Die verlorene Leichtigkeit des Seins

Wenn die Leichtigkeit des Seins endet, beginnen Diktaturen. Es scheint so zu sein, dass am Anfang des besten Deutschlands, das wir je hatten, eine Demonstration stand, wie am Ende des besten Deutschlands, das wir je hatten, ein Aufmarsch steht.

IMAGO / Ulrich Hässler

Vor fast 37 Jahren trafen sich ein paar Leute, so um die 40 Jahre alt, manche jünger, manche älter, im Schatten der Marktkirche in Halle, um für Demokratie und Freiheit, um für die unveräußerlichen Rechte der Bürger zu demonstrieren, gegen das System der SED mit ihren Blockparteien, die sich progressiv, die sich christlich und liberal eben nur nannten, gegen Repression und Zensur, gegen Unfreiheit und ökonomischen Irrsinn, gegen Planwirtschaft, gegen eine Politik, die zum Machterhalt ihre Richtlinien aus der Ideologie und nicht aus der Erkenntnis der Wirklichkeit schöpfte.

Ein Leitspruch wurde damals dankbar dem Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) entwendet: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Ratlos also standen die vierzig Demonstranten, wie ein verlorener Haufen, weil so wenige gekommen waren, im Schatten der Kirche. Auf dem Marktplatz vor ihnen tummelten sich mehr Achtgroschenjungs des Regimes, als sich Demonstranten neben der Marktkirche versammelt hatten. Doch nun standen sie hier, nicht vom Regime gewollt wie zu den 1.-Mai-Prozessionen. Waren sie nicht gekommen, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen? Sollten sie jetzt mit in den Hosentaschen geballten Fäusten wieder nach Hause gehen, um sich im Westfernsehen die so mutige wie große Demo wenige Kilometer entfernt in Leipzig anzuschauen? Nicht wissend, ob sie nicht gleich von unserer demokratischen Stasi verhaftet werden würden, die sich in Überzahl auf dem Platz befand, leicht an ihrem Zivil zu erkennen, marschierten sie dennoch los, so als wären sie viele.

Ein Wunder, ein sehr menschliches Wunder geschah, das Wunder des mündigen Bürgers, der „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ wusste. Als die kleine Demo für Demokratie und freie Wahlen über den Boulevard schließlich den Bahnhof erreichte, waren es nicht nur die vierzig Unentwegten, sondern das kleine Häuflein war auf 150 oder 200 Bürger angewachsen, die am Rande gestanden und gewartet hatten, was mit der kleinen Schar geschah, bevor sie sich anschickten, sich der kleinen Schar anzuschließen. Von Montag zu Montag demonstrierten ab da mehr und immer mehr Bürger. Ihre Zahl ging bald schon in die Tausende. Am Ende gab es keine DDR mehr, am Ende gab es ein demokratisches und freies und wiedervereinigtes Deutschland.

Das ist keine Geschichtsnostalgie, keine nette Erinnerung aus den stürmischen Tagen der Jugend, sondern eine Erinnerung daran, was es gekostet hatte, Freiheit und Demokratie in Ostdeutschland zu erkämpfen. Mit Wohlstand begann es nicht. Für viele sogar in den sogenannten Transformationsprozessen mit dem Verlust ihres doch recht bescheidenen Wohlstandes. Viele mussten sich eine neue Existenz aufbauen. Heute dünkt es manchen, dass es vergebens war, all die Hoffnungen, die Anstrengungen, der zähe Wille, weil das Alte wiederkehrt, der Verlust der Freiheit, der Verlust der Demokratie und der Verlust des Wohlstandes. Wieder wird an einem Stasi-Gesetz gearbeitet – diesmal von einem CSU-Minister.

Für den Verlust von Freiheit und Demokratie, von Wohlstand und innerer Sicherheit, mehr noch für die Vernichtung von allem, was gut und teuer und menschlich und zivil ist in Deutschland, für den Verlust der Freiheit und der Gelassenheit steht fast 37 Jahre später der Antifa-Aufmarsch in Halle vom Freitag, so als wären die Verächter der Demokratie von damals zurückgekehrt, die nichts so sehr hassen wie Freiheit und Demokratie, die von dem leben, was andere erarbeitet haben, die nichts so sehr verachten wie die Leichtigkeit des Seins, den mündigen Bürger, die Macht der Argumente, die sie wieder durch das Argument der Macht, die Erkenntnis der Wirklichkeit durch den Glauben an Ideologien, denen man sich unterordnen müsse, ersetzen wollen.

