Der liebsten Vorzeigemuslima der amerikanischen Demokraten Ilhan Omar droht schweres Ungemach. Im Raum stehen gleich eine ganze Reihe schwerster Vorwürfe. US-Bundesbeamte haben ihr Haus durchsucht, Familienmitglieder erhielten Vorladungen. Die Ermittler prüfen, ob ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt werden kann.
picture alliance / Anadolu | Nathan Posner
Am Montagmorgen, dem 12. Oktober, haben amerikanische Bundesbeamte das Wohnhaus der demokratischen Kongressabgeordneten Ilhan Omar in Washington, D.C., durchsucht. Ermittler der Homeland Security Investigations (HSI), einer Einheit der Einwanderungsbehörde ICE, vollstreckten einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss. Zwei Tage später berichtete das US-Medium Daily Wire, dass die Staatsanwaltschaft inzwischen mehr als 15 Vorladungen ausgestellt habe, darunter mehrere gegen Familienangehörige der aus Somalia stammenden Politikerin. Bei der Hausdurchsuchung wurden ihr Mobiltelefon sowie Computer, Notizbücher und ihr Reisepass beschlagnahmt. Die Ermittlungen betreffen mutmaßlichen Einwanderungsbetrug und könnten für die prominente Vertreterin des linken Flügels der Demokratischen Partei existenzielle Folgen haben.
Nach Informationen, über die Daily Wire am Mittwoch berichtete, verfolgen die Ermittler ein weitreichendes Ziel: Sie prüfen, ob Omars amerikanische Staatsbürgerschaft aufgrund möglicherweise falscher Angaben bei der Einwanderung aberkannt werden kann. Sollte sich ein solcher Betrug nachweisen lassen, könnte die Politikerin ihre Staatsangehörigkeit verlieren und schließlich aus den Vereinigten Staaten abgeschoben werden. Eine strafrechtliche Verurteilung liegt bislang nicht vor. Gegen die Abgeordnete, die Präsident Donald Trump seit Jahren mit infamsten Vorwürfen überzieht und ihrerseits zu seinen erbittertsten Gegnerinnen gehört, werden inzwischen Vorgänge aus ihrer Familiengeschichte untersucht, die teilweise mehr als drei ganze Jahrzehnte zurückliegen.
Im Zentrum steht offenbar eine sehr simple Frage: Wie alt war Ilhan Omar eigentlich, als sie amerikanische Staatsbürgerin wurde? Die Politikerin kam 1995 mit ihrer Familie aus Somalia in die Vereinigten Staaten. Im Jahr 2000 erhielt sie nach eigener Darstellung automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft, nachdem ihr Vater eingebürgert wurde. Voraussetzung für diesen Erwerb über einen Elternteil war unter anderem, dass das betreffende Kind die gesetzlich vorgeschriebene Altersgrenze noch nicht erreicht hatte. Omar behauptet, sie sei damals 17 Jahre alt gewesen.
Ein Geburtsjahr mit weitreichenden Folgen
Hier nun bekommt die Angelegenheit einen erheblichen Haken. Über Jahre wurde Ilhan Omar mit dem Geburtsdatum 4. Oktober 1981 geführt. Dieses Datum stand in den offiziellen biografischen Unterlagen des Parlaments von Minnesota, dem sie vor ihrer Wahl in den Kongress angehörte, und wurde von verschiedenen Medien übernommen. Erst 2019, nachdem Omar erstmals in das amerikanische Repräsentantenhaus eingezogen war, veranlassten Mitarbeiter ihres Kongressbüros eine Änderung. Fortan sollte das Geburtsjahr 1982 lauten.
Wie Daily Wire unter Berufung auf veröffentlichte Korrespondenz berichtet, wandten sich Omars Mitarbeiter am 17. Mai 2019 an die zuständige Parlamentsbibliothek in Minnesota, um die Änderung durchzusetzen. Gleichzeitig arbeiteten sie daran, das Geburtsdatum bei Wikipedia und im offiziellen biografischen Verzeichnis des amerikanischen Kongresses korrigieren zu lassen. Vorausgegangen waren Fragen eines politischen Gegners zu den widersprüchlichen Altersangaben. Was zunächst nach einer nebensächlichen Korrektur in einem Politikerlebenslauf aussieht, könnte nun zum Gegenstand eines Verfahrens werden, bei dem es um die Rechtmäßigkeit ihrer Einbürgerung geht.
