeriums gelten jüdische Partisanen als Teil der sowjetischen Streitkräfte im Kampf gegen NS-Deutschland“
„Es fällt uns Litauern ungemein schwer zuzugeben, dass wir mit den Nazis kollaboriert haben.“ – Ruta Vanagaite, litauische Publizistin

Ohanse
24 Tage her

„Marschbefehl nach Litauen“. Mitte der 80er wurde während der Wachausbildung bei der Bundeswehr gerne ein (damals unmöglicher) Fahrbefehl (Fahrauftrag) nach Berlin präsentiert, um die Aufmerksamkeit der Wache zu überprüfen. Heute kein Lacher mehr.