Wilder Aufstand statt Protest: Die Linke zündelt gegen Le Pen

Am Sonnabend endeten erneut landesweite Demonstrationen in systematischer Gewalt, Plünderung und Brandstiftung – von Paris bis Limoges. Rathäuser brannten, Medienhäuser wurden angegriffen. Hinter dem Chaos steckt auch die Furcht gewisser Kreise vor einem Wahlsieg Marine Le Pens.

picture alliance / Anadolu | Hesham Elsherif

Man nennt es allgemein eine Mobilisierung in Frankreich, womit aber grundverschiedene Dinge gemeint sein können. Beginnen tun alle dennoch gleich, mit einem Demonstrationszug durch die Stadt. So ging es auch an diesem 17. Oktober los. Allerdings ist schon die Vorgeschichte eine etwas andere: Seit Wochen versetzen gewaltbereite Gruppen das Land in Aufruhr. Beginnend mit Schülerprotesten, die schon viel Banlieue atmeten, haben sich Kriminelle und Antifas auf den Zug gesetzt und fahren munter mit. Und so eskalierten auch an diesem 17. Oktober „Demonstrationen“ in praktisch allen Städten Frankreichs – mit System und Methode.

Der Teilnehmerkreis wird nun von konservativen Medien wie CNews und anderen so beschrieben: „Jugendliche, die mit städtischer Gewalt vertraut sind“, Linksextreme, radikalisierte frühere Gelbwesten, Klimaaktivisten und auch „Gewerkschafter“. Die Vorgehensweise soll zum Teil anders gewesen sein als gewohnt: Man wartete nicht mehr das Ende des feierlichen Umzugs ab, sondern schlug schon zu Anfang und parallel mit ungehemmter Gewalt los.

In Paris war die Polizei schon am Mittag mit der Kontrolle von Menschenansammlungen beschäftigt, etwa an großen Endbahnhöfen wie der Gare Saint-Lazare und der Gare du Nord. Es sollten die letzten verzweifelten Versuche sein, die Ordnung an diesem Tag aufrechtzuerhalten. Schon zu diesem Zeitpunkt setzte die Polizei auch in der nördlichen Innenstadt Tränengas ein. Dennoch setzten sich bald an mehreren Orten „wilde Umzüge“ (cortèges sauvages) in Bewegung und waren letztlich nicht mehr von den Ordnungskräften einzufangen.

Bald schon zogen Hunderte im „wilden Zug“ durch Paris. Auch auf den Champs-Élysées, nicht fern von Macrons Palast, fanden sich 300 „Demonstranten“ ein, obwohl der Boulevard zur Bannmeile zählt. Unter ACAB-Rufen bauten sie dort Barrikaden auf und wurden mit Tränengas behandelt.

Einem „Gewerkschaftszug“ stand daneben ein „Zug der Oberschüler“ (lycéens) gegenüber. Angesichts der Folgen für die Stadtviertel sind beide Namen nur noch als Hohn aufzufassen. Die Polizei versucht, die Züge weiterhin aufzulösen, mit Schlagstock und Tränengas. Doch mindestens an der Place de la République wird sie der Lage nicht mehr Herr, trotz Wasserwerfern. Es ist eine Kapitulation in Raten. Autos werden in Brand gesetzt. Bald brennen auch Gebäude: ein Restaurant im Parterre eines Wohnhauses. Und noch weitere Wohnhäuser werden brennen. Polizei und Gendarmerie haben die Kontrolle verloren, scheinen auf der Flucht zu sein.

— Luc Auffret (@LucAuffret) October 17, 2026

 

Die Präfektur hatte mit 30.000 bis 60.000 „Demonstranten“ gerechnet und dagegen 5.000 Ordnungskräfte in Paris aufgeboten. Am Ende waren es nur in Paris 110.000, so das Innenministerium, im ganzen Land 550.000 Demonstranten. Das deutet das Missverhältnis an. Nicht alle waren ja gewaltbereit, aber viele konnten es werden, wenn sich die Gelegenheit bot.

Nichts Zufälliges ist daran

Danach gehen die Täter, oftmals vermummte junge Erwachsene, eher keine Schüler, an ihr nächstes Werk: das systematische Plündern von Geschäften, das sich natürlich anbietet, wenn die Polizei die Kontrolle über ein Gebiet verloren hat und man rasch in die Läden einbrechen kann. Angeblich richteten sich die landesweiten Demos ja gegen die Verteuerung des Lebens – da bietet Plündern einen gewissen Ausweg. Am Ende bleiben Tausende Wurfgeschosse, oft Pyrotechnik, auf dem Pariser Asphalt zurück.

 

Das ist sicher nur ein Teil der traurigen Pariser Chronik dieses Tags. Aber es ist keineswegs die ganze Geschichte. Denn die erneuten „Proteste“, die sich irgendwie an die Schülerunruhen der letzten Tage anhängen, passierten zeitgleich auch in anderen Städten: in Marseille, Lyon, Toulouse, Montpellier, Straßburg und, und, und … Überall dasselbe Muster, die ähnlichen Taten, mit teils gravierenderen Folgen. Denn hier standen nicht ganze Hundertschaften zur Eindämmung zur Verfügung wie in Paris.