Wäre Omar tatsächlich 1981 geboren worden, wäre sie im Verlauf des Jahres 2000 bereits 18 oder 19 Jahre alt gewesen. Die von ihr beschriebene automatische Einbürgerung als minderjährige Tochter wäre unter diesen Umständen erklärungsbedürftig. Bei einem Geburtsjahr 1982 hätte sie die Altersvoraussetzung zumindest erfüllen können. Eine nachträgliche Korrektur öffentlicher Lebenslaufangaben beweist freilich noch keine Manipulation von Einwanderungsunterlagen. Entscheidend ist, welche Angaben damals gegenüber den amerikanischen Behörden gemacht wurden und ob diese zutrafen.
Weitere Fragen wirft darüber hinaus nun auch die Einbürgerung ihres Vaters auf. Nach weiteren Recherchen hatte eine politische Konkurrentin Omars 2022 die Einbürgerungsunterlagen des inzwischen verstorbenen Nur Omar Mohamed angefordert. Die zuständige Bundesbehörde teilte im folgenden Jahr mit, keine entsprechenden Nachweise gefunden zu haben. Das Fehlen eines Datensatzes ist für sich genommen kein Beweis, dass eine Einbürgerung niemals stattgefunden hat. Für die Ermittler ergibt sich daraus allerdings eine weitere Frage nach dem dokumentierten Ablauf jener Vorgänge, auf die Omar ihre eigene Staatsangehörigkeit zurückführt.
Dabei ist auch der Hintergrund ihres Vaters von Bedeutung. Nur Omar Mohamed war Oberst in der somalischen Armee unter dem sozialistischen Diktator Siad Barre. Das Regime ging brutal gegen politische Gegner vor und verübte in den späten 1980er Jahren schwerste Verbrechen an Angehörigen des Isaaq-Clans. Omars Vater gehörte damit zum militärischen Apparat eines Regimes, vor dessen Herrschaft zahlreiche Menschen aus Somalia flüchteten. Nachgewiesene persönliche Verwicklungen des Vaters in Kriegsverbrechen gibt es laut Daily Wire allerdings nicht.
Omars Familie verließ Somalia nach dem Zusammenbruch der Barre-Herrschaft 1991 und gelangte über ein Flüchtlingslager in Kenia dann in die Vereinigten Staaten. Die Ermittler prüfen nun, ob bei den damaligen Einwanderungsanträgen die militärische Laufbahn des Vaters vollständig angegeben wurde. Daily-Wire-Journalist Luke Rosiak verweist darauf, dass Omar ihren Vater öffentlich als Pädagogen beschrieben habe. Seine militärische Vergangenheit und die Frage, was die amerikanischen Behörden darüber wussten, erhalten angesichts der laufenden Ermittlungen neue Bedeutung.
Die merkwürdige Geschichte ihrer Ehen
Hinzu kommt ein alter Verdacht, der Ilhan Omar seit Jahren verfolgt. Im Jahr 2009 heiratete sie Ahmed Nur Said Elmi, einen britischen Staatsbürger, bei dem es sich nach Behauptungen ihrer Kritiker um ihren leiblichen Bruder handeln soll. Die Ehe könnte demnach geschlossen worden sein, um Elmi einen aufenthaltsrechtlichen Vorteil in den Vereinigten Staaten zu verschaffen. Omar weist diese Anschuldigungen entschieden zurück. Ein Beweis für das behauptete Verwandtschaftsverhältnis wurde bislang nicht vorgelegt.
