Nach Plagiatsvorwürfen und dem Entzug des Doktortitels nun der nächste Schlag: Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt soll Reden und Gastbeiträge mit KI generiert haben. Für die Bürger des Landes verheißt der intellektuelle Verfall der Eliten nichts Gutes.
picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH
Für das schöne, historisch und kulturell bedeutende Land Thüringen in der Mitte Deutschlands gilt politisch mittlerweile die berüchtigte Fußballerphilosophie: „Erst hatte es kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu.“
Kein Glück, dann viel Pech hatte Thüringen politisch spätestens ab 2014. Nach fast einem Vierteljahrhundert der CDU-Dominanz vor allem mit einem Landesvater Bernhard Vogel (CDU; verstorben 2025) kam es am 5. Dezember 2014 zur Bildung einer Mehrheitskoalition aus Links-Partei (Ex-SED), SPD und Grünen unter Führung von Bodo Ramelow (Linke). Die nachfolgenden Landtagswahlen von 2019 ergaben überhaupt keine realistische Koalitionsoption, zumal die Linke zwar auf 31,0 Prozent erstarkt, die CDU auf 21,7 Prozent zurückgefallen und die AfD mit 23,4 Prozent zur zweitstärksten Kraft geworden war.
Das Ergebnis ist bekannt: Am 5. Februar 2020 wählten CDU, AfD und FDP den (damaligen) FDP-Mann Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten. Kanzlerin Merkel befand sich damals in Südafrika und erklärte am 6. Februar in Pretoria im Rahmen einer Pressekonferenz mit dem Präsidenten der Republik Südafrika, diese Wahl sei ein „unverzeihlicher Vorgang“, der „rückgängig“ gemacht werden müsse. Drei Tage nach seiner Wahl trat Kemmerich von seinem Amt zurück.
Das Bundesverfassungsgericht brauchte übrigens bis zum 15. Juni 2022, als Merkel schon nicht mehr im Amt war, um festzuhalten, dass die Bundeskanzlerin durch diese Äußerung und deren anschließende Veröffentlichung auf den Internetseiten der Bundeskanzlerin und der Bundesregierung die Partei Alternative für Deutschland (AfD) in ihrem Recht auf Chancengleichheit der Parteien aus Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG verletzt hat.
Die Folge war: Bodo Ramelow wurde wieder Ministerpräsident, diesmal und bis 2024 als Chef einer rot-rot-grünen Minderheitsregierung. Die von ihm vollmundig angekündigten Neuwahlen gab es nicht. Bei der turnusmäßigen Landtagswahl vom 1. September 2024 verharrte die CDU bei dürftigen 23,6 Prozent, die Linke sackte vor allem wegen der Kandidatur des Bündnisses Sarah Wagenknecht (BSW, 15,8 Prozent) auf 13,1 Prozent ab. Die AfD wurde stärkste Partei mit 32,8 Prozent. Es kam die Stunde des CDU-Mannes Mario Voigt (*1977). Er schmiedete die erste deutsche „Brombeer“-Koalition aus CDU, BSW und SPD. Letztere war mit gerade eben 6,1 Prozent noch einmal in den Landtag hineingerutscht.
Die einzige große Stunde des Mario Voigt – dann glatt wie KI
Am 12. Dezember 2024 wurde Professor Dr. Mario Voigt (CDU) zum Ministerpräsidenten Thüringens gewählt. Damals „Professor Dr.“, heute nur noch „Mario Voigt“. Voigt war seit 2009 Landtagsabgeordneter, ab 2020 CDU-Fraktionsvorsitzender. Zuvor hatte er den Magister Artium (M.A.) in Politikwissenschaft, Neuerer Geschichte und Öffentlichem Recht erworben. Der Doktorgrad (Dr. phil.) wurde ihm im Januar 2026 von der TU Chemnitz entzogen.
Voigt hat gegen diese Entscheidung Widerspruch eingelegt; gegebenenfalls will er gerichtliche Schritte einleiten. Der österreichische Plagiatsforscher Stephan Weber hatte nachgewiesen, dass Voigt in seiner 2008 vorgelegten 330-Seiten-Arbeit über den US-Wahlkampf von 2004 zwischen George W. Bush und John Kerry mehr als hundertmal plagiiert und im Literaturverzeichnis Werke genannt hatte, die im Text mit keinerlei Zitat oder Verweis vorkamen. Am Rande: Voigt war 2004 als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung in den USA. Von 2017 bis 2024 lehrte er schließlich als Professor an der Quadriga Hochschule Berlin zu Public Affairs und Auswirkungen der Digitalisierung. Voigts Titel als „Professor“ ruht seit Anfang 2026 ebenfalls.
