Die WM in den USA, Mexiko und Kanada ist eröffnet. Das Eröffnungsspiel? Nun ja. Niemand wird seinen Enkeln davon erzählen. Die Eröffnungsfeier? Die verschlief das ZDF um ein paar Minuten. Passiert den Besten. Oder eben den Öffentlich-Rechtlichen.
screenshot/ ZDF
Dafür wurde auf dem Berliner ZDF-Sofa sofort geliefert. Da saß Christian Streich, der Mann, der beim SC Freiburg aus wenig Geld viel Fußball machte. Fast drei Jahrzehnte lang Trainer, Nachwuchsförderer, Talententwickler, Fußballpädagoge und gelegentlich auch das Gewissen der Bundesliga. Ein Original. Einer, den selbst Leute mögen, die Freiburg politisch eigentlich gar nicht mögen.
Neben ihm Per Mertesacker, Christoph Kramer und die bewährten Moderatoren Jochen Breyer und Katrin Müller-Hohenstein. Das Studio applaudiert. Wir zu Hause irgendwie auch. Denn Streich gehört zu jener aussterbenden Spezies Mensch, die in Interviews oft klingt, als hätte sie sich nicht vorbereitet, und gerade deshalb interessant ist. Der ehemalige Freiburger Erfolgscoach analysiert das Turnier, wundert sich über die defensive Aufstellung der Südafrikaner und erklärt einmal mehr, dass Erfolg nur möglich sei, wenn jeder Spieler seine Rolle exakt ausfülle.
Ein schöner Gedanke. Man fragt sich allerdings sogleich, ob Streich auf dem ZDF-Sofa seine eigene Rolle ebenso exakt ausfüllen möchte. Denn kaum rollt der Ball, rollt auch die Gesellschaftsanalyse.
Rudi Völler hatte dem DFB sinngemäß empfohlen, sich diesmal möglichst auf Fußball zu konzentrieren und das Politische oder moralpolitische Statements wegzulassen. So lautete die taktische Order ans Team. Man kennt schließlich die Erfahrungen vergangener Turniere.
Doch Streich wäre nicht Streich, wenn er daraus nicht einen eleganten Spagat in Richtung Zeitgeist machen würde. Namen nennt er diesmal natürlich keine. Weder Trump noch FIFA-Präsident Infantino. Aber jeder weiß ungefähr, wer gemeint ist. Dafür grätscht er die zwei Selbstdarsteller brutal ab.
Der frühere Lehrer für Deutsch und Geschichte warnt vor Autokraten, mahnt zur Verteidigung der Demokratie und deutet an, dass Fußball und Gesellschaft nicht voneinander zu trennen seien.
Ob die Verteidigung der Demokratie, etwa unserer, besser in einer Viererkette, einem 3-5-2 oder einem 4-2-3-1 gelingt, lässt er offen.
Geschenkt. Währenddessen spielt einige tausend Kilometer entfernt Jürgen Klinsmann eine ganz andere Partie. Bei „Offside Updates“ sitzt der Weltmeister von 1990 an einem breiten Eichentisch in gediegener Atmosphäre. Fast möchte man glauben, gleich werde ein guter Rotwein geöffnet und anschließend über internationale Erfahrungen und Interkulturalität diskutiert. Der ehrgeizige Schwabe Klinsi kam in der Welt herum: Italien, England, Frankreich, USA als Nationaltrainer, Spieler und Wahlheimat. Auch in Südkorea betreute er die Nationalelf.
Neben Klinsmann sitzen die englischen Fußballgrößen Roy Keane und Gary Neville. Man spricht Englisch. Locker. Gelassen. Fast so, als wäre Fußball tatsächlich nur Fußball. Klinsmann erinnert sich daran, wie verwundert viele internationale Kollegen über die politischen Gesten der deutschen Nationalmannschaft in Katar gewesen seien und ihn sofort angerufen hätten. Da sei ihm flugs klar gewesen, so Klinsi: Wir fahren bald wieder heim. So kam es dann auch.
Auch die mediale Begleitmusik rund um die Turniere in Russland und Katar bewertet er deutlich nüchterner, als dies hierzulande oft geschah. Es seien tolle, gut organisierte Weltmeisterschaften gewesen, die in Deutschland medial runtergeschrieben werden sollten. Roy Keane nickt. Gary Neville nickt. Klinsi lächelt vielsagend. Und plötzlich merkt man wieder, warum die Engländer den ehemaligen „Diver“ bis heute mögen. Er besitzt etwas, das im deutschen Fußballbetrieb gelegentlich Mangelware geworden ist: Selbstironie.
Früher lebte die deutsche Nationalmannschaft von einer ganz anderen Wahrnehmung. Wenn von „quer“ die Rede war, dachte man an einen Querpass. Diagonal, punktgenau auf den großen Zeh des Mitspielers. Wenn von Haltung gesprochen wurde, meinte man Körpersprache im Zweikampf. Und wenn Deutschland zur WM fuhr, hatte die Welt Respekt vor dem Gegner auf dem Platz, nicht vor dessen Pressekonferenzen. Der Nimbus der Stärke und des Willens auf dem Platz ist irgendwo verschüttet. Vielleicht liegt genau dort ein Teil der Wahrheit.
Natürlich darf jeder Spieler denken, was er will. Natürlich darf jeder Trainer sagen, was er für richtig hält. Aber die eigentliche Sprache des Fußballs bleibt immer noch das Spiel selbst. Tore schlagen Tweets. Gewonnene Zweikämpfe überzeugen mehr als moralische Vorträge.
Die WM hat gerade erst begonnen. Deutschland wird wieder über Haltung diskutieren, wenn auch anders. Und die Fans? Sie möchten schöne Spiele sehen und eine kämpferische Mannschaft, die alles gibt. Die Gegner diskutieren derweil meist über Pressing, Umschaltmomente und Standardsituationen. Vielleicht ist das kein Zufall.
Ach ja: Das nächste Spiel geht gegen Curaçao. Schon wird über die mögliche Höhe des Resultats diskutiert. So viel Überheblichkeit kennt man sonst nur aus dem Außenministerium. Bitte ernst nehmen. Curaçao ist kein Cocktail.

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