Sie nennen ihre neue, alte Diktatur antifaschistisch. Sie haben zwar keinen Antifaschistischen Schutzwall, dafür aber eine Brandmauer. Es waren gestern auch nicht 40 Leute, unsicher, ängstlich auch, die sich im Schatten der Marktkirche versammelten, die nicht wussten, was ihnen in den nächsten Minuten widerfahren, mit ihnen geschehen würde, ob sie abends wieder nach Hause zurückkehren konnten, nicht vierzig Bürger, die gegen die Staatsgewalt stehen. Gestern in Halle waren es 2.300 Menschen, die wenigsten unter ihnen wahrscheinlich Hallenser, die meisten nach Bitterfeld und Halle, mancher wohl auch auf Staatskosten gereist, um die Herrschaft einer dysfunktionalen Elite zu verteidigen, die Zerstörung von Sicherheit und Wohlstand, den Import von Gewalt, Terror und Islamismus, einer Elite, die sich zunehmend wie damals die SED und ihre Blockparteien nur noch durch die vier apokalyptischen Reiter an der Macht halten kann, durch Repression, Propaganda, durch Zensur und Einschüchterung. Während die Demonstrationen im Oktober 1989 aufrüttelten und Mut machten, haben die Aufmärsche der rotgrünen Fußtruppen nur den Zweck, die Bürger einzuschüchtern. „Wir sind mehr“ heißt nicht, wir haben die besseren Argumente, es heißt nur: Argumente zwecklos, wir sind mehr, gebt einfach auf.

Und dennoch muss die Angst vor dem Argument, vor dem freien Diskurs immens sein, denn schon ruft der frühere Lustigkeitsbeauftragte Kerkeling nach Zensur: „Wenn wir jeder noch so kruden Behauptung im Namen der Meinungsfreiheit dieselbe Bühne bauen wie einer geprüften Tatsache, wenn wir jedem Verfassungsfeind im Namen vermeintlicher Fairness denselben Resonanzraum geben wie seinen Gegnern, dann sägen wir nicht am Ast der Intoleranz. Wir sägen am Ast, auf dem wir alle gemeinsam sitzen.“ Man könnte Kerkeling mit dem wirklichen Satiriker Juvenal fragen: „Wer aber soll die Wächter selbst bewachen?“

Doch Argumente zwecklos, sie sind, wie in Halle und Magdeburg, eben mehr – auch wenn die Mehrheit aus dem ganzen Land zusammengekarrt werden muss. Kerkeling zitiert den Sozialdemokraten Otto Wels aus einer Zeit, in der es noch Sozialdemokraten gab, der mutig den johlenden Nazis von der gerade noch vorhandenen Oppositionsbank im Reichstag entgegenrief: „Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten.“ Kerkeling begreift nicht einmal die Ironie, die darin besteht, dass er als Hofnarr der Mächtigen diese Sätze von der Bühne der Macht gegen die Opposition verwendet, Sätze, die, kaum ausgesprochen, sich deshalb gegen Kerkeling selbst wenden, gegen die Liebe zur Diktatur. Wer im Bundestag in einer Regierungsfraktion bräsig über die Grenzen der Freiheit und der Toleranz, über einen Leitfaden der Zensur und eine neue Inquisition spricht („Alles Ansichtssache? Wo die Toleranz in einer Demokratie ihre Grenzen hat und worauf es jetzt ankommt“), der würde wahrscheinlich auch nicht den bitteren Witz des wirklichen Kabarettisten Werner Finck verstehen, der fragte: „Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?“

Friedrich Merz, der nicht eines seiner Wahlversprechen gehalten hat und inzwischen als Klingbeils bester Mann gilt, sagte ausgerechnet gerade in Niedersachsen, dem Bundesland, in dem die SPD das passive Wahlrecht unter SPD-Kontrolle bringt: „Wir lassen uns von diesen Leuten unser Land nicht kaputtreden.“ Warum auch? Merz und Co. reden nicht nur, sie regieren das Land „kaputt“. Ein Blick zu VW hätte genügt, dem Kanzler des Niedergangs, dem Kanzler der verlorenen Leichtigkeit das klarzumachen.

Aber es geht nicht um Deutschland, es geht einzig und allein um den Platz an der Macht, um die Grundfrage der Herrschaften von Neu-Versailles, die Heide Simonis vor langer Zeit schon in den spontanen und deshalb ehrlichen Ausruf kleidete: „Und was wird aus mir?“

Es erstaunt daher nicht, dass Markus Söder von der inzwischen Christlich-Sozialistischen Union für eine Koalition der Verlierer nach der Wahl plädiert, für eine wie auch immer geartete Kooperation der CDU mit der SED-Linken. Nichts Neues in Sachsen-Anhalt, nur damals 1949 durch die Panzer der Russen erzwungen.

Man darf nicht nur auf die Wahlergebnisse heute gespannt sein, sondern auf das, was sich in den nächsten Tagen ereignen wird. Man gewinnt den Eindruck, dass die letzte Verteidigungslinie der dysfunktionalen Eliten gegen die Demokratie die Brandmauerherrschaft ist.

Die so wunderbare Existenzweise der Demokratie, den fröhlichen Wettbewerb der Argumente, den lustvollen und vor allem friedlichen Wechsel der Macht und die Leichtigkeit des Seins haben sie jetzt schon in unserer Demokratie erstickt. Es wird Zeit, die Fenster zu öffnen.

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Kommentare ( 54 )

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54 Comments
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Walzerfee
1 Monat her

Naja, aber wo wir nun schon Mal da sind, lassen wir uns die irdische Freiheit nicht von irgendwelchen Despoten verderben…

verblichene Rose
1 Monat her

Vorfreude ist die schönste Freude…!
Nur hauptberuflich Ignorante sehen das anders.

Herr Rossi
1 Monat her

„Aber die Proles, wenn sie sich nur ihrer Macht bewusst werden könnten, hätten es gar nicht nötig, eine Verschwörung anzuzetteln. Sie brauchten nur aufzustehen und sich zu schütteln wie ein Pferd, das die Fliegen abschüttelt. Wenn sie wollten, konnten sie die Partei morgen in Stücke schlagen, Sicherlich musste ihnen früher oder später der Gedanke dazu kommen?“ Orwell

Mugge
1 Monat her

Wenn sich Auftritte und Lieder von Grönemeyer, Lindenberg ,Campino &Co wie ein bleiernes Joch auf die Leichtigkeit des Seins herabsenkt und dies von bunten ,guten und besseren Menschen „Unserer Demokratie“ frenetisch gefeiert wird , kommt mir immer eine Betrachtung von Francis Poulenc( 1950 )in den Sinn,selbstverständlich ohne sie in eine Reihe mit den großen dt. Komponisten zu stellen: „In der französischen Musik findet man Nüchternheit und Schmerz ebenso wie in der deutschen oder russischen. Aber die Franzosen haben ein ausgeprägteres Augenmaß. Wir wissen, dass sich Schwermut und gute Laune nicht ausschließen. Auch unsere Komponisten schreiben tiefgründige Musik, aber wenn sie… Mehr

Privat
1 Monat her
Antworten an  Mugge

Für den heutigen lügenden und betrügenden politischen Abschaum sind die Bürger 1990 nicht auf die Straße gegangen.

Monika Vogel
1 Monat her

Ich glaube nicht an einen Wahlausgang, der die Wende hin zur Wiederherstellung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bewirken kann. Um mit U. Poschardt zu sprechen, haben wir zu viele Shit- und Bückbürger im Land und zu viele Ahnungslose durch den einseitigen Konsum der auf Links stehenden Staatsmedien. Auch im Osten, und nicht nur die erst nach der Wende Geborenen (Verhältnis ca. 40:60%). Im Westen 20-25:80-75%. Der Durchschnittsdeutsche vertraut lieber weiter den Verursachern der Probleme als einen Neuanfang zu wagen. Das kann man Wahnsinn nennen, dem wir ausgeliefert sind. Ausgeliefert ja, aber nicht unwidersprochen! Wir sind nicht allein auch dank TE.

Freigeistiger
1 Monat her
Antworten an  Monika Vogel

Die Geschichte bleibt nie stehen, jeder Tag verändert etwas. Also nicht zu pessimistisch sein. Die globalistisch orientierten Altparteien haben abgewirtschaftet und es wird etwas Neues kommen – dafür sorgt das Volk.