In Paris wurden daneben schon am frühen Morgen, so Valeurs actuelles, die Büros des konservativen Fernsehsenders CNews, des Radiosenders Europe 1 und des Journal du Dimanche von vermummten Personen angegriffen. Man sieht daran: Diese Aktion hat nichts Zufälliges an sich. Es geht um einen Aufruhr in den Köpfen, die Furcht vor einem Wahlsieg Marine Le Pens, der sich immer deutlicher am Horizont abzeichnet. Diese Furcht siedet in den linken Antifa-Köpfen und treibt sie auf die Straße, in die Gewalt hinein. Der politische Gegner soll ein letztes Mal bedroht, mundtot gemacht werden, so die Hoffnung der Randalierer. Am Vorabend hatte eine linksextreme Seite „Contre Attaque“ die Aktion angekündigt.

Heftige Kämpfe in der Narco-Capitale Marseille

In Marseille lieferten sich die Randalierer einen mindestens so harten Kampf mit den Ordnungskräften, feuerten Mörser ab. Die gesamte Innenstadt wurde zu einem einzigen Schlachtfeld. Kampfbilder von unfassbarer Intensität, in denen sich zudem die absolute Furchtlosigkeit der Angreifer zeigt, die den gepanzerten Polizeiwagen im T-Shirt gegenübertreten. Sie haben in der Hauptstadt des französischen Drogenhandels nichts zu befürchten. Bürgermeister Benoît Payan, Ex-Sozialist und nun Diverse Linke, rief schon zu Mittag entsetzt aus, dass die Lage außer Kontrolle sei.

 

Später wüten die Straßenkämpfer dann im Einkaufszentrum Centre Bourse in der Marseiller Innenstadt. Man sieht auf Videos, wie die jungen Menschen ihr Diebesgut davontragen. Dasselbe gilt für zahlreiche Läden in der Innenstadt, darunter größere Geschäfte wie Decathlon und JD Sports. Auch ins Rathaus drangen die Randalierer ein.

 

Zündeln an der historischen Substanz

In Limoges kam es zu einem weiteren Bild des fallenden Frankreich: Das 150 Jahre alte Rathaus brannte lichterloh. Es ist laut dem Präfekten „großteils verloren“. Der Turm des Gebäudes stürzte in die Flammen, nicht anders als vor mehreren Jahren der hölzerne Vierungsturm der Kathedrale Notre-Dame. Das sind Bilder, die mehr zeigen als nur das Wüten von Randalierern. Sie zeigen, dass diese Randalierer es auf den französischen Staat abgesehen haben.

In Lyon brannte die ebenfalls historische Tourismuszentrale (erbaut 1852) und wurde verwüstet. Auch hier war schon seit dem Mittag Pyrotechnik im Einsatz. Vor dem Anzünden raubten die Täter noch das offizielle Abzeichen vom Dach des Pavillons. Daneben wurde eine ganze Geschäftsstraße von Aufständischen geplündert.

Auch in Lille wurde das Rathaus angegriffen, Glastüren eingetreten und das Mobiliar verwüstet. Auch in Bordeaux und Avignon – überall dasselbe Bild: erst Straßenkämpfe, die dann auf öffentliche Gebäude abzielen und diese in Mitleidenschaft ziehen, mal eine Industrie- und Handelskammer, mal den Sitz der Präfektur.

Allein in Montpellier wurden 60 Polizisten verletzt, in Marseille 107, in Rennes 20, berichtet CNews. Und immer wieder sind die großen „Wannen“ der französischen Ordnungskräfte unter Beschuss und Beschlag.

Sogar im italienischen Mailand brannte der Vorplatz der Kathedrale, während Feuerwerkskörper knallten. Drum herum stehen diejenigen, die sich Mailand offenbar nicht zugehörig fühlen, auch hier viele Vermummte, und filmen das düstere Spektakel noch mit ihren Handys. Offensichtlich nimmt man sich inzwischen schon international ein Beispiel an der lange spezifisch französischen Mischung.

Die Geister, die er rief

Marine Le Pen sieht den legitimen Protest für die Kaufkraft „erneut beschmutzt“ von den Randalierern von der Ultralinken. Die Franzosen müssten es „noch einige Monate aushalten“ zwischen diesen Plünderern und Zündlern und einem Staat, der sie mit Sparmaßnahmen und Steuern ausbeute. Damit spielt Le Pen auf ihren möglichen nahen Wahlsieg im kommenden Jahr an. Jordan Bardella sekundiert: „Die Ruhe, der Respekt vor Eigentum und Personen und der gesellschaftliche Frieden müssen wieder zum Normalzustand des Landes werden.“

Éric Zemmour spricht von den „Horden von Randalierern“ und einem „Bündnis aus der extremen Linken und dem Gesindel“, dem man nicht mehr mit Besänftigung begegnen dürfe: „Der Staat muss die Ordnung wiederherstellen. Hart durchgreifen, schnell urteilen und streng bestrafen.“

Am Abend tagte ein Krisenkabinett rund um Premierminister Lecornu. Innenminister Laurent Nuñez will „alles tun, um die Plünderer zu finden“. Viel Glück, kann man da nur sagen. Und Jean-Luc Mélenchon, Vertreter jener linksradikalen Partei, die von vielen als Unterstützer der Unruhen gesehen wird, wäscht seine Hände in Unschuld: Ein „unsinniges“ Polizeikommando habe dem Chaos die Tore von Paris geöffnet: „Die Anführer wissen nicht mehr, was sie tun sollen, die Truppe hat Angst und löst sich auf.“ Angeblich habe Plünderei nichts mit der Sache der Linken zu tun, verwahrt sich Mélenchon gegen Anwürfe. Andere sehen es anders: Mélenchon werde die Geister, die er rief, nun nicht wieder los.

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