Hat Voigt als „Professor“ die Segnungen und Bequemlichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) kennengelernt? Die Vermutung liegt nahe. Denn KI lässt ihn seither auch im negativen Sinn nicht mehr los. Mehr noch: Er hat sich und seine Redenschreiber der KI ausgeliefert. Das merkt man ihm an.
FAZ lässt Voigt-Beitrag verschwinden
Am 13. August 2025 veröffentlichte Voigt in der FAZ einen Gastbeitrag unter der Überschrift „Smartphone 14, Social Media 16“. Voigt plädierte hier dafür, dass Kinder unter 14 Jahren kein Smartphone bekommen und Jugendliche erst ab 16 Jahren Zugang zu Social Media erhalten sollten. In der Schule hätten Smartphones nichts zu suchen. Das Portal „fragdenstaat“ entdeckte nun mit Hilfe des Erkennungsprogramms Pangram, dass Voigts Beitrag mit KI generiert worden sei. Und zwar mit einem KI-Anteil von 100 Prozent und mit drei „Zitaten“ des Psychologen Jonathan Haidt, des Neurobiologen Gerald Hüther und des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer, die sich nicht verifizieren ließen.
Die FAZ hat Voigts Beitrag nun am 10. Juni 2026 zurückgezogen. Die FAZ schreibt dazu: „Das Programm Pangram ist mitnichten perfekt, liefert keinen endgültigen Beweis, hat auch schon danebengelegen, gibt aber in der Regel ernst zu nehmende Hinweise auf die Verwendung von KI.“ Die FAZ fährt fort: „Wir veröffentlichen heute und auch künftig keine Originalbeiträge mit von KI generiertem Text. Es sei denn, die Tatsache, dass der Text von KI generiert wurde, ist der eigentliche Sinn des Beitrags…“
Schließlich wollte die FAZ von der thüringischen Staatskanzlei wissen, ob der Voigt-Gastbeitrag von KI generiert wurde und ob die dort eingefügten wörtlichen Zitate zutreffen. Zur Antwort bekam die FAZ folgendes: „Zunächst ist festzuhalten, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Jahr 2026 zum Arbeitsalltag moderner Organisationen gehört und eben auch zur öffentlichen Verwaltung. Die Thüringer Landesregierung verfolgt mit ihrer KI-Strategie das Ziel, die Verwaltung fit für die Zukunft zu machen – digitaler, effizienter, bürger- und unternehmerfreundlicher … Vor diesem Hintergrund bewerten wir KI nicht als Ersatz menschlicher Arbeit, sondern als zeitgemäßes Werkzeug – wie auch bei diesem Gastbeitrag …“
Konsequenz für die FAZ: „Diese Einlassung genügt uns als Antwort nicht. Wir haben den Gastbeitrag von Mario Voigt bei FAZ.NET depubliziert und im FAZ-Archiv gesperrt.“
Auch Voigts Gastbeitrag in der WELT vom 3. Juni 2026, verfasst zusammen mit dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze (CDU), dürfte mit Hilfe von KI generiert worden sein, so „fragdenstaat“. Der Titel des Beitrags lautete: „Wir brauchen mehr Raum für deutsche Stimmen.“ Der Beitrag ist – Stand: 12. Juni 2026 – noch aufrufbar.
„fragdenstaat“ vermutet, dass höchstwahrscheinlich sogar Voigts Rede vom 20. Januar 2025 zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald KI-generiert war. Auch bei der Rede, die Voigt im April 2025 zur Trauerfeier für den langjährigen Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel gehalten hat, schlägt das KI-Erkennungstool an.
Was zeigt das Beispiel Voigt? Es zeigt, dass „Spitzenpolitiker“ sich nicht nur mit auswendig gelernten Versatzphrasen über die Runden retten, sondern sich diese auch noch von KI produzieren lassen.
Wenn das Beispiel eines profillosen Voigt Schule macht, müssen wir mit der Dystopie rechnen, dass auf an verantwortlichen Stellen in Zukunft KI-gesteuerte Sprechautomaten sitzen. Im Vergleich dazu wirkt das erbärmlich nichtssagende Gestopsel der SPD-„Größen“ Bärbel Bas und Saskia Esken geradezu menschlich. Wir müssen uns also wohl weiterhin mit einer Anti-Elite in Regierungs- und Ministersesseln abfinden.
Ach ja, wie schrieb Voigts Apparat (KI-generiert?) an die FAZ: Die Verwendung von KI mache „fit für die Zukunft.“ Das sind Aussichten!


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein