Der mündige Bürger gilt der politischen Elite als Feindbild. Dabei ist er der Träger von Demokratie und republikanischer Gesinnung. Seine Prinzipien von Ehrgefühl, Souveränität und Leistungswillen führten Deutschland durch seine Krisen und machten das Land reich. In der staatsgläubigen Gleichmacherei lösen sich diese Werte auf.
IMAGO / Richard Wareham
Ostseeurlauber werden dies bestätigen. Setzt im lang ersehnten Urlaub der unvermeidliche baltische Dauerregen ein, wird die Strandagenda notgedrungen verworfen. An ihre Stelle rückt ein Tagesausflug in die alte und wunderschöne Hansestadt Lübeck. Schlendernd durch die engen Gassen im ewigen Nieselregen und Grau der Ostsee nehmen die steinernen Zeugen der Hansezeit Form an. Da wäre das Heiligen-Geist-Hospital, eine der bedeutendsten mittelalterlichen Sozialeinrichtungen Europas. Hinzu kommen weitere Hospitäler und klerikale Bauten sowie zahlreiche Stiftungsgebäude, die vom reichen sozialen Leben der Lübecker Bürgerschaft zeugen.
Es ist dieser vergessene soziale Unterbau, der aus dem Reichtum seiner Zeit emporwuchs, der staunen macht. Eine versunkene Ordnung. Doch wer ein wenig seine Fantasie spielen lässt, hört in den Gassen noch immer das leise Echo einer Zeit, die wirtschaftlichen Erfolg nicht ausschließlich als persönlichen Besitz auffasste, sondern aus ihm grundsätzliche Verantwortung für die Gemeinschaft ableitete. Eine Zeit, in der Politik tatsächlich die Repräsentanz des Bürgertums war und nicht zum manischen Erziehungsauftrag im Namen kindsköpfiger Ideologen verkam.
Es galt als unausgesprochene Ehrensache, der Stadt und jener Bürgerschaft, auf der der eigene Erfolg ruhte, in der Not zur Seite zu stehen und Verantwortung zu übernehmen, wo dies geboten war. Wer Wohlstand erworben hatte, zeigte dies nicht nur durch seinen Besitz, sondern auch durch sichtbares Engagement für Kranke, Alte und Bedürftige. Diese Haltung war getragen von tiefer religiöser Verantwortung, vom Bewusstsein der eigenen Stellung innerhalb des Gemeinwesens und selbstverständlich auch vom Wunsch, den Ruf der eigenen Familie über Generationen hinweg zu bewahren.
Thymos nannten die Griechen den tief verankerten Wunsch des Menschen, sich in den Augen seiner Mitmenschen Ehre zu erwerben. Würde erwirbt, wer sich für die Schwachen stark macht. Das gilt heute, und das galt auch zur Zeit der Hanse. Dass diese Unterstützung einmal zu einer Bewirtschaftungsindustrie degenerieren würde, hätte sich seinerzeit niemand erklären können.
Ähnlich wie in den zeitgleich emporblühenden norditalienischen Stadtstaaten von Florenz über Venedig bis nach Mailand waren auch die unterschiedlichen Gemeinden der Hanse von diesem kulturschaffenden Geist tief durchdrungen. Es blühte eine Kultur, in der freie Bürger nicht nur wirtschaftliche Akteure waren, sondern Träger einer Ordnung, die aus Eigeninitiative, Verantwortung und gegenseitiger Anerkennung entstand. Hier findet sich auch ein Hauptstrang deutscher Bürgerlichkeit, der später immer wieder von den Kräften des Obrigkeitsstaates zurückgedrängt wurde. Die Revolution von 1848 markierte dabei einen traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung: Der Wunsch nach mehr bürgerlicher Selbstbestimmung blieb unerfüllt, während der bis heute nachwirkende deutsche Obrigkeitsglaube in immer wiederkehrenden etatistischen Wellen die freiheitlichen Kräfte zunehmend überlagerte – bis hin zu den Katastrophen der Diktaturen des 20. Jahrhunderts.
Fasziniert vom Alten fällt der Blick des Spaziergängers unwillkürlich auf die Einrichtungen der Moderne. Stadtverwaltung, Finanzamt, das unvermeidliche Jobcenter, Gewerkschaftsräume – dort, wo einst eine blühende Zivilgesellschaft mit ihrem reichen Vereinswesen, ihren Stiftungen und ihrer persönlichen Verantwortung das Gemeinwesen prägte, finden sich heute die Verwaltungstrakte der Bewirtschaftungszone, die wir Sozialstaat nennen. Ein kollektivistischer Geist durchzieht diese moderne soziale Infrastruktur, die nichts mehr von der Größe des selbstbewussten Bürgerstolzes der alten Hansezeit ausstrahlt. Der Kontrast wirkt schockierend: Unsere Gegenwart verliert sich im Klein-Klein. Alles wird bis ins kleinste Detail geregelt, von Bürokratie durchdrungen. Der Handlungsspielraum des Einzelnen wird unnachgiebig eingeschränkt.
In der Giebelwelt der Mengstraße vor dem Buddenbrookhaus verlieren sich die Gedanken an Chatkontrolle, digitale Überwachung, dreiste staatliche Steuerung und die entgrenzte Haushaltspolitik. Die hochragenden Giebel und die seit Jahrhunderten unverrückten backsteinernen Gebäude zeugen von der Robustheit jener Zeit, die aus ihrer tiefen Verwurzelung in der Heimat heraus danach strebte, Gebäude für die Ewigkeit zu errichten. Ein Blick auf die Gegenwart macht betroffen: Gläsern, fragil, für das Flüchtige geschaffen – so erscheint unsere Architektur, und so tritt uns unsere Gegenwart und ihr allgegenwärtiger Staat gegenüber.
Sie machen gar keinen Hehl daraus: Ihr Ziel ist der gläserne, machtlose und ohne eigene Manövrierfähigkeit abhängige Bürger, der dann allerdings kein Bürger des Gemeinwesens mehr sein kann, sondern zum Knecht der neuen Bürokratie herabgestuft wird. Das Knechtische unserer Zeit ist das Erschütternde. „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch“ – so beschrieb Friedrich Nietzsche den Staat als gesellschaftlichen Akteur: lakonisch und erschreckend präzise, wenn wir auf unsere Zeit blicken.
Hätte sich die Politik unserer Tage nicht mit zunehmender Zensur und der Durchleuchtung unseres Lebens, mit dem Kampf gegen das Bankgeheimnis und der wachsenden, anmaßenden Dominanz des Staates innerhalb des Wirtschaftslebens so breit gemacht, man könnte großzügig darüber hinwegsehen. Immerhin sind wir noch immer freie und souveräne Individuen. Doch sind wir tatsächlich noch so frei? Noch einmal Friedrich Nietzsche: „Wer nicht wenigstens zwei Drittel des Tages für sich selbst beanspruchen kann, ist ein Sklave.“ Arbeiten wir nicht inzwischen beinahe die Hälfte unserer Zeit für den Fiskus? Wir sind dem Sirenengesang der öffentlichen Vollversorgung verfallen.
Wenn sich die Spuren der Herrschaft künftig in fest installierten Kameras in unseren Autos, im immer dreisteren Zugriff des Finanzamtes auf unsere Arbeitsleistung und in den Krakenarmen der Regulierung wiederfinden, die sich immer tiefer in unseren Alltag hinein erstrecken, stellt sich die Frage: War der Mensch des späten Mittelalters am Ende freier als wir Gegenwärtigen? Allein diese Frage aufwerfen zu müssen, offenbart unser gegenwärtiges politisches Dilemma. Großes gedeiht nur dort, wo die Gegenwart bereit ist, in ihrer eigenen Vergangenheit Wurzeln zu schlagen, Traditionen und Kulturgüter vergangener Epochen in ihr Selbstverständnis einzuweben und sie als jene Substanz zu begreifen, die zur Bewältigung ihrer Herausforderungen notwendig ist.
Tradition steht nicht im Gegensatz zur Erneuerung. Sie ist geradezu deren Voraussetzung, um sich der Zukunft zuzuwenden. Schwarz-Rot-Gold, die Farben der bürgerlichen Freiheitsbewegung und der Lützower Freiheitskämpfer, erinnern uns an dieses eminente Kulturprinzip. Es waren diese Farben, die 1848 auch durch Lübecks Gassen getragen wurden – umsonst, aber nicht vergebens. Sie stehen nicht für Stillstand oder Obrigkeitshörigkeit, sondern für den Kampf um Selbstbestimmung und symbolisieren den Aufstieg des deutschen Bürgertums.
Umso schändlicher ist der Umgang der deutschen Politik mit diesem Symbol unserer Geschichte. Lächerlich muten Gesten der Ablehnung an, wie sie zuletzt ein Sprecher der Grünen Jugend vorführte, als er sich über die Präsenz dieser „scheiß Flaggen“, wie er sie nannte, im öffentlichen Raum empörte. Dümmliche Interventionen wie diese stehen exemplarisch für eine politische Kultur, die den Bezug zu den historischen und kulturellen Traditionen des Landes verloren hat und den politischen Raum vor allem zur Austragung ideologischer Konflikte und zum Eigenmarketing nutzt.
In Deutschlands politischen Zirkeln herrschen Unwissen und ideologische Verdummung als oberste Prinzipien. Mit Bürgerlichkeit, Zivilisation und individueller Würde hat die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit nichts zu tun.
Wir müssen einsehen: Es ist ein weiter Weg vom Lübeck der Hansezeit bis zur Gegenwart und einem erhofften Aufbruch im Geiste der Bürgerlichkeit. Doch an einer Rückkehr zu liberalen Werten führt kein Weg vorbei, wenn der Bürger wieder zum Träger unserer Kultur werden soll. Nur so finden wir zu individueller Würde zurück.

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