Die Chronologie ihrer Ehen hat gleichwohl Fragen aufgeworfen. Bereits 2002 hatte Omar ihren späteren Ehemann Ahmed Hirsi nach islamischem Ritus geheiratet, ohne eine staatlich registrierte Ehe zu schließen. Nach der Trennung von Elmi, dessen Ehe erst 2017 rechtskräftig geschieden wurde, lebte sie erneut mit Hirsi zusammen und bekam ein weiteres Kind mit ihm. 2018 heirateten beide schließlich auch standesamtlich. Im darauffolgenden Jahr wurde die Ehe geschieden. Wenige Monate später heiratete Omar ihren bisherigen Wahlkampfberater Tim Mynett.
Die Vorwürfe im Zusammenhang mit Elmi waren schon vor der Hausdurchsuchung Gegenstand behördlichen Interesses. Trumps Grenzschutzbeauftragter Tom Homan hatte im September gegenüber Daily Wire bestätigt, dass Bundesermittler entsprechenden Anschuldigungen nachgingen. Die mutmaßliche Scheinehe liegt allerdings so lange zurück, dass mögliche strafrechtliche Vorwürfe nach Einschätzung des Blattes inzwischen verjährt sein könnten. Die Frage nach der ursprünglichen Rechtmäßigkeit von Omars Staatsbürgerschaft könnte davon unabhängig Bedeutung behalten.
Millionenvermögen und dubiose Geschäftsverbindungen
Auch Omars finanzielle Verhältnisse stehen inzwischen unter behördlicher Aufmerksamkeit. Jeanine Pirro, die für Washington zuständige Bundesstaatsanwältin, erklärte am Dienstag, es liefen mehrere Untersuchungen, darunter eine zu den Vermögensangaben der Kongressabgeordneten. Die finanziellen Auffälligkeiten waren bereits Anfang des Jahres öffentlich geworden. Nach früheren Berichten von Daily Wire hatte sogar das Justizministerium unter Präsident Joe Biden im Juni 2024 eine Untersuchung zu Omars Finanzen, Wahlkampfausgaben und Kontakten zu einem ausländischen Staatsbürger eingeleitet.
Besonders hervorzuheben sind die Vermögensangaben ihres heutigen Ehemannes Tim Mynett. Zwei Unternehmen, an denen Mynett beteiligt war, wurden in Omars ursprünglichen Offenlegungen für das Jahr 2023 noch mit einem gemeinsamen Wert von höchstens rund 51.000 Dollar aufgeführt. In den ursprünglichen Angaben für 2024 standen plötzlich Vermögenswerte von bis zu 30 Millionen Dollar. Eine erstaunliche Karriere als Unternehmer, die auf dem Papier innerhalb kürzester Zeit einen Vermögenszuwachs in einer Größenordnung auswies, von der die meisten Amerikaner nur träumen können.
Der republikanische Vorsitzende des Kontrollausschusses des Repräsentantenhauses, James Comer, forderte deshalb im Februar Aufklärung von Mynett. Die Unternehmen eStCru LLC und Rose Lake Capital LLC gerieten unter den Verdacht, dass hinter ihrer Bewertung möglicherweise Investoren mit politischen Interessen stehen könnten, die Beteiligungsverhältnisse und Geldgeber seien intransparent. Omar reichte im März korrigierte Vermögensangaben ein, nach denen das gemeinsame Vermögen weniger als 100.000 Dollar betrug. Ihr Büro erklärte die zuvor angegebenen Millionenbeträge mit Fehlern bei der Buchführung.
Für weitere Aufmerksamkeit sorgte ein kalifornisches Weingut, an dem Mynett beteiligt war. Das Unternehmen in Santa Rosa stellte nach einem Bericht von Daily Wire Anfang April seinen Betrieb ein, nachdem die Finanzverhältnisse der Kongressabgeordneten verstärkt untersucht worden waren. Hinzu kommen Geschäfte der Investmentgesellschaft Rose Lake Capital, die damit geworben haben soll, für ausländische Kunden sogar gesetzgeberische Vorhaben gestalten zu können. Omar saß im Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses und beschäftigte sich dort intensiv mit afrikanischen Angelegenheiten. Ob daraus unzulässige Verbindungen zwischen privaten Geschäftsinteressen und ihrem politischen Mandat entstanden, steht ebenfalls im Raum.
Ein weiteres Kapitel führt dann noch nach Minnesota, wo Omar ihren Wahlkreis hat und in den vergangenen Jahren ein gewaltiger Betrugsskandal aufgeflogen ist. Beim sogenannten „Feeding Our Future“-Komplex wurden öffentliche Gelder für angebliche Mahlzeiten an bedürftige Kinder in großem Umfang zweckwidrig verwendet. Der Schaden belief sich auf rund 250 Millionen Dollar. Zahlreiche Beteiligte wurden strafrechtlich verfolgt und verurteilt.
Bereits im Juli veröffentlichte Recherchen zeigen hierbei Verbindungen zwischen Omars Schwester Sahra Noor und dem geschäftlichen Umfeld mehrerer verurteilter Beteiligter. Noor gründete die Beratungsfirma Grit Partners Consulting unter einer Adresse, die auch in den Unternehmensunterlagen von Personen aus dem Betrugskomplex auftauchte. Noor war zuvor im Gesundheitsbereich tätig gewesen und hatte nach eigenen Angaben für verschiedene Projekte öffentliche Fördermittel eingeworben. Der zuständige Kontrollausschuss in Minnesota hatte versucht, Unterlagen über mögliche Verbindungen Omars zu dem Skandal anzufordern. Demokratische Abgeordnete verhinderten im Mai eine entsprechende Vorladung.
Aus der Hausdurchsuchung wird eine Spendenkampagne
Ilhan Omar reagierte auf die Ermittlungen erwartungsgemäß mit schweren politischen Vorwürfen. Die Trump-Regierung missbrauche die Bundesbehörden, um politische Gegner zu verfolgen, erklärte sie nach der Hausdurchsuchung. Seit zehn Jahren werde sie von Donald Trump mit haltlosen Anschuldigungen überzogen. Die Durchsuchung sei eine weitere Eskalation seiner Einschüchterungskampagne. Sie werde sich nicht zum Schweigen bringen lassen.
Ihre Wahlkampforganisation machte aus dem Vorgang umgehend ein politisches Spendengeschäft. Unter der Aufforderung „Stand with Ilhan Omar“ wurden Unterstützer gebeten, Geld zu überweisen, damit die Abgeordnete weiterhin gegen Trump kämpfen und ihre progressiven politischen Ziele vertreten könne. Ihr Ehemann Tim Mynett erklärte am Mittwoch gegenüber einem Reporter, er habe keinerlei Bedenken hinsichtlich des Aufenthaltsstatus seiner Frau. Sie sei im Alter von zwölf Jahren als Kriegsflüchtling in die Vereinigten Staaten gekommen.
Vizepräsident JD Vance erklärte seinerseits, er habe von der bevorstehenden Hausdurchsuchung keine Kenntnis gehabt. Die Regierung bemühe sich, Ermittlungen des Justizministeriums unabhängig von politischen Vorgaben führen zu lassen. Es gebe ernsthafte Vorwürfe gegen Omar, die untersucht werden müssten. Sollten diese sich als unbegründet erweisen, müsse das Verfahren entsprechend enden. Donald Trump äußerte sich deutlich schärfer über die Politikerin, vermied am Dienstag allerdings eine Festlegung auf die Forderung, ihr die Staatsbürgerschaft abzuerkennen und sie abzuschieben.
Dass innerhalb der Trump-Regierung nach Angaben von Daily Wire für das Ermittlungsverfahren bereits der Spottname „World War Eleven“ kursiert, dürfte Omars Darstellung einer politisch motivierten Verfolgung zusätzlich befeuern. Die Bezeichnung spielt auf einen früheren „Versprecher“ der Abgeordneten an, die den Zweiten Weltkrieg versehentlich als „World War Eleven“ bezeichnet hatte.
Brisant ist schließlich eine weitere Information, über die US-Medien am Mittwoch berichteten. Schon während der Biden-Regierung sollen Ermittler der Homeland Security Investigations einen ähnlichen Hinweis zu Omars Einbürgerung überprüft haben. Damals sei wegen angeblich unzureichender Beweise auf weitere Schritte verzichtet worden.


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