OJ
1 Monat her
Antworten an  Monika Vogel

Das hört sich ja nach depressiver Resignation an ❗

Norbert Brausse
1 Monat her

Noch sorgen die wertschöpfend Arbeitenden dafür, dass die 2300 Nichts-Leistenden mit durchgefüttert werden können. Erst wenn Erstere aufwachen und es dadurch weniger zum Verteilen gibt, kann das zu einem gänzlichen Umdenken kommen. So wie im Sozialismus, wo nicht die Faulen sich die Fleißigen zum Vorbild genommen haben, sondern wo umgekehrt sich die Fleißigen auch ihre Freiräume zum Nachteil aller gesucht haben. Angefangen hat das aktuell schon mit dem Krankfeiern. Wenn andere gar nichts tun, da kann ich doch meine Erkältung auch ein bisschen länger auskurieren. dient überdies sogar einer gesunden Demokratie.

Freigeistiger
1 Monat her
Antworten an  Norbert Brausse

Linke und Grüne würden am liebsten alle Bürger in den Staatsdienst übernehmen, mit guten Gehalt und schöner Pension. Wer sieht den Fehler?

OJ
1 Monat her

Was machen die Ossis, wenn die AfD nicht regiert?
Gehen sie nach Hause, heulen, saufen einen und das war’s❓

Deutscher
1 Monat her
Antworten an  OJ

Spannender ist die Frage, was sie im anderen Fall tun, wenn sie merken, dass sie sich wieder mal Illusionen gemacht haben und ihre überschwängliche Ostblock-Nostalgie wie ein Rausch verfliegt und die Realität sie wie ein gewaltige Kater einholt. Dann fliegen wohl wieder die Eier, wie damals auf Kohl. Liebe Ossis: Wer für Kapitalismus und Liberalität auf die Straße geht, sollte sich nicht beschweren, wenn er sie dann bekommt. Und wer AfD wählt, sollte schon wissen, was er da tut. Denn eure schääääne guhde alde Zeit vor der Wende (welche ihr ja selber wolltet oder zumindest euer Fähnlein in den drehenden… Mehr

Last edited 1 Monat her by Deutscher
teanopos
1 Monat her
Antworten an  OJ

Den Wessis Vorwürfe. Dabei hat bei ihnen selbst noch jeder Zweite schwartzrotgrünabwärts gewählt, dass das Wahlverhalten im Westen schlimmer ist, bliebe die bereits bekannte Rede.

Last edited 1 Monat her by teanopos
Juergen Waldmann
1 Monat her

In SA findet keine Schicksalswahl statt , es wird nur der Landtag gewählt ! Auch am 11.September 2001 war es kein Nullpunkt der Geschichte , im Vergleich zu den Katastrophen des 20 Jahrhundert , es war ein schwer “ wahrnehmbarer Kleinzwischenfall “ in New York , wie der Philosoph Peter Slotterdijk es bezeichnete ! Danach hat sich in 25 Jahren fast nichts geändert ! Wir sollten Wahlen nicht überhöhen , es wird sich , wie üblich nichts bewegen und ändern , mit oder ohne AfD , es ist nur eine Landtagswahl !

Freigeistiger
1 Monat her

Demokratie war noch nie ein Selbstläufer, sie muss ständig verteidigt und neu erobert werden. Für die 68er war Demokratie wichtig, um an die Macht zu kommen, sie absolvierten ihren langen Marsch durch die Institutionen. Die ostdeutschen Linken machten das Gleiche in wesentlich kürzerer Zeit.

Das Problem bei Linken und Grünen ist, dass sie Demokratie für überflüssig betrachten, sobald sie selbst an der Macht sind. Dann gibt es nur noch Besitzstandswahrung und verbissene Ablehnung jener, die ihnen die Futtertröge streitig machen können. Nichts anderes erleben wir heute.
Um ein Diktum von Loriot abzuwandeln: Linke und Demokratie passen einfach nicht zusammen.

pcn
1 Monat her

„Man gewinnt den Eindruck, dass die letzte Verteidigungslinie der dysfunktionalen Eliten gegen die Demokratie die Brandmauerherrschaft ist.“

Ja…ist so! Ich habe dem nichts mehr hinzuzusetzen!

Deutschland in seiner größten Demokratiekrise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland.

Danke für Ihren Beitrag zum heutigen Wahltag in Sachsen-Anhalt, Herr